Bibelkommentare

Erklärungen zur Bibel

Der Brief an Philemon

Einleitung

So kurz der Brief an Philemon ist, so gross ist seine Bedeutung. Es handelt sich um einen persönlichen Brief von Mann zu Mann, der auf den ersten Blick nichts zu enthalten scheint, das zur christlichen Lehre beiträgt. Tatsächlich findet man keine Regeln oder Grundsätze für das christliche Leben. Völlig vergebens wird man nach hohen Prinzipien und geistlichen Theorien suchen. Aber was dieser Brief enthält, was ihn so auszeichnet, ist, dass er in einer ganz praktischen, alltäglichen Weise veranschaulicht, was das christliche Leben vom Anfang bis zum Ende ganz und gar auszeichnen sollte: Die Liebe zu Gott und zu den Nächsten, vor allem zu den Hausgenossen Gottes. Der Herr Jesus selbst hatte erklärt, dass das ganze Gesetz und die Propheten darin enthalten seien: Liebe Gott mit ganzer Kraft und von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Im Brief an Philemon sehen wir eindrücklich, wie sich dies in einer alltäglichen Situation darstellen kann.

Die Geschichte hinter diesem Brief ist folgende: Philemon war ein treuer, ausgezeichneter Christ, in dessen Haushalt Sklaven lebten. Einer dieser Sklaven, Onesimus, hatte ihn wohl bestohlen und war dann geflohen, der zu unterstellenden Gnade und Milde seines Herrn gewissermassen ins Gesicht spuckend. Seine Flucht führte ihn nach Rom, wo er auf den gefangenen Paulus traf. Durch diesen durfte er die heilsbringende Gnade Gottes vorgestellt bekommen und zu Gott zurückkehren. Nun sandte ihn Paulus, alle Ordnungen wohl beachtend, wieder zu Philemon zurück, in der Hand eine Bittschrift für ihn, Onesimus. Paulus verwandte sich darin als Mittler zwischen Philemon und Onesimus und bat Philemon aber auch, ihm Onesimus wieder zurück zu schicken, ihn also aus dem Sklavendienst zu entlassen. Die Art und Weise, wie sich Paulus für Onesimus verwandte und wie er Philemon um diesen Gefallen bat, ist eine herausragende Veranschaulichung der alles übersteigenden, wahren Liebe zu Gott und zu den Nächsten. Onesimus war ganz und gar im Unrecht, Philemon war völlig gerecht und in seinen Ansprüchen grob verletzt worden, Paulus hätte aber als Apostel verbindliche Anordnungen treffen und über das alles hinweg gehen können. Aber nein, er suchte, das Herz Philemons für sein Anliegen (das eigentlich das Anliegen Onesimus’ war) zu gewinnen, und bewies dabei, wie sehr er Onesimus und Philemon mit der Liebe Gottes, die die menschliche Liebe weit übersteigt, liebte. Darin erinnert er an Christum, der, den verletzten Ansprüchen des Vaters in den Himmeln voll und ganz Rechnung tragend, sich für Schuldige verwendet hat. Kein Anspruch Gottes wurde verletzt, aber doch wurde alles durch die Liebe wieder gut gemacht – ja, weit mehr als gut!

Eindrücklich zeigt dieser Brief also auf, was den christlichen Glauben auszeichnet. Es sind nicht Regeln oder Grundsätze, es ist keine bestimmte Moral, sondern es ist die Liebe. Nur wer durch die Liebe Christi in den Schoss des Vaters in den Himmeln, der die Menschen so sehr liebt, zurück gekehrt ist, ist fähig, in den Beziehungen zu seinen Nächsten eine ebensolche Liebe zu beweisen. Wäre dies bei Paulus nicht der Fall gewesen, hätte er keineswegs einen solch ergreifenden Brief verfassen können. Dies kann nur durch die göttliche Liebe getrieben möglich gewesen sein.

Kapitel 1

Vers 1

Paulus, ein Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, Philemon, dem Geliebten und unserem Mitarbeiter,

Phlm 1,1

Paulus war ein ausgezeichneter Apostel, dessen Befehl jeder Christ unbedingt hätte Folge leisten müssen. Zur Ermahnung von Versammlungen benutzte er diese Autorität, denn sie war notwendig, um die Geschwister wieder auf den rechten Weg zurück zu bringen (vgl. Röm 1,1; 1.Kor 1,1; 2.Kor 1,1; Gal 1,1; Eph 1,1; Kol 1,1; 1.Tim 1,1; 2.Tim 1,1; Tit 1,1). Hier aber wies er ganz bewusst nicht auf seine Autorität hin, denn damit hätte er Philemon gezwungen, so zu handeln, wie er wollte. Dies wäre ganz und gar nicht in seinem Sinne gewesen, denn – wie Gott – wollte er keine Nachfolger, die sich einfach an gewisse Regeln halten, sondern er wollte vielmehr das Herz Philemons gewinnen. Deshalb demütigte er sich bereits in seiner Anrede. Er bezeichnete sich nicht als Apostel, sondern als Gefangener. Bezeichnend ist, wie er die Führung Christi akzeptierte, denn er bezeichnete sich nicht als Gefangener der Römer (was er war), sondern als Gefangener Christi Jesu – denn der Herr hatte ihn in die Gefangenschaft geführt und nicht daraus befreit (wie es etwa bei Petrus der Fall gewesen war).

Liebe Leser, glauben Sie bitte nicht, Gott wolle Leute um sich haben, die einfach tun, was Er sagt. Wenn Sie meinen, das christliche Leben sei eine moralische Ordnung, ein System von Geboten und Verboten, dann liegen Sie völlig falsch. Ja, Sie könnten kaum falscher liegen! Der christliche Glaube zeichnet sich durch die Liebe zwischen Gott und den Menschen aus, die freilich innerhalb gewisser Ordnungen ausgelebt werden soll, aber bei allen Regeln und Grundsätzen doch stets das hervorragendste Element des christlichen Glaubens bleibt. Die Pharisäer haben alle Regeln des Gesetzes streng beachtet und sogar die Küchenkräuter verzehntet. Ihnen fehlten aber diese Liebe und die daraus entspringende Geisteshaltung (Recht, Barmherzigkeit, Glauben; vgl. Mt 23,23), weshalb der Herr sie scharf tadelte. Ein Mensch, dessen Herz nicht Gott gehört, kann noch so fleissig und fromm sein – er ist kein Christ und arbeitet vergebens. Gott befiehlt den Menschen daher nicht mit einer unwiderstehlichen Autorität, zu Ihm zurück zu kehren. Nein, Er bittet sie, wo sie doch eigentlich Ihn bitten müssten.

Vers 2

und Apphia, der Schwester, und Archippus, unserem Mitkämpfer, und der Versammlung in deinem Haus:

Phlm 1,2

Liebe Leser, es gibt Spötter, die meinen, zumindest einige Verse in der Bibel seien überflüssig und gewissermassen nicht wert, ein Teil des Wortes Gottes zu sein. So fragen sie beispielsweise, was die Aufforderung des Apostels Paulus an Timotheus, seinen Mantel aus Troas mitzubringen (2.Tim 4,13), in der Bibel zu suchen habe. Solche Spötter könnten auch fragen, was denn der Brief an Philemon in der Bibel verloren habe, zumal er ja bei einer oberflächlichen Betrachtung keine Lehrsätze zu enthalten scheint. O, wie anmassend! Wer sind wir Würmer, dass wir meinen, darüber bestimmen zu können, was Gott uns zu sagen hat und was nicht? Wie lächerlich sind doch solche Mutmassungen! Wissen Sie, was der Herr in den Himmeln macht, wenn sich alle Könige der Erde gegen Ihn und gegen Seinen Gesalbten versammeln? «Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer» (Ps 2,4). Oder was denken Sie, wie eine Gerichtsverhandlung zwischen Gott und einem Menschen (wenn es dem Menschen überhaupt zustünde, Gott vor Gericht zu zerren) verlaufen wird? «Wenn er Lust hat, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten» (Hiob 9,3). «Darf wohl der Ton zu seinem Bildner sagen: Was machst du?» (Jes 45,9). Wie lächerlich ist es, wenn ein Tonklumpen meint, er könne dem Schöpfer und Erhalter allen Lebens vorschreiben, was Er zu tun und zu lassen habe! Seien wir lieber froh, dass der Herr Seinen Geist nicht zurückzieht! «Wenn er sein Herz nur auf sich selbst richtete, seinen Geist und seinen Odem an sich zurückzöge, so würde alles Fleisch insgesamt verscheiden und der Mensch zum Staub zurückkehren» (Hiob 34,14.15). «Siehe, sogar der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein in seinen Augen: wie viel weniger der Mensch, der Wurm, und das Menschenkind, die Made!» (Hiob 25,5.6).

Um wieder zum Vers zurück zu kommen: Der Brief des Apostels Paulus war zwar nicht in apostolischer Sache (wenn man dies so nennen könnte) verfasst worden und richtete sich bloss an Philemon betreffs einer ihn persönlich berührenden Sache, aber er ist doch von grossem allgemeinen Nutzen. Deshalb hat es dem Geist Gottes gefallen, dem Brief gewissermassen Sein göttliches Siegel aufzuprägen und ihn Eingang in den biblischen Kanon finden zu lassen. Paulus richtete seinen Brief denn auch nicht bloss an Philemon, den Geliebten und Mitarbeiter (welch schöne Auszeichnungen für einen treuen Diener Gottes!), sondern auch an Apphia, die Schwester (wohl die Frau Philemons), an Archippus, den Mitkämpfer (ebenfalls ein schöner Ehrentitel) und die Versammlung im Hause Philemons. Wüssten wir mit Gewissheit, dass Apphia die Frau Philemons und Archippus dessen Sohn waren, könnten wir den Brief, wenn er an diese drei gerichtet gewesen wäre, als persönliches Schreiben an die betroffene Familie ansehen. Der Brief war aber auch an die Versammlung gerichtet, der Philemon offenbar sein Haus für die Zusammenkünfte zur Verfügung stellte. Alle Gläubigen sollten von dieser Sache erfahren und die Worte Pauli vernehmen. Kann man da noch von einer persönlichen Angelegenheit sprechen, die die Kirche Jesu Christi nicht zu interessieren hätte? Ich denke nicht. Wie einleitend ausgeführt wurde, stellt dieser Brief ein äusserst anschauliches, herzergreifendes Lehrstück dafür dar, wie die wahre Liebe Gottes im Alltag erkennbar sein kann. Paulus zeigt vor, wie diese Liebe in einer üblen Sache alles mehr als bloss wiederherstellen und gut machen kann, wie die Liebe über alles andere, über alle niederen Umstände und Geschehnisse, triumphieren kann. Davon können wir nie genug haben! Sehen Sie sich doch einmal um, liebe Leser: Wie selten sind doch die Gelegenheiten, bei denen Gottes Liebe im Umgang der Geschwister miteinander sichtbar wird! Wer den Brief an Philemon aufmerksam gelesen und verstanden hat, wird mir beipflichten: Jeder von uns hat in dieser Sache noch sehr viel zu lernen.

Vers 3

Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Phlm 1,3

Dieser Vers ist die Bestätigung dafür, dass der Brief nicht an Philemon allein gerichtet war. Die – schöne, ernst gemeinte und nicht bloss dahin geschriebene – Grussformel: «Gnade euch und Friede von Gott» ist auch in den anderen, «offiziellen» Briefen des Apostels Paulus zu finden (Röm 1,7; 1.Kor 1,3; 2.Kor 1,2; Gal 1,3; Eph 1,2; Phil 1,2; Kol 1,2; 1.Thess 1,1; 2.Thess 1,2; 1.Tim 1,2; 2.Tim 1,2; Tit 1,4). Paulus eröffnete den Brief also so wie seine Briefe an die verschiedenen Versammlungen und seine Mitarbeiter. Abgesehen von diesem Hinweis enthält der Brief an Philemon aber keinerlei Andeutungen auf die apostolische Stellung Pauli oder daraus folgende Pflichten der angeschriebenen Versammlung bzw. Personen. Dies stünde auch in einem wesentlichen Widerspruch zum Charakter des Briefes. Dieser einzige Hinweis sollte jedem aufrichtigen Herzen aber genug sein (zumal in Verbindung mit der Tatsache, dass der Brief in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen worden ist), alles ernst und als von Gott gekommen anzunehmen, was darin geschrieben ist. Bedenken wir: Nicht wir beurteilen die Heilige Schrift – die Heilige Schrift beurteilt uns (vgl. Hebr 4,12.13).

Der Brief an Philemon war an Gläubige gerichtet, also an Menschen, die das grosse Opfer Jesu Christi im Glauben für sich in Anspruch genommen hatten und zu Gott umgekehrt waren, also Frieden mit Gott geschlossen und Seine Gnade erfahren hatten. Trotzdem wünschte Paulus immer, wenn er einen Brief schrieb, diesen Menschen Gnade und Friede von Gott. Weshalb? Ganz einfach: Das Reich Gottes ist zwar bereits angebrochen und überall dort zu finden, wo Menschen an Ihn glauben. Unter diesen Menschen herrscht (oder: sollte herrschen) Friede und Gnade. Davon abgesehen ist das Reich Gottes aber noch nicht in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet worden. Nach wie vor ist der Teufel der Herr und Gott dieser Welt, nach wie vor herrschen Sünde und Tod über die Menschen. Auch die Gläubigen befinden sich deshalb in widrigen Umständen, gewissermassen unter feindlicher Besatzung. Der Alltag kann die kostbaren Früchte des Glaubens wie Dornen und Disteln überwuchern und ersticken, weshalb wir Christen nicht nur auf die grundlegende Gnade und den grundlegenden Frieden von Gott angewiesen sind, sondern jeden Tag neue Gnade und jeden Tag neu den inneren Frieden von Gott benötigen. Bitte denken Sie nicht, wenn Sie morgens aufstehen, es sei ja alles gut und der kommende Tag könne nichts Schlechtes bringen! Irren Sie sich bitte nicht! Bitten Sie Gott jeden Morgen neu um Seine Gnade und um Seinen Frieden! Beides benötigen Sie dringend.

Noch ein kurzes Wort zu den Personen Gottes (das lateinische Wort persona kann auch Maske oder Erscheinungsbild bedeuten). Wir Christen dürfen – welch Gnade! – Gott als unseren himmlischen Vater kennen. Er liebt uns wie ein Vater seine Kinder liebt und wir dürfen eine innige Gemeinschaft mit Ihm haben wie sie Kinder mit ihrem Vater haben dürfen. Der Herr Jesus Christus ist ebenso Gott wie es der Vater in den Himmeln ist, bloss in einer etwas anderen Erscheinung. In Ihm sehen wir nicht unseren Vater (Er nennt uns auch Seine Brüder), sondern mehr unseren Herrn und Gebieter. Er ist der gute Hirte, der uns auf grüne Auen führt, Er ist unser grosses Vorbild, Er ist das Haupt, das den Leib lenkt. Die dritte Person Gottes, der Heilige Geist, wird in der Bibel nie direkt angesprochen oder in solchen «ansprechähnlichen» Formeln mit erwähnt, obwohl Er genauso eine Person Gottes ist wie der Vater und der Sohn. In Ihm sehen wir aber eher die Kraft und Wirksamkeit Gottes, auch in uns. Unser Geist unterhält über den Geist Gottes die Beziehung zum Vater und zum Sohn. Der Geist Gottes ist es auch, der uns lehrt und unterweist. Er ist in diesem Zeitalter die Kraft Gottes, die auf Erden wirksam ist. Er ist auch die Kraft, die die Offenbarung des Geheimnisses der Gesetzlosigkeit zurückhält (vgl. 2.Thess 2,10). Es ist gut, wenn wir uns bewusst machen, in welchen Beziehungen wir zu den Personen Gottes stehen. Dies wird uns helfen, in verschiedenen Situationen die rechte Anrede oder die richtigen Worte zu finden. Dabei geht es allerdings nicht um etwas Mysthisches oder gar Magie-Ähnliches; auch brauchen wir uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es in einer Situation nun angemessener sei, Gott als Vater oder als Herrn anzusprechen. Es geht bloss (aber immerhin) darum, Gott auch dadurch die rechte Wertschätzung entgegen zu bringen, dass wir uns bewusst machen, in welchen Beziehungen wir zu Ihm stehen, was Er für uns alles ist, und was jeweils der rechte «Ehrentitel» ist, mit dem wir Ihn ansprechen können.

Vers 4

Ich danke meinem Gott, indem ich dich allezeit erwähne in meinen Gebeten,

Phlm 1,4

Wenn der Apostel Paulus im Gebet an Philemon dachte, dann nicht in Kummer und Sorgen, sondern mit Dank. Philemon war also kein «Problemkind», für das gefleht werden musste, es möge doch bitte endlich den rechten Weg finden, sondern ein treuer Diener Christi, an den man mit Danksagung denken konnte. Umso schwerer wog deshalb das Unrecht, das sein Sklave Onesimus getan hatte. Für einen Sklaven, der einen ungerechten und harten Herrn bestiehlt und dann flieht, hat man ein gewisses Verständnis. Für einen Sklaven, der unter einem guten, frommen Herrn dient, hat man dagegen kein Verständnis, wenn er diesen Herrn bestiehlt und dann flieht. Obwohl der Apostel Paulus sich im Brief an Philemon in Liebe für Onesimus einsetzte, schmälerte er mit keinem einzigen Wort das Unrecht, das dieser verübt hatte. Darin widerspiegelt sich der Charakter Gottes: Nie wird Er auch nur über die kleinste Verfehlung hinweg sehen, nie ein Auge zudrücken. Dies liesse sich mit Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit keineswegs vereinbaren. Seine Liebe ist aber ebenso gross, weshalb Er einen Weg gesucht und gefunden hat, alle Verfehlungen bis zum letzten mü* (* Der griechische Buchstabe mü wird als Präfix vor Einheiten verwendet, und zwar als Abkürzung für «mikro(n)», was für eine enorme Verkleinerung steht. «Bis zum letzten mü» bedeutet also in etwa: «bis auf den kleinsten Rest».) zu sühnen und uns gleichzeitig in Liebe von der Strafe zu befreien. Hätte Er uns für unsere Sünden allesamt in die Hölle werfen müssen, hätte der Teufel in einem gewissen Sinne triumphiert, weil er es geschafft hätte, Gott zu zwingen, Seine Schöpfung ausnahmslos in die ewige Verdammnis zu senden. Die Liebe hat aber über dies alles triumphiert und den Teufel und dessen Schergen öffentlich bloss und zur Schau gestellt. Die wahre Liebe triumphiert über alles, ohne irgendeine Verfehlung zu leugnen. Die wahre Liebe sagt nicht: «Ich sehe nicht hin!», sondern vielmehr: «Ich weiss um alles – und dennoch liebe ich!» Liebe Leser, vielleicht waren Sie auch schon einmal verliebt. In diesem Zustand erschien Ihnen Ihr Gegenüber makellos und perfekt. All die kleinen Dinge, die nicht perfekt waren, haben Sie in Ihrem Rausch gar nicht bemerkt. Irgendwann folgte aber die Ernüchterung. Der Rausch verflog und Sie erkannten, dass Ihr Gegenüber auch Mängel und Makel hat. Entweder haben Sie sich dann enttäuscht von dieser Person abgewandt oder Sie haben sich dafür entschieden, diese Person trotz ihrer Mängel zu lieben. Ich behaupte: Im zweiten Fall haben Sie erst ab dem Zeitpunkt dieser Entscheidung begonnen, zu lieben. Die wahre Liebe, die Liebe Gottes, ist kein blinder Rausch, sondern ein bewusster Entscheid in Kenntnis aller negativen Dinge. Diese Liebe sehen wir auch in diesem Brief, denn Paulus schmälert weder die Vollkommenheit Philemons noch das Unrecht Onesimus’ und sucht trotzdem, die Liebe Philemons zu Onesimus zu wecken. Dies – Liebe in Kenntnis aller Fehler – ist es, was Gott meint, wenn Er sagt: «Hass erregt Zwietracht, aber Liebe deckt alle Übertretungen zu» (Spr 10,12); und: «Die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden» (1.Petr 4,8). Diese Verse sind nicht so zu verstehen, dass die Liebe die Sünden nicht sieht, sondern im Gegenteil so, dass die Liebe alles weiss – und doch stärker ist. Nur Gott kann der Sünde in vollkommener Gerechtigkeit begegnen und vollkommen lieben, nur bei Ihm und durch Ihn können sich Gerechtigkeit und Frieden küssen (Ps 85,11). Gepriesen sei Er in alle Ewigkeit! Amen.

Vers 5

da ich höre von deiner Liebe und von dem Glauben, den du an den Herrn Jesus und die du zu allen Heiligen hast,

Phlm 1,5

Paulus hatte gute Gründe, in seinen Gebeten für Philemon zu danken, denn Philemon hatte sich offenbar durch eine besondere Liebe und einen besonderen Glauben ausgezeichnet. Paulus hatte von diesen lobenswerten Eigenschaften des Philemon gehört, was nichts anderes bedeutet, als dass das (positive) Gerücht von Philemon grosse Kreise gezogen und die Runde gemacht hatte. Liebe Leser, welche Gerüchte machen über uns die Runde? Sind wir dafür bekannt, eine besondere Liebe zu den Menschen und zu Gott zu haben, zeichnen wir uns durch einen besonders starken Glauben aus oder unterhält man sich über unsere faulen Worte und negativen Eigenschaften? Sind wir «für Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen» (2.Kor 2,15)? Oder geht bloss modriger, fauliger Gestank von uns aus? Unterschätzen wir nicht die Wirkungen unserer Worte und Taten. Unsere Nächsten beobachten uns wohl genauer, als uns lieb ist, weshalb das, was wir sagen und tun, unweigerlich die Runde machen wird. Das Gerücht von Philemons Liebe und Glaube machte nicht die Runde, weil er hie und da nett gewesen war. Nein, er musste sich dutzendfach durch tatkräftige Liebe und Glauben ausgezeichnet haben, bevor dies die Runde machen konnte. Einmal mehr ist zu betonen, dass wir keine Hobby-Christen sein können. Der christliche Wandel muss unser Leben bestimmen. Wir können nicht am Sonntagmorgen Christen sein und dies dann ab Montag wieder ablegen. Auch wenn wir arbeiten (wir sollen unsere Arbeit perfekt erledigen) und Ehemann und Vater sind (wir sollen perfekte Ehemänner und Väter sein), soll dies gewissermassen bloss wie nebenher laufen, während wir in allererster Linie Christen bleiben, also mit Gott verbunden sind und uns von Ihm führen lassen. Wir können nicht in erster Linie Arbeiter und bloss nebenbei Christen sein, wenn wir arbeiten. Es muss umgekehrt sein. Genauso wenig können wir eine Weile lang einen frommen Wandel an den Tag legen und uns dann gewissermassen «zurücklehnen». Unsere Einstellung muss sich grundlegend ändern, sodass wir gar nicht mehr anders können. Solange wir nicht einen so grundlegenden Wandel durchgemacht haben, sind wir oberflächlich in Bezug auf Gott.

Mit einer einmaligen Entscheidung ist es natürlich nicht getan. Im Laufe der Zeit werden wir, wenn wir diesen Weg wirklich gehen wollen, feststellen, dass wir uns in einem fortwährenden, lebenslangen Umwandlungsprozess befinden, der kein Ende nimmt. Haben wir eine Lektion gelernt, steht bereits die nächste Lektion an. Was vor fünf Jahren noch nicht beanstandet worden ist (weil wir zuerst anderes zu lernen hatten), wird jetzt als ungenügend beanstandet usw. usf. Da kann natürlich der Gedanke aufkommen: «Ja, reicht es denn nie?» Die göttliche Antwort darauf lautet zwar: «In diesem Leben nicht, nein», aber der Herr gibt keinen Anlass zur Verzweiflung. Wenn wir eine Lektion gelernt haben, geht Er nicht darüber hinweg oder lässt uns gewissermassen fühlen, wir hätten nun endlich gelernt, was wir schon vor Jahren hätten wissen müssen. Nein, auch wenn es weiter gehen muss, lässt Er uns doch fühlen, dass Er Freude hat, wenn wir wieder einen Schritt mehr gemacht haben. Was immer auch anerkennenswert sein mag, wird von Ihm gelobt, wo immer Er uns auferbauen und ermuntern kann, tut Er es. Mögen unsere Fortschritte noch so klein sein, Er nimmt Notiz davon und erwähnt und lobt sie. Er ist eben kein Sklaventreiber, der immer mehr und mehr fordert, sondern ein guter Lehrer, der Seine Schüler liebt und sie auf die bestmögliche Weise anspornt, um das Optimum für jeden Einzelnen zu erreichen. Liebe Leser, vielleicht haben sie eine Vorstellung davon, welches Ziel sie gegen Ende Ihres Lebens einmal erreichen wollen – Gottes Ziel für Sie ist tausendfach höher! Wenn Sie sich Ihm völlig hingeben, wird Er Sie viel, viel weiter führen, als Sie es je für möglich gehalten hätten! Amen.

Vers 6

dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Anerkennung alles Guten, das in uns ist gegen Christus Jesus.

Phlm 1,6

Wenn der Apostel Paulus von allem Guten spricht, das in uns (Christen) ist, was meint er dann? Heisst das, der Mensch ist doch nicht von Natur aus tot in seinen Sünden und Vergehungen (das heisst geistlich zu nichts nutze), das Fleisch doch nicht durch und durch verdorben? Nein, gewiss nicht. Hie und da schimmert zwar bei vielen Menschen etwas vom Bilde Gottes durch. Menschen können gütig und edel sein und durch ihre Handlungen etwas zum Ausdruck bringen, das uns unweigerlich an die herrlichen Charakterzüge Gottes erinnert. Bloss, in Bezug auf Gott und Seine Rechtsforderungen ist alles, was der Mensch aus sich selbst heraus bewirken kann, ungenügend und untauglich. Gute Taten finden zwar durchaus Anerkennung bei Gott (wer in der grossen Drangsal einem Gläubigen auch nur einen Becher Wasser gibt, wird belohnt!), aber sie verschaffen niemandem eine bessere Stellung vor Gott oder gar eine Art Rechtsanspruch. Daran gibt es nun einmal nichts zu rütteln.

Ein Mensch, der aber im Glauben zu Gott umgekehrt ist, befindet sich vor Gott in einem völlig anderen Stand. Ein solcher ist gerechtfertigt und befähigt, ein taugliches Werkzeug in der Hand Gottes zu sein. In einem Christen findet sich insofern etwas Gutes, das anerkannt werden kann. Denken wir beispielsweise einmal an die Speisung der Fünftausend. Der Herr Jesus hat nicht einfach aus dem Nichts Nahrung geschaffen, obwohl das durchaus in Seiner Macht gelegen hätte. Nein, Er hat Seine Jünger sammeln lassen, was vorhanden gewesen ist, und das, was sie Ihm gebracht haben, vervielfacht. Genau dasselbe Prinzip herrscht noch heute in sämtlichen christlichen Diensten, die vom Herrn vergeben werden. Stets und überall lässt Er Menschen tun, was in ihrer Macht steht, um ihre Bemühungen dann zu vervielfachen. Er könnte das Evangelium beispielsweise von Engeln predigen lassen. Wie viel geeigneter wären sie doch dafür als wir! Das ist aber durchaus nicht in Seinem Willen. Er will, dass Menschen in Seinem Reich wirken – auch, um später einmal reichlich Anerkennung aussprechen zu können. Gott ist nämlich ein Belohner. Er nutzt jede Gelegenheit, um Lob und Anerkennung aussprechen und Dienste vergelten zu können. Es ist Sein Wunsch, bei Seiner Rückkehr allen Christen anerkennend auf die Schulter klopfen und sie in der Öffentlichkeit für alles loben zu können, was sie in Seinem Namen getan haben. Jeder einzelne Christ, der dereinst nicht belohnt werden wird, hat in seiner Narrheit dutzende Gelegenheiten versäumt, die ihm der Herr gewissermassen auf dem silbernen Tablett serviert hat. Wir müssen ja nur in den Werken wandeln, die Gott für uns vor Ewigkeiten bereitet hat! Lassen Sie uns also das Wenige, das wir zu tun vermögen, tun und Gott treu sein! Amen.

Vers 7

Denn ich hatte grosse Freude und grossen Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind.

Phlm 1,7

Philemon muss wirklich ein Vorbild im Glauben gewesen sein. Er hat vermutlich sein Haus den im Ort ansässigen Gläubigen für die Zusammenkünfte zur Verfügung gestellt und ist sicherlich in anderer Weise für die Geschwister tätig gewesen. Er hat ihre Herzen erquickt, wobei seine Liebe, die gewiss ungeheuchelt und gottgewirkt gewesen ist, eine wesentliche Rolle gespielt hat. Sein Dienst hat so hohe Wellen geworfen, dass Paulus davon gehört hat und es ihm zur grossen Freude und zum grossen Trost gewesen ist. Indem der Geist Gottes dafür gesorgt hat, dass diese Worte Eingang in die Bibel gefunden haben, hat er Philemon gewissermassen mit höchsten Orden gekürt. Gott belohnt wirklich gerne! Philemon darf ein ewiges Denkmal im Wort Gottes haben. Es gibt viele ähnliche Beispiele, von denen hier zwei erwähnt werden sollen: Pinehas, der Enkel Aarons, hat etwa ein ewiges Priestertum erhalten, weil er Simri, den Israeliten, und Kosbi, die Midianiterin, wegen ihrer Hurerei getötet und so die Plage Gottes abgewehrt bzw. gestoppt hat; die Söhne Zadoks werden im Tausendjährigen Reich im Gegensatz zu allen anderen Leviten, die zu Türhütern degradiert worden sind, im Tempel dienen dürfen, weil sie in Zeiten der Not ausgeharrt haben.

Der Apostel Paulus hat keinen Grund gehabt, Philemon zu ermahnen oder zurecht zu weisen. Wir sehen aber, dass er in anderen Briefen, deren Anlass teils erhebliche Verfehlungen gewesen waren, jeweils ebenfalls an erster Stelle Lobenswertes und Anerkennenswertes anführt. Was heute als neue Erkenntnis verkauft wird, dass nämlich einem Tadel stets Lob vorausgehen soll, ist ein 2000 Jahre alter Hut. Der Unterschied zur weltlichen Psychologie liegt allerdings darin, dass es sich dabei nicht um eine Masche oder eine Taktik gehandelt hat, sondern ernst gemeint gewesen ist. Paulus hat – vom Geist Gottes getrieben – stets zuerst anerkannt und gelobt, was zu anerkennen und zu loben gewesen ist. Er hat sich zuerst damit beschäftigt, was der Geist Gottes in den Gläubigen bereits bewirkt hatte, und ist erst dann darauf zu sprechen gekommen, was noch nicht in Ordnung gewesen ist. In seiner Liebe zu den Gläubigen hat er sich also so verhalten, wie sich der geschickteste Personalführer verhalten sollte, der nicht aus Liebe zu seinen Mitarbeitern handelt und deshalb auf diese Liebe imitierende Taktiken zurückgreifen muss. Alles, was wir in der Welt über geschickte Gesprächsführung, Personalführung und dergleichen lernen, ist bestenfalls ein billiger Abklatsch davon, wie sich jemand verhält, der aus (göttlicher) Liebe handelt. Wir Christen sollten nicht auf solche Regeln und Prinzipien zurückgreifen müssen. Handelten wir in der Liebe, würden wir solche Regeln und Prinzipien wie von selbst beachten.

Vers 8

Deshalb, obgleich ich grosse Freimütigkeit in Christus habe, dir das zu gebieten, was sich geziemt,

Phlm 1,8

Paulus hätte Philemon gebieten können, dieses oder jenes zu tun, denn ihm war apostolische Autorität verliehen worden. Wir sehen in den Briefen, wie Paulus Dinge verordnete, vorschrieb und gebot. Teilweise ordnete er selbst Massnahmen aus der Ferne an, wie etwas im Fall des Korinthers, der die Frau seines Vaters genommen hatte:

Denn ich, zwar dem Leib nach abwesend, aber im Geist anwesend, habe schon als anwesend geurteilt, den, der dieses so verübt hat, im Namen unseres Herrn Jesus Christus (wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid) einen solchen dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist errettet werde am Tag des Herrn Jesus.

1.Kor 5,3–5

Die Korinther hatten ihre Versammlung nicht selbst gereinigt, sondern waren aufgebläht gewesen, nämlich vermeintlich barmherziger als der Herr. Sie hatten den Schuldigen nicht aus der Versammlung ausgeschlossen, sondern waren offenbar sogar noch stolz darauf, überaus tolerant zu sein. Deshalb hatte Paulus entschlossen aus der Ferne kraft der ihm verliehenen Autorität gehandelt und den Mann selbst dem Satan zum Verderben des Fleisches überliefert (Dasselbe tat der Apostel Paulus in einem weiteren Fall mit zwei Spöttern: «unter denen Hymenäus ist und Alexander, die ich dem Satan überliefert habe, damit sie durch Zucht unterwiesen würden, nicht zu lästern»; 1.Tim 1,20).

In Bezug auf das Anliegen, das Paulus dem Philemon vorstellen wollte, hatte er grosse Freimütigkeit in Christo, zu gebieten, was ihm geziemend schien. Der Herr Jesus hatte Paulus also die Freiheit gegeben, sein Anliegen gewissermassen zwangsweise durchzusetzen, also Philemon zu befehlen, was dieser zu tun hatte. Dies zeichnet Paulus in besonderer Weise aus. Der Herr hatte ihm nicht nur Autorität in Bezug auf die Versammlung (auf die sich sein Auftrag bezog, zu dessen Ausführung er Autorität benötigte), sondern auch in bestimmten «privaten» Angelegenheiten gegeben. Paulus musste nicht an der kurzen Leine gehalten werden, sondern war vor dem Herrn so bewährt, dass er bestimmte Entscheidungen quasi frei und doch mit der Autorität des Herrn treffen konnte. Dieses Vorrecht wird wohl nur sehr wenigen Christen zuteil, denn es setzt einen weitestgehend zurecht gebrachten Charakter voraus.

Vers 9

so bitte ich doch vielmehr um der Liebe willen, da ich nun ein solcher bin wie Paulus, der Alte, jetzt aber auch ein Gefangener Christi Jesu.

Phlm 1,9

Um der Liebe willen wollte Paulus nicht als Apostel gebieten, sondern als Alter und Gefangener bitten. Was für ein schönes Beispiel echter Liebe! Verstehen Sie, liebe Leser, dass es völlig in Ordnung gewesen wäre – auch vor Gott –, wenn Paulus als Apostel Philemon geboten hätte, ihm Onesimus zum Dienst zu überlassen. «Nur» die Liebe wäre etwas auf der Strecke geblieben; ansonsten wäre alles bestens gewesen. Doch so «funktioniert» Gott nicht. Sein grösstes Anliegen ist nicht der rechte Bau Seines Tempels (der Versammlung) oder die Einhaltung der Hausordnungen. Beides ist von grosser Wichtigkeit, aber letztlich eben doch bloss das Gefäss, welches das Grössere enthalten soll – die Liebe. Alle Lehre, alle Unterweisung, alle Regeln und Grundsätze zielen letztlich darauf ab, die entscheidende Liebe zu beinhalten oder in anständigen Bahnen zu lenken. An sich sollte die Liebe von selbst anständig sein; alle Regeln und Grundsätze sollten sich aus der Liebe ableiten. Gott kann das. Der Herr Jesus konnte das als Mensch ebenfalls. Wir können es nicht. Leider benötigen wir greifbarere, konkretere Hilfslinien, um den rechten Weg gehen zu können, um die Liebe sich richtig entfalten lassen zu können. Aus diesem Grund müssen wir uns – ich sage: leider – während der meisten Zeit mit Lehre und Unterweisungen beschäftigen. Anders wären wir nicht in der Lage, gewissermassen vom Kleineren auf das Grössere schliessend, zu lernen, was es heisst, mit Gottes Liebe zu lieben. Seine Liebe übersteigt unser Vermögen so sehr, dass wir höchstens in der Lage sind, einen Zipfel von ihrem Gewand zu ergreifen. Wir müssen uns über die Jahre langsam, langsam hochziehen, um besser sehen zu können, wie Gottes Liebe wirklich ist. Hier haben wir nun einen weiteren Aspekt vor uns: Um der Liebe willen machte sich Paulus so gering es nur ging. Er trat nicht als Paulus, der Apostel auf, ja, nicht einmal als Paulus, der (ältere, weisere) Bruder, sondern bloss als Paulus, der Alte. Er wollte von Philemon keinen Gehorsam einfordern. Das hätte sein Herz, das von Liebe zu Philemon erfüllt war, niemals befriedigt. Nein, er wollte einen Liebesdienst erwiesen erhalten. Dafür musste er den Platz eines Geringeren, eines Bittstellers, einnehmen. Damit bot er Philemon aber auch die Gelegenheit, zu beweisen, dass auch er Paulus liebte. Hätte Philemon einem Befehl gehorcht, hätte er nicht beweisen können, dass er Paulus liebte. So aber konnte er grosszügig Pauli Bitte erfüllen und damit zeigen, dass er seine Liebe erwiderte. Sehen Sie, liebe Leser, wie Pauli Liebe Philemon auf einen hohen, schönen Platz erhob und alles, was Philemon tun musste, war, diese Liebe zu erwidern? So handelt Gott mit uns.

Vers 10

Ich bitte dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in den Fesseln, Onesimus,

Phlm 1,10

Von Onesimus spricht Paulus als von seinem Kind, das er in den Fesseln gezeugt habe. Welch liebliche Ausdrucksweise! Paulus mochte Hunderte oder Tausende zum Glauben geführt haben, aber die einzelnen Menschen (nicht nur Onesimus) lagen ihm persönlich am Herzen. Er sah sie als seine Kinder an und übernahm elterliche Verantwortung für sie. Die Menschen waren für ihn nicht «Bekehrungsobjekte», also Gelegenheiten, im Himmlischen Konto wieder einige Punkte verbuchen zu können, sondern sie lagen ihm vielmehr persönlich am Herzen. Wie verhalten wir uns gegenüber solchen, die wir allenfalls haben zum Glauben führen dürfen? Empfinden wir ein persönliches Interesse an ihnen, fühlen wir uns für sie verantwortlich – mindestens, bis sie im Glauben auf eigenen Beinen stehen können?

Dieser Vers ermahnt uns nicht nur, uns unserer Verantwortung gegenüber jüngeren Geschwistern im Klaren zu sein, sondern lässt uns auch wieder ein kleines Stück von der Herrlichkeit des Charakters Gottes erkennen. Gottes Volk ist riesig, für uns nicht einmal zählbar, aber Er sieht nicht gewissermassen einfach eine einzige, riesige Masse. Er kennt jeden Einzelnen durch und durch, interessiert sich für ihn oder sie und nimmt Anteil an seinem oder ihrem Leben. Der Herr kennt jeden von uns besser als wir uns selbst. Er ist jedem von uns näher als wir je einem anderen Menschen sein könnten. Wir sind Ihm nicht egal – im Gegenteil! Denken Sie also bitte nie, Sie gingen in einer unüberschaubaren Masse unter. Für Gott sind Sie als Person überaus wichtig und kostbar. Er will Anteil an Ihrem Leben nehmen, will Ihnen nahe sein, und zwar mehr, als es der beste Freund, der nächste Verwandte oder der Ehepartner je sein könnte. Teilen Sie Ihr Leben mit Ihm!

Vers 11

der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist,

Phlm 1,11

Onesimus war Philemon alles andere als nützlich gewesen. Er hatte ihn wahrscheinlich bestohlen und war dann sicherlich aus dem Dienst geflohen. Was nützt ein Sklave, der nicht an seinem Platz bleibt und tut, was man ihm sagt? Durch seine Umkehr zu Gott hatte sich aber alles geändert: Jetzt konnte er Philemon von Nutzen sein. Darüber hinaus war er auch Paulus nützlich. Liebe Leser, mit keinem von uns verhält es sich anders. Menschen können gute, edle Dinge tun, anständig und barmherzig sein und sich in vielen weiteren Punkten als gut erweisen. Bloss, in Bezug auf Gott sind wir dennoch allesamt unnütz. Als unser Schöpfer hat Er ein Recht darauf, über uns zu verfügen. Er kann mit uns machen, was Er will, denn wir sind Sein Eigentum, Seine Schöpfung. Obwohl Er aber von diesem Recht keinen Gebrauch macht und nicht nach Belieben mit uns verfährt, sondern bloss Regeln aufstellt, die uns selbst zum Nutzen sind, und an sich nichts weiter will, als dass wir Seine Nähe suchen und unser Leben mit Ihm teilen, schafft es niemand von uns, am rechten Platz zu stehen. Niemand wird Seinen Ansprüchen gerecht, niemand ist Ihm auch nur entfernt ähnlich. Seine Heiligkeit verbietet es, uns in Seine Nähe zu lassen, geschweige denn, uns in Seinen Dienst treten zu lassen und gewissermassen Geschäfte in Seinem Namen abzuschliessen. Wenn wir auch tun, was als gut angesehen wird, sind wir doch für den Herrn ganz und gar unnütz. Wir verhalten uns nämlich letztlich allesamt wie Onesimus: Was wir uns von Gottes Eigentum unter die Nägel reissen können (die Luft zum Atmen, den Boden zur Kultur von Nahrungsmitteln usw.), packen wir und machen wir zu unserem Eigentum – und dann fliehen wir vor Seinem Angesicht, möglichst weit weg. «Komm mir bloss nicht mit deinem Gott!» ist doch die häufigste Reaktion unserer Nächsten, wenn wir erzählen wollen, was der Herr an uns Gutes getan hat und ihnen Gutes tun will. Alles andere ist interessant und angesehen: Östliche Religionen sind genauso etabliert wie Naturreligionen oder andere Weltanschauungen. Ja, sogar den Islam und seltsame jüdische Lehren findet man beachtenswert. Aber vom Herrn Jesus Christus will niemand etwas wissen. Wie können wir da denken, wir seien dem Herrn irgendwie von Nutzen? Wenn wir aber zu Ihm umkehren und bereit sind, uns von Ihm führen zu lassen, Ihn also als das akzeptieren, was Er ist, nämlich als unseren Herrn, dann können wir Ihm von Nutzen sein. Dann kann Er sagen: «Tu doch dies und das» und wir werden es tun. Dann sind wir nicht mehr wie die anderen Menschen, die alles Mögliche tun, bloss nicht das, was Gott will. Dann sind wir dem Herrn nützlich. Damit werden wir aber auch unseren Nächsten von Nutzen sein. Das ist also einer der grossen Wechsel, die sich in unserem Leben vollziehen, wenn wir zu Gott umkehren: Von unnützen Sklaven werden wir zu Sklaven, die ihrem Herrn und denen um sie herum nützlich sind. Damit ist auch gesagt, dass es traurig, unpassend, ja, erbärmlich ist, wenn wir als Christen und in Bezug auf den Willen Gottes wieder so verhalten, wie alle anderen, nämlich nicht tun, was Er will, sondern etwas anderes tun. Eigendünkel passt zu einem Christen so gut wie ein goldener Ring zur Nase einer Sau.

Vers 12

den ich zu dir zurückgesandt habe – ihn, das ist mein Herz;

Phlm 1,12

Welch zärtlicher Ausdruck: «mein Herz». Onesimus muss Paulus überaus viel bedeutet haben. Wie gerne hätte er ihn bei sich behalten! Zu dieser Zeit hatten ja bereits die meisten Paulus verlassen und nichts mehr von ihm wissen wollen. Onesimus war einer der wenigen, die Paulus besuchten und ihn trösteten. Doch Paulus sandte Onesimus zurück zu Philemon. Er wollte, dass Philemon selbst darüber entscheide, ob er Onesimus zurück zu Paulus senden oder bei sich behalten wollte. Hätte Paulus Onesimus bei sich behalten und Philemon brieflich darum gebeten, wäre der Druck auf Philemon, «gute Miene zum bösen Spiel zu machen», wesentlich grösser gewesen. So konnte er völlig frei entscheiden.

Viele Christen tendieren dazu, «kleine Weltverbesserer» zu sein. Sie wollen die Welt retten, Sklaven befreien, böse Ordnungen auflösen und dergleichen mehr. Sie engagieren sich in der Politik oder in wohltätigen Organisationen, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist gut, sich für die Mitmenschen einzusetzen und ihnen Gutes zu tun. Aber es ist nicht der Auftrag der Christen, bestehende Ordnungen aufzulösen, zu unterwandern oder sonstwie mit Druck zu beeinflussen, um aus dieser Welt, die ja dazu bestimmt ist, im Feuer zu versinken, einen besseren Ort zu machen. Wer aufmerksam im Neuen Testament liest, wird beispielsweise feststellen, dass Sklaverei als eine gegebene Ordnung angesehen und mit keinem Wort dagegen geredet wird. Sklaven werden aufgerufen, gute Sklaven zu sein, Herren dazu, gute Herren zu sein, aber es wird nirgends gesagt, wir sollen die Sklaverei bekämpfen. In Bezug auf die sehr üble, menschen- und besonders christenverachtende römische Weltordnung wird gesagt: «Ordnet euch der Obrigkeit unter!» Auflehnung, Ungehorsam und Rebellion sind Dinge, die einem Christen ganz und gar fremd sein sollten. Der Christ zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er gegebene Ordnungen akzeptiert und sich Obrigkeiten fügt. Paulus ist darin ein Vorbild. Er schrieb Philemon nicht, es sei falsch, Sklaven zu halten, und er müsse Onesimus als freien Mann ansehen. Nein, er sandte Onesimus zurück in den Sklavendienst. Liebe Geschwister, akzeptieren Sie bitte die gegebenen Ordnungen und befolgen Sie Befehle nur dann nicht, wenn Sie damit gegen ein Gebot Gottes verstossen müssten. Dies ist wesentlich seltener der Fall, als Sie vielleicht meinen.

Vers 13

den ich bei mir behalten wollte, damit er statt deiner mir diene in den Fesseln des Evangeliums.

Phlm 1,13

Paulus hätte Onesimus lieber bei sich behalten als ihn zurückzusenden. Seinen Wunsch hat er aber hinter die geltenden Ordnungen zurückgestellt. Onesimus war der Sklave Philemons und hatte diesem Unrecht getan. Beides verpflichtete ihn zu einer Rückkehr. Einerseits musste er – gerade als Christ – nun seinen Pflichten als Sklave nachkommen. Als Christ war er von seinen Pflichten nicht befreit, sondern im Gegenteil gefordert, seinen Pflichten besser als je zuvor nachzukommen. So ist es auch mit uns: Als Christen entschweben wir nicht gewissermassen dieser Welt und unseren Pflichten; vielmehr sollen wir bessere Arbeiter, bessere Ehepartner, bessere Eltern, bessere Freunde und so weiter werden. Der Herr will, dass wir unseren Pflichten gut nachkommen und in allem die geltenden Ordnungen einhalten. Andererseits musste Onesimus sich aber auch seinem Vergehen stellen. Vor Gott war alles, was er getan hatte, vergeben und vergessen. Trotzdem musste er seine Beziehung mit Philemon aber wieder in Ordnung bringen. Dies konnte nur durch eine Rückkehr geschehen. Onesimus musste zurückkehren, ihm ins Angesicht sehen, sein Unrecht gestehen und ihn um Vergebung bitten, natürlich verbunden mit der Bereitschaft, von nun an ein guter, tüchtiger Sklave zu sein. Auch unsere Sünden sind von Gott vergeben und vergessen. Was immer wir aber tun können, um die Folgen unserer Sünden möglichst ungeschehen zu machen, sollen wir tun. Wenn wir gestohlen haben, sollen wir das Gestohlene zurückerstatten, wenn wir gezürnt haben, sollen wir um Verzeihung bitten, …

Nicht wenige Christen spielen «die Liebe» gegen die Ordnungen aus. Wenn sie beispielsweise etwas, von dem der Herr gesagt hat, wir sollen es tun, nicht tun, spielen sie ihren Ungehorsam herab und sagen: «Die Hauptsache ist doch, dass ich Gott von Herzen liebe. Dies und das ist dieser Liebe untergeordnet.» Eine solche Argumentation ist übel und falsch. Wenn wir nämlich Gott wirklich lieben, dann beachten wir Seine Ordnungen, dann verhalten wir uns so, wie es Ihm gefällt. Einer geliebten Person schlägt man keinen Wunsch ab. Auch diesbezüglich ist der Brief an Philemon ein schönes Lehrstück. Der ganze Brief ist eine einzige schöne Veranschaulichung tätiger Liebe im Alltag – aber (man müsste schreiben: und!) sämtliche Ordnungen werden in vollkommener Weise beachtet und eingehalten. Genau so sollen wir unser Leben vor Gott leben.

Vers 14

Aber ohne dein Einverständnis wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht wie gezwungen, sondern freiwillig sei.

Phlm 1,14

Wie lieblich ist doch das Vorgehen des grossen Apostels Paulus in dieser Sache! Er hätte von Philemon fordern können, ihm Onesimus für den Dienst zu überlassen, oder er hätte Philemon bloss der guten Ordnung halber um sein Einverständnis bitten und ihn gewissermassen faktisch dazu zwingen können, indem er Onesimus gleich bei sich behalten hätte. Die Briefe waren in der damaligen Zeit tage- oder wochenlang unterwegs. Hätte Paulus Onesimus bei sich behalten, hätte Philemon ihn zuerst bitten müssen, ihm Onesimus zu senden. Der Brief wäre wiederum tage- oder wochenlang unterwegs gewesen. Erst dann wäre Onesimus selbst aufgebrochen und dann ebenfalls tage- oder wochenlang unterwegs gewesen. Philemon hätte daher wohl, auch wenn er Onesimus gerne bei sich behalten hätte, abgewunken und Paulus seinen Willen gelassen. Es ist leichter, jemandem etwas zu überlassen, als jemandem etwas herauszugeben. Paulus wusste um die Möglichkeit eines solchen faktischen Zwangs und sandte daher Onesimus zu Philemon zurück. Er nahm in Kauf, wochenlang auf die Gegenwart Onesimus’ zu verzichten, um Philemon ja nicht zu etwas zu zwingen. Zudem konnte er Onesimus damit die Gelegenheit geben, sein Unrecht wieder gut zu machen. Pauli Vorgehen war also nicht nur lieblich, sondern auch überaus weise.

Liebe Leser, genau so handelt Gott mit uns. Er will keine fleissigen Sklaven oder sture Gesetzeshüter um sich haben. Es verschafft Ihm keine Befriedigung, wenn wir alles tun, was Er uns aufträgt, oder wenn wir darauf bedacht sind, ja in jedem noch so winzigen Punkt zu tun, was uns im Blick auf Ihn richtig erscheint. Mehr als alles ist Er an unseren Herzen interessiert. Er will Anbeter um sich haben, die Ihn von Herzen lieben und anbeten wollen. Er will Kinder um sich haben, die Ihn bewundern und gerne tun, was Er sie lehrt. Er will Söhne um sich haben, die um Sein Haus besorgt sind und gerne jede Arbeit übernehmen, die getan werden muss. Wissen Sie, Er könnte jeden Menschen in die Knie zwingen und Anbetung zwangsweise einfordern. Tatsächlich wird es einmal eine Zeit geben, da sich jedes Knie beugen und Ihn jede Zunge bekennen wird. Dafür muss Er nur in Macht und Herrlichkeit erscheinen. Das erfüllt Sein Herz aber nicht, weshalb Er jetzt eine (lange) Zeit schenkt, in der die Menschen Ihn freiwillig suchen können. Sogar die, die sich zu Seinem Namen bekennen, haben die Freiheit, gehorsame oder ungehorsame Kinder zu sein. Er wünscht sich, dass wir Ihn von Herzen lieben, dass wir alles tun, was Er will, dass wir alles lassen, was Ihn betrübt, dass wir fleissig, gehorsam und treu sind – aber Er fordert nichts davon zwangsweise ein, sondern will nur freiwilligen Gehorsam und frewilligen Fleiss.

Sehen Sie, zwei Menschen können sich genau gleich verhalten. Sie können jeden Morgen in der Bibel lesen, dreimal täglich zu Gott beten, Zeit und Geld in das Reich Gottes investieren, an Gebetszusammenkünften und Gottesdiensten teilnehmen, schöne Gebete sprechen und dergleichen mehr. Wenn einer von ihnen all das von Herzen tut, erfüllt von Dankbarkeit und Liebe zu Gott, wird Gott von allem, was er tut, Notiz nehmen und gewissermassen seinem himmlischen Konto gutschreiben. Wenn der andere all das mit kaltem Herzen, aus einem Pflichtgefühl oder der Meinung heraus tut, nur so könne er sich einen Platz im Himmel erarbeiten, wird nichts davon einen Wert vor Gott haben. So einfach ist das: Nicht, was ein Mensch tut, macht ihn zum Christen, sondern vielmehr das, was er für Gott empfindet.

Er aber sprach zu ihm: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.» Dieses ist das grosse und erste Gebot. Das Zweite aber, ihm Gleiche, ist: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Mt 22,37–40

Vers 15

Denn vielleicht ist er deswegen für eine Zeit von dir getrennt gewesen, damit du ihn für immer besitzen mögest,

Phlm 1,15

Paulus verfügte weder über Onesimus noch über Philemon. Der wahren Liebe ist jede Form von Druck und Manipulation völlig fremd. Die göttliche Liebe macht keine Ansprüche geltend und verfügt nicht über Menschen. Sie ist der einzig wahre Schlüssel dafür, Menschen in jeder Hinsicht als Individuen zu akzeptieren und ihre Individualität zu respektieren, zu wahren und zu hegen. Nirgends sonst wird die Persönlichkeit eines Menschen so sehr geachtet wie bei Gott und bei denen, die von Seiner Liebe erfüllt und getrieben sind. Von Natur aus tendieren Menschen (und erst recht der Teufel, die alte Schlange!) immer dazu, Einfluss auf andere Menschen auszuüben. Sie setzen schnell einmal andere unter Druck und manipulieren sie. Sie erheben Ansprüche und üben Macht aus. Sie wollen, dass sich ihre Nächsten so verhalten, wie es ihnen recht erscheint. Diese miesen Züge können sich offen oder auch nur sehr subtil zeigen, aber sie sind uns allen eigen.

Wissen Sie, liebe Leser, es ist leicht für einen Menschen, sich grossherzig zu geben, wenn es ihm gut geht und er alles hat, was er so benötigt. Wenn er in Ruhe gelassen wird und sein Leben so leben kann, wie er will, ohne dabei einen Mangel zu leiden, wird er sich gnädig und grosszügig gegenüber anderen verhalten. Das kostet ihn nichts. Wenn ein solcher Mensch aber in Bedrängnis kommt, wird sich zeigen, ob er in der Lage ist, wirklich grosszügig und grossherzig zu sein. Ich sage Ihnen: Keiner wird einen solchen Test mit Bravour bestehen. Treiben Sie einen Menschen in die Enge und er wird wie ein verwundetes Tier nach Ihnen schnappen. Von Milde und Grosszügigkeit wird dann nichts mehr zu erkennen sein. Drehen Sie nun einmal gedanklich den Spiess um und stellen Sie sich vor, Sie würden so in die Enge getrieben. Gewiss mussten Sie schon solches über sich ergehen lassen. Wie haben Sie sich verhalten? Anders? Mir hat der Herr schon gezeigt, wie unfähig ich bin, in solchen Situationen Seinen Charakter zu widerspiegeln. Er hat unendlich viel mehr erdulden müssen als wir alle zusammen – und doch ist Er milde, gnädig und barmherzig geblieben. Uns muss man nur etwas in die Enge treiben und wir sind nicht mehr in der Lage, uns so zu verhalten wie sich unser Herr Jesus Christus verhalten würde. Wir müssten Übermenschliches leisten; dies kann unsere Natur nicht schaffen.

Wenn Sie je wieder in eine solche Lage getrieben werden, wenden Sie Ihren Blick ab. Sehen Sie nicht auf sich selbst oder auf Ihren Bedränger. Blicken Sie weg von der ganzen, all Ihre Kräfte raubenden Situation und hin zu Ihrem Himmlischen Vater, der Sie liebt. Bergen Sie sich in Seinen Schoss, heulen Sie sich von mir aus bei Ihm aus, lassen Sie sich von Ihm trösten und stärken. Nur so werden Sie in der Lage zu sein, Ihrem Bedränger in echter, ungeheuchelter Liebe zu antworten, auf all Ihre Rechte zu verzichten und sich ihm voll und ganz zu ergeben, um Frieden mit ihm zu suchen. Die wahre, göttliche Liebe interessiert sich nicht für eigene Ansprüche. Sie macht nichts geltend, nicht einmal eigene Rechte, sie setzt keinen Druck auf und manipuliert nicht. Sie respektiert selbst einen Bedränger als Individuum und akzeptiert seine Persönlichkeit. Sie ist der einzige Schlüssel für echten Frieden und echte Liebe zwischen den Menschen. Nur von dieser Liebe erfüllt und getrieben können Sie einem Feind die zweite Wange hin halten. Als Mensch und allein mit menschlicher Kraft werden Sie das nicht können, jedenfalls nicht ungeheuchelt und echt. Das kann nur Gott leisten.

Vers 16

nicht länger als einen Sklaven, sondern – mehr als einen Sklaven – als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn.

Phlm 1,16

Die Beziehung zwischen Philemon und Onesimus war durch die Gnade Gottes auf eine völlig neue Grundlage gestellt worden. Was früher eine Zwangsgemeinschaft gewesen war, war nun eine Liebesgemeinschaft. Onesimus war nicht mehr länger der ungehorsame Sklave, sondern nun ein geliebter Bruder. Selbstverständlich waren dadurch seine Pflichten als Sklave nicht aufgehoben. Die Sklavenbeziehung war durch die Bekehrung Onesimus’ nicht beendet worden. Im Gegenteil, Onesimus war nun umso mehr verpflichtet, ein treuer und fleissiger Sklave zu sein, seinen Pflichten umfassend nachzukommen. Gleichzeitig war er aber nun auch ein geliebter Bruder im Herrn. Das hatte zur Folge, dass er nun einen doppelten Antrieb zu guter Arbeit hatte: Einerseits würde er seinen Pflichten deshalb so gut als möglich nachkommen, weil dies Gott gefallen würde, und andererseits, weil er seinem Bruder die bestmögliche Arbeit abliefern wollte. Philemon hatte also zuerst etwas verloren, bekam jetzt aber umso mehr zurück. Vielleicht hatte er sich gefragt, weshalb der Herr zugelassen hatte, dass ihm dieses Unrecht widerfahren war, wahrscheinlich hatte er es im Glauben hingenommen, alles, was der Herr tue, diene ihm zum Besten (vgl. Röm~8,\,28). Nun erfüllte sich die Zusage des Herrn also. Gottes Wort ist zuverlässig.

Unter Geschwistern können wir uns gegenseitig auch in Zwangsgemeinschaften befinden. Beispielsweise sollen alle Christen an einem Ort regelmässig zum Gottesdienst zusammen kommen. Wenn wir solche Gemeinschaften bloss als Zwangsgemeinschaften (was sie ja gewissermassen sind, weil Gott anordnet, mit wem wir uns treffen) ansehen, dann steht es schlecht um uns und um die Gemeinschaft. Wir sollten nämlich in Liebe und Frieden miteinander aufs Innigste verbunden sein. Christliche Beziehungen sind nicht wie Beziehungen am Arbeitsplatz, die man hinnehmen muss, weil sie nun mal als gegeben hingenommen werden müssen. Zwischen Christen sollte ausnahmslos eine echte Liebe zueinander vorhanden und spürbar sein. Die Bruderliebe ist neben der Taufe und dem Abendmahl das dritte sichtbare Zeichen, an dem Christen erkannt werden sollten. Leider ist das Versagen in der Christenheit gerade diesbezüglich ausserordentlich gross. Man mag vielleicht mit denen, die man gut leiden kann, einigermassen freundschaftliche Beziehungen pflegen. Bereits in kleinen Versammlungen geht man aber vielleicht schon einigen anderen eher etwas aus dem Weg, weil sie anders «ticken» oder man sonstwie meint, nicht viel mit ihnen anfangen zu können. Das ist ein grosses Übel, das bei Besuchern und Neuankömmlingen – völlig zu Recht – einen schalen Geschmack hinterlassen wird. So darf es unter Geschwistern im Herrn nicht sein! Natürlich besteht die Schwierigkeit darin, dass wir die geforderte Liebe weder selbst produzieren noch imitieren können. Ob unsere Liebe geheuchelt oder echt ist, wird sich schnell zeigen, weshalb wir gar nicht erst versuchen sollten, Liebe zu heucheln, zu produzieren oder zu imitieren. Alles, was wir tun können, ist mehr Gemeinschaft mit dem Vater in den Himmeln zu haben. Er wird uns mit Seiner Liebe erfüllen – so sehr, dass wir davon überfliessen werden. Auch wird Er uns zeigen, wie Er für unsere Geschwister fühlt, was Er an ihnen schätzt, wie Er in ihnen Seinen Sohn (wenn auch schwach) widerspiegelt sieht. Das allein wird es uns ermöglichen, unseren Geschwistern mit eben dieser Liebe zu begegnen. Wenn es innerhalb einer Versammlung an Liebe fehlt, pflegen also vielleicht oder sogar wahrscheinlich zumindest einige Geschwister zu wenig Gemeinschaft mit dem Herrn.

Vers 17

Wenn du mich nun für deinen Genossen hältst, so nimm ihn auf wie mich.

Phlm 1,17

Hier nun sehen wir, wie die wahre Geschwisterliebe über das hinaus geht, was man als eine Zwangsgemeinschaft bezeichnen müsste. Paulus hätte schreiben können: «Weil er ein Bruder ist, so nimm ihn auf, wie es sich vor dem Herrn geziemt.» Natürlich müsste dies für eine herzliche Aufnahme ausreichend sein, aber das Besondere an der Beziehung zwischen Geschwistern im Herrn (also allen Christen) käme in diesen Worten nicht zum Ausdruck. Die von Paulus verwendeten Worten weisen deutlicher darauf hin. Offenbar musste zwischen ihm und Philemon eine besondere Verbundenheit bestehen, denn um für Onesimus zu bitten, erinnerte Paulus Philemon hier an die Qualität ihrer Beziehung und nicht an die Qualität der Beziehungen zwischen Christen im Allgemeinen. Die Formulierung entspricht in einem gewissen Sinn einer rhetorischen Frage: «Hältst du mich für deinen Genossen?» Paulus war bewusst, dass Philemon darauf mit: «Ja!» antworten würde. Also stellte Paulus gewissermassen diese Frage, um auf die Erwiderung Philemons gewissermassen anzufügen: «Und ich halte Onesimus für meinen Genossen, also nimm ihn als deinen Genossen auf, wie ich dein Genosse bin.» Wir alle kennen die Wendung: «Deine Freunde sind meine Freunde.» Hier finden wir genau dasselbe. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass jene, die von denen geliebt werden, die wir lieben, uns auch am Herzen liegen sollten. Wie könnte mir beispielsweise ein Geschwister meiner Frau, das von ihr geliebt wird, egal sein, wenn ich meine Frau liebe? Würde diesem Geschwister etwas zustossen, würde es meine Frau schmerzen. Weil ich meine Frau liebe, würde ich ihren Schmerz teilen. Dies ist die Art und Weise, wie uns unsere Geschwister im Herrn am Herzen liegen sollten. Solche direkte und indirekte Beziehungen lassen sich natürlich letztlich zwischen allen Geschwistern knüpfen, weshalb uns alle Christen so am Herzen liegen sollten. Viel wesentlicher ist aber, dass unser Himmlischer Vater, dem wir alles verdanken und dem unsere erste (grösste) Liebe gelten sollte, unsere Geschwister genauso liebt, wie Er uns liebt. Sollte nicht das bereits Grund genug sein, die anderen Christen nicht als eine Fussfessel, sondern als einen Gegenstand unserer herzlichen Liebe zu sehen? Müssten die unterschiedlichen Interessen und Charakterzüge nicht nebensächlich sein, wenn wir eine solch liebende Grundhaltung einnähmen?

Ein wichtiger Punkt soll nach diesen elementaren Ausführungen noch besonders betont werden. Es gibt Christen, die sich – im Gegensatz zur weit überwiegenden Mehrheit der Christen – so versammeln, wie es der Herr will. Ihre Versammlungen sind frei von menschlichen Strukturen und Systemen, einzig am Wort Gottes ausgerichtet. Sie haben keinen Namen, sind kein Verein, kennen keine Mitgliedschaft, haben keinen Führer, keinen fixen Prediger, halten das Abendmahl, wann immer sie zusammenkommen und so weiter. Weil ihnen aber bewusst ist, dass die anderen Christen sich nicht in dieser «reinen» Form versammeln, blicken sie auf jene herab oder grenzen sich von ihnen ab. Im Extremfall werden alle anderen Christen als sich in Babylon (verstanden als bösem religiösen und letztlich antichristlichen System) befindlich angesehen. Man meint dann, die eigene Versammlung bilde für sich allein das örtliche Zeugnis der (alle Orte und Zeiten von Pfingsten bis zur Entrückung umfassenden) Kirche des Herrn Jesus Christus. Eine solche Ansicht ist klar schriftwidrig, weil der Herr allein darüber befindet, wer zur Kirche gehört und wer nicht. Wenn jemand zum Glauben kommt, gehört er zur Kirche und damit auch zur örtlichen Versammlung im Sinne Gottes, selbst wenn er sich einem System, das nur einen Teil davon umfasst, anschliesst. Die Liebe, die wir zu allen Geschwistern im Herrn haben sollen, betrifft auch solche. Niemand hat allein aufgrund der Art und Weise, wie er sich mit seinen Geschwistern versammelt, ein Recht darauf, auf andere Geschwister herabzublicken. Solches gibt es gar nicht im Reich Gottes! Vielmehr sollten wir von herzlicher Liebe zu allen Geschwistern erfüllt sein und den aufrichtigen Wunsch hegen, alle Geschwister so gut es geht zu unterstützen, den in den Augen Gottes bestmöglichen Weg zu gehen. Gegen solche, die sich einem System anschliessen und bloss Sonntag für Sonntag «berieseln» lassen, sollen wir aufrichtiges Mitleid empfinden, weil sie sich mit einer Mogelpackung zufrieden geben und das Wahre nicht kennen. Wir sollen vor dem Herrn für sie flehen und nicht auf sie herabschauen. Nehmen wir die Haltung eines Daniel ein, der sich mit den Sünden des Volkes voll und ganz eins machte und für sie alle flehte (Dan 9,1–21).

Vers 18

Wenn er dir aber irgendein Unrecht getan hat oder dir etwas schuldig ist, so rechne dies mir an.

Phlm 1,18

Es ist interessant zu sehen, wie unfähig wir Menschen sind, eine gerade Bahn zu ziehen. Immer wieder weichen wir mal zur Linken und mal zur Rechten von der Ideallinie ab. Christen, die – nicht in einer gesetzlichen oder religiösen Haltung, sondern aufrichtig – peinlich darauf achten, sich ja in allem dem Willen Gottes gemäss zu verhalten, legen schnell einmal eine lieblose Haltung an den Tag. Schlimmstenfalls beginnen sie sogar, meist unbewusst, über andere Christen zu «herrschen», indem sie ihnen Pflichten auferlegen, von denen sie meinen, diese müssten beachtet werden, ohne dabei Rücksicht darauf zu nehmen, was den anderen Geschwistern zumutbar und möglich ist. Demgegenüber tendieren Christen, die Gott und ihre Nächsten in erster Linie von Herzen lieben wollen, koste es, was es wolle, dazu, die Bedeutung gewisser Regeln und Grundsätze herunter zu spielen. Solche sagen dann gewissermassen: «Die Hauptsache ist, dass ich Gott liebe. Er kennt mein Herz und weiss, wie ich es meine. Dies und das ist dagegen von untergeordneter Bedeutung.» Natürlich treten beide «Abweichungen» meist nur fein und tendentiell auf, aber sie sind doch häufig vorhanden. Natürlich ist beides nicht in Ordnung.

Paulus war von aufrichtiger, starker Liebe zu Onesimus und Philemon erfüllt und getrieben. Trotzdem achtete er aber auch darauf, die Ordnungen zu beachten. Er schrieb Philemon nicht, Onesimus sei ja nun zu Gott umgekehrt und man solle doch in Liebe das Vergangene vergessen. Nein, bei aller Liebe musste sich Onesimus den Folgen seines früheren Handelns stellen. Er musste zu Philemon zurückkehren, seine Sünden bekennen und um Vergebung bitten. Was er Philemon (vielleicht) gestohlen hatte, musste er zurückerstatten. Paulus wollte zwar einen Teil der Schuld (nämlich die materielle) übernehmen, aber er deckte nicht gewissermassen den Diebstahl zu, indem er die Schuld ignorierte. Wenn Onesimus gestohlen hatte, war er ein Dieb – bei aller Liebe. Die echte Liebe sieht nicht über Fehler hinweg, sondern stellt sie bloss und entscheidet sich und eifert trotzdem voll und ganz für den Betroffenen. Eine Missachtung von Ordnungen schwächt die Liebe und ein Erkalten der Liebe macht das Halten von Geboten sinnlos. Beides kann nur zusammen, Hand in Hand gehen. Möge der Herr uns für jede Abweichung zur Rechten oder zur Linken vergeben! Amen.

Vers 19

Ich, Paulus, habe es mit meiner Hand geschrieben, ich will bezahlen; dass ich dir nicht sage, dass du auch dich selbst mir schuldig bist.

Phlm 1,19

Paulus negierte die Schuld Onesimus’ nicht, sondern bot an, diese selbst zu erstatten. Das erinnert uns an unseren geliebten Herrn, der nicht über die geringste, unbewusst und unabsichtlich begangene Sünde hinweg sehen kann, aber selbst den vollen Preis dafür am Kreuz bezahlt hat. Wir vergeben und «vergessen» oft viel zu oberflächlich, sagen schnell einmal: «Ist schon gut» und tun, als ob nichts gewesen wäre. Gewisse Verletzungen können aber unter einem solchen Deckmantel sich entzünden und eitern. Irgendwann kommt der Moment, in dem die Wunde aufplatzt. Dann kann es zu spät für eine vollständige Heilung sein. Hätte man die Verletzung von Beginn weg ordentlich behandelt, hätte es aber nicht so weit kommen müssen. Gerade unter Geschwistern sollten wir nicht nach vorschnellen Kompromissen und «Friedensschlüssen» trachten, sondern Probleme wie erwachsene, sich im Tiefsten wohlgesinnte, vernünftige Menschen angehen und mit des Herrn Hilfe lösen – richtig lösen. Die Vergebung, die Gott schenkt, ist immer eine vollständige, die mit einem wirklichen Hinwegtun und Vergessen verbunden ist. Genauso sollten wir vergeben, was aber voraussetzt, dass die volle Schuld offengelegt und bereinigt wird. Ohne eine vollständige Offenlegung kann keine vollständige Vergebung stattfinden. Dieser an sich einfache Grundsatz, dem wir so oft in der Bibel begegnen, wird leider im Alltag viel zu selten beachtet.

Übrigens hätte Paulus noch einen weiteren Grund gehabt, von Philemon einen Gefallen einzufordern: Philemon schuldete sich selbst dem Paulus. Offenbar war er durch Paulus zum Glauben gekommen, wofür er natürlich in gewisser Weise in dessen Schuld stand. Auch in dieser Hinsicht wollte Paulus aber seine Position nicht benutzen, um seinen Willen durchzusetzen. Er hat wirklich so gehandelt, wie ein Christ handeln sollte. Seine Haltung ist nicht diejenige eines «guten» Menschen, sondern übertrifft das, was man in der Welt so beobachten kann, deutlich. Genauso deutlich sollte sich unser Verhalten von dem unserer (nicht gläubigen) Umwelt unterscheiden. Wir sollten wie Edelsteine und Sterne in dieser finsteren Nacht, in der sich die Welt befindet, glänzen.

Vers 20

Ja, Bruder, ich möchte Nutzen an dir haben im Herrn; erquicke mein Herz in Christus.

Phlm 1,20

Christen sollten nicht nur in Frieden miteinander leben und einigermassen miteinander zu Gange kommen. Sie sollten sich gegenseitig von Nutzen sein und einander erquicken. Dies bedingt offene, freundschaftliche Beziehungen, denn wenn wir bloss akzeptieren, dass wir halt miteinander im selben Boot sitzen, aber davon abgesehen je unser eigenes Leben für uns leben, ohne die anderen wenigstens ein Stück weit daran teilhaben zu lassen, gibt es keine Anknüpfungspunkte für gegenseitigen Nutzen und Erquickung. Wir müssen uns auf gegenseitige Beziehungen einlassen, uns einander öffnen und anvertrauen, damit wir umsetzen können, was der Herr will. Die christliche Gemeinschaft ist eine weit innigere als sie oft gelebt wird. Bedenken Sie, liebe Leser, der Herr hat als eine Metapher für die Kirche einen Leib gewählt. In einem Leib sind alle Glieder untrennbar miteinander verbunden. Die Hand kann kein Eigenleben führen, der Fuss kann kein Eigenleben führen, alle Glieder sind gegenseitig voneinander abhängig. Oft leben wir aber leider ein voneinander unabhängiges Leben. Wir achten darauf, ja nicht von anderen abhängig zu sein, ihnen nicht zu nahe zu kommen, um unser Leben so leben zu können, wir wir wollen. So funktioniert die Kirche nach dem Willen des Herrn aber nicht. In Seiner Kirche sollen alle untrennbar miteinander verbunden sein und nach aussen als eins erscheinen. In jeder Ortschaft sollte es jeweils nur eine Versammlung aller Gläubigen geben, zwischen den Versammlungen an den verschiedenen Orten sollten herzliche Beziehungen gepflegt werden, die Christen sollten einander lieben und gegenseitig voneinander abhängig sein. Aber schauen Sie sich einmal um: Die Christen haben sich vielerorts getrennt. Einige gehören gar keiner Gemeinschaft an, andere haben eigene Teilgemeinschaften nach ihrem Gusto gegründet, nur wenige wollen sich so versammeln, wie es der Herr in Seinem Wort als Seinen Willen geoffenbart hat. Das ist nur ein offensichtlicher Punkt, dass unser Wandel nicht dem Willen des Herrn entspricht. Selbst in Versammlungen gemäss Seinem Wort sind die Beziehungen häufig lang nicht so innig wie sie sein sollten. Wer aber nicht von Liebe getrieben innige Gemeinschaft mit dem Herrn und sämtlichen Geschwistern trachtet, ist nicht im Willen des Vaters und sollte sich ernsthafte Gedanken darüber machen, weshalb er in der Liebe zurückbleibt.

Vers 21

Da ich deinem Gehorsam vertraue, so habe ich dir geschrieben, und ich weiss, dass du auch mehr tun wirst, als ich sage.

Phlm 1,21

Wie schön ist es doch, wenn Liebe erwidert wird! Paulus liebte Philemon aufrichtig, wie wir gesehen haben, aber seine Liebe war in der Vergangenheit nicht unerwidert geblieben. Er wusste, dass Philemon nicht nur – freiwillig und aus Liebe – tun würde, worum er ihn bat, sondern sogar noch mehr. Wenn die Liebe unter den Christen vollkommen wäre, so wie es der Wille unseres Himmlischen Vaters ist, dann gäbe es in zwischenmenschlichen Belangen keine Zweifel und Unsicherheiten. Wir müssten uns nicht hintersinnen, bevor wir einen Bruder oder eine Schwester um einen Gefallen bitten würden, sondern könnten schon im Voraus fest damit rechnen, dass uns unsere Bitte noch so gern erfüllt werde. Wie freut sich doch beispielsweise ein Vater oder eine Mutter selbst, wenn er oder sie dem Kind einen Wunsch erfüllen kann! Wie freut sich doch ein Ehemann oder eine Ehefrau, wenn er oder sie dem Ehegatten etwas Gutes tun kann! So normal das ist, so normal sollte es sein, dass sich ein Christ freut, einem andern Christen einen Gefallen zu tun.

Vers 22

Zugleich aber bereite mir auch eine Herberge, denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete werde geschenkt werden.

Phlm 1,22

Damit leitete Paulus zum Ende seines Briefes über. Er hatte Philemon sein Anliegen vorgestellt und ihn – obwohl er ihn hätte verpflichten oder zwingen können – gebeten, ihm einen grossen Gefallen zu tun, wobei er von Beginn weg darauf vertraut hatte, dass Philemon mehr tun werde als worum er ihn bitten würde. Wie schön, wenn wir unter Geschwistern so freimütig einen Wunsch vorbringen und mit dessen Erfüllung rechnen können!

Paulus hegte nach wie vor die Hoffnung, das Gefängnis verlassen zu können. Er bat deshalb Philemon, ihm für den Fall der Fälle eine Herberge zu bereiten. Allerdings hatte er schon längst gelernt, jede Wendung aus der Hand Gottes anzunehmen und sich in dem Herrn zu freuen, komme, was wolle. Die Bitte um eine Herberge ist deshalb nicht mit dem Vorsatz, für ein Jahr in die Stadt zu ziehen, um Geschäfte zu machen (vgl. Jak 4,13–16), zu vergleichen. Paulus traf keine festen Pläne für die Zukunft, sondern nahm den weiteren Verlauf seines Lebens aus der Hand Gottes an, hegte aber Hoffnungen, brachte sicherlich auch Wünsche vor den Herrn und traf Vorbereitungen für allfällige Wendungen. Der Unterschied mag fein erscheinen, ist aber wesentlich. Wenn ich sage: «In den nächsten vier Jahren will ich genug Geld zur Seite legen, um mir ein Haus kaufen zu können; bis dahin will ich keine Kinder haben, danach will ich genau drei Kinder haben», mache ich dem Herrn gewissermassen Vorschriften. Ich bestimme selbst über den weiteren Verlauf meines Lebens, ohne quasi den Herrn frei wirken zu lassen. Das ist böse. Wenn ich aber den Herrn bitte, Er möge es doch schenken, dass ich ein Haus kaufen und Kinder haben könne, ist das etwas ganz anderes und gewiss nicht böse. Allerdings muss ich, wenn ich eine solche Bitte ausspreche, natürlich auch den Willen haben, die «Verweigerung» des Wunsches zu akzeptieren. Diese Bereitschaft fehlt im ersten Fall von vorneherein. Bitten wir den Herrn also freimütig für dieses oder jenes, offenbaren wir Ihm unsere Wünsche und Sehnsüchte, aber legen wir die Antwort auf unsere Gebete völlig in Seine Hände!

Vers 23

Es grüsst dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus,

Phlm 1,23

Kein Brief des Apostels Paulus – auch keiner der «offiziellen» Briefe – endete ohne herzliche Grüsse von Paulus und seinen Mitstreitern. Liebe Leser, die Versammlungen Gottes lagen zu dieser Zeit bereits weit verstreut auseinander und erstreckten sich über drei Kontinente. Dennoch erwecken Grüsse wie dieser den Eindruck, alle hätten einander gekannt und seien in einer herzlichen Beziehung zueinander gestanden. Das kann natürlich nicht der Fall gewesen sein, aber die Beziehungen untereinander waren sicherlich vielfältig und freundschaftlich, ja herzlich. Heute wissen wir nicht einmal, wer von denen, die im selben Dorf wie wir wohnen, überhaupt zur Versammlung gehört. Zu Christen ausserhalb unserer Region pflegen wir kaum Kontakte; wir kennen wohl nur äusserst wenige. Da stellt sich schon die Frage, wie gross unser Interesse ist, an der Trümmerstätte der christlichen Kirche diese wieder aufzubauen. Wenn jeder nur für sich schaut, auch wenn er sich mit «christlichen» Aktivitäten beschäftigt, muss er sich die Frage gefallen lassen, weshalb er sein Haus täfert, während der Tempel des Herrn öde bleibt. Ein Christ, der meint, er könne den Weg des Herrn als Einzelkämpfer gehen, täuscht sich gewaltig. Es genügt auch nicht, hie und da sporadisch an Gottesdiensten teilzunehmen oder ähnliches. Nein, es ist der Wille des Herrn, dass wir zusammenspannen, zusammen den einen, herrlichen Leib bilden, als Organismus «funktionieren». Dies ist aber nur möglich, wenn wir die Gemeinschaft mit anderen Christen suchen und uns auf innige Beziehungen einlassen. Auch als «Grüppchen» sollten wir nicht für uns bleiben, sondern den Kontakt mit weiteren Geschwistern suchen. Wer weiss, ob nicht in einer Gemeinde, die sich einen eigenen Namen gegeben hat, oder in einer Landeskirche treue Seelen zu finden sind, die ein aufrichtiges Interesse daran haben, als lebendige Bausteine ihren Platz im Tempel auszufüllen?

Vers 24

Markus, Aristarchus, Demas, Lukas, meine Mitarbeiter.

Phlm 1,24

Paulus hat als Diener Gottes Unglaubliches geleistet, wie wir heute ungefähr noch erahnen können. Aber in der Kirche Gottes gibt es keine Einzelspieler. Einzelne mögen besonders viel leisten oder besondere Dienste verrichten, aber auf sich alleine gestellt, wären sie dazu nicht in der Lage. Wir müssen zusammenarbeiten; das Haupt will, dass der Leib als eins funktioniert. Lassen Sie den besten Fussballspieler der Welt alleine gegen eine zweitklassige Fussballmannschaft antreten – er wird das Spiel nicht gewinnen. Bestimmte Aufgaben können schlicht nur von einer Gemeinschaft bewältigt werden. Alles, was das Reich Gottes betrifft, gehört dazu.

Werfen wir nun kurz einen Blick auf die erwähnten Mitarbeiter. Mit Mutmassungen will ich mich dabei zurückhalten, denn wir sollten niemals über das hinaus gehen, was uns der Herr in der Bibel klar offenbart hat. Was keine Stütze in der Bibel findet, kann nur eine Vermutung sein, ein Tanz auf dem Glatteis, sozusagen. Deshalb will ich hier nur wiedergeben, was in der Bibel zu finden ist. Epaphras wird im Brief an die Kolosser zweimal erwähnt. Er war offenbar ein Kolosser (Kol 4,12) und zeichnete sich durch einen Lehr-/Evangelisationsdienst und besonders durch sein Anhalten und Ringen in Gebeten aus (Kol 1,7; Kol 4,12). Ringen Sie auch in Gebeten für andere? Schön, wenn das von Ihnen gesagt werden kann! Markus könnte der einst unnütze Vetter des Barnabas sein (Kol 4,10), dessentwegen sich Paulus von Barnabas getrennt hatte (Apg 15,37–39). Wenn es sich um diesen Markus handelte und wenn derselbe Markus in 2.Tim 4,11 erwähnt wird, dann sehen wir hier einen Mann vor uns, der eine wundersame Wandlung durchgemacht hat – einst unnütz und schliesslich nützlich zum Dienst und einer der Wenigen, die noch zu Paulus hielten. Auch in unseren Leben soll sich eine solche Wandlung vollziehen. Mit den Jahren sollten wir dem Charakter Gottes stets ähnlicher und moralisch ständig vollkommener werden. Aristarchus ist wohl der Mazedonier gewesen, der Paulus praktisch von Beginn seiner Reisen weg treu bis zum Schluss begleitet hat (Apg 19,29; Apg 20,4; Apg 27,2; Kol 4,10). Gehen wir unseren Weg ebenso treu und beharrlich? Demas war ein Mitarbeiter des Apostels (Kol 4,14), der leider die Welt lieb gewann und Paulus deshalb verliess (2.Tim 4,10). Die Gefahr, nach jahrzehntelanger Treue nachlässig und schliesslich abtrünnig zu werden, darf nicht unterschätzt werden. Niemals dürfen wir denken, wir hätten genug in unserem Leben erreicht, nie darf der Gedanke an ein auch nur kleines Zurückziehen aufkommen! Wer beginnt, zufrieden mit seinem bisherigen Leben zu werden, steht in der Versuchung, in der Zukunft nachlässiger zu werden, was dazu führen kann, dass der Weg des Herrn verlassen wird. Lassen wir uns deshalb Demas ein warnendes Beispiel sein! Lukas schliesslich, der geliebte Arzt (Kol 4,14), war wiederum ein Mitarbeiter, der bis zum Schluss treu blieb. Er allein war noch bei Paulus, als dieser den zweiten Brief an Timotheus verfasste (2.Tim 4,11). Damit gibt er ein gutes Beispiel dafür ab, dass wir uns nicht nach dem «Wind» richten sollten. Auch wenn alle einen anderen Weg gehen wollen – wir sollen den Weg des Herrn gehen!

So sehen wir also, dass Paulus einige fähige Mitarbeiter zur Seite gestanden sind. Vieles hätte er wohl nicht erreichen können, wenn er nicht die Hilfe dieser Mitarbeiter in Anspruch genommen hätte. Wenn wir keine Pauli sein können, wollen wir wenigstens ein Epaphras, ein Markus, ein Aristarchus oder ein Lukas sein.

Vers 25

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist! Amen.

Phlm 1,25

Wer eine Weile als Christ unterwegs gewesen ist und bereits einiges gelernt – und umgesetzt! – hat, meint vielleicht, er stehe nun schon recht fest im Glauben. Vor solchen Gedanken ist niemand von uns gefeit; sie können, auch in subtilerer Form, immer wieder auftreten, auch weil wir uns in der Regel in einer Art Trott befinden. Über Tage, Wochen und Monate befinden wir uns in einem (vermeintlich) stabilen Gleichgewicht, das aber sehr viel labiler ist, als uns lieb ist. Ein kleiner Schubser, eine an sich unbedeutende Begebenheit, kann uns bereits gehörig aus der Bahn werfen, sodass wir später rückblickend sagen müssen, wir hätten nur gemeint, dass wir fest stünden, seien aber vom Herrn gerade so durchgetragen und gestützt worden, dass wir nicht früher gefallen seien. «Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle» (1.Kor 10,12). Wir benötigen die Unterstützung und Gnade Christi nicht nur im Augenblick unserer Umkehr zu Gott, sondern beständig. So etwas wie ein unabhängiges, eigenständiges Christenleben gibt es nicht. Das Christenleben zeichnet sich durchwegs durch Abhängigkeit und Unterstützung von oben aus. Deshalb enden die Briefe des Apostels Paulus auch mit dem Wunsch, dass die Gnade des Herrn Jesus Christus mit uns bzw. mit unserem Geist sei. Wir benötigen diese Gnade Tag für Tag für Tag! Liebe Leser, auch ich wünsche Ihnen – und mir –, dass die Gnade unseres Herrn Jesus Christus mit Ihrem – und meinem – Geist sei. Amen.