Bibelkommentare

Erklärungen zur Bibel

Das Buch Ruth

Einleitung

Das Buch Ruth enthält eine kurze, eingängige Geschichte, die in wenigen Worten zusammengefasst werden kann: Eine israelitische Familie zieht zur Zeit der Richter aufgrund einer Hungersnot in die Gebiete Moabs, wo in der Folge sämtliche Männer sterben. Die Mutter kehrt mit einer ihrer moabitischen Schwiegertöchter wieder nach Israel zurück. Die Schwiegertochter begegnet einem grosszügigen Israeliten, der sie in der Folge heiratet. Ihrer Ehe entspringt in der dritten Generation (Urenkel) unter anderem der spätere König David.

Trotz ihrer Eingängigkeit ist die Geschichte Ruths durchwegs keine oberflächliche. Vielmehr enthält sie wunderschöne Grundzüge und eine tiefe Belehrung. Es handelt sich bei diesem kurzen Buch gleichsam um eine besondere Perle der Heiligen Schrift, und es ist mir ein Anliegen, im folgenden Kommentar einige der Schönheiten dieses Buches herauszustreichen.

In grundsätzlicher Hinsicht gilt es zu bemerken, dass die Geschichte Ruths, wie auch alle übrigen biblischen Geschichten, keine erfundene ist. Während beispielsweise ein Märchen stets wie folgt beginnt: "Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem weit entfernten Land ...", wird uns gleich zu Beginn des Buches mitgeteilt, wann und wo die Geschichte stattgefunden hat -- nämlich zur Zeit der Richter, in Israel. Dieser Punkt ist gerade auch wichtig, wenn wir nachfolgend die Begebenheiten dort, wo es der Geist Gottes zulässt oder gar gebietet, in geistlicher Hinsicht deuten werden. Der geistliche Gehalt der Geschichte steht der Tatsache, dass Ruth so, wie es beschrieben wird, gelebt hat, nicht entgegen. Überhaupt würden wir der Schrift Gewalt antun, wenn wir sie rein geistlich deuten würden, während wir die geschichtliche Authentizität verneinen würden. Das sei ferne von uns!

Kapitel 1

Verse 1. 2

1 Und es geschah in den Tagen, als die Richter richteten, da entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem-Juda zog hin, um sich in den Gefilden Moabs aufzuhalten, er und sein Weib und seine beiden Söhne. 2 Und der Name des Mannes war Elimelech, und der Name seines Weibes Noomi, und die Namen seiner beiden Söhne Machlon und Kiljon, Ephratiter von Bethlehem-Juda. Und sie kamen in die Gefilde Moabs und blieben daselbst. Ruth 1, 1. 2

Die Zeit der Richter hätte die beste Zeit des Volkes Israel sein sollen: Israel war nach der vierzig Jahre dauernden Wanderung durch die Wüste endlich im guten, vom Herrn verheissenen Land angekommen; es hätte die damals ansässigen Völker vollständig vertreiben und das gesamte Land in Besitz nehmen sollen, um unter der Königsherrschaft des Herrn selbst die Segnungen des Landes zu geniessen. Das Land war gut und geräumig; es floss von Milch und Honig (2. Mose 3, 8). Es war ein sehr, sehr gutes Land (4. Mose 14, 7). Die Botschafter, welche Israel ausgesandt hatte, um das Land auszukundschaften, mussten eine Rebe mit einer Weintraube zu zweit an einer Stange tragen (4. Mose 13, 23)!

Nicht nur das Land war gut; auch der Herr wollte in der Mitte Seines Volkes wohnen, wollte gegenwärtig sein, die Israeliten in allen Fragen des Lebens führen, als guter und gerechter König über sie herrschen. Kann es für eine Seele, die den Herrn liebt, etwas Schöneres geben?

Das Buch der Richter dient uns unter diesen Gesichtspunkten als schonungsloser Spiegel des menschlichen Herzens: Weil das Herz des Menschen arglistig und verderbt ist (Jer 17, 9), weil kein Mensch verständig ist und Gott sucht (Röm 3, 11), war selbst das Volk Israel - trotz all der guten Voraussetzungen vonseiten des Herrn - nicht in der Lage, Gott die Treue zu halten. In Ri 2, 11-19 finden wir beschrieben, wie das Volk gleichsam bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen schiefen Weg betrat, der es vom Herrn wegführte. Obwohl sich der Herr Israel also mehr als allen anderen Völkern zugewendet hatte, obwohl die Vorrechte Israels überwältigend waren, obwohl nie ein Volk bessere Voraussetzungen hatte, um dem Herrn die Treue zu halten, fiel Israel schnell und vollständig. Braucht es noch mehr um uns davon zu überzeugen, dass der Mensch hoffnungslos verdorben ist?

Um nun zum eigentlichen Inhalt zu kommen: Wäre Israel treu gewesen, hätte es Nahrung im Überfluss gehabt - denn der Bund des Gesetzes knüpfte materielle Segnungen an den Gehorsam gegenüber dem Gesetz. Doch weil der Mensch nicht fähig ist, dem Gesetz Gottes zu gehorchen, steht er unweigerlich dem Tod gegenüber, wenn die Nahrung vom Einhalten des Gesetzes abhängig gemacht wird. "Denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluche; denn es steht geschrieben: 'Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buche des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun!'" (Gal 3, 10).

Die Hungersnot, die in Israel zur Zeit der Richter herrschte, ist also ursächlich auf den Ungehorsam des Volkes zurückzuführen. Was wäre nun die richtige Reaktion gewesen? Die Umkehr zum Herrn! Wäre das Volk aufrichtig zu Ihm umgekehrt, so hätte Er dafür gesorgt, dass sie genug zu essen hätten. Ihr Gehorsam Ihm gegenüber hätte sie gesättigt (vgl. Joh 4, 34). Als Christen sollten wir uns diesen Punkt besonders verinnerlichen: Wenn wir geistlicherweise Mangel leiden, wenn uns der Herr fern erscheint, so wird es für gewöhnlich daran liegen, dass wir uns von Ihm entfernt haben; unsere Missetaten sind es, die eine Scheidung zwischen uns und Ihm machen; unsere Sünden haben Sein Angesicht vor uns verhüllt (Jes 59, 2) - das Umgekehrte wird, dem Herrn sei Dank, nie der Fall sein!

Wir wollen uns, wenn wir an einem solchen Punkt angelangt sind, nicht wie Elimelech und seine Familie verhalten. Wir wollen nicht, wenn uns geistlich Mangel plagt, unsere Stellung verlassen und in die Welt gehen, um dort Speise zu suchen. Nein, wir wollen zum Herrn umkehren, Ihm unser Herz ausschütten, uns von Ihm zeigen lassen, wo wir der Korrektur bedürfen, und wahrhaftig zu Ihm zurückkehren. Denn soviel ist sicher: In der Welt werden wir nie satt werden!

Verse 3–5

3 Und Elimelech, der Mann Noomis, starb: und sie blieb mit ihren beiden Söhnen übrig. 4 Und sie nahmen sich moabitische Weiber: der Name der einen war Orpa, und der Name der anderen Ruth; und sie wohnten daselbst bei zehn Jahren. 5 Da starben auch die beiden, Machlon und Kiljon; und das Weib blieb allein übrig von ihren beiden Söhnen und von ihrem Manne. Ruth 1, 3-5

Wir haben oben gesehen, dass Elimelech und seine Familie den falschen Weg beschritten hatten; anstatt sich wieder dem Herrn zuzuwenden, um von Ihm genährt zu werden (Dtn 8, 3), hatten sie sich noch weiter von Ihm entfernt. Sie hatten nicht auf Sein Wort vertraut, sondern vielmehr einen anderen Weg eingeschlagen, der ihnen gerade erschien. “Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes” (Spr 16, 25). Der Weg, den sie für gerade befunden hatten, hatte sie alle in den Tod geführt. Ihr Ungehorsam gegenüber Gott führte dazu, dass sie ein schändlicher Tod fern ihrer Heimat ereilte. Hierin ähnelt ihre Geschichte derjenigen Bileams, der sich für Lohn vom Herrn abgewandt hatte und zusammen mit den heidnischen Nationen durch das Schwert des Herrn starb.

Selbst der Tod ihres Vaters scheint die beiden Söhne Elimelechs nicht zur Vernunft gebracht zu haben: Sie gehen unbeirrt weiter ihren falschen Weg und vermischen sich gar mit moabitischen Frauen! Hatte nicht der Herr den Israeliten geboten, keinen Bund - und erst recht nicht jenen der Ehe - mit den heidnischen Nationen einzugehen (Ex 34, 12-17)? Doch die Söhne Elimelechs taten, wie auch der Rest des Volkes, was übel war in den Augen des Herrn. Auch heute gibt es leider viel zu viele Christen, die gerade auch in diesem Punkt nicht viel auf das Wort Gottes geben, sich Frauen oder Männer nehmen, die den Herrn nicht kennen, und sich so selbst Schaden zufügen. Denn der Herr will nur das Beste für jene, die Ihn lieben (Röm 8, 28)! So nahmen denn auch die Söhne Elimelechs ein ähnlich übles Ende wie ihr Vater - wenn nicht gar ein übleres, denn sie starben jung.

Verse 6. 7

6 Und sie machte sich auf, sie und ihre Schwiegertöchter, und kehrte aus den Gefilden Moabs zurück; denn sie hatte im Gefilde Moabs gehört, dass der HERR sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben. 7 Und sie zog aus von dem Orte, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr; und sie zogen des Weges, um in das Land Juda zurückzukehren. Ruth 1, 6. 7

Noomi ist am Ende ihres Leidensweges angekommen: Der Hunger hatte ihren Mann, sie selbst und ihre beiden Söhne aus dem Guten Land vertrieben, in der Ferne hat sie ihren Mann und ihre beiden Söhne verloren. Niemand war mehr da, der sie hätte versorgen können; sie war völlig auf sich allein gestellt - und hatte überdies auch noch für ihre fremden Schwiegertöchter, die bereits in jungen Jahren zu Witwen geworden waren, zu sorgen. Welche Hoffnung mochte Noomi noch gehabt haben?

Doch dann hört sie, dass der Herr sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben. Offensichtlich hatte sich Israel einmal mehr - und nur bewegt durch die drückende Last der Folgen seines Ungehorsams - zum Herrn gewandt. Seine Güte bestätigt, was von Anfang an hätte klar sein sollen: Wahre Sättigung ist nur bei Ihm zu finden, und zwar nur dann, wenn man Seine Gemeinschaft innig sucht. Da Er aber keine Gemeinschaft mit der Finsternis haben kann (2. Kor 6, 14; 1. Joh 1, 6), muss eine Umkehr von der Sünde stattfinden. Elimelech und seine Familie hatten den Glauben an die diesbezüglichen Verheissungen wohl verloren, denn sonst hätten sie Israel nicht verlassen. Nun aber, da Noomi nichts und niemanden mehr hat, an den sie sich wenden könnte, ergreift sie diese Hoffnung. Der Botschaft folgend macht sie sich sogleich auf den Weg zurück nach Juda. Der Glaube, den sie - oder zumindest ihr Mann - verloren hatte, war wieder gefunden; sie glaubt daran, dass es in Israel genug zu essen gibt, auch für sie selbst. Deshalb macht sie sich auf den Weg zurück zum Herrn. Darin gleicht sie Abraham, der nach einer Hungersnot und einer schweren geistlichen Niederlage in einem fremden Land, wieder an den Ort zurückkehrte, an welchem er einen Altar errichtet hatte (Gen 13, 1-4). Für Noomi brach also ein geistlicher Neubeginn an. Dabei folgten ihr ihre Schwiegertöchter nach - denn wohin sollten sie sonst gehen?

Verse 8–13

8 Da sprach Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Gehet, kehret um, eine jede zum Hause ihrer Mutter. Der HERR erweise Güte an euch, so wie ihr sie an den Verstorbenen und an mir erwiesen habt. 9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in dem Hause ihres Mannes! Und sie küsste sie. Und sie erhoben ihre Stimme und weinten; 10 und sie sprachen zu ihr: Doch, wir wollen mit dir zu deinem Volke zurückkehren! 11 Und Noomi sprach: Kehret um, meine Töchter! Warum wolltet ihr mit mir gehen? Habe ich noch Söhne in meinem Leibe, dass sie euch zu Männern werden könnten? 12 Kehret um, meine Töchter, gehet; denn ich bin zu alt, um eines Mannes zu werden. Wenn ich spräche: Ich habe Hoffnung; wenn ich selbst diese Nacht eines Mannes würde und sogar Söhne gebären sollte: 13 wolltet ihr deshalb warten, bis sie gross würden? wolltet ihr deshalb euch abschliessen, dass ihr keines Mannes würdet? Nicht doch, meine Töchter! denn mir ergeht es viel bitterer als euch; denn die Hand des HERRN ist wider mich ausgegangen. Ruth 1, 8-13

Führen wir uns erst vor Augen, wo sich Noomi befand: Sie hatte den rechten Platz verlassen, hatte sich vom Herrn entfernt. In der Folge hatte Er sie gezüchtigt, auf dass sie bereue und wieder zu Ihm umkehre. Er war nicht gewillt, sie sich aus Seiner gütigen Hand reissen zu lassen - so wie Er auch nicht gewillt ist, uns loszulassen! Noomi hatte ihre Lektion gelernt und tat Busse; sie kehrte an ihren Platz zurück - in Schande und Demut.

Der Herr hatte in seiner Gnade aber trotz des Fehlverhaltens von Noomi bzw. ihrem Mann geschenkt, dass da zwei Ausländerinnen waren, die ebenfalls zum Volke Gottes gehören wollten. Orpa und Ruth waren gewillt, ihre Heimat zu verlassen, um nach Israel zu gehen, in die Gegenwart Gottes und Seines Volkes. Sie sind also zu solchen geworden, die Busse tun, den gegenwärtigen Zeitlauf verlassen und dem Herrn angehören wollen. So schön es ist, wenn jemand den Willen hat, dem Herrn anzugehören, so wenig reicht das aus: “Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein” (Lk 14, 26. 27). Die Zugehörigkeit zum Herrn kostet uns etwas; es ist nicht so, dass wir, wenn wir zum Herrn kommen, alle Probleme hinter uns lassen. Nein, die Entscheidung für den Herrn will genau überlegt sein! Es ist nötig, dass wir die Kosten überschlagen. In diesem Sinne dringt Noomi in ihre Schwiegertöchter. Sie zeigt ihnen, dass sie auch in Israel in irdischer Hinsicht nichts zu hoffen haben - ja mehr noch: Wenn sie ihr nach Israel nachfolgen würden, würden sie gewiss kinderlos bleiben!

Die Entscheidung für den Herrn würde Orpa und Ruth gleichsam in den Tod führen: Für all ihre Verwandten und Bekannten würden sie so weit entfernt sein, als ob sie tot wären; sie selbst würden in natürlicher Hinsicht ohne Kinder bleiben, d.h. gleichsam mit ihrem Leben in dieser Hinsicht bereits jetzt, in ihren jungen Jahren, abschliessen. Der Gang nach Israel bedeutete mithin den Abschluss mit dem bisherigen Leben, so wie auch heute der Gang zum Herrn den Abschluss mit dem bisherigen Leben bedeutet. Wer dem Herrn angehören will, der darf keine Hoffnung mehr auf das Fleisch haben, der kann nicht so weiterleben wie bisher, der muss dieser Welt und dem jetzigen Zeitlauf sterben. Wenn jemand zwar dem Herrn angehören will, aber nicht bereit ist, in diesem Sinne mit seinem ganzen Leben abzuschliessen, der kann nicht zum Herrn kommen.

Dies ist die mahnende Seite, denn in Tat und Wahrheit verhält es sich so, dass wir, wenn wir zum Herrn kommen, nicht vom Leben in den Tod übergehen, sondern vom Tod in das Leben (Eph 2, 1). Weil wir aber nur unser bisheriges “totes Leben” kennen und weil wir mit diesem Leben in jeder Beziehung abschliessen müssen, erscheint es uns zunächst so, als ob wir vom Leben in den Tod übergehen würden. Dem Herrn sei Dank, dass jeder, der diesen Schritt getan hat, erkennt, wieviel mehr er nun lebt! Die Wahl für den Herrn ist die richtige, aber nicht die einfache.

Verse 14–18

14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten wiederum. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter; Ruth aber hing ihr an. 15 Und sie sprach: Siehe, deine Schwägerin ist zu ihrem Volke und zu ihren Göttern zurückgekehrt; kehre um, deiner Schwägerin nach! 16 Aber Ruth sprach: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; 17 wo du stirbst, will ich sterben, und daselbst will ich begraben werden. So soll mir der HERR tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir! 18 Und als sie sah, dass sie fest darauf bestand, mit ihr zu gehen, da liess sie ab, ihr zuzureden. Ruth 1, 14-18

Orpa ist nicht bereit, den Schritt zu tun, obwohl sie zuvor beteuert hatte, mit Noomi gehen zu wollen. Als sie erkannte, was es sie kosten würde, nach Israel zu gehen, da war sie nicht mehr bereit, den Weg zu gehen. Sie hing zu sehr an ihrem bisherigen Leben, und deshalb küsste sie ihre Schwiegermutter und kehrte zurück in ihr Land, zu ihrem Volk. Es ist traurig, dies zu lesen, denn wir sehen, wie nahe Orpa dem Leben war: Sie hatte sich bereits - allerdings etwas überstürzt - für den Herrn entschieden, war kurz davor, den entsprechenden Schritt zu tun - und kehrte aber im letzten Moment zurück.

Völlig anders aber Ruth: Sie lässt sich von den Worten Noomis nicht abschrecken, und sie hängt sich auch trotz ihrer Warnungen an sie. Sie will nicht zu ihrem Volk und zu ihren Göttern umkehren, nicht ihrer Schwägerin nachfolgen, sondern dorthin gehen, wohin Noomi geht, und dort weilen, wo Noomi weilt. Ja, mehr noch: Ruth will zum Volk Israel gehören und sich zum Herrn als ihrem Gott wenden. Diesen Entschluss bekräftigt sie mit der Schwurformel: “So soll mir der HERR tun und so hinzufügen” - ihr Entschluss steht unabänderlich fest. Wie Ruth kann auch jeder andere Mensch zu Gott gelangen: Wer sich wegwendet von allen anderen Dingen, die er an die Stelle Gottes gesetzt hat, und sich hin zu Gott wendet, wer aufrichtigen Herzens zu Ihm kommen will, der darf in Seine Gegenwart treten. Er wird ihm zum Gott sein und Er wird ihn in Sein Volk aufnehmen. Ein solcher Mensch gehört dann nicht mehr länger dem irdischen Menschengeschlecht oder einer der Nationen hier auf Erden an, sondern wird ein Bürger des Himmels, erhält das himmlische Bürgerrecht (Phil 3, 20).

Diese Möglichkeit steht dem Menschen deshalb offen, weil der Herr selbst dafür gesorgt hat, dass alles, was den Menschen von Ihm trennt, bereinigt wird. Am Kreuz ist Er für unsere Schuld, für unsere Sünden, gestorben, hat den schrecklichen Preis der Sünde (vgl. Röm 6, 23) bezahlt. In Ihm, im Herrn Jesus Christus, ist daher nun die Möglichkeit der Versöhnung mit Gott, der Rechtfertigung der sündigen Menschen. Wer im Glauben an Ihn zu Gott kommt, der wird von Gott als gerechtfertigt angesehen, weil ein stellvertretendes Opfer, das einzige wahre (Hebr 10, 10), vorhanden ist. Wäre der Herr nicht am Kreuz gestorben, kein Mensch könnte zu Gott kommen! Denn wie will ein sündiger Mensch in der Gegenwart des dreimal heiligen Gottes bestehen? Aber in Christus steht die Umkehr zu Gott nun jedem Menschen offen. Gepriesen sei Er dafür!

Im Blick auf Christum konnte Ruth also zu Gott umkehren, ihren falschen Weg (vgl. Spr 16, 25) verlassen, sich von den toten Götzen abwenden und zu Gott kommen, Teil Seines Volkes werden. Noomi erkannte, dass Ruth diese Entscheidung aufrichtigen Herzens getroffen hatte, und liess ab, ihr weiter zuzureden. Während Orpa wieder zu ihrem Volk und ihren Götzen zurückkehrte, machten sich Noomi und Ruth auf den Weg nach Israel. Zum Abschluss will ich nochmals bemerken, dass jeder Mensch vor derselben Wegkreuzung steht wie diese drei Frauen: Jeder Mensch muss sich entscheiden, ob er zu Gott gehören will oder nicht. Wer an den Herrn Jesus Christus glaubt, der darf den Weg Ruths gehen, der - wie wir noch sehen werden - erhaben und Gott wohlgefällig ist und letztlich ins ewige Leben führt. Wer nicht glaubt, sei es, dass er Christum ausdrücklich und bewusst verwirft, sei es, dass er die Entscheidung zu lange herauszögert, sei es, dass er “neutral” bleibt, der geht den Weg Orpas, zurück in den Tod. Solche werden kein ewiges Leben haben (Joh 3, 36). Bedenke diese Entscheidung also gut!

Verse 19–22

19 Und so gingen beide, bis sie nach Bethlehem kamen. Und es geschah, als sie nach Bethlehem kamen, da geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung, und sie (d. h. die Weiber der Stadt) sprachen: Ist das Noomi? 20 Und sie sprach zu ihnen: Nennet mich nicht Noomi, (Huldvolle, Liebliche) nennet mich Mara; (Bittere, Betrübte) denn der Allmächtige hat es mir sehr bitter gemacht. 21 Voll bin ich gegangen, und leer hat mich der HERR zurückkehren lassen. Warum nennet ihr mich Noomi, da der HERR gegen mich gezeugt, und der Allmächtige mir Übles getan hat? 22 Und so kehrte Noomi zurück, und Ruth, die Moabitin, ihre Schwiegertochter, mit ihr, welche aus den Gefilden Moabs zurückkehrte; und sie kamen nach Bethlehem beim Beginn der Gerstenernte. Ruth 1, 19-22

Noomi und Ruth kehren nach Jerusalem zurück, wo sie sogleich von den Frauen der Stadt ausgefragt werden. Die Antwort Noomis auf die Frage, ob sie es (wirklich) sei, ist von grosser Tiefe und reicher Belehrung. Erinnern wir uns, dass Noomi zusammen mit ihrem Mann und ihren Söhnen Israel verlassen hatte, weil eine Hungersnot im Land war, und weil sie hofften, fernab von Israel Nahrung zu finden. Sie waren gewissermassen leer gegangen. Doch nun, als Noomi wieder zurückkehrt, sagt sie, sie sei voll gegangen – und leer habe sie der Herr zurückkehren lassen. Warum sagt sie das?

Äusserlich betrachtet waren Noomi und ihre Familie wirklich mit leeren Händen aus Israel aufgebrochen. Doch in Israel hatten sie das Einzige, das von Bedeutung ist: Die Gegenwart des Herrn. Er hatte gesagt, dass Er in Israel Seinen Namen wohnen lassen würde – nirgendwo anders. Anstatt sich in ihrer Not an Ihn zu wenden, als sie noch in Seiner Nähe waren, entfernten sich Noomi und ihre Familie aber noch weiter von Ihm. Fernab von Ihm fanden sie nichts, was Seine Gegenwart auch nur annähernd hätte ersetzen können. Ist man erst einmal im Glauben zu Ihm gekommen, so wird die Welt zur Wüste; anstatt an den Fleischtöpfen Ägyptens findet man sich mitten in der trostlosen Wüste wieder – und man erkennt, dass nur in Christo Nahrung zu finden ist: Er ist der Fels, aus dem das Wasser fliesst (1. Kor 10, 4), und Er ist das lebendige Brot, das vom Himmel kommt (Joh 6, 31-35). Die Entscheidung der Familie Noomis war demnach definitiv die falsche gewesen: Als sie nichts zu essen hatten, verliessen sie den Ort, an dem neue Nahrung hätte gefunden werden können.

Verinnerlichen wir diese Lektion! Wenn es uns schlecht geht, wenn wir geistlich am Boden sind, wenn unser Leben aus den Fugen gerät, dann gibt es nur einen Ort, an dem wir wiederhergestellt, genährt, gehegt und gepflegt werden, und das ist Christus. Wenn es dir schlecht geht, musst du zu Ihm kommen. Wenn du am Boden liegst, musst du zu Ihm zurückkehren – und nicht von Ihm weglaufen. Komm zu Ihm!

Obwohl Noomi all dies hätte wissen müssen, handelte sie anders. Sie begab sich auf einen selbstgewählten Weg, einen Weg des eigenen Gutdünkens. Diese Wege sind gefährlich, denn die Menschen, die nicht an den Herrn glauben, gehen darauf in den Tod (Spr 16, 25). Gläubige vermag der Herr zwar letztlich ins ewige Leben zu führen. Doch wie schmerzhaft und verlustreich sind solche “Ausflüge”! Wir finden nicht Gewinn oder Vorteil, sondern Verlust und Leid und Bitterkeit. Lot, der lieber nach Sodom gezogen war und dort in der Politik mitmischte, verlor alles, was er besass, sodann aber auch seine Frau und seine Schwiegersöhne. Seine eigenen Töchter schändeten ihn und zeugten die beiden grössten Feinde Israels. Wie gross war doch der Fall dieses eigensinnigen Mannes! Er wurde zwar errettet, doch so, wie durchs Feuer (1. Kor 3, 15).

Gegenüber Noomi war der Herr gnädig, denn er liess sie die Lektion lernen und zurückkehren. Wenn sie auch viele Jahre später wieder an den selben Ort zurückkehren musste, keinen Schritt weiter gekommen war, so war das doch immer noch weit besser, als wenn sie nie mehr zurückgekehrt wäre. Es ist nie zu spät! Weil sie die Lektion nicht von Beginn weg beherzigt hatte, musste sie sie verbunden mit viel Leid lernen. Das scheint hart und ungerecht, aber es diente zu ihrem Besten. Sie erkannte in der Fremde, dass auf Menschen, sich selbst eingeschlossen, kein Verlass ist und dass in der Welt nichts zu finden ist, was einem Gläubigen von Vorteil wäre. Sie konnte sich nicht mehr länger “die Huldvolle” nennen, denn sie hatte erkannt, dass sie in sich nichts war. Sie nannte sich fortan “die Bittere”, weil der Herr es ihr sehr bitter gemacht hatte. Diese Bitterkeit war aber, wie gesagt, zu ihrem Besten (vgl. Röm 8, 28). Die Hauptsache war nun, dass sie wieder zurückgekehrt und wieder bei Ihm war.

Kapitel 2

Verse 2. 3

2 Und Ruth, die Moabitin, sprach zu Noomi: Lass mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen hinter dem her, in dessen Augen ich Gnade finden werde. Und sie sprach zu ihr: Gehe hin, meine Tochter. 3 Und sie ging hin und kam und las auf dem Felde hinter den Schnittern her; und sie traf zufällig das Feldstück des Boas, der aus dem Geschlecht Elimelechs war. Ruth 2, 2. 3

In Seiner Gnade hatte der Herr Israel unter anderem folgende Anordnung gegeben: «Und wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, so sollst du den Rand deines Feldes nicht gänzlich abernten und sollst keine Nachlese deiner Ernte halten. Und in deinem Weinberge sollst du nicht nachlesen, und die abgefallenen Beeren deines Weinberges sollst du nicht auflesen: für den Armen und für den Fremdling sollst du sie lassen. Ich bin der HERR, euer Gott» (3. Mose 19, 9. 10). Der Herr gibt Seinen Segen jedermann (Mt 5, 45; Apg 17, 25), und Er schenkte Seinen Segen für eine gewisse Zeit in besonderer Weise Israel. Jeder Israelit, der dem Herrn gehorsam war, musste sich zu keiner Zeit seines Lebens Sorgen um sein täglich Brot machen. Deshalb konnte der Herr Grosszügigkeit verbindlich anordnen; Gier wäre falsch gewesen, denn sie wäre einem falschen Verständnis von den reichen Segnungen Gottes entsprungen. Kein Israelit musste gierig sein, denn er hatte stets genug, wenn er sich an den Herrn hielt. Die Israeliten konnten es sich leisten, die Felder nicht vollständig abzuernten, denn sie hatten auch so noch mehr als genug.

So sorgte der Herr nicht nur für jene, die Felder und Weinberge hatten, nicht nur für die, die Ihm gehorsam waren und gleichsam im Überfluss lebten, sondern auch für die anderen: die Armen und die Fremden, die Ausgestossenen und Schwachen. Wer in Israel arm war - wir haben es gesehen -, war es aus eigener Schuld. Dennoch liess der Herr Seine Gnade auch gegenüber solchen walten, indem Er eine Quelle der Nahrung schuf.

Diese Quelle kam nun Noomi und Ruth sehr gelegen: Noomi war arm und Ruth war eine (ehemals) Fremde. Sie hatten nichts, von dem sie hätten leben können. Deshalb waren sie völlig auf diese Gnadeneinrichtung des Herrn angewiesen. Sie mussten sich von dem ernähren, was die andern übrig lassen mussten.

Ruth zog nun aber nicht einfach gleichsam aufs Geratewohl los, um auf dem erstbesten Feld abzuernten. Vielmehr begab sie sich auf die Suche nach dem, in dessen Augen sie Gnade finden würde. Das ist nicht dasselbe. Sie hätte überall etwas zu Essen finden müssen, aber nicht überall Gnade in den Augen des Eigentümers. Sie wollte sich nun nicht von irgendeinem Feld ernähren, sondern vom Feld dessen, der ihr gnädig gesinnt war.

Wie schön spricht das doch von einem Menschen, der sich auf die Suche nach Nahrung für seinen Geist begibt! Es gibt solche, die nicht recht suchen, sondern sich von irgendeinem Feld ernähren. Dort werden sie aber keine Gnade in den Augen des Eigentümers finden, sondern - nach und nach - Knechtschaft und Sklaverei. Der Eigentümer des Feldes wird mehr von ihnen fordern als er ihnen gibt. Das ist in jeder Religion so: Betrachten wir doch die religiösen Menschen - sie müssen mehr geben als sie erhalten. Wer sich aber auf die Suche nach einem gnädigen Eigentümer begibt, der wird nicht nur Nahrung finden, sondern er wird sie auch wirklich so finden, wie er sie benötigt. Der Eigentümer wird nichts von ihm fordern, sondern ihm geben. Es gibt nun aber nur einen, der so handelt: Der Herr Jesus Christus. Anstatt zu nehmen, was Ihm gebührte, kam Er in Knechtsgestalt und gab sich selbst am Kreuz dahin, auf dass Er jedem, der an Ihn glaubt, Nahrung und Leben geben könne. Nur Er ist uns gnädig gestimmt. Wer zu Ihm kommen will, muss nichts leisten, sondern nur zu Ihm umkehren und an Ihn glauben.

Ruth kam zufällig auf das Feld des Boas, heisst es. Aber war dem wirklich so? Ich glaube, nein. Es mag so ausgesehen haben, als sei sie zufällig auf das Feld Boas’ gekommen. In Wirklichkeit hat es aber der Herr so geführt. Gleicherweise wird auch jemand, der sich auf die Suche nach der wahren geistlichen Nahrung, nach dem wahren Leben macht, nicht irgendwo landen, sondern beim Herrn. «Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden» (Mt 7, 7. 8).

Vers 1

1 Und Noomi hatte einen Verwandten ihres Mannes, einen vermögenden Mann, aus dem Geschlecht Elimelechs, und sein Name war Boas. Ruth 2, 1

In der Ferne hatte Noomi ihre gesamte Familie verloren - ihren Mann, ihre Söhne und auch eine ihrer Schwiegertöchter. Nun hatte sie, ausser Ruth, niemanden mehr. Doch in ihrer Heimat gab es noch einen entfernten Verwandten, der ihr geblieben war: Boas, ein vermögender Mann aus dem Geschlecht Elimelechs. Boas war nun aber nicht irgendein Mann, sondern - das wird im Verlauf des Buches Ruth noch deutlicher werden - ein Vorbild Christi. Wenn es nur einen einzigen vermögenden Mann auf der Welt gäbe, dann wäre das Christus (vgl. z.B. Phil 2, 6. 7). Aus dem ersten Teil von 5. Mose 28 können wir folgern, dass Vermögen ein Zeichen von Gehorsam gegenüber Gott war. Wenn Boas vermögend war, spricht das von seiner Gottesfurcht - aber nur, weil er unter Gesetz war. Ist es nicht bezeichnend, dass Elimelech und Noomi, die kein Vertrauen in den Herrn hatten und deshalb das Land verliessen, arm waren? Sie hängten sich nicht an den Herrn und Er segnete sie nicht.

Heute, da das Gesetz zum Ende gekommen ist (vgl. Lk 16, 16), können wir nicht mehr sagen, dass jemand, der reich ist, Gott gehorsam ist. Ebensowenig muss von einem Armen angenommen werden, dass er Gott ungehorsam ist. Auch hier dürfen wir wieder auf den Herrn Jesus Christus schauen: Obwohl Er unter Gesetz geboren wurde (Gal 4, 4) und Gott mehr gehorsam war als jeder andere, Er also der Einzige war, der Anspruch auf Vermögen gehabt hätte, machte Er sich selbst zu nichts (Phil 2, 7). Ohne Hab und Gut wandelte Er hienieden, und was Er hatte, gab Er weiter. Der Schluss, der für jeden Israeliten unter Gesetz hätte gezogen werden können, konnte für Ihn nicht mehr gezogen werden, und er kann auch für uns nicht gezogen werden. Eine Parallele gibt es aber dennoch: Wenn ein Christ geistlich verarmt, dann muss seine Beziehung zum Herrn ernsthaft in Frage gestellt werden (vgl. Hebr 5, 12; Jak 1, 5). So, wie der Herr nicht wollte, dass ein Israelit im irdischen Land verarmte, so will Er auch heute nicht, dass ein Christ im geistlichen Land verarmt.

Verse 4–7

4 Und siehe, Boas kam von Bethlehem und sprach zu den Schnittern: Der HERR sei mit euch! Und sie sprachen zu ihm: Der HERR segne dich! 5 Und Boas sprach zu seinem Knechte, der über die Schnitter bestellt war: Wessen ist dieses Mädchen? 6 Und der Knecht, der über die Schnitter bestellt war, antwortete und sprach: Es ist ein moabitisches Mädchen, die mit Noomi aus den Gefilden Moabs zurückgekehrt ist; 7 und sie sprach: Lass mich doch auflesen und unter den Garben sammeln hinter den Schnittern her! Und so ist sie gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt; was sie im Hause gesessen hat, ist wenig. Ruth 2, 4–7

Nun tritt Boas selbst auf den Platz. Wie schön ist es zu lesen, dass die ersten Worte, die uns von ihm überliefert werden, sind: «Der HERR sei mit euch!» Wir werden im weiteren Verlauf dieser Betrachtung sehen, dass Boas seine Worte und Taten stets vor dem Herrn erwägte, dass sein Gruss nicht eine fromme Floskel war, sondern Ausdruck seiner innerlichen, wahrhaft frommen Haltung. So sollte es auch bei uns sein: Der Name des Herrn sei das erste, das wir aussprechen, und auch das letzte. Der Herr sei Inhalt unserer Gespräche und Anstifter unserer Handlungen. Wie schön ist es doch, wenn alles, was wir denken, sagen und tun, von Ihm durchdrungen ist, wenn wir ein Abglanz Seiner Herrlichkeit sein dürfen, wenn auch ein schwacher. Das erreichen wir nicht, indem wir fromme Floskeln von uns geben und im richtigen Moment Dinge tun, die geistlich erscheinen, oder Dinge lassen, die sich für einen Christen nicht geziemen. Wirklich erreichen werden wir dies erst, wenn wir beständig vor dem Herrn sind, wenn wir Ihm unseren Weg anvertrauen (Ps 37, 5), Ihn um Leitung und Führung bitten, nach Seinem Willen fragen und danach tun. Unsere Worte und Taten sollten Ausdruck unserer innigen Verbundenheit mit dem Herrn sein, nicht etwas davon losgelöstes.

Die Arbeiter des Boas erwidern dessen Gruss, indem sie sprechen: «Der HERR segne dich!» So schön es ist, vom Gruss des Boas zu lesen, noch schöner ist es zu lesen, dass die Arbeiter den Gruss auf gleiche Weise erwidern. Wie gesegnet mag wohl die Arbeit auf dem Feldstück des Boas gewesen sein, wo Herr und Knechte einander mit Hinweisen auf den einzig wahren Herrn begrüssen? Wenn Herr und Knechte so miteinander sprechen, dann liegen Rebellion wie auch Unterdrückung völlig fern, dann herrscht Eintracht und Friede. Die Knechte dienen ihrem Herrn mit Blick auf den einzig wahren Herrn, den Herrn Jesus (Kol 3, 22–24; 2. Tim 6, 1. 2), der Herr gibt seinen Knechten, was recht und billig ist, weil er weiss, dass auch er seinen Herrn im Himmel hat (Kol 4, 1).

Christen sind vom Herrn Jesus berufen, für Ihn zu arbeiten (vgl. z.B. Mt 9, 37. 38), während Er nicht selbst auf dem Feld anwesend ist. Es wird aber der Zeitpunkt kommen, da Er das Feld betritt und nach Seinen Arbeitern und Seinem Feld sieht. Wie wird Er dann Seine Arbeiter vorfinden? Werden sie mit der Arbeit beschäftigt sein oder sich ausruhen? Werden sie Seinen Dienst verrichten oder sich ihren eigenen Begierden hingeben? O, möchte Er doch uns alle fleissig mit Seiner Arbeit beschäftigt vorfinden, wie Boas seine Arbeiter im Feld beschäftigt vorfand!

Boas bemerkt sogleich Ruth, die hinter den Schnittern herging und Ähren las. Er fragt seinen Knecht, wer sie sei. Dieser weiss vollkommen Bescheid, denn er kann Boas sagen, wer Ruth ist, woher sie gekommen ist, weshalb sie hier ist, was sie tut und was bisher geschehen ist, seit sie hier ist. Ein Knecht, der seine Arbeit widerwillig und nicht mit Blick auf die Interessen seines Herrn erledigt hätte, hätte keine solche Antwort geben können. Er hätte sich höchstens auf seinen Teil der Arbeit konzentriert, ohne Blick auf die übrigen Umstände. Die Knechte des Boas, zumindest dieser eine, waren anders: Sie verrichteten ihre Arbeit getreu, warfen aber auch ein Auge auf das Übrige, sodass sie ihren Herrn stets über alles informieren konnten. Sie konzentrierten sich mit anderen Worten nicht auf ihre Interessen, sondern auf die Interessen ihres Herrn. Es braucht nicht nochmals erwähnt zu werden, dass dies die Haltung ist, die der Herr bei Seinen Knechten vorfinden möchte.

Auch Ruth war alles andere als faul gewesen; «was sie im Hause gesessen hat, ist wenig.» Ruth hatte zwar für sich selbst und ihre Schwiegermutter zu sorgen, also nicht Arbeit für einen Herrn zu verrichten, doch sie legte einen beispielhaften Fleiss an den Tag. Wie wir in den Dingen des Herrn fleissig und treu sein sollen, wie die Knechte des Boas, so sollen wir auch in unserem Broterwerb fleissig und treu sein, unsere Arbeit gut verrichten. Aber auch, wer nicht einer geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht, sondern anderweitig Arbeit verrichtet, soll dies fleissig und treu tun: «Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen» (Kol 3, 23). Nehmen wir uns also ein Beispiel an Ruth und den Knechten des Boas, was die Arbeit für den Herrn und in der Welt anbelangt!

Verse 8–13

8 Und Boas sprach zu Ruth: Hörst du, meine Tochter? gehe nicht, um auf einem anderen Felde aufzulesen, und gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich hier zu meinen Mägden. 9 Deine Augen seien auf das Feld gerichtet, welches man schneidet, und gehe hinter ihnen her; habe ich nicht den Knaben geboten, dich nicht anzutasten? Und wenn dich dürstet, so gehe zu den Gefässen und trinke von dem, was die Knaben schöpfen. 10 Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich zur Erde nieder und sprach zu ihm: Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin? 11 Und Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir alles wohl berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tode deines Mannes, indem du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volke gezogen bist, das du früher nicht kanntest. 12 Der HERR vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn vom HERRN, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist! 13 Und sie sprach: Möge ich Gnade finden in deinen Augen, mein Herr! denn du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet, und doch bin ich nicht wie eine deiner Mägde. Ruth 2, 8–13

Wir haben oben gesehen, dass Ruth nicht zufällig auf dem Feld des Boas gelandet ist. Sie war aufrichtigen Herzens, weshalb sie ihre Heimat und ihre Götzen zurückgelassen hatte, um mit ihrer Schwiegermutter in deren Land und zu ihrem Gott zu gehen. Sie versorgte ihre Schwiegermutter, kümmerte sich um sie, und das, obwohl sie so sehr viel schlechtere Aussichten darauf hatte, noch einen Mann zu finden. Sie hatte die Kosten sorgfältig überschlagen und sich dann für den Herrn entschieden. Deshalb führte der Herr sie zuerst ins Land Israel und dann auf das Feldstück des Boas, denn wer sucht, der wird finden.

Die Schönheit des Dialogs zwischen Boas und Ruth in Ruth 2, 8–13 entfaltet sich umso mehr, wenn wir uns den vorbildhaften Charakter von Boas – und zwar auf Jesum hin – vor Augen halten:

Ruth hatte das Feldstück des Boas gefunden, ihre Suche war, zumindest vorerst, zu einem Ende gekommen. Boas wusste, dass sein Feldstück bei weitem besser war als die übrigen Feldstücke, wie auch der Herr Jesus weiss, dass nur bei Ihm wahres Leben und wahre Speise zu finden ist. Deshalb ermahnte er Ruth, nicht (wieder) auf ein anderes Feld zu gehen. Mit dem Herrn Jesus verhält es sich nicht so wie mit Religion: Ein Mensch mag wohl mal die eine oder andere Religion «austesten» und dann zur nächsten wechseln. Mit dem Herrn ist es aber anders: Man kann nicht mal eben «austesten», wie es ist, sich zu Ihm zu bekennen, nur um sich dann wieder einer Religion zuzuwenden. Von solchen heisst es: «Wieviel ärgerer Strafe, meinet ihr, wird der wertgeachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füssen getreten und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt worden ist, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?» (Hebr 10, 29). Entweder, ein Mensch erkennt, dass er nur durch den Herrn Jesus gerechtfertigt werden und zum ewigen Leben gelangen kann, oder er versucht, sich selbst zu rechtfertigen und sich einen Anspruch auf das ewige Leben zu erarbeiten, denn: «Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade» (Röm 11, 6) – entweder werden wir auf dem Grundsatz der Gnade oder auf dem Grundsatz von Werken (und Lohn) errettet, aber nicht beides miteinander. Nun ist der Herr aber nicht so, dass Er einem Sünder, der auf «sein Feldstück» gelangt, sagt, dass es Ihm egal sei, wenn er noch dahin oder dorthin gehen würde. Nein, der Herr will nicht, dass jemand einen falschen Weg betritt. Wenn jemand zu Ihm kommt, dann bittet Er ihn, auf «seinem Feldstück» zu bleiben und nicht woanders nach Nahrung zu suchen. Sehen wir darin nicht die liebende Fürsorge des Herrn zu den Menschen?

Der Herr sorgt auch für die, die auf «seinem Feldstück» arbeiten. Natürlich ist es so, dass Er «den Knaben auf seinem Feldstück» nicht gebieten muss, die, die neu dazu gekommen sind, nicht anzutasten, dies im Gegensatz zu Boas und seinen Knaben. Aber der Herr achtet in anderer Weise auf die, die auf «seinem Feldstück» arbeiten. Wenn auch Diener Gottes vieles erleiden und durch vielerlei Trübsal gehen müssen, so befinden sie sich doch jederzeit unter Seiner gnädigen Hand und Obhut. Er wird dafür sorgen, dass sie nicht über Vermögen versucht werden (1. Kor 10, 13). «Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind» (Röm 8, 28). Ein schönes Beispiel von dieser Fürsorge, gerade in Bezug auf die, die neu zum Glauben kommen, finden wir im ersten Weg Israels aus Ägypten: «Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen liess, da führte Gott sie nicht den Weg durch das Land der Philister, wiewohl er nahe war; denn Gott sprach: Damit es das Volk nicht gereue, wenn sie den Streit sehen, und sie nicht nach Ägypten zurückkehren» (2. Mose 13, 17). Gott hätte Sein frisch erlöstes Volk durch das Land der Philister führen können, was der kürzere Weg gewesen wäre, doch hätte sich das Volk dann sogleich neuen Feinden und Streit gegenüber gesehen, was wohl bei vielen dazu geführt hätte, dass sie es bereut hätten, aus Ägypten geflohen zu sein. Deshalb verschonte Gott Sein Volk vor einem baldigen Streit und führte es über einen anderen Weg aus Ägypten heraus. So sorgt der Herr auch heute noch für die, die Sein sind. Darauf dürfen wir vertrauen!

Noch mehr Fürsorge erweist der Herr denen, die Sein sind: Boas bot Ruth an, aus Seinen Gefässen zu trinken, wenn sie Durst hätte. Wenn wir zum Herrn kommen, ist es nicht so, dass Er froh darüber ist, einen weiteren Arbeiter gefunden zu haben, wie manche spöttisch bemerken oder in selbstüberheblicher Weise meinen. Nein, Ruth arbeitete ja nicht für Boas, sondern für ihre Schwiegermutter. Sie durfte sodann aber froh sein, auf dem Feldstück des Boas zu arbeiten, denn er selbst sorgte dafür, dass die Ernte für sie ausreichend ausfallen würde, schützte sie vor Gefahren und bot ihr Erquickung an – Ruth musste froh sein, auf dem Feldstück des Boas ernten zu dürfen! So ist es auch mit uns: Wenn wir in den Dienst des Herrn treten dürfen, dann ist das nicht eine Ehre für den Herrn, sondern für uns. Sodann ist es auch ein grosses Vorrecht, denn im Gegensatz zum Sklavenhalter dieser Welt, dem wir zuvor gehörten, sorgt unser Herr für alles, was wir benötigen. Bessere «Arbeitsbedingungen» werden wir nirgends finden! Ist es nicht schön, dem Herrn dienen zu dürfen?

Wie Ruth auf die Rede des Boas reagierte, sollte eigentlich jeder, der zum Glauben an Jesum Christum gekommen ist, reagieren: «Herr, weshalb habe ich Gnade gefunden in Deinen Augen?» Wenn wir uns so sehen, wie der Herr uns sieht, als Sünder, von Ihm Entfremdete, unrein und unheilig, dann müssen wir uns wahrlich über Seine Gnade verwundern. Wenn wir meinen, dass wir des Herrn nicht bedürften, wenn wir meinen, uns selbst einen Anspruch vom Herrn erarbeiten zu können, dann werden wir Ihm vielleicht noch danken, wenn Er uns Gutes erweist (aber im Glauben, dies stünde uns zu). Das wäre aber vermessen. Wenn wir uns wirklich so sehen, wie wir sind, dann werden wir nicht verstehen, wie jemand wie Er jemandem wie uns so viel Gutes zukommen lassen will.

Die Antwort des Boas auf die Frage von Ruth ist ebenfalls lehrreich: Er anerkennt ihr aufrichtiges Herz und ihre Hingabe gegen ihre verwitwete Schwiegermutter. Ist es nicht beachtenswert, dass uns als reiner und unbefleckter Gottesdienst folgendes vorgestellt wird: «Waisen und Witwen in ihrer Drangsal besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt erhalten» (Jak 1, 27)? Wer ein Herz für Arme und Benachteiligte hat, findet Anerkennung vor Gott, wie uns dies übrigens auch von Kornelius berichtet wird (Apg 10). Ruth kümmerte sich nicht in selbstüberheblicher Weise um ihre Schwiegermutter, und auch nicht, um sich einen Lohn vor Gott zu erarbeiten, sondern einfach aus Liebe zu ihr, ihrem Volk, ihrem Land und ihrem Gott. Wer seinen Nächsten, gerade den Benachteiligten, in dieser Weise Gutes erweist, der wird von Gott dafür anerkannt werden, wie Ruth von Boas dafür anerkannt wurde. Umso mehr wird beachtet, wenn wir dafür auf unser Wohlergehen verzichten, unsere eigenen Wünsche in den Hintergrund stellen – Ruth verliess ihre Heimat, ihre Verwandten, ihre Freunde, ihr Land, ihre Götzen, um mit Noomi zu gehen, was von Boas ebenfalls anerkennend betont wird.

Es gilt nochmals zu betonen, dass die Handlung an und für sich nicht entscheidend ist. Was vor dem Herrn zählt, ist die Gesinnung, die durch unsere Handlung zum Ausdruck kommt. Der Herr anerkennt, wenn wir auf unsere Wünsche verzichten und uns um Benachteiligte kümmern, wenn wir dies in der rechten Gesinnung tun. Ruth erwartete keinen Lohn dafür, und sie erhielt auch keinen – aber sie fand Gnade. Ruth suchte Zuflucht unter den Flügeln des Herrn – und fand sie. Es waren nicht die guten Werke, die Ruth Gnade in den Augen des Herrn finden liessen, sondern ihre aufrichtige Suche und Seine Gnade.

Du magst recht wandeln oder nicht, ein «guter» Mensch sein oder ein schlechter – wenn du den Herrn von ganzem Herzen suchst, wenn du fühlst, dass du vor Ihm nicht bestehen kannst, dass du verloren und ein Sünder bist, wenn du Gewissheit hast, dass du nur durch Seine Gnade gerechtfertigt hast, wenn du zu Ihm umkehren willst, dann wird Er dich annehmen und dir Gutes erweisen. Er wird dir das ewige Leben schenken und dich mit allem versorgen, was du benötigst, auch wenn du zuvor ein Fremder und nicht wie einer seiner Knechte oder Mägde warst. Er wird zu deinem Herzen sprechen und dich trösten. Deshalb rufen wir, die wir Ihn so kennengelernt haben: «Komm zum Herrn Jesus!»

Verse 14–17

14 Und Boas sprach zu ihr zur Zeit des Essens: Tritt hierher, und iss von dem Brote und tunke deinen Bissen in den Essig. Da setzte sie sich zur Seite der Schnitter; und er reichte ihr geröstete Körner, und sie ass und wurde satt und liess übrig. 15 Und sie stand auf, um aufzulesen; und Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; 16 und auch sollt ihr selbst aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten. 17 Und sie las auf dem Felde auf bis zum Abend, und sie schlug aus, was sie aufgelesen hatte, und es war bei einem Epha Gerste.

Ruth 2, 14­–17

Wenn ein Mensch in den Dienst des Fürsten dieser Welt tritt, dann wird er mit Lastarbeiten gedrückt (2. Mose 1, 11), dann wird ihm das Leben bitter gemacht durch harten Dienst (2. Mose 1, 14), dann werden seine Söhne getötet (2. Mose 1, 16). Der Satan lockt die Menschen mit schönen Versprechungen, aber er will ihnen nichts Gutes zukommen lassen, sondern sie für seine Zwecke einspannen. Wenn sich ein Mensch im Dienst völlig verbraucht, dann ist ihm das egal. Er kümmert sich nicht um die Menschen, sondern nur um sich selbst. Er lockt mit zweifelhaften Angeboten, aber nichts von dem, was er bietet, verschafft einem Menschen Befriedigung und Erfüllung. Am Ende müht sich der Mensch ab, um nichts zu haben.

Doch die Menschen erkennen es nicht. Immer wieder fallen sie auf die Lügen des Satans hinein. Nachdem Israel aus Ägypten befreit und in die Wüste geführt worden war, wo es völlig von Gott versorgt wurde, sehnte es sich – man glaubt es kaum! ­– wieder nach Ägypten zurück! Die Israeliten sprachen: «Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst assen, der Gurken und der Melonen und des Lauchs und der Zwiebeln und des Knoblauchs; und nun ist unsere Seele dürre; gar nichts ist da, nur auf das Man sehen unsere Augen» (4. Mose 11, 4–­6). Wie verblendet sie doch waren! In Ägypten mussten sie ihr Gemüse mühsam selbst ziehen (vgl. 5. Mose 11, 10), nebst dem harten Dienst, den sie verrichten mussten. Gar nichts war ihnen dort zugefallen, während sie in der Wüste mit Brot gespiesen wurden, das sie nur noch einsammeln mussten! Doch so sind die Menschen: Wir schauen auf das, was unmittelbar vor unseren Augen ist und lassen uns täuschen, wenn etwas schön aussieht. Würden wir im Glauben und im Vertrauen auf den Herrn wandeln, erginge es uns ganz anders.

Dies sehen wir in den oben angeführten Versen sehr schön: Der Fürst dieser Welt hätte Ruth mit schönen Worten auf sein Feld gelockt, nur um sie dann für seine Zwecke einzuspannen und bis zum Umfallen arbeiten zu lassen. Aber Boas, der hier stellvertretend für unseren Himmlischen Herrn steht, machte nicht nur schöne Worte, sondern liess entsprechende Taten folgen. Wenn wir uns genau achten, erkennen wir, dass die Taten die Worte sogar noch bei Weitem übertreffen!

Boas lässt Ruth nicht einfach nur auf seinem Feld einsammeln, was übrig gelassen werden musste, sondern gibt seinen Dienern Anweisungen, mehr als vom Gesetz gefordert stehen zu lassen (vgl. 3. Mose 19, 9; 3. Mose 23, 22), damit Ruth eine bessere Ernte für sich einbringen konnte! Dann gibt er ihr auch noch von seinem Essen, und zwar so viel, dass sie einen Teil übrig lassen muss. Boas verhielt sich kurz gesagt überaus grosszügig gegenüber Ruth und erwies ihr viel Gutes. Genauso handelt auch der Herr mit denen, die sich Ihm anvertrauen: Er nährt uns, wenn wir wollen, überreichlich, steht uns bei unserer Arbeit bei und legt uns nur ein leichtes Joch auf (Mt 11, 28–­30). Ist es nicht sehr viel besser, im Dienst des Herrn zu stehen, als im Dienst des Satans zu stehen?

Verse 18. 19

 

18 Und sie nahm es auf und kam in die Stadt, und ihre Schwiegermutter sah, was sie aufgelesen hatte; und sie zog hervor und gab ihr, was sie übriggelassen, nachdem sie sich gesättigt hatte. 19 Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich beachtet hat! Und sie tat ihrer Schwiegermutter kund, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Name des Mannes, bei dem ich heute gearbeitet habe, ist Boas.

Ruth 2, 18. 19

Die Früchte, die dem Dienst für den Herrn entspringen, sind sofort wahrnehmbar: Ruth nahm, was sie aufgesammelt und von Boas zusätzlich erhalten hatte, und brachte es ihrer Schwiegermutter; diese erkannte sofort, dass Ruth auf dem Feld eines sehr grosszügigen Mannes gewesen sein musste. Wie sonst hätte sie so eine reiche Ernte einbringen sollen?

Seinem irdischen Volk, Israel, verhiess der Herr irdische Segnungen: Wenn sie Seine Worte befolgen würden, dann würden sie in einer Art und Weise gesegnet werden, die jedermann sofort hätte erkennen können (vgl. 5. Mose 28, 1–14). Heute, in Bezug auf die Kirche Gottes, auf die Gesamtheit der an den Herrn Jesus Christus Gläubigen, gilt dies nicht mehr in gleicher Weise. Ja, den Hebräern, die zum Glauben gekommen waren, musste in einem eigenen Brief erklärt werden, weshalb ihrem Gehorsam nicht irdischer Segen, sondern vielmehr Verfolgung, Bedrängnis und Leid folgten (vgl. z.B. Hebr 12). Doch wenn es auch so ist, dass sich alle wahren Gläubigen mit Verfolgung konfrontiert sehen müssen (Joh 16, 1–4; 2. Tim 3, 12), liegt doch ein reicher Segen auf jedem einzelnen Gläubigen. Wir mögen nun fragen, was denn das für ein Segen sein soll, angesichts von Leid, Verfolgung und Bedrängnis. Es ist ein geistlicher Segen.

Denn Christus ist nicht von der Erde, sondern vom Himmel (1. Kor 15, 47). So wie Er ist, so sind auch die Seinen (1. Kor 15, 48. 49). Durch die neue Geburt (Joh 3, 3) werden wir in die Stellung von Kindern Gottes versetzt (Joh 1, 12), zu neuen Kreaturen gemacht (2. Kor 5, 17; Gal 6, 15), zu Brüdern des Herrn (Röm 8, 29). Damit hängen aber auch weitere Tatsachen zusammen, die für jeden einzelnen Christen wahr sind: Wir haben ein ewiges Haus in den Himmeln (2. Kor 5, 1), sind Bürger der Himmel (Phil 3, 20), haben eine Hoffnung, die in den Himmeln aufbewahrt ist (Kol 1, 5), haben ein unverwesliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist (1. Petr 1, 4), haben eine himmlische Berufung (Hebr 3, 1), sind gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus (Eph 1, 3) und sind mitauferweckt und sitzen mit in den himmlischen Örtern in Christus Jesus (Eph 2, 6). Deshalb sollen wir auf das sinnen, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist (Kol 3, 2). Droben sind unsere Hoffnung, unsere Berufung, unser Erbteil, unsere Wohnung, unser Bürgerrecht, unsere Segnungen, nach droben wurden wir bereits versetzt!

Wer will sich angesichts dieser herrlichen Tatsachen noch von dem täuschen lassen, was vor Augen ist? Können diese Tatsachen zunichte gemacht werden, wenn eine Schwester oder ein Bruder im Herrn Armut leidet oder krank oder schwach ist oder in der Welt beständig übervorteilt wird, nicht vom Fleck kommt, in der Arbeitswelt unter die Räder kommt? Nein, ganz gewiss nicht! Nun muss aber jedem Christ klar sein, dass wir hier nicht über theoretische Dinge sprechen, die nur auf dem Papier Wahrheit entfalten. Es sind Tatsachen, die im wirklichen Leben Wirkung entfalten! Ruth brachte einen reich gefüllten Korb nach Hause, an welchem ihre Schwiegermutter sofort erkannte, dass Ruth auf einem ganz besonderen Feld, bei einem ganz besonderen Herrn gearbeitet hatte. Die Segnungen, die wir erhalten haben, sind genauso wahrnehmbar, wir tragen genauso einen Korb mit Früchten in unseren Händen, an dem alle erkennen können, dass wir auf einem ganz besonderen Feld und bei einem ganz besonderen Herrn arbeiten.

So heisst es: «Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit» (Gal 5, 22). Ich will mit dem Frieden beginnen: Wer zum Glauben kommt, gelangt in den Genuss des Friedens mit Gott. Er fühlt, dass nun alles in Ordnung gebracht worden ist, dass es nichts mehr gibt, das zwischen ihm und dem Schöpfer des Universums und Ewigen Richter steht. Er weiss, dass er nun auf der Seite Gottes steht, dass Gott nicht mehr wider ihn ist, sondern mit ihm. Tiefer Frieden, Frieden, den die Welt niemals bieten kann, den einer, der nicht zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen ist, niemals finden wird, erfüllt einen solchen. Mit dem Frieden kommen Ruhe, Gelassenheit, Langmut und Freude. Dann erfüllt aber auch die Liebe Gottes einen solchen Menschen, und es drängt ihn, diese Liebe weiterzugeben. Freundlichkeit und Gütigkeit und Sanftmut gehen damit einher. Ein solcher Mensch ist aber auch wirklich befähigt, treu und enthaltsam zu sein. Das alles sind Dinge, die ohne Weiteres von aussen sichtbar sind, die ungeachtet aller Umstände von jedem anderen Menschen wahrgenommen werden können. Es sind alles Dinge, die niemand als der Herr allein – gelobt sei Sein herrlicher Name! – schenken kann.

Mit einem Menschen ist es wie mit einem Gefäss: Wir sind Tongefässe, die mit einem bestimmten Inhalt gefüllt werden können (vgl. Apg 9, 15; siehe auch: 1. Mose 2, 7; Ps 2, 9; Ps 31, 13; Jes 45, 9; Röm 9, 21–23; 2. Kor 4, 7; 2. Tim  2, 20. 21; Offb 2, 27). Von Natur aus sind wir mit allerlei Unrat gefüllt, mit unreinen Gedanken, Rebellion gegen Gott und anderem mehr. Wenn aber jemand zum wahren Glauben kommt, wird er mit etwas ganz anderem gefüllt: «Wer an mich glaubt, gleichwie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fliessen» (Joh 7, 38). Wir werden mit lebendigem Wasser gefüllt, mit dem Geist Gottes, und zwar so sehr, dass aus unserem Leib ganze Ströme davon fliessen werden, die die Menschen in unserer Nähe erquicken werden!

Liebe Schwester, lieber Bruder im Herrn, glaubst Du das? Ist Dir bewusst, womit Du gefüllt worden bist, als Du zum Glauben gekommen bist? Was hast Du mit diesem lebendigen Wasser gemacht? Hast Du die Ströme fliessen lassen oder hast Du sie zurückgehalten? Hast Du die Segenskanäle verstopft, das Wasser ausgeleert und Dich mit anderen Dingen gefüllt? Dann suche doch den Weg zurück zum Herrn! Lass Dich reinigen, innerlich, und lass Dich neu mit dem Wasser des Segens füllen, damit die Ströme aus Dir ausgehen und die Menschen in Deiner Nähe segnen mögen! Es handelt sich dabei nicht um reine Theorie, um weltfremde Theologie, sondern um das wahre Leben, um eine Wirklichkeit, die im Alltag erfahren werden kann! Und glaube daran: Der Herr gibt gerne und reichlich!

Wie Ruth ihrer Schwiegermutter gegenüber den Namen dessen bezeugt hat, der sie so reichlich gesegnet hatte, wollen auch wir den Namen Dessen bezeugen, der uns all das geschenkt hat, was wir hier (nur unvollständig) auflisten durften: Sein Name ist Jesus Christus, Herr der Herren, Sohn des lebendigen Gottes. Möge Sein Name verherrlicht werden! Amen.

 

Verse 20–23


20 Da sprach Noomi zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom HERRN, dessen Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten! Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann ist uns nahe verwandt, er ist einer von unseren Blutsverwandten. 21 Und Ruth, die Moabitin, sprach: Er hat auch zu mir gesagt: Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie meine ganze Ernte beendigt haben. 22 Und Noomi sprach zu Ruth, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, dass du mit seinen Mägden ausgehst, dass man dich nicht anfalle auf einem anderen Felde. 23 Und so hielt sie sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendigt waren. Und sie wohnte bei ihrer Schwiegermutter.

Ruth 2, 20–23

Wir werden im Verlauf der weiteren Betrachtung des Buches Ruth, so Gott will, sehen, dass der schöne, nachahmenswerte Glaube dieser Moabiterin einen sehr prominenten Platz einnimmt. Dies rückt den Glauben Noomis etwas in den Hintergrund, zumal sie auch eine weniger aktive Rolle im Geschehen einnimmt. Nichtsdestotrotz verdient aber der Glaube Noomis doch auch einige Beachtung, wie wir sogleich sehen werden.

Noomi war zuerst mit ihrem Mann Elimelech ins Ausland mitgezogen, was – wie wir bei der Betrachtung zu Ruth 1, 1. 2 gesehen haben – eine völlig verkehrte Entscheidung gewesen war. Das Handeln von Elimelech und seiner Familie zeigte wenig Verständnis für die Wege des Herrn, denn statt Seine Nähe in Zeiten der Not zu suchen, entfernten sie sich noch weiter von Ihm, indem sie ihren angestammten Platz verliessen und ins Ausland zogen.

Wie viele Geschwister handeln leider ganz ähnlich! Die überwiegende Mehrheit der Gläubigen hat sich heute einer Denomination, einer benannten Splittergruppe der Kirche Jesu Christi, angeschlossen. Sie versammeln sich nicht so zum Namen des Herrn Jesus hin, wie es eigentlich sein sollte. Strukturen, Ämter, Pläne etc. verhindern das freie Wirken des Heiligen Geistes; meist spricht nur ein Bruder, und das nach einem vorbereiteten Plan. Zeitlich ist ein fixer Ablauf vorgegeben, es bleibt kaum Platz für Beiträge anderer Geschwister. Die übrigen Geschwister finden sich in der Regel damit ab und verharren in einer passiven Haltung. Man könnte noch einige weitere Dinge aufzählen, die in einer Vielzahl von Gemeinden nicht nach dem Willen Gottes verlaufen, aber ich glaube, der wesentliche Punkt ist bereits jetzt klar: Der Herr kann nicht wirken, wie Er es eigentlich gerne würde, während gleichzeitig die Mehrheit der Geschwister gleichsam mit leeren Händen an der Versammlung teilnimmt – die Geschwister haben sich während der Woche nicht darauf vorbereitet, einen eventuellen Beitrag leisten zu können, da sie wussten, dass dafür kein Platz ist; sie haben deshalb weniger «geerntet». Die Folge dieser beiden Umstände ist, dass in aller Regel Knappheit an geistlicher Nahrung herrscht, eine geistliche Hungersnot.

Kaum ein Gläubiger wird nicht fühlen, dass etwas grundlegend falsch läuft, dass er nicht die Befriedigung erhält, nach der sein Geist sich sehnt. Die Zusammenkünfte werden als langwierig, mühsam, trocken usw. empfunden, man nimmt nicht viel von der Gegenwart Gottes wahr, fühlt sich Ihm fern, liest vielleicht auch unter der Woche nur sehr unregelmässig in der Bibel und betet selten. Was wäre nun der richtige Weg zur Behebung dieses Zustandes? Klar, eine Rückkehr zu Ihm, zum Herrn Jesus Christus! Was aber geschieht häufig? Die Geschwister investieren sich in andere Dinge, in die Arbeit, die Karriere, ein bestimmtes Hobby, sonstige Aktivitäten oder ähnliches. Sie suchen sich ihre Nahrung, die Befriedigung für ihre Seele (denn der Geist findet in solchen Dingen keine Befriedigung), anderswo. Und so entfernen sie sich noch weiter vom Herrn. Das alles ist sehr traurig.

Noomi, die genau so gehandelt hatte, kehrte nach dem Tod ihres Mannes zurück. Sie tat genau den richtigen Schritt. Wir haben gesehen, dass der Herr sie dafür sofort gesegnet hat: Sie erkannte, dass sie vor dem Wegzug ins Ausland noch volle Hände gehabt hatte (im Vergleich zum Zeitpunkt der Rückkehr nach Israel). Sie hatte gedacht, sie hätte nichts mehr, aber rückblickend erkannte sie, dass es immer noch sehr viel mehr gewesen war, als die Welt ihr geben konnte – ja, die Welt hatte ihr noch das letzte Bisschen geraubt! Wie schön ist es doch, wenn ein Gläubiger zu dieser Erkenntnis gelangen darf!

Und nun, in Ruth 2, 20 lesen wir etwas noch Eindrücklicheres: Noomi führt den Segen, den Ruth durch Boas erfahren hatte, sofort und unmittelbar auf den Herrn zurück, von dem sie sagt, dass Seine «Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten». Noomi war so weit gebracht worden, dass sie ohne Weiteres erkannte, dass «jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei welchem keine Veränderung ist, noch ein Schatten von Wechsel», kommt (vgl. Jak 1, 17). Noch mehr erkannte sie aber, nämlich, dass der Herr auch nicht von den Toten ablässt. Das wahr sehr viel mehr als beispielsweise die religiösen Sadduzäer erkannten (vgl. Mt 22, 29). Ist das nicht ein schönes Beispiel dafür, dass es wirklich die Furcht des Herrn ist, die der Erkenntnis Anfang ist (Spr 1, 7)? Noomi war zum Herrn zurückgekehrt, und Er mehrte rasch ihre Erkenntnis in wichtigen Dingen. Das kann sich ohne Weiteres für jeden Gläubigen ebenfalls bewahrheiten.

Liebe Schwester, lieber Bruder, wenn Du das Gefühl hast, der Herr sei fern, dann bedenke doch diese Worte, dann denke doch bitte an das Beispiel von Noomi! Kann es sein, dass in Deinem persönlichen Leben oder aber in der Gemeinschaft, der Du angehörst, nicht die Bibel und der Geist Gottes der Massstab des Handelns sind? Nimm einen solchen Zustand nicht einfach hin! Schweife nicht in andere Aktivitäten ab! Nein, richte dich darauf aus, zum Herrn zurückzukehren, Dein Leben wieder so in Ordnung zu bringen, dass wirklich allein Sein Wille in allem geschieht! Der Herr wird Deinen Weg segnen!

Ich will es selbst mit Noomi halten und alle Geschwister, die dem Herrn Jesus einmal wirklich nahe gekommen sind, so, wie Ruth dem Boas nahe gekommen ist, ermutigen, weiter ausschliesslich bei Ihm zu bleiben. Wir bedürfen beständig Seiner Nähe, und zwar nicht nur in unserem persönlichen Leben, sondern auch in der Gemeinschaft mit den Geschwistern. Es kann daher nicht oft genug betont werden, wie wichtig es ist, sich einer Versammlung anzuschliessen, die sich, soweit es die Glieder verstehen, allein an der Bibel ausrichtet. Ich selbst bin der festen Überzeugung, dass dies in keiner Gemeinde, die sich selbst einen Namen gegeben und sich allenfalls sogar in Form eines Vereins mit Mitgliedschaft statuiert hat, der Fall sein kann, handelt es sich dabei doch schon um einen klaren Verstoss gegen die Lehre der Bibel. Falls diese Aussage nun eine Leserin oder ein Leser dieses Kommentars zum Nachdenken bringen sollte, falls ein aufrichtiger Wunsch nach mehr Erläuterung dazu besteht, dann bitte ich darum, eine entsprechende Anfrage über unseren Briefkasten an uns zu richten.

Kapitel 3

Verse 1. 2

1 Und Noomi, ihre Schwiegermutter, sprach zu ihr: Meine Tochter, sollte ich dir nicht Ruhe suchen, dass es dir wohl gehe? 2 Und nun, ist nicht Boas, bei dessen Mägden du gewesen bist, unser Verwandter? Siehe, er worfelt diese Nacht auf der Gerstentenne.

Ruth 3, 1. 2
Wir haben gesehen, dass Noomi nach ihrer Rückkehr nach Israel und ihrer Wiederherstellung in der Lage war, Ruth über wichtige Dinge zu belehren. Nun geht die Belehrung noch weiter, und wir müssen staunen über das, was Noomi hier Ruth weitergeben kann:

Noomi will Ruth Ruhe verschaffen. Das ist der grundlegende Gedanke ihrer Belehrung. Ruth war nach Israel gekommen, hatte ihrem Gott (Götzen) und ihrem Volk abgesagt und bereits schöne Erfahrungen auf dem Feld des Boas gemacht. Sie war aber noch nicht zur Ruhe gekommen. Menschlich gesehen hatte sie keinen Mann (mehr), der für sie sorgen konnte, geistlich gesehen fehlte ihr noch die tiefe Erkenntnis dessen, was der Herr für sie (und uns) ist, was ihr wahre Ruhe und wahren Frieden gegeben hätte. Deshalb will Noomi Ruth nun den Weg zu dieser zweifachen Ruhe verschaffen.

Die Ruhe wird nun nicht durch bestimmte Handlungen oder eine bestimmte Erkenntnis oder dergleichen gefunden, sondern nur, ausschliesslich bei einer Person. Nur der Herr Jesus kann einem Menschen die besondere Ruhe und den Frieden verschaffen, nach der bzw. dem wir uns alle in unserm Innersten so sehr sehnen. Der Grund, weshalb dem so ist, ist einfach:

Wir Menschen sind im Bilde Gottes geschaffen, als ein Gegenüber, dazu, in Seiner Nähe zu sein. Aufgrund unseres Ungehorsams, unserer Auflehnung gegen Seinen Willen, wurde diese Beziehung gestört, denn in der Nähe Gottes kann keinerlei Sünde bestehen. Wer auch nur einmal gegen den Willen Gottes verstossen hat, der kann in Seiner Nähe nicht bestehen; es ist unmöglich. Nun fühlen wir alle, dass nicht alles in Ordnung ist, dass wir uns in einem Zustand befinden, der nicht richtig ist. Wir alle müssen auch zugeben, dass wir gesündigt haben, und zwar schon oft. Beides hängt zusammen. Könnten wir von unserer Sünde rein gewaschen werden und in die Gegenwart Gottes gelangen, wozu wir bestimmt sind (weshalb wir uns in unserem Innersten so sehr danach sehnen), dann wäre alles in Ordnung. Dann wäre unser tiefster Mangel behoben und wir hätten wahre Ruhe und wahren Frieden. Wir wissen nun aber selbst, dass wir uns nicht von unserer eigenen Sünde rein waschen können. Wie sollte das auch gehen? Deshalb hat Gott Seinen einzigen Sohn am Kreuz hingegeben, als einen Stellvertreter, der an unserer Stelle das Gericht über die Sünde getragen hat. Hätte Er unsere Sünde nicht auf sich genommen, wäre Er ­– als absolut sündloser Mensch – nicht gestorben, denn der Tod ist die Folge der Sünde. Nun ist Er aber gestorben; das Gericht über unser aller Sünden hat Ihn getroffen. Dann ist Er aber auch wieder auferstanden, was unmöglich gewesen wäre, wenn auch nur eine einzige Sünde nicht beseitigt worden wäre. Deshalb: So gewiss, wie Er auferstanden ist, so gewiss werden alle auferstehen, für die Sein stellvertretender Tod Gültigkeit hat. Gültigkeit hat Sein Tod für alle, die an Ihn glauben und zu Ihm umkehren. Deshalb findet man die wahre Ruhe und den wahren Frieden, den Frieden mit Gott, nur bei Ihm. Er ist es, der uns zurück zu Gott führt, Er ist der Mittler, der einzige (1. Tim 2, 5; vgl. auch Joh 3, 16; Joh 14, 6 und viele andere mehr).

Doch auch, wer schon zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen ist, kann der Ruhe mangeln. Es gibt viele Geschwister, die nicht wissen, ob sie denn nun errettet sind oder nicht, aber auch viele Geschwister, bei denen die Gemeinschaft mit dem Herrn gestört wurde (durch Sünde, einen weltlichen Wandel und dergleichen mehr). Auch für die, die schon an den Herrn Jesus glauben, gibt es nur einen Weg zur Ruhe, und das ist wiederum die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus. Können wir in Seiner Gegenwart sein und erkennen, was Er für uns ist, dann werden wir die Ruhe und den Frieden erfahren. Solange wir auf uns blicken, gibt es nichts als Unsicherheit und Unruhe, sobald wir aber auf Ihn, von nahe, blicken können, werden wir ruhig und gewiss.

Noomi wusste um diese Tatsachen. Deshalb schickt sie Ruth zu Boas (der ein Vorbild des Herrn Jesus ist). Dabei spricht sie von ihm als «unserem Verwandten». Das ist sowohl für die weitere Geschichte, bezogen auf die irdischen Umstände der Ruth, als auch in geistlicher Hinsicht von Bedeutung. Auf ersteres werden wir noch zu sprechen kommen, letzteres soll hier noch kurz vorgestellt werden:

Gott will, wie wir gesehen haben, kein ferner Gott, kein ferner Richter, sein, sondern will uns in Seine Nähe lassen. Wer von seinen Sünden reingewaschen ist in dem Blut Christi (1. Joh 1, 7), der ist Ihm ganz nahe gebracht worden, wird von Seiten Gottes als Bruder des Herrn Jesus betrachtet (Röm 8, 29; Hebr 2, 11). Ein solcher ist Gott so nahe gebracht worden, dass er von Ihm sagen kann, Er sei sein Verwandter. Ist das nicht eine unendlich grosse und erhabene Tatsache? Gepriesen sei Gott, der das so geführt hat!

Verse 3–6

3 So bade dich und salbe dich und lege deine Kleider an und gehe zur Tenne hinab; lass dich nicht von dem Manne bemerken, bis er fertig ist mit Essen und Trinken. 4 Und es geschehe, wenn er sich niederlegt, so merke den Ort, wo er sich hinlegt, und gehe und decke auf zu seinen Füssen und lege dich hin; er aber wird dir kundtun, was du tun sollst. 5 Und sie sprach zu ihr: Alles, was du sagst, will ich tun. 6 Und sie ging zur Tenne hinab und tat nach allem, was ihre Schwiegermutter ihr geboten hatte.

Ruth 3, 3–6

Diese weiteren Belehrungen Noomis an Ruth lassen unweigerlich an Menschen denken, die den Herrn Jesus noch nicht im Glauben angenommen haben und nun zu Ihm kommen wollen. Wir finden hier den Weg, auf dem ein Mensch in die innige Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus gelangen kann – und das ist, wohlgemerkt, etwas ganz anderes, als einfach in den Genuss Seiner Segnungen zu kommen, wie es bei Ruth der Fall gewesen war (Kap. 2). Der letzte Gedanke ist sehr ernst und erinnert an Mt 7, 21–23, wo der Herr Jesus selbst sagt: «Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.  Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt, und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben, und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter!» Es gibt also Menschen, die zwar in den Genuss der Segnungen des Herrn Jesus gekommen sind – sie haben auf Seinem Feld geerntet und Seine Güte erfahren und sogar grosse Dinge getan –, aber Ihm nie nahe gekommen sind; Er wird bekennen, dass Er sie niemals gekannt hat! Es ist schön, in den Genuss der Segnungen zu kommen, aber es reicht nicht aus, es ersetzt nicht die persönliche Beziehung zu Ihm. Nur wer wirklich zu Ihm selbst gekommen ist, wird dem Tag des Gerichts mit Ruhe entgegen sehen können. Liebe Leserin, lieber Leser, kannst Du von Dir selbst sagen, dass Du den Herrn Jesus persönlich kennst – und Er dich kennt? Bist Du in die Gemeinschaft mit Ihm gekommen oder hast Du vielleicht nur von Seinen Segnungen profitiert, ohne diese Gemeinschaft bislang zu kennen? Dann lies Dir doch bitte die folgenden Ausführungen sorgfältig durch und prüfe selbst, ob Dir vielleicht nicht noch etwas fehlt. Der Herr nimmt gerne Menschen in die innige Gemeinschaft mit Ihm auf, aber sie müssen selbst zu Ihm kommen!

Kommen wir nun also auf den Weg zu sprechen, den wir in den Worten Noomis vorgebildet sehen: Ruth sollte sich zuerst baden, dann sollte sie sich salben, dann ihre Kleider anlegen, danach zur Tenne hinab gehen und sich schliesslich zu den Füssen des Boas legen. Die Reihenfolge ist wichtig. Betrachten wir die Anweisungen deshalb nun Schritt für Schritt:

Am Anfang steht die Reinigung, das Bad. Eines Bades bedarf aber grundsätzlich nur, wer schmutzig ist. Sind wir denn schmutzig? Betrifft das uns überhaupt? Ja! In Ps 14, 3 heisst es: «Alle sind abgewichen, sie sind allesamt verderbt; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.» David musste in Ps 51, 5 bekennen: «Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich geboren, und in Sünde hat mich empfangen meine Mutter.» Als Jesaja dem Herrn persönlich begegnete, erkannte er seine Schuld: «Wehe mir! denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich» Eine eindrückliche Schilderung findet sich auch in Röm 3, 9–23. Das Urteil Gottes, wie es in der Bibel zu finden ist und hier beispielhaft aufgezeigt wurde, mag manchem etwas gar hart erscheinen. Ist es nicht so, dass Menschen auch Gutes vollbringen, dass es bessere und schlechtere Menschen gibt, ja, sogar solche, die wir für ihre Güte bewundern? Es ist durchaus so, das stimmt. Und doch gibt es keinen Menschen, der sich nicht an Gott vergangen hat. Jeder hat schon gesündigt, jeder hat schon getan, wovon er selbst wusste, dass es nicht recht ist. Jeder weiss insgeheim (wenn er ehrlich zu sich ist), dass es Dinge in seinem Leben gibt, die nicht in Ordnung sind. Wenn dem aber so ist, wenn wir gegen das göttliche Gesetz verstossen haben, dann sind wir doch nichts anderes als Gesetzesübertreter, mag unsere Übertretung nun leicht oder schwer scheinen. Wer ein Fahrrad entwendet, ist genauso ein Straftäter wie der, der einen Menschen kaltblütig ermordet. Die Taten wiegen unterschiedlich schwer, aber sind beide gegen das Gesetz gerichtet (vgl. hiezu Jak 2, 10. 11).

Es kann nicht genug betont werden, wie übel ein solcher Zustand ist. Wir neigen dazu, diesen Zustand zu verharmlosen, denn es betrifft immer auch uns selbst, wenn wir die Schlechtigkeit aller Menschen aufzeigen, doch gibt es an und für sich nichts zu verharmlosen. Es steht schlimm um uns alle! Wir alle sind schmutzig vor Gott, wir alle haben uns vor dem Gericht zu fürchten, das so sicher kommen wird wie der Tod (Hebr 9, 27). Liebe Leserin, lieber Leser, gehe deshalb bitte nicht leichtfertig über diesen Punkt hinweg, tue diesen Gedanken nicht einfach ab! Sei ehrlich zu Dir selbst und frage Dich, wie es wohl sein wird, wenn Du dereinst vor dem Allmächtigen Richter stehen wirst, der alle deine Verfehlungen kennt! Gibt es nicht vieles, das Er Dir vorwerfen kann, ist es nicht schlecht um Dich bestellt? Wie willst Du Dich dann vor Ihm rechtfertigen?

Wer sich diese Fragen ernsthaft stellt, wer sich selbst im reinen Lichte Gottes prüft, sich in Seinem Licht sieht, wie Jesaja sich vor Ihm sah, der wird unweigerlich ausrufen müssen: «Wehe mir! denn ich bin verloren!» Unweigerlich wird er sich dem Wunsch Davids anschliessen: «Wasche mich völlig von meiner Ungerechtigkeit, und reinige mich von meiner Sünde!» Es geht dabei nicht darum, diesen Gedankengängen vernunftgemäss zuzustimmen, sondern darum, im tiefen Innern wirklich diese grosse Not zu empfinden, ein wahres Gefühl davon zu erlangen, wie schlecht man eigentlich im Lichte Gottes dasteht. Die Erkenntnis unserer eigenen Beschmutzung, unserer Sündhaftigkeit, die muss uns ins Herz dringen. Man kann in diesem Zusammenhang nicht übertreiben, denn es steht wirklich sehr schlecht um uns, es liegt wirklich eine grosse Gefahr vor, ein Zustand, der alles andere als in Ordnung ist. Deshalb nochmals die ernste Aufforderung: Prüfet euch selbst!

Wie können wir uns aber baden, wenn wir erkannt haben, in welchem Zustand wir uns vor Gott befinden? Im Gegensatz zu tatsächlichem Schmutz, der an unserem Körper haftet, richtet eine Dusche oder ein Bad hier nichts aus. Wird dann aber irgendetwas, das wir selbst tun, diesen Schmutz abwaschen? Müssen wir schlechte Taten durch gute ausgleichen oder uns selbst kasteien oder in die Kirche gehen oder dergleichen? Nein. Wie sollte auch jemand, der selbst das Schlechte hervorgebracht haben, dieses wieder ausgleichen können? Wie sollte sich ein Gesetzes-Übertreter, ein Straftäter, wieder in rechtmässigen Zustand versetzen? Nur der Vollzug der rechtmässigen Strafe vermag den ordnungsgemässen Zustand wiederherzustellen. Nur Gott selbst kann uns rein waschen. Die Reinigung geschieht dabei durch Sein Wort, genauso, wie ein Straftäter erst auf das Wort des Staates hin rehabilitiert wird. Das Wort Gottes ist nun folgendes: Die unabdingbare Folge von Sünde ist der Tod (Röm 6, 23). Wer sündigt, muss sterben, dessen Blut muss fliessen. Nur so kann Sünde getilgt, kann jemand von Sünde gereinigt werden. Entweder müssen wir mit unserem eigenen Blut für unsere Sünden bezahlen, indem wir für ewig von Gott getrennt und im Feuersee Qualen leiden müssen (der sog. zweite Tod), oder aber jemand anders muss mit Seinem Blut für unsere Sünden bezahlen. Einen andern Weg gibt es nicht. Ein anderer kann aber nur für uns mit Seinem Blut bezahlen, wenn er selbst rein ist, weil sonst sein Blut für seine Sünden fliessen würde. Es gibt nur einen Menschen, der völlig rein gewesen ist, und das ist der Herr Jesus Christus. Am Kreuz hat Er für unsere Sünden bezahlt, hat Er Sein Blut anstelle des unsrigen hingegeben (Er hätte nicht sterben müssen, weil Er sündlos war). Zur Bestätigung, dass Sein Opfer angenommen und die Sünden, die Er getragen hatte, getilgt und die Macht der Sünde, der Er gleichgemacht worden war, gebannt worden war, wurde Er wieder aus den Toten auferweckt. Sein Wort ist nun, dass alle, die daran glauben, mit Ihm auferstehen werden (z.B. Röm 6, 5). Wer Seinem Wort Glauben schenkt, der ist gereinigt (Joh 5, 24). Das ist das Bad.

Nötig ist es aber nicht nur, sich zu baden, das heisst Gott ernstlich in Seiner Not und im Glauben an die Wirksamkeit des Opfers Jesu Christi anzurufen, sondern auch, sich zu salben. Die Salbung erfolgt mit Öl, das Öl ist in der Bibel stets ein Bild für den Heiligen Geist (z.B. 1. Joh 2, 20. 27). Gott sei Dank, der jedem, der im Glauben zu Ihm kommt, den Heiligen Geist gibt (Eph 1, 13; vgl. auch Apg 2, 38; Röm 5, 5; 2. Kor 1, 22; Gal 3, 5. 14 und viele andere mehr). Dass uns der Heilige Geist gegeben wird, ist eine der vielen Folgen, die unweigerlich mit der Umkehr zu Gott und dem Glauben an Ihn verbunden sind. Aber nur, wer wirklich zum Glauben gekommen ist, empfängt auch den Geist. Wer nur bekennt, zum Glauben gekommen zu sein, empfängt den Geist nicht. Die Salbung ist also unweigerlich mit dem Bad verbunden.

Sind wir gebadet und gesalbt, sind wir in der Lage, in die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu treten. Zuerst haben wir uns aber zu bekleiden. Die Kleider sprechen von Taten, wie beispielsweise Offb 19, 8 nahelegt: «Und es ward ihr gegeben, dass sie sich kleide in feine Leinwand, glänzend und rein; denn die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten der Heiligen.» Unsere Blösse kann entweder mit selbst gemachten Kleidern bedeckt werden oder mit Kleidern, die wir vom Herrn selbst empfangen. Selbst gemachte Kleider, wie eigene Frömmigkeit, Selbstkasteiung und so weiter, sind eine schlechte Bedeckung. Schon Adam, der sich mit einem Feigenblatt bedeckt hatte, musste im Lichte Gottes eingestehen, dass er nackt sei (1. Mose 3, 7–9). Kleider von Gott bedecken die Blösse aber wirklich (1. Mose 3, 21). Wie die Salbung ist auch die Bekleidung von Gott eine automatische Folge des Bades, denn die guten Werke sind bereits zuvor bereitet (Eph 2, 10) und entspringen als Früchte dem in uns wirkenden Geist Gottes (vgl. Gal 5, 22). Natürlich sind wir es, die die guten Werke ausführen müssen, aber gewirkt werden sie durch den Geist Gottes, sie sind Sein Werk.

Ist es nicht wunderbar, was die Gnade Gottes vermag? Ein schmutziger Mensch wird gebadet, gesalbt und bekleidet, aus einem Bettler wird ein Prinz, bereit, dem König gegenüber zu treten. Wie viel mehr könnte man noch über all die Segnungen, mit denen Gott uns Menschen segnen will (und die, die zum Glauben an Ihn gekommen sind, gesegnet hat), schreiben! Gepriesen sei Sein herrlicher Name in alle Ewigkeit! Amen.

Die Reinigung ist aber nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zu einem höheren Zweck, zur innigen Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus. Nur wer gereinigt ist, darf in Seine Gegenwart treten; wer aber gereinigt ist, der soll in Seine Gegenwart treten, denn hiezu sind wir bestimmt, geschaffen worden. Wie traurig ist es, dass so viele, die gereinigt wurden, sich nicht (mehr) in Seine Gegenwart begeben, sondern anderen Dingen nachgehen! Sie gehen am Eigentlichen vorbei und beschmutzen sich mit der Zeit wieder, meist, ohne es zu bemerken. So soll es nicht sein, denn unser Teil ist es, zu Seinen Füssen zu sein (vgl. Lk 10, 38–42).

Ruth wählt das gute Teil, denn sie verspricht Noomi, nach allem zu tun, was sie gesagt hat. Und Ruth ist keine Schwätzerin, denn sie tut es auch. Mögen noch viele Menschen dieses gute Teil erwählen, gereinigt werden und in glücklicher Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus leben! Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Du das willst, aber nicht verstehst, wie das gehen soll, dann schreib uns doch bitte eine Nachricht via Briefkasten! So wir es vermögen, helfen wir Dir sehr gerne!

Verse 7–9

7 Und Boas ass und trank, und sein Herz wurde fröhlich; und er kam, um sich an dem Ende des Getreidehaufens niederzulegen. Da kam sie leise und deckte zu seinen Füssen auf und legte sich hin. 8 Und es geschah um Mitternacht, da schrak der Mann auf und beugte sich hin: und siehe, ein Weib lag zu seinen Füssen. 9 Und er sprach: Wer bist du? Und sie sprach: Ich bin Ruth, deine Magd; so breite deine Flügel aus über deine Magd, denn du bist ein Blutsverwandter.

Ruth 3, 7–9

Ruth handelt nun tatsächlich nach den Worten Noomis. Sie wartete, gebadet, gesalbt und bekleidet, den rechten Moment ab und legte sich dann zu den Füssen des Boas hin. Um Mitternacht schrickt dann Boas auf, denn er hatte bemerkt, dass jemand zu seinen Füssen lag. Glücklicherweise dürfen wir hier einen Unterschied zwischen dem Bild und dem Original feststellen: Der Herr schläft niemals (Ps 121, 3. 4). Er ist nicht überrascht, wenn wir zu Ihm kommen, denn Er ist zuvor ausgegangen, um zu suchen, was verloren ist (Lk 19, 10). Wann immer ein Herz überführt wird, wann immer jemand die Not vor Gott fühlt und ins Reine kommen will, wann immer jemand Ihn in seiner Not anruft – der Herr hört und antwortet sofort! Es ist übrigens auch nicht so, dass man sich das Recht, den Herrn anzurufen (gleichsam das Recht auf das Bad und die Salbung), erst erarbeiten muss. Nein, ein Schrei in der Not aus vollem Herzen genügt (Apg 2, 21; Röm 10, 13). Natürlich muss dann der Herr auch nicht fragen, wer wir sind, denn Er kennt uns wahrhaftig (Ps 139, 1–16).

So darf jeder Menschen umso mehr die Worte Ruths sprechen: «Breite deine Flügel aus über deine Magd» bzw. deinen Knecht. Wenn Ruth das zu Boas sprechen konnte, der ihr Herbeinahen nicht bemerkt hatte und sie nicht gleich erkannte, dann dürfen wir das umso mehr zum Herrn sprechen, der unser Herbeinahen bemerkt und uns durch und durch kennt. Und bei wem wollen wir denn Schutz und Zuflucht suchen, wenn nicht bei Dem, der uns völlig kennt und der alles vermag? Wenn wir bei Ihm Schutz finden, dann können wir wahrhaft sicher sein (vgl. Röm 8, 31–39).

Besondere Beachtung in diesem Zusammenhang ist dem Begriff «Blutsverwandter» zu schenken, ist damit doch sehr viel verbunden. Darauf soll aber erst bei der Betrachtung der nächsten Verse näher eingegangen werden. An dieser Stelle wollen wir es beim Hinweis belassen, dass jeder, der sich gebadet, gesalbt und bekleidet hat, (nebst vielem anderen) auch wahrhaftig in die Familie Gottes hineingeboren wird. Wer glaubt, ist wahrlich ein Kind Gottes (Joh 1, 12. 13; Röm 8, 29). Ein solcher darf den Herrn als seinen «Blutsverwandten» anrufen. Ist das nicht eine unendlich grosse Tatsache? Hoch zu loben sei Der, der dies bewirkt hat! Amen.

Vers 10

10 Und er sprach: Gesegnet seist du von dem HERRN, meine Tochter! Du hast deine letzte Güte noch besser erwiesen als die erste, indem du nicht den Jünglingen nachgegangen bist, sei es armen oder reichen. Ruth 3, 10

Boas honoriert die «letzte Güte» von Ruth, nicht den Jünglingen nachgegangen zu sein, was sogar die «erste Güte» übertreffe. Um diesen Ausspruch zu verstehen, müssen zwei Dinge betrachtet werden: Erstens ist zu klären, was die erste Güte von Ruth gewesen war, zweitens ist zu betrachten, worin genau die letzte Güte bestand, und weshalb diese die erste Güte übertraf.

Die erste Güte, die Ruth erwiesen hatte, war, ihr Volk und ihren Gott (Götzen) zu verlassen, um gemeinsam mit Noomi nach Israel und zum Herrn zu gehen. Das war ein sehr grosser Schritt, eine Abwendung von der Welt und Zuwendung zum Volk Gottes. In gewissem Sinne war das eine Bekehrung, hin zu Gott, allerdings noch nicht hin zum Herrn Jesus (Boas). Der Schritt, den Ruth damit getan hat, soll nicht klein geredet werden, denn sie verliess wirklich ihre natürliche, gottlose Stellung, um zu Gott, zu Seinem Volk und in Sein Land zu gehen. Ihr Glaube war lebendig, auch wenn sie den Herrn Jesus noch nicht persönlich kennengelernt hatte. Damit ähnelt ihr Zustand jenem von Kornelius, von welchem in Apg 10 berichtet wird: Wahrhaftig gläubig, aber (noch) ohne persönliche Bekanntschaft mit dem Herrn Jesus.

Um die letzte Güte völlig zu verstehen, ist ein Blick auf das Gesetz notwendig (vgl. 5. Mose 25, 5–10): Wenn ein Mann in Israel starb, der verheiratet war, aber keine Kinder hatte, so hatte sein Bruder die Pflicht, die Witwe zu heiraten und mit ihr Kinder zu haben. Das erste Kind sollte dann nach dem Namen des Verstorbenen genannt, also als sein Nachkomme betrachtet, werden. Der Bruder, der diese Schwagerpflicht leistete, war der Löser.

Boas war ein Verwandter der Familie Elimelechs, also grundsätzlich derjenige, an den sich Ruth nach dem Gesetz wenden musste, um ihn zu heiraten. Hätte sie sich einen anderen Jüngling zum Mann genommen, wäre das zwar grundsätzlich zulässig gewesen, aber dem Gesetz wäre nicht volle Genüge getan worden (weil sie die Wahl Gottes nicht akzeptiert, sondern selbst gewählt hätte). Deshalb empfahl Noomi Ruth, zu Boas zu gehen.

Ruths Wille, dem Herrn völlig anzuhangen und nach allem zu tun, was Er gesagt hatte, war so gross, dass sie nicht einen Moment darüber nachdachte, sich einen anderen Mann zu nehmen. Vielmehr befolgte sie den Rat Noomis und ging direkt zu Boas, zu dem Mann, der nach dem Willen Gottes zuerst (oder beinahe zuerst, vgl. die weitere Betrachtung) in Frage kam, Ruth zu heiraten. Man kann nun die «letzte Güte» Ruths unter zweierlei Gesichtspunkten betrachten:

Einerseits wollte Ruth, die, wie wir gesehen haben, gläubig geworden war, zu Boas als einem Vorbild des Herrn Jesus selbst kommen. Sie suchte die innige Gemeinschaft mit Ihm, eine persönliche, echte Beziehung. Es genügte ihr nicht, sich einfach zum Volk zu halten und nach deren Regeln zu leben; sie wollte mehr! Sie wollte bei Ihm selbst sein, Ihn kennenlernen und in persönliche Beziehung zu Ihm treten. Und genau das ist es, was einen Christen auszeichnet: Er ist nicht einfach ein frommer, religiöser Mensch, er stimmt nicht einfach einem gewissen Lehrsystem zu, er verhält sich nicht einfach nach gewissen moralischen Normen, er hält sich nicht einfach zu solchen, die sich auch Christen nennen – nein, er will selbst eine persönliche, innige Beziehung zum Herrn Jesus selbst unterhalten. Er will in Seiner Nähe sein zu Seinen Füssen sitzen, Seinen Worten lauschen, Gemeinschaft mit Ihm als Person haben. Deshalb genügt es eben nicht, sich zum Volk Gottes zu halten und dem Lehrsystem zuzustimmen; man muss zum Herrn Jesus selbst kommen, die Beziehung zu Ihm suchen. Aber wie wunderbar! Im Grunde ist es zuerst der Herr Jesus, der die Beziehung zu uns sucht! Wir werden das gleich noch im Zusammenhang mit dem zweiten Aspekt betrachten.

Andererseits war es so, dass es Ruth nicht genügte, zum Volk Gottes zu gehören, einfach «nur» Teil davon zu sein. Es gibt, und das schreibe ich zu unserer Schande, Christen, die sich damit zufrieden geben, vor dem Feuer der Hölle errettet zu sein. Sie interessiert nur, was benötigt wird, um vor diesem Feuer, das ewig brennt, bewahrt zu werden. Wer Christus ist, was Ihn erfreut, was Er will, das interessiert sie nicht, denn es ist «nicht heilsnotwendig». Es ist traurig, das zu sehen, denn Christus, der alles von uns hätte fordern können und uns nichts schuldete, gab sich voll und ganz für uns hin, gab alles von sich (vgl. Phil 2) – wie können dann solche, die diese Errettung für sich in Anspruch nehmen wollen, sagen, dass Christus sie nicht interessiert, dass es nicht wichtig ist, was Er will und Ihn erfreut?

Ruth war nicht so. Sie war nicht nur daran interessiert, «ihre eigene Haut zu retten», sondern daran, den Willen Gottes zu tun. Es war gesagt worden, wen sie sich zuerst als Mann suchen sollte, also tat sie es. Wir lesen nichts von einem Zögern, nichts von einem Murren. Sie tat es einfach, weil es so geboten war. Und es ging dabei nicht um eine Kleinigkeit! Nein, es ging darum, sich selbst hinzugeben, sich für den Rest des Lebens mit einem Mann zu verbinden. Es gibt wohl keine annähernd so weitreichende Entscheidung, die wir in unserem Leben in irdischen Dingen fällen, wie diese. Aber Ruth handelte nicht nach eigenem Gutdünken, zweifelte nicht, zögerte nicht, sondern gab sich dem Willen Gottes hin. Wie wunderbar! Möge diese Haltung auch bei uns gefunden werden. Amen.

Vers 11

11 Und nun, meine Tochter, fürchte dich nicht! alles, was du sagst, werde ich dir tun; denn das ganze Tor meines Volkes weiss, dass du ein wackeres Weib bist.

Ruth 3, 11

Wer zum Herrn Jesus gekommen ist, so wie Ruth zu Boas gekommen war, hat wahrlich nichts mehr zu fürchten. In den vier Evangelien lesen wir mehr als ein Dutzend Mal die Worte: «Fürchte dich nicht!» oder: «Fürchtet euch nicht!» aus dem Mund des Herrn Jesus. Zum einen haben wir nichts mehr zu fürchten in der Welt, denn Er kann uns bewahren, behüten und beschützen und uns darüber hinaus mit all dem versorgen, was wir benötigen. Wahrlich, «Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?» (Röm 8, 31). Zum andern haben wir nichts mehr zu fürchten in Bezug auf die Ewigkeit bzw. in Bezug auf unsere Seele. Wer auf sich selbst vertraut, wer sich aus eigener Kraft erretten will, der hat allen Grund zum Fürchten, denn er kann sich niemals sicher sein, ob seine Anstrengungen genügen, ob er die Anforderungen erfüllt, ob er dann einmal vor dem Gericht bestehen können wird. Wer aber allein auf den Herrn Jesus vertraut, auf Sein Werk am Kreuz, hat nichts mehr zu fürchten – denn Er wurde «unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt» (Röm 4, 25). So gewiss Er am Kreuz gestorben ist, so gewiss ist dies geschehen, weil Er unsere Übertretungen sühnte. Und so gewiss Er auferstanden ist, so gewiss ist dies unserer Rechtfertigung wegen geschehen, denn wäre eine einzige Sünde ungesühnt geblieben, Er hätte nicht wieder auferstehen können. Wer auf Ihn vertraut, hat daher wirklich nichts mehr zu fürchten! Deshalb heisst es auch an anderer Stelle: «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit» (2. Tim 1, 7).

Dann sichert Boas Ruth auch zu, dass er ihr alles tun werde, was sie sagt. Das erinnert an Verse wie bspw. Mt 18, 19: «Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteil werden von meinem Vater, der in den Himmeln ist.» Es gibt einige solcher Verse in der Bibel, doch über ihre Bedeutung herrscht nicht wenig Ungewissheit in der Christenheit. Bedeuten diese Worte, dass wir bitten können, was wir wollen, und wir es dann bekommen werden? Wohl kaum! Denn «ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr übel bittet, damit ihr es in euren Begierden vergeudet» (Jak 4, 3). Was wir in fleischlicher Weise – das heisst, nicht in Übereinstimmung mit dem Geist Gottes bzw. nicht in Seinem Willen – erbeten, um es in unseren Begierden zu vergeuden (was immer der Fall sein wird, wenn wir fleischlich bitten), wird uns nicht zuteil werden. Gott ist kein Gott der Verschwendung. So wissen wir beispielsweise, dass Er nach der Speisung der Fünftausend und nach der Speisung der Viertausend beide Male die Reste einsammeln liess. Er teilt aus, damit mit dem, was Er gibt, vernünftig und effizient gehandelt und ein bestimmter Zweck erreicht wird. Er gibt uns, was uns zum Guten dient (und das weiss Er unendlich viel besser als wir selbst), und nichts, was uns schadet. Wir meinen vielleicht, dieses oder jenes würde uns zum Guten dienen, weil es uns das Leben erleichtern würde, aber in Tat und Wahrheit dient es uns zum Schlechten, weil es uns bequem und faul und in geistlichen Dingen schwerhörig macht. So etwas wird uns Gott nicht geben, ausser, wir beharren so lange darauf, dass Er uns in diesem Punkt gewähren lässt – zu unserem eigenen Schaden (vgl. die Geschichte Bileams; 4. Mose 22. 23). Im vorliegenden Vers geht es denn auch «nur» darum, was Ruth sich von Boas erbeten hat, nämlich um Schutz unter seinen Flügeln. Eine solche Bitte wollte Boas und will der Herr Jesus niemals abschlagen! Gepriesen sei Sein herrlicher Name für diese Tatsache!

Zuletzt erwähnt Boas, dass das ganze Tor seines Volkes wisse, dass Ruth ein wackeres Weib sei. Was für eine Ehrung! Ruth hatte still ihre Dinge besorgt. Als sie ihr Volk und ihren Götzen verliess, war sie alleine mit Noomi (und Orpha). Als sie Nahrung für Noomi und sich suchte, tat sie dies alleine und still. Sie war in den Dingen, die ihr aufgetragen wurden, treu, ohne diese Tatsache herauszuposaunen. Und doch, Boas wusste um ihre Treue, und das Volk wusste um ihre Treue. Wie schön ist es, wenn wir uns nicht selbst loben, sondern uns Lob von andern zuteil wird (Spr 27, 2)! Und wenn es gar der Herr Jesus selbst ist, der uns für unsere Treue lobt, wie herrlich muss das sein! Wollen wir nicht darauf bedacht sein, dass der Herr Jesus zu uns einst sagen wird: «Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn» (Mt 25, 21)?

Verse 12. 13

12 Und nun, wahrlich, ich bin ein Blutsverwandter; doch ist auch ein näherer Blutsverwandter da als ich. 13 Bleibe diese Nacht; und es soll am Morgen geschehen, wenn er dich lösen will, gut, so mag er lösen; wenn er aber keine Lust hat, dich zu lösen, so werde ich dich lösen, so wahr der HERR lebt! Liege bis zum Morgen.

Ruth 3, 12. 13

Nun nimmt Boas konkret Bezug auf die Bitte Ruths, sie zu heiraten. Wie schön ist es zu lesen, dass er dies gerne tun will: «So werde ich dich lösen, so wahr der HERR lebt!» Es ist ganz gewiss, dass der Herr Jesus niemanden, der zu Ihm kommt, hinausstossen wird: «Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen» (Joh 6, 37). Dieses Wort ist zuverlässig, so wie der Herr selbst zuverlässig ist. Es ist undenkbar, dass der Herr Jesus zu jemandem sagen würde: «Ich will dich nicht; ich mag nichts von dir wissen!» Nein, wenn ein armer Sünder zu Ihm kommt, im Glauben an Ihn zu Ihm kommt, Ihn um Vergebung und Aufnahme und Schutz bittet, Er wird ihn nicht verstossen.

In der Geschichte Ruths gibt es aber eine Hürde: Boas war nicht der nächste Blutsverwandte, es gab noch einen näheren. Nach dem Gesetz wäre dieser verpflichtet und/oder berechtigt gewesen, Ruth zur Frau zu nehmen. Offensichtlich war dieser Umstand weder Ruth noch Noomi bewusst, denn wir haben gesehen, dass beiden Frauen wichtig war, nach dem Gebot Gottes zu handeln. Nun, Ruth kannte Boas bereits zuvor, und es mag gut sein, dass beide eine gewisse Anziehungskraft zueinander verspürten: Er hatte ihr grosse Gnade erwiesen, sie hatte mit ihrer Treue Eindruck erweckt. Böse Zungen könnten behaupten, es sei für beide kein allzu grosses Opfer gewesen, sich einander hinzugeben und sich aneinander zu binden. Wenn dem so wäre, dann hätten wir es hier mit einem schweren Prüfstein zu tun. Wäre es Ruth und Boas vor allem darum gegangen, sich miteinander zu verbinden, und hätten sie die Gebote Gottes nur als frommen Deckmantel benutzt, dann hätten sie sich nun zwischen ihren eigenen Wünschen und dem Gebot entscheiden müssen.

Wie schön ist es zu sehen, dass es der Wunsch sowohl von Ruth als auch von Boas war, nach dem Gebot Gottes zu handeln! Boas sagte: «Wenn er dich lösen will, gut, so mag er lösen; wenn er aber keine Lust hat, dich zu lösen, so werde ich dich lösen»; man könnte dies als Gleichgültigkeit abtun, aber das ist es nicht. Der Wunsch des Boas war es, dem Gebot Gottes Genüge zu tun, und er wusste, dass dies auch der Wunsch von Ruth war. Deshalb wollten sie sich beide, obwohl sie sicherlich eine Zuneigung zueinander verspürten, gerne auch an der Heirat mit dem näheren Blutsverwandten freuen, da dann dem Gebot Gottes Genüge getan worden wäre. Wer von uns kann behaupten, dass er bereit wäre, anstelle dessen, zu dem man eine Zuneigung verspürt, jemand anders zu heiraten, weil der Herr dies wünscht? Wie wenig wird diese völlige Hingabe heute noch unter den Gläubigen gekannt!

Es bleibt nichts anderes, als nochmals diesen Appell an die Leser zu richten: Es sollte der Herzenswunsch jedes wahren Gläubigen sein, den Willen Gottes zu tun, Ihm zu gefallen, koste es, was es wolle. Wenn Er eine so grosse Liebe zu uns bewiesen hat, dass Er Seinen einzigen Sohn hingab, wollen wir Ihm dann nicht auch eine Liebe erwidern, die bereit ist, sich selbst zu geben? Möge die Dankbarkeit gegenüber dem Herrn und die Liebe zu Ihm unsere Herzen allezeit so sehr erfüllen, dass wir gewillt sind, alles zu tun, was Er uns sagt!

Vers 18

18 Und sie sprach: Bleibe, meine Tochter, bis du weisst, wie die Sache ausfällt; denn der Mann wird nicht ruhen, er habe denn die Sache heute zu Ende geführt.

Ruth 3, 18

Nachdem Ruth von Boas zurückgekehrt ist und Noomi alles berichtet hat, was geschehen ist, spricht Noomi eine Wahrheit aus, die für jeden, der zum Glauben gekommen ist, kostbar und herrlich ist: «Der Mann wird nicht ruhen, er habe denn die Sache heute zu Ende geführt.» Wenn wir zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen und zu Ihm umgekehrt sind, wenn wir Ihm all unsere Sünden bekannt und uns völlig in Seine Hand begeben haben, dann dürfen wir wissen, dass Er die Sache zu Ende führen wird, und zwar «heute» noch.

Es gibt rein gar nichts in uns selbst, das uns vor dem Gericht Gottes erretten könnte, nichts, auf das wir uns zu unserer Verteidigung stützen könnten, um nicht das harte, aber gerechte und angemessene Gericht zu empfangen. Es gibt auch keinen Menschen, der sich diesem Gericht nicht zu stellen hat (Hebr 9, 27). Denn bei der Wiederkunft Christi werden die Lebenden gerichtet (Mt 25, 31–46) und nach dem Tausendjährigen Friedensreich die Toten (Offb 20, 11–15). Niemand wird dem Gericht entgehen. Im Gericht wird dann aber jede Sünde, jede Verfehlung, alles, was in unserem Leben nicht in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes war – und wieviel davon gibt es in unser aller Leben! – nach Seinem göttlichen Massstab und in Übereinstimmung mit Seiner Gerechtigkeit und Seiner Heiligkeit beurteilt. Der Lohn der Sünde aber ist der Tod (Röm 6, 23), die ewige Qual im Feuersee (Offb 20, 14. 15). Wie schrecklich!

Worauf will man nun vertrauen? Wie kann man sich sicher sein, dass man dieser schrecklichen, aber gerechten Strafe entgeht? Wenn es etwas wäre, das in uns selbst zu finden ist, etwa die Stärke unseres Glaubens, das Verhältnis zwischen «guten» und «schlechten» Taten oder ähnliches, wäre das dann nicht eine ganz und gar unsichere Angelegenheit? Müssten wir dann nicht in ständiger Sorge und Angst leben? Könnte sich unser Schicksal dann nicht von einem Tag auf den andern oder gar von einer Sekunde zur andern völlig wenden?

Das ist – Gott sei Dank! – nicht der Weg, den der Herr Jesus uns aufgezeigt hat. Nein, der Weg Gottes ist ein ganz anderer, ein einfacher und sicherer: Ein Gerechter, der einzige Gerechte, nahm die Strafe, die uns hätte treffen müssen, freiwillig und in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes auf sich und sühnte sie völlig am Kreuz; die anschliessende Auferstehung zeugt davon, dass die Sühnung eine vollständige war, denn wäre eine einzige Sünde an Ihm haften geblieben, der Tod hätte Macht über Ihn gehabt und Er hätte nicht auferweckt werden können (Röm 4, 25). «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod in das Leben übergegangen» (Joh 5, 24). «Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm» (Joh 3, 36). Dieser Weg ist einfach, denn von uns wird nicht mehr verlangt, als die rettende Hand Gottes, die Er uns weit entgegenstreckt, zu ergreifen. Der Weg ist aber auch sicher, weil alle Voraussetzungen, die zur Bewahrung vor dem Gericht notwendig sind, durch den Herrn Jesus erfüllt wurden. Dass, wer an Ihn glaubt, aus den Toten auferstehen wird bzw. ewiges Leben hat, ist so sicher wie die Auferstehung des Herrn Jesus selbst.

Wie wunderbar! Wenn wir zu Ihm gekommen sind, dann dürfen wir wirklich darauf vertrauen, dass Er die Sache noch «heute» zu Ende führt, dass Er alles tut bzw. getan hat, was notwendig für einen guten Ausgang ist. Wir dürfen uns so völlig vom Frieden und der Ruhe Gottes ergreifen lassen, gleichsam in Seinem ein für alle Male geschehen und ewig gültigen Werk bergen und ausruhen. Welche Worte würden auch nur annähernd genügen, um dies angemessen zu würdigen und Ihm dafür zu danken?

Verse 14–17

14 Und sie lag zu seinen Füssen bis zum Morgen; und sie stand auf, ehe einer den anderen erkennen konnte; denn er sprach: Es werde nicht kund, dass ein Weib auf die Tenne gekommen ist! 15 Und er sprach: Gib den Mantel her, den du anhast, und halte ihn. Und sie hielt ihn, und er mass sechs Mass Gerste und legte sie ihr auf; und er ging in die Stadt. 16 Und sie kam zu ihrer Schwiegermutter; und sie sprach: Wie steht es mit dir, meine Tochter? Und sie berichtete ihr alles, was der Mann ihr getan hatte, 17 und sprach: Diese sechs Mass Gerste gab er mir, denn er sagte: Du sollst nicht leer zu deiner Schwiegermutter kommen.

Ruth 3, 14–17

Boas verlässt Ruth nun, um die Sache zu klären. Bevor er geht, gibt er ihr aber noch sechs Mass Gerste mit auf den Weg, damit sie nicht leer zu ihrer Schwiegermutter kommt. Als Ruth selbst auf dem Feld des Boas gelesen hatte, und zwar bereits begünstigt durch seinen Segen, war es etwa ein Epha Gerste (Ruth 2, 17). Nun erhielt sie aber sechs Mass Gerste (was etwa das Doppelte von einem Epha ist), ohne auf dem Feld lesen zu müssen. Daraus lernen wir, dass die innige Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus nicht nur an sich der grössere Segen ist als auf Seinem Feld zu arbeiten, ohne Gemeinschaft mit Ihm zu haben, sondern dass der Gewinn daraus in der Regel den aus der eigenen Arbeit weit übersteigt. Wenn wir etwas von unserer achso kostbaren Zeit opfern, um in die Stille vor Ihn zu kommen, um Ihm unser Herz auszuschütten und Seine Worte zu hören und zu verstehen, dann ist diese Zeit nicht etwa verloren, wie wir oft befürchten. Nein, der Herr vermag es, uns diese Zeit doppelt zu «erstatten». Er kann es beispielsweise führen, dass wir andere Dinge, die erledigt werden müssen, effizienter und rascher erledigen können, sodass am Ende des Tages vielleicht noch mehr Zeit bleibt, als wenn wir keine Gemeinschaft mit dem Herrn gehabt und uns direkt diesen Dingen gewidmet hätten.

Wenn Menschen frisch zum Glauben an den Herrn Jesus kommen und sich einer Gemeinschaft von Geschwistern anschliessen, dann geschieht es oft, dass sie mit der Zeit mehr und mehr Dienste und Aufgaben übernehmen. Das ist an und für sich gewiss nicht falsch und es gehört wohl zur natürlichen Entwicklung, dass man Aufgaben im Reich Gottes übernimmt und mehr und mehr nützlich im Dienst wird. Aber die Entwicklung kann auch in eine falsche Richtung verlaufen und irgendwann sogar dahin führen, dass die Zeit im Dienst die Zeit der Gemeinschaft mit dem Herrn ersetzt. Statt in die Stille vor Ihm zu kommen, gehen wir unserer Aufgabe nach, die uns ja auch in gewissem Sinne erfüllt, und vergessen dabei völlig, dass letzteres ersteres nicht zu ersetzen vermag. Langsam und unmerklich entfernen wir uns dann vom Herrn und irgendwann sind wir gar so weit, dass wir uns eingestehen müssen, dass der Wert unserer Arbeit nicht mehr allzu hoch ist – weil wir nur noch eigene Leistung erbringen, ohne Unterstützung durch den Herrn. Das darf nicht sein! Halten wir uns also stets vor Augen, dass Ruth auf dem Feld ein Epha Gerste las, von Boas aber in einem Augenblick der Gemeinschaft sechs Mass Gerste erhielt. Diese Lektion zu verinnerlichen und umzusetzen ist schwieriger als man denken mag, aber sie ist wertvoll und über lange Dauer muss sie umgesetzt werden, wenn sich die Dinge nicht in eine völlig falsche Richtung entwickeln sollen.

Kapitel 4

Verse 1–6

1 Und Boas ging zum Tore hinauf und setzte sich daselbst. Und siehe, der Blutsverwandte ging vorüber, von dem Boas geredet hatte. Da sprach er: Komm her, setze dich hierher, du, der und der. Und er kam herzu und setzte sich. 2 Und Boas nahm zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sprach: Setzet euch hierher; und sie setzten sich. 3 Und er sprach zu dem Blutsverwandten: Noomi, die aus dem Gefilde Moabs zurückgekehrt ist, verkauft das Feldstück, welches unserem Bruder Elimelech gehörte; 4 so habe ich nun gedacht, ich wolle es deinem Ohr eröffnen und dir sagen: Kaufe es vor den Einwohnern und vor den Ältesten meines Volkes. Wenn du lösen willst, löse, und wenn du nicht lösen willst, so tue mir’s kund, dass ich es wisse; denn da ist niemand ausser dir zum Lösen, und ich komme nach dir. Und er sprach: Ich will lösen. 5 Da sprach Boas: An dem Tage, da du das Feld aus der Hand Noomis kaufst, hast du es auch von Ruth, der Moabitin, dem Weibe des Verstorbenen, gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken. 6 Da sprach der Blutsverwandte: Ich kann nicht für mich lösen, dass ich mein Erbteil nicht verderbe. Löse du für dich, was ich lösen sollte, denn ich kann nicht lösen.

Ruth 4, 1–6

Boas lässt (einmal mehr) seinen Worten Taten folgen: Er geht in die Stadt und wartet beim Tor, bis der Blutsverwandte vorübergeht. Er hält ihn auf, mit ihm zwei weitere – wohl als Zeugen (vgl. 2. Kor 13, 1) – und dann gleich noch zehn Älteste. Boas weiss, was er will, und er geht sehr zielstrebig vor. Dann, als alle anwesend waren, trug Boas sein Anliegen in einfachen Worten vor. Zunächst erwähnte er Ruth nicht. Vielmehr bot er dem Blutsverwandten an, das Feldstück Elimelechs zu lösen. Daran ist der Blutsverwandte durchaus interessiert. Doch als er danach erfährt, dass er dann auch Ruth lösen muss, lässt er es bleiben. Interessant ist auch in diesem Punkt die Vorgehensweise Boas’: Er zeigt dem Blutsverwandten nicht etwa erst die Verpflichtung auf, um ihm damit quasi das Feldstück «madig» zu machen und selbst zum Zuge kommen zu können. Das wäre die Vorgehensweise der meisten von uns, sind wir uns selbst doch stets am nächsten – näher als der Wille Gottes. Nein, Boas weist zuerst auf das gute Teil hin und erwähnt erst anschliessend, dass damit eine Verpflichtung einher geht. So kann der Blutsverwandte wirklich in Kenntnis aller Fakten entscheiden; denn, wenn man etwas Gutes gehört hat, hört man gerne noch weiter zu, was umgekehrt nicht der Fall ist.

Um nun zu verstehen, worum es in diesem Gespräch eigentlich ging, muss der Begriff des «Lösens» noch erklärt werden. Er wird in der Bibel in unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht, doch geht es im Grunde immer um Dasselbe. Im Zusammenhang mit Grundeigentum galt folgendes: Wenn ein Israelit verarmte und Grundeigentum verkaufen musste, das aber nicht ihm, sondern dem Herrn gehörte (3. Mose 25, 23), so sollte sein nächster Verwandter kommen und das Verkaufte lösen, das heisst wieder zurückkaufen, damit es in der Familie verbleiben konnte, wie vom Herrn gewollt (3. Mose 25, 25). In Bezug auf die Ehe galt, dass ein Israelit, dessen Bruder gestorben war, ohne einen Sohn zu zeugen, und eine Witwe hinterliess, verpflichtet war, diese Frau zu heiraten und mit ihr einen Sohn zu zeugen, der nach dem Namen des Verstorbenen genannt werden sollte (5. Mose 5. 6). Bei den grundsätzlichen Anordnungen hierzu wird der Begriff des Lösers nicht verwendet, doch wird im Buch Ruth auf diese Anordnungen Bezug genommen und ebendieser Begriff verwendet. Noch ein drittes Beispiel möchte ich anführen: «Und jedes Erstgeborene des Esels sollst du mit einem Lamm lösen, und wenn du es nicht löst, so brich ihm das Genick» (2. Mose 13, 13). Alle Erstgeburt gehörte dem Herrn (2. Mose 13, 12), aber die Erstgeburt des Esels, dieses störrischen Tiers, die wollte der Herr nicht haben. An ihrer Stelle sollte ein Lamm gegeben werden.

Wir sehen nun, dass der Löser nichts anderes als ein Stellvertreter ist: Wenn ein Israelit sein Eigentum nicht halten konnte, musste sein Verwandter als Löser für ihn einspringen, wenn ein Israelit starb, ohne Nachkommen zu zeugen, musste sein Bruder ihm als Löser Nachkommen erwecken, und anstelle des Esels musste ein Lamm als Löser gegeben werden. Anstelle von «Löser» könnte man auch den Begriff «Er-Löser» verwenden. All das wird besonders beim Beispiel des Esels deutlich: Ein Gott angenehmes Opfer muss anstelle des nicht angenehmen Opfers sterben. Gott will bekanntlich nicht, dass wir verloren gehen (1. Tim 2, 4), doch wir müssen sterben, wenn Sünde an uns gefunden wird (Röm 6, 23), was bei uns allen der Fall ist (Röm 3, 23). Wir sind ein Ihm unangenehmes Opfer, das Er nicht will. Es hat Ihm deshalb gefallen, einen Stellvertreter, ein Lamm, an unserer Stelle sterben zu lassen: «Am folgenden Tag sieht er Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!» (Joh 1, 29). Deshalb nennen wir den Herrn Jesus unseren Erlöser. Er hat sich für uns hingegeben, damit wir leben. Gepriesen sei Sein Name!

Verse 7–10

7 Dies aber geschah vordem in Israel bei einer Lösung und bei einem Tausche, um jede Sache zu bestätigen: der eine zog seinen Schuh aus und gab ihn dem anderen; und das war die Art der Bezeugung in Israel. 8 Und der Blutsverwandte sprach zu Boas: Kaufe für dich! Und er zog seinen Schuh aus. 9 Da sprach Boas zu den Ältesten und zu allem Volke: Ihr seid heute Zeugen, dass ich aus der Hand Noomis alles gekauft habe, was Elimelech, und alles, was Kiljon und Machlon gehörte; 10 und auch Ruth, die Moabitin, das Weib Machlons, habe ich mir zum Weibe gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken, dass nicht der Name des Verstorbenen ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tore seines Ortes. Ihr seid heute Zeugen!

Ruth 4, 7–10

Durch das damals in Israel anerkannte Zeichen – das Ausziehen des Schuhes ­– wurde die Lösung Ruths durch Boas endgültig, weshalb Boas zu den Ältesten und zu allem Volk (zweimal) sagen kann: «Ihr seid heute Zeugen!», was von ihnen denn auch bestätigt wird (Ruth 4, 11). Es handelt sich dabei um einen wichtigen Vorgang: Die Lösung Ruths wurde nicht einfach durch eine einseitige Erklärung von Boas endgültig, sondern erst durch die Anerkennung von Seiten des näheren Verwandten ­– beide Parteien mussten einverstanden sein.

Wenn wir dies auf die wunderbare, einzigartige, herrliche Tat unseres geliebten Herrn Jesus übertragen, so dürfen wir – mit aller nötigen Ehrfurcht ­– sagen, dass Sein Opfer keine Gültigkeit gehabt hätte, wenn nicht der Himmlische Vater dieses angenommen und als gültig erachtet hätte. Es ist, wiederum mit der nötigen Ehrfurcht geschrieben, nicht so, dass eine beliebige Person die göttliche Strafe anstelle auch nur einer anderen Person tragen könnte, sodass die andere Person von dieser Strafe befreit wird. Umso weniger kann sich irgendjemand für alle Menschen oder anstelle aller Menschen hingeben. Ein solches Opfer würde von Gott nicht akzeptiert, da es kein reines Opfer wäre. Egal, welche Stelle zu den Opfern man in der Bibel aufschlägt, immer wird man finden, dass nur vollkommene, reine Opfer von Gott anerkannt werden. Kommt hinzu, dass der Himmlische Vater selbst genau ein einziges Opfer vorgesehen hatte, nämlich Seinen eingeborenen Sohn, den Herrn Jesus Christus. Es war keine eigene Idee des Herrn Jesus, sich am Kreuz hinzugeben, sondern die Ausführung des göttlichen Willens, was besonders auch durch die herzensbewegende Szene im Garten Gethsemane hervorgehoben wird, als der Herr Jesus sprach: «Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst» (Mt 26, 39).

Ja, liebe Leser, es war der Wille Gottes, Seinen eingeborenen Sohn am Kreuz hinzugeben (Joh 3, 16), es war der bestimmte Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, dass es so geschah (Apg 2, 23), und es wurde zur bestimmten Zeit ausgeführt (Röm 5, 6). Es gibt keinen Zweifel daran (vgl. auch Hebr 10, 5–10). Deshalb hat dieses eine, einzige Opfer volle Gültigkeit (Hebr 10, 14. 15). Es ist, wie wenn der Himmlische Vater Seinen Schuh ausgezogen und dem Herrn Jesus gesagt hätte: «Kaufe für dich!» und wie wenn der Herr Jesus heute sagen könnte: «Ihr seid Zeugen!» Der Schuh wurde ausgezogen, als der Herr Jesus aus den Toten auferstanden ist: «Welcher unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist» (Röm 4, 25). Hätte dieses Opfer keine Gültigkeit gehabt, wäre noch eine einzige Sünde am Herrn Jesus haften geblieben, Er wäre nicht aus den Toten auferweckt worden. Nun ist Er aber – Ihm sei alle Ehre! ­– aus den Toten auferweckt worden, wofür es hunderte von Zeugen gab; «ihr seid Zeugen!» Gepriesen sei Sein herrlicher Name!

Liebe Leserin, lieber Leser, verstehen Sie diese Zusammenhänge? Und können Sie von sich selbst sagen, dass Sie davon Gebrauch machen durften? Haben Sie die Erlösung in dem Herrn Jesus in Besitz genommen? Falls nein, möchte ich nochmals mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Sie, wie wir alle, von Natur aus verloren sind und das Gericht Gottes, das so sicher kommt wie der Tod, zu fürchten haben, weil Gott in gerechter und heiliger Weise all Ihren Verfehlungen Rechnung tragen wird, dass Er aber auch Seinen einzigen Sohn am Kreuz hingegeben hat, damit Dieser die Strafe anstelle all derer trage, welche Seinen Namen im Glauben anrufen, dass Dieser am dritten Tage aus den Toten auferstanden ist, zur Rechten Gottes aufgefahren ist, von woher aus wir Ihn auch erwarten, und dass Sie vollkommene Vergebung für all Ihre Sünden erfahren können, wenn Sie nur Ihren bisherigen Wandel aus tiefstem Herzen bereuen und sich voll und ganz in Seine Hände begeben, damit Er nach Gnade mit Ihnen verfahre. Kehren Sie um zu Gott! Sie brauchen Ihn mehr als Sie vielleicht glauben!

Nur am Rande sei noch erwähnt, dass das Handeln Boas´ noch in anderer Weise vorbildlichen Charakter hat: Er erkaufte sich eine Moabiterin, wovon Israel Zeuge wurde. Auch der Herr Jesus hat sich eine Braut aus den Heidenvölkern erkauft (Eph 5, 25), wovon Israel Zeuge geworden ist (Röm 10, 19­–21). Die Gnade Gottes unterliegt keinen Grenzen, sondern dringt zu allen Menschen durch. Wie dürfen wir uns darüber freuen! Möchten doch noch viele Menschen in den Genuss dieser Gnade gelangen!

Verse 11.12

11 Und alles Volk, das im Tore war, und die Ältesten sprachen: Wir sind Zeugen! Der HERR mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und wie Lea, welche beide das Haus Israel erbaut haben; und werde mächtig in Ephrata und stifte einen Namen in Bethlehem! 12 Und von dem Samen, den der HERR dir von diesem jungen Weibe geben wird, werde dein Haus wie das Haus des Perez, welchen Tamar dem Juda geboren hat!

Ruth 4, 11.12

So wurden die Ältesten und das übrige Volk Zeugen von der Erlösung Ruths durch Boas. Niemand hätte Boas nun Ruth noch streitig machen oder sie von ihm trennen können, denn er hatte die Voraussetzungen, sie zu lösen, erfüllt, sie gelöst und dies öffentlich gemacht. Ja, und dasselbe ist wahr für die Braut des Herrn Jesus, die Er sich aus den Heidenvölkern erkauft hat (2. Kor 11, 2; Eph 5, 25) – sie kann Ihm nicht mehr genommen werden! Liebe Leser, es ist wahr, dass alle jene, die zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus gekommen sind, nie mehr von Ihm getrennt werden können; sie gehören für immer Ihm! Wir finden diese kostbare Tatsache beispielsweise in Joh 10, 27–30 und Röm 8, 31–39 festgehalten.

Das Volk gibt seinen Segen zur neu gestifteten Beziehung, indem es Boas und Ruth wünscht, dass ihre Familie ebenso gross und wichtig werde, wie jene von Jakob (bzw. Israel; mit Rahel und Lea) und Juda bzw. Perez. Die Wahl dieser beiden Familien ist interessant:

Zunächst werden Rahel und Lea erwähnt, die beides Frauen des Jakob (Israel) waren. Und zwar hatte Isaak, der Vater Jakobs, diesem geboten, sich eine Frau von den Töchtern Labans, eines Verwandten, zu nehmen (1. Mose 28, 1.2). Jakob verliebte sich augenblicklich in Rahel, eine der Töchter Labans, als er sie sah (1. Mose 29, 17.18), und diente dem Laban sieben Jahre um ihretwillen (1. Mose 29, 20). Doch Laban erwies sich als noch grösserer Betrüger als Jakob – er überlistete ihn, gab ihm Lea (1. Mose 29, 23–27) und verlangte sieben weitere Jahre Dienst für Rahel, welche Jakob dann auch leistete (1. Mose 29, 28–30). Weil Jakob Rahel aber mehr liebte als Lea, verschloss der Herr den Mutterleib der Rahel und öffnete jenen der Lea. Sie gebar dem Jakob dann Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon. Von Rahel erhielt Jakob später Joseph und Benjamin (bei dessen Geburt sie starb). Von den Mägden der beiden wurden Jakob sodann noch weitere Söhne geboren, insgesamt zwölf – die zwölf Stammväter Israels. Wie anders verhielt es sich bei der Geburt dieser zwölf Stammväter doch als mit der Geburt Isaaks! Letzteren hatten Abraham und Sarah allein durch Glauben erhalten, wie Leben aus den Toten, als Begründung einer einzig von Gott gestifteten, geistlichen Linie. Erstere entsprangen hingegen List und Intrigen (der Konkurrenzkampf zwischen Rahel und Lea zog sich durch die gesamte Ehe; vgl. 1. Mose 30) und wurden dem Jakob von insgesamt vier Frauen (Rahel, Lea und deren Mägden) geboren, was ganz gewiss nicht dem Willen des Herrn entsprach. Denn in 1. Mose 2, 24 – der ersten Erwähnung der ehelichen Verbindung von Mann und Frau – ist die Rede von einem Mann und einer Frau. Dies kann weiter auch aufgrund der Tatsache, dass die Ehe ein Bild von der Beziehung zwischen dem Herrn Jesus und Seiner Kirche ist, nachvollzogen werden.

Und wieviel beschämender ist noch die Geschichte von Juda, Tamar und Perez! Juda hatte Tamar seinem Erstgeborenen zur Frau gegeben, der aber wegen seiner Bosheit bald darauf vom Herrn getötet wurde. Der Zweitgeborene wollte seine Schwagerpflicht nicht erfüllen und wurde deshalb ebenfalls vom Herrn getötet. Daraufhin vertröstete Juda Tamar auf unbestimmte Zeit. Sie aber verkleidete sich bald darauf als Hure, zu der Juda dann einging, und gebar dem Juda zwei Söhne – einer davon Perez. Perez, einer der Vorfahren im Stammbaum des Herrn Jesus, also Ergebnis von Hurerei und List! Was könnte beschämender sein?

Doch wie sehr die Menschen, welche der Herr zur Umsetzung Seines Planes gebraucht, auch versagen mögen, die Erfüllung Seines Vorsatzes kann nicht verhindert werden. Ja, Er kann sogar solche, die nicht an Ihn glauben, gebrauchen, um Seinen Vorsatz zu erfüllen! Denken wir beispielsweise nur an Judas Iskariot, Herodes und Pilatus, die gerade mit ihrer Bosheit und der Auflehnung gegen Gott zur Erfüllung Seines ewigen Vorsatzes beitrugen! So finden wir in der Tatsache, dass dem Jakob zwölf Söhne von zwei Frauen (die Mägde ausgeblendet) geboren wurden, ein Vorbild auf das Verhältnis von Israel und Kirche zum Herrn Jesus. In Seiner Weisheit kann der Herr aus Versagen eine noch herrlichere Entfaltung Seiner Herrlichkeit hervorgehen lassen: Dieses Vorbild hätten wir heute nicht, wenn Jakob von Laban nicht «übers Ohr gehauen» worden wäre. Wahrlich, der Herr ist allmächtig; niemand kann Ihn auch nur an einer Sache hindern! Gepriesen sei Sein grosser, mächtiger Name! Amen.

Verse 13–16

13 Und Boas nahm Ruth, und sie wurde sein Weib, und er ging zu ihr ein; und der HERR verlieh ihr Schwangerschaft und sie gebar einen Sohn. 14 Und die Weiber sprachen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht hat fehlen lassen an einem Löser! Und sein Name werde gerühmt in Israel! 15 Und er wird dir ein Erquicker der Seele sein und ein Versorger deines Alters! Denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die dir besser ist als sieben Söhne. 16 Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoss und wurde seine Wärterin.

Ruth 4, 13–16

Welch herrlicher, herzergreifender Abschluss des Buches Ruth, der Geschichte von Noomi, Ruth und Boas! Ja, Boas hatte nicht geruht, bis er die Sache zu Ende geführt hat, und er führte sie auch zu Ende, erlöste sich Ruth als seine Frau und nun nahm er sie zu sich. Wie der Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort (Eph 5, 25.27), wie die Kirche einem Mann verlobt wurde (2. Kor 11, 2), wie sie dereinst aus dem Himmel von Gott herabkommen wird, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut (Offb 21, 2), um für immer in inniger, glücklicher Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu sein, so dufte Ruth am Ende in die völlige Gemeinschaft mit Boas geführt werden. Wie bewegt das alle, die den Herrn Jesus lieb haben! Müssen wir nicht gleich einstimmen und rufen: «Amen, komm, Herr Jesus!» (Offb 22, 20)?

Beachten wir, dass Boas Ruth nahm und dass er zu ihr einging. Er hatte sie erlöst, er hatte die Sache zu Ende geführt, er hatte sie sich zur Frau gewählt und deshalb nahm auch er sie und ging er zu ihr ein. Wie hätte Ruth Boas nehmen und zu ihm eingehen können? Es wäre unmöglich gewesen, denn: «Es soll kein Ammoniter noch Moabiter in die Versammlung des HERRN kommen; auch das zehnte Geschlecht von ihnen soll nicht in die Versammlung des HERRN kommen ewiglich» (5.Mose 23, 3). Darüber hinaus war Ruth eine arme, unfruchtbare Witwe – wie hätte sie die Verbindung zum reichen Boas herstellen können? Was hätte sie ihm bieten können? Nichts, rein gar nichts!

Wir haben es schon gesehen, aber es muss nochmals mit aller Deutlichkeit erwähnt werden: Wir kommen nicht zum Herrn Jesus, indem wir Ihm etwas von uns geben; wir können die Verbindung zu Ihm nicht herstellen, denn wir sind tot in unseren Vergehungen und Sünden (Eph 2, 1). Aber Er ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19, 10). Er hat sich hingegeben, um uns zu erlösen, und Er hat uns bei unserem Namen gerufen! Wir haben lediglich Seine errettende Hand ergriffen, sind Seinem Ruf gefolgt. Wir können Ihm nichts bieten, aber Er ist alles für uns, ist der «Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal 2, 20). Anbetungswürdiger Heiland!

Der Verbindung zwischen Boas und Ruth entspringt sogleich Frucht: Die zuvor unfruchtbare Ruth (sie hatte ihrem ersten Mann kein Kind geboren) wird fruchtbar und gebiert einen Sohn. Ja, wahre Frucht, Frucht für Gott, bringen wir nur in Verbindung mit dem Herrn Jesus (Joh 15, 1–8). Was wir dem Herrn hinlegen können, sind nur fünf Brote und zwei Fische, aber Er kann damit fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder, speisen, und es bleiben zwölf Handkörbe voll übrig! Möge der Herr uns doch eine rechte Vorstellung davon schenken, was Frucht von Ihm und für Ihn ist, und was unser bescheidener Anteil daran ist, damit wir lernen, demütig zu sein und nicht zu gross von uns zu denken.

Der Segen, an dem Ruth beteiligt wird, fliesst aber nicht nur zu ihr, sondern auch weiter, insbesondere zu Noomi. Der Sohn Ruths wird als Löser von Noomi bezeichnet, als Erquicker ihrer Seele und Versorger ihres Alters. So soll es auch bei allen sein, die den Herrn Jesus kennen und lieben: Aus ihren Leibern sollen Ströme lebendigen Wassers fliessen (Joh 7, 38), zur Erquickung ihrer Nächsten. Dies war, wie wir gesehen haben, bei Ruth der Fall, und – das scheint mir ein sehr bedeutendes Detail zu sein – es wurde von den übrigen wahrgenommen. Die Frauen von Israel sprechen von der Schwiegertochter, «die dich liebt». Kann man das von uns auch sagen? Wird durch unseren Wandel, insbesondere durch unseren Umgang mit unseren Nächsten und besonders unseren Geschwistern im HERRN deutlich, dass wir sie lieben? Dass die Liebe Gottes zu uns gelangt ist und von uns aus weiterströmt? Diese Fragen sind ernst, denn daran werden alle erkennen, dass wir die Jünger des Herrn Jesus sind, wenn wir Liebe untereinander haben (Joh 13, 35). Wer liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott (1. Joh 4, 7), und die Folge der Liebe zu Gott ist die Liebe zu den Geschwistern (1. Joh 5, 2), denn sie sind ja auch Sein. Deshalb, lasst uns nach dieser Liebe trachten, lasst uns den HERRN vermehrt suchen, wenn es uns an dieser Liebe mangelt und sie nicht wahrgenommen werden kann!

Verse 17–22

17 Und die Nachbarinnen gaben ihm einen Namen, indem sie sprachen: Ein Sohn ist der Noomi geboren! und sie gaben ihm den Namen Obed. Er ist der Vater Isais, des Vaters Davids. 18 Und dies sind die Geschlechter des Perez: Perez zeugte Hezron, 19 und Hezron zeugte Ram, und Ram zeugte Amminadab, 20 und Amminadab zeugte Nachschon, und Nachschon zeugte Salma, 21 und Salmon zeugte Boas, und Boas zeugte Obed, 22 und Obed zeugte Isai, und Isai zeugte David.

Ruth 4, 17–22

Wir wollen dieses Geschlechtsregister mit jenem des Herrn Jesus gemäss Mt 1, 3–6 vergleichen:

3 Juda aber zeugte Phares und Zara von der Thamar; Phares aber zeugte Esrom, Esrom aber zeugte Aram, 4 Aram aber zeugte Aminadab, Aminadab aber zeugte Nahasson, Nahasson aber zeugte Salmon, 5 Salmon aber zeugte Boas von der Rahab; Boas aber zeugte Obed von der Ruth; Obed aber zeugte Jesse, 6 Jesse aber zeugte David, den König. David aber zeugte Salomon von der, die Urias Weib gewesen.

Mt 1, 3–6

Anhand dieser zehn ausgewählten Männer erkennen wir, dass Ruth eine sehr grosse Gnade widerfahren ist: Sie, die einst zu den Feinden Israels gehört hatte, durfte nach der Vereinigung mit Boas einen Sohn gebären, aus dessen Samen zuletzt der Herr Jesus als der König und Erlöser Israels und der Nationen, wie Er im Matthäus-Evangelium vorgestellt wird, hervorgegangen ist. Ruth, die einst fern war, ist also in die nächste Verbindung mit dem HERRN geführt worden. So wurde sie, die Gott geehrt hatte, wiederum geehrt (vgl. 1. Sam 2, 30). Wahrlich, gross ist die Gnade des HERRN!

Interessanterweise erwähnt das Geschlechtsregister des Herrn Jesus neben den männlichen Vorfahren auch vier Frauen, auf die auch bereits in Ruth 4, 17–22 hinweist: Tamar, Rahab, Ruth und Bathseba. Es soll gänzlich unüblich sein, Frauen in jüdischen Stammbäumen zu erwähnen, und gewiss hätte sich jeder davor gescheut, drei Frauen, die in Verbindung mit Hurerei gebracht werden müssen (Tamar gab sich als Hure aus, Juda ging zu ihr ein; Rahab war eine Hure; Bathseba gebar dem David Salomo als Folge eines Ehebruchs von seiner Seite), und eine Frau aus dem Volk der erbittertsten Feinde Israels im könglichen Geschlechtsregister des Herrn Jesus zu erwähnen. Aber Seine Gnade ist stärker als jedes menschliche Versagen; wo Menschen versagt haben, kann Er Seine Pläne trotzdem umsetzen und – wenn Er will – noch besser zur Entfaltung bringen. Wir haben das schon oben gesehen.

Das Buch Ruth endet also wahrlich mit einer herrlichen Entfaltung der Gnade und der Segnungen des HERRN. Es ist herzergreifend zu lesen, wie die arme Noomi leer und in Begleitung einer moabitischen Witwe nach Israel zurückkehrt, wie sich Boas dieser so treuen und um das Wohl ihrer Schwiegermutter besorgten Witwe annimmt, sie segnet und zuletzt trotz aller Schwierigkeiten zu sich nimmt, um sie Teil des Stammbaumes des wahren Boas, des Herrn Jesus, werden zu lassen. Liebe Leser, auch Ihr Leben kann so verlaufen! Wenn Sie erkennen, dass Sie vor Gott leer sind, Ihm nichts geben können, was Ihnen einen Anspruch gegenüber Ihm verschafft, wenn Sie einsehen, dass Ihr Leben in falschen Bahnen verlaufen ist und auf eine Sackgasse zusteuert – die Gnade Gottes kann allen Umständen und Widrigkeiten begegnen; wenn Sie sich nur im Vertrauen auf Ihn werfen, wird Er sie aus der Auswegslosigkeit herausführen und auf grüne Auen und zu stillen Wassern bringen. Geben Sie Ihr Leben in Seine Hände! «Befiehl dem HERRN deinen Weg und vertraue auf ihn! und er wird handeln» (Ps 37, 5). Amen.