Bibelkommentare

Erklärungen zur Bibel

Der dritte Brief des Johannes

Einleitung

Der dritte Brief des Apostels Johannes stellt einen Gegensatz zum zweiten Brief dar. Im dritten Brief heisst es: «Wir nun sind schuldig, solche aufzunehmen», während es im zweiten Brief heisst: «So nehmet ihn nicht ins Haus auf und grüsset ihn nicht.» Der Grund für diese gegensätzlichen Anweisungen ist, dass es im zweiten Brief um solche geht, die nicht in der Lehre des Christus bleiben (2.Joh 1,9), während es im dritten Brief um solche geht, die für den Namen des Herrn ausgegangen sind. Hätten wir nur einen der beiden Briefe im Worte Gottes, so bestünde die Gefahr, entweder engherzig und allzu misstrauisch zu sein – wenn es nur die kleinste Unsicherheit bezüglich der Lehre des Christus gäbe, müssten wir vorsichtshalber Abstand zu solchen wahren, die sich Geschwister im Herrn nennen –, oder aber zu unvorsichtig bezüglich der Lehre des Christus – wir würden dann tendenziell jeden aufnehmen, der sagt, er sei für den Namen des Herrn ausgegangen. Nimmt man aber beide Brief zusammen, so erschliesst sich der «goldene Mittelweg» der Weitherzigkeit gegenüber allen, die ebenfalls zum Herrn gehören, verbunden mit der nötigen Konsequenz und Strenge gegenüber all jenen, die mit ihren Lehren die herrliche Person Christi angreifen. Gastfreundlich und weitherzig sollen wir also sein, dabei aber auch entschieden für den Herrn und gegen alles, was Ihn angreift. «Liebe in der Wahrheit» ist die richtige Haltung, die in beiden Briefen zum Ausdruck kommt (2.Joh 1,1.3 und 3.Joh 1,1).

Abgesehen davon ist das grosse Thema des dritten Briefes des Apostels Johannes die Gastfreundschaft gegenüber allen Geschwistern im Herrn, besonders den umherziehenden Predigern, oder – etwas weiter gefasst – der Wert jedes unterstützenden Dienstes derer, die sich dem Dienst für den Herrn Jesus völlig hingeben. Wer also meint, er könne dem Herrn nicht recht dienen, weil er weder Mund noch Hand ist, also keine herausragende Position im Leib Christi einnimmt, darf sich darüber freuen, dass hier klar aufgezeigt wird: Jeder kann dem Herrn ein nützlicher Diener sein!

Kapitel 1

Vers 1

Der Älteste dem geliebten Gajus, den ich liebe in der Wahrheit.

3.Joh 1,1

Der Apostel Johannes bezeichnet sich im dritten Brief, wie auch im zweiten Brief an die unbekannte Frau, schlicht als «der Älteste». In seinem ersten Brief, der allgemeiner gehalten und nicht an eine ganz bestimmte Person gerichtet war, verzichtete der Apostel gänzlich auf eine Anrede. Er kam dort direkt auf den Punkt: «Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, betreffend das Wort des Lebens, (…) verkündigen wir euch» (1.Joh 1,1.3). Auf seine eigene Person oder Stellung schien Johannes nicht allzu viel Wert zu legen. Das steht völlig in Einklang mit der Haltung anderer Säulen der Kirche Gottes. Paulus schrieb den Korinthern: «Wer ist denn Apollos, und wer Paulus? Diener, durch welche ihr geglaubt habt, und zwar wie der Herr einem jeden gegeben hat» (1.Kor 3,5). Johannes, Paulus, Apollos, sie nahmen herausragende Stellungen ein, aber nur, indem sie an dem Platz waren und blieben, den der Herr ihnen zugeteilt hatte. Es gefiel dem Herrn, Paulus zu den Nationen zu senden (wie gerne hätte er doch seinem eigenen Volk, Israel, gedient! Es blieb ihm weitgehend verwehrt) und Petrus zu den Israeliten (Gal 2,7–9). Genau gleich gefiel es dem Herrn, andere im Verborgenen dienen zu lassen. Der Natur nach war Paulus ein Pharisäer, durch Gnade kam er zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus Christus, durch Vorsehung wurde er zu einem Mund im Leibe Christi, um es bildlich auszudrücken. Als Paulus war er nichts, als Mund im Leibe Christi ein gesegnetes Werkzeug. Der Herr hätte auch jemand anders als Mund berufen können; dann wären den betroffenen Christen die Segnungen durch diesen zuteil geworden. Wir sollen also weder Paulus noch Johannes bewundern, für das, was sie getan haben, sondern den Herrn, der uns durch diese Werkzeuge so sehr gesegnet hat. Natürlich tun wir gut daran, ihrem Vorbild nachzueifern, natürlich werden sie eine ewige Belohnung für ihre Treue, eine ganz herausragende Stellung, erhalten. Das alles steht gar nicht in Frage. Wir müssen uns aber vor jeglicher Form von Autoritätsgläubigkeit und Idolisierung hüten. Was Johannes sagte, war nicht gut, nur weil Johannes es sagte. Wenn ein Bruder X hundert gute Bücher geschrieben und sich einen Namen gemacht hat, dann muss das nächste Buch nicht automatisch ebenso gut und wahr sein – es kann Irrtümer und Falsches enthalten. Johannes, Paulus, Petrus, … sie alle waren Segenskanäle, Gefässe, die den Segen enthielten. Sie waren nicht der Segen Gottes, sondern durch sie floss der Segen Gottes. Dieser dritte Brief des Johannes hatte deshalb auch nicht darum besondere Autorität oder besonderen Wert, weil Johannes ihn verfasst hat. Ja, es scheint sogar Briefe des Apostels Johannes gegeben zu haben, die nicht einmal ihren Bestimmungsort erreichten (vgl. Vers 9). Hätte Johannes eine Art Generalbevollmächtigung Gottes gehabt und wäre alles, was er geschrieben hat, bereits deshalb wertvoll gewesen, weil es aus seiner Hand kam, dann hätte der Herr dafür gesorgt, dass nicht eines seiner Worte zu Boden gefallen wäre. Aber der Herr liess mindestens einen Brief praktisch ungelesen verschwinden. In diesem Brief war nichts enthalten, das wir unbedingt wissen müssten. So steuert der Herr, wie Er will, unabhängig vom Werkzeug, das Er für Seine Zwecke verwendet. Nur von den Worten Gottes wird nicht eines zu Boden fallen – von Paulus, Petrus und Johannes fielen diverse Worte zu Boden. Alle Ehre gebührt also dem Herrn allein.

Weil sich Johannes an einen Einzelnen wendete, es dem Herrn aber gefiel, den Brief zur Belehrung aller Gläubigen zu verwenden, wird in der Anrede auf die Autorität des Johannes angespielt. Sein Name fehlt, was wohl auf obige Gründe zurückzuführen ist, aber dass er diesen Brief in seiner Stellung als Ältester geschrieben hat, verleiht dem Brief eine offizielle Autorität. Nicht nur Gajus musste sich angesprochen fühlen, sondern auch zu uns redet dieser Brief, denn er ist von einem Ältesten geschrieben. Im ersten Brief, der klar erkennbar offiziellen Charakter trägt, musste nichts dergleichen festgehalten werden, im zweiten und dritten Brief dagegen schon.

Noch ein Wort zur eigentlichen Anrede: Der Brief ist an den «geliebten Gajus» gerichtet. Es könnte sich um einen Gajus handeln, der an anderen Orten der Bibel erwähnt wird, doch sicher ist das nicht. Wie dem auch sei, er bildete ebenso Teil des Leibes Christi wie Johannes auch, war ebenso von Gott geliebt wie Johannes. Das ist eine besondere Auszeichnung. Gott liebt zwar die gesamte Welt, alle Menschen (Joh 3,16), und wenn wir verstehen, wie sehr Er um jeden einzelnen Menschen wirbt, damit Er ihn gewinne und vor der ewigen Strafe bewahre, dann werden wir auch verstehen, dass das alles andere als leere Worte sind. Die Liebe Gottes geht weiter als jede menschliche Liebe, sie ist echt, ohne Hintergedanken und bis zum Äussersten gehend. Die Liebe Gottes war ein Anlass, den Herrn Jesus Mensch werden und am Kreuz grausam leiden und sterben zu lassen. Wie anbetungswürdig ist doch der Himmlische Vater! Es gibt aber noch eine andere Liebe, nämlich die Liebe des Himmlischen Vaters zu Seinen Kindern. Das ist eine noch weitergehende Liebe als jene des Schöpfers zu Seinen Geschöpfen. Obwohl Gott die Menschen liebt, ist ihre Stellung zu Ihm durch Zorn gekennzeichnet (Joh 3,36), weil Sünde, Schuld, Gericht und Tod sie von Ihm trennen. Anders die Stellung derer, die daran glauben, dass der Herr Jesus um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen aus den Toten auferweckt wurde: Sie sind (besonders, ausgezeichnet) Geliebte Gottes, eben wie Kinder eines vollkommenen Vaters.

Wenn nun Gott uns zuerst geliebt hat, dann sind wir nicht nur schuldig, Ihn ebenfalls zu lieben. Wer erkannt hat, was Gott in sich und für uns ist, kann nicht anders, als Ihn zu lieben. Wir sind auch schuldig, all jene zu lieben, die ebenfalls durch das teure Blut Seines Sohnes erkauft und mit uns zusammen in den herrlichen Leib Christi eingewoben wurden. Es kann gar nicht anders sein! Es ist die Liebe Gottes, die uns mit Ihm und mit all unseren Geschwistern verbindet. Ob Johannes Gajus als von ihm geliebt oder als von Gott geliebt bezeichnen wollte, ist unerheblich, denn Gajus war wahrhaftig von Gott geliebt und als solcher notwendigerweise auch von Johannes geliebt – selbst wenn Johannes Gajus vielleicht noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte!

Ich kann jedenfalls nicht die Liebe Gottes für mich allein in Anspruch nehmen. Wenn Gott mich liebt, dann nur durch Christo. Das bedeutet aber, dass Er jeden anderen Christen auch genau gleich liebt, denn auch diese liebt Er durch Christo. Es ist also nicht möglich, dass mir ein grösseres Mass an Liebe zukommt als meinen Geschwistern. Und wenn Gott sie liebt und wenn ich Ihn liebe, dann muss ich sie doch auch lieben, nicht?

Findige, ungehorsame Menschen nehmen leider diese herrliche Tatsache – die unbedingte Liebe Gottes zu allen Christen – als Vorwand, um ihren Ungehorsam zu rechtfertigen. Sie halten nämlich dann und wann mit der Wahrheit zurück und behaupten, sie täten das aus Liebe. Vielleicht wandelt ein Bruder oder eine Schwester äusserst unordentlich oder hält absichtlich an einer Sünde fest. Die Ungehorsamen sagen dann, sie würden «aus Liebe» darüber hinwegsehen und das Problem deshalb weder ansprechen noch Massnahmen in die Wege leiten. Das ist aber keine Liebe, denn die Liebe ist «in der Wahrheit». Die wahre, göttliche Liebe kann nicht gegen die Wahrheit ausgespielt werden, denn es gibt nicht eines ohne das andere. Ja, die Liebe drängt uns doch, Gefahren und Probleme anzusprechen und anzugehen! Es ist alles andere als Liebe, wenn wir Geschwister sich selbst überlassen und auf den Abgrund zulaufen lassen! Was soll denn das für eine Liebe sein? Es ist aber auch keine Liebe, wenn wir Schwächen unserer Geschwister ausnutzen und sie fertig machen. Auch das gibt es leider! Die Liebe sucht nicht das Ihre, sondern das Beste für das Gegenüber. Wenn wir Geschwister in Wahrheit ermahnen müssen, dann soll das immer in Liebe geschehen, in echter, aufrichtiger Liebe. Nicht gekünstelt oder geheuchelt, sondern schlicht, aber ernsthaft aus dem Interesse heraus, den andern zurück oder näher zum Herrn zu führen – zu seinem eigenen Besten. Das ist Liebe «in der Wahrheit».

Vers 2

Geliebter, ich wünsche, dass es dir in allem wohlgehe und du gesund seiest, gleichwie es deiner Seele wohlgeht.

3.Joh 1,2

Obwohl auch dieser dritte Brief des Johannes «offizieller» Natur ist, bestand keine Eile, zur eigentlichen Botschaft zu kommen. Zunächst wünschte der Apostel seinem Bruder in Christo, dass es ihm wohlgehen möge, und zwar in allem. Welch schöne Fürsorge! In unserer Gesellschaft heute, in der sich alles ums Geld und um Effizienz dreht, bleibt kaum Zeit für Privates. Im Geschäftsleben wird von uns erwartet, dass wir so schnell wie möglich zum Punkt kommen, ohne «Smalltalk» und Vorrede. Dieses Vorgehen übernehmen wir dann leider oft auch im Privatbereich. Wenn wir jemand Bekannten treffen oder von jemandem etwas benötigen, dann fragen wir bisweilen zwar anstandshalber nach dem Wohlergehen. Für eine ernste Antwort besteht dann aus unserer Sicht aber kaum Zeit. Das Gegenüber weiss dies in aller Regel – es geht ihm ja genau gleich – und beantwortet die Standardfrage deshalb mit einer Standardantwort. Das ist äusserst schade! Sollte nicht unser Gegenüber, gerade von uns als Christen, ein ernstes Interesse an seiner Person erwarten können? Sollte es nicht so sein, dass wenn ein Christ nach dem Wohlergehen fragt, das Gegenüber davon ausgehen kann, die Frage sei ernst gemeint und es sei Zeit genug für eine ernste Antwort vorhanden? Was wir sagen und fragen, soll echt und ernsthaft sein! Der Herr Jesus hat jedenfalls niemals Worte für nicht ernst gemeinte Fragen verschwendet.

Ein weiterer interessanter, von uns oft nicht beachteter Punkt ist, dass der Apostel Johannes in erster Linie auf das seelische Wohlergehen abzielt, nicht auf das körperliche. Er wünscht Gajus, dass es ihm in allem wohlgehe und er gesund sei, weil er weiss, dass es seiner Seele bereits wohlgeht. Bei uns ist auch das oft umgekehrt: Unsere diesbezüglichen Fragen und Antworten beziehen sich in aller Regel auf das körperliche Wohlbefinden und die irdischen Umstände, nicht auf das Wohlergehen der Seele. Da fehlt es uns im Alltag an der notwendigen geistlichen Haltung; wir gewichten das Schauen höher als den Glauben.

Eigentlich sollten wir ja wissen, dass dem Herrn als Allererstes das Wohl der Seele am Herzen liegt. Die Errettung der Seele wird gar als Ziel des Glaubens bezeichnet: «indem ihr das Ende eures Glaubens, die Errettung der Seelen, davontraget» (1.Petr 1,9). Wozu bleibt denn ein Christ nach seiner Bekehrung zu Gott auf dieser Erde? Doch, um Botschafter für Christum zu sein, und umgewandelt zu werden! Der erste Punkt ist klar, denn wer würde das Evangelium predigen, wenn es keine Christen auf Erden gäbe? Der zweite Punkt ist weniger klar, sollte aber ebenso selbstverständlich sein. Bekanntlich wird bei der Bekehrung der Geist in einem Augenblick verwandelt oder zum Leben erweckt. Ebenso bekannt ist, dass der Leib am Ende in einem Augenblick verwandelt werden wird. Was aber ist mit der Seele, dem Sitz der Empfindungen, der Gedanken, dem Willen, dem, was uns als Individuen auszeichnet? Sie erfährt keine direkte Verwandlung bei der Bekehrung. Sonst wären wir danach nicht mehr dieselben, und wir müssten nicht mit alten Gewohnheiten kämpfen. Der Herr will, und diesbezüglich sind die Texte des Neuen Testaments völlig klar, dass wir unsere Seelen umwandeln lassen. Er will, dass wir lernen, in widrigen Umständen treu und fleissig zu sein. Er will, dass wir lernen, Ihm ähnlicher zu werden, auch wenn alles um uns herum vom Gegenteil spricht. Wir sollen uns bewähren, wir sollen wachsen, wir sollen Fortschritte machen. Sind wir treu und fleissig, kann Er uns bei Seiner Wiederkunft Grosses anvertrauen. Wie gütig ist doch der Herr! Er will wahrlich das Beste aus uns machen, will uns soweit irgend möglich bringen, damit ein Teil der Ehre, die Ihm allein zusteht, auf uns abstrahlt, damit Er uns belohnen kann. Wer versteht, wie geduldig und gnädig der Herr wie der perfekte Lehrer und Vater Tag für Tag an uns arbeitet, um ans Ziel zu gelangen, der kann nur anbeten und staunen.

Deshalb, das Wichtigste ist, dass es unserer Seele wohlgeht. Sind widrige Umstände notwendig, um uns auf den Weg zurück zu bringen oder uns weiter voranschreiten zu lassen, dann soll der Herr nicht zögern, solches anzuwenden. Alles soll diesem einen Ziel untergeordnet werden!

Wenn es aber unserer Seele wohlgeht, weshalb soll unser Gebet füreinander dann nicht sein, dass wir auch gesund seien und es uns auch sonst wohl geht? Ist ein solcher gegenseitiger Wunsch nicht Ausdruck gegenseitiger Fürsorge und Liebe? Ist eine solche Bitte etwa übel? Gewiss nicht! Wir neigen allerdings manchmal dazu, in gewissen Bereichen «überfromm» zu sein. «Ja nicht für Gesundheit beten! Vielleicht will doch der Herr noch mit Krankheit schlagen, auch wenn wir auf dem Weg sind!» Solche Gedanken sind dem Herrn fern, denn Er schlägt nicht aus purer Lust, sondern nur zum Besten, wo es notwendig ist. Zögern wir also nicht, uns auch in körperlichen und irdischen Belangen Gutes zu wünschen – wenn es der Seele wohlgeht.

Vers 3

Denn ich freute mich sehr, als Brüder kamen und Zeugnis gaben von deinem Festhalten an der Wahrheit, gleichwie du in der Wahrheit wandelst.

3.Joh 1,3

Woher wusste Johannes denn, dass es der Seele des Gajus wohlging? Weil Brüder gekommen waren und von seinem Festhalten an der Wahrheit Zeugnis gegeben hatten. Wir werden bei der Betrachtung der folgenden Verse sehen, dass Gajus dies unter widrigen Umständen getan hatte. An seinem Verhalten war jedenfalls klar erkennbar, dass er dem Herrn von Herzen nachfolgen und an der Wahrheit festhalten wollte. Nicht sein eigenes Bekenntnis diente als Grundlage für die Einschätzung seines Seelen-Zustandes (das wäre auch eine sehr ungeeignete Grundlage gewesen!), sondern das Bekenntnis anderer. Bereits in den Sprüchen heisst es: «Es rühme dich ein anderer und nicht dein Mund, ein Fremder und nicht deine Lippen» (Spr 27,2). Uns selbst stellen wir nur zu gerne ein (zu) gutes Zeugnis aus, anderen dagegen nicht. Im Gegenteil, nicht selten wird gerade unter Christen beobachtet, dass mehr gelästert oder – im negativen Sinn – be- oder verurteilt wird, als dass man Geschwister im Herrn lobt. Natürlich will man vorsichtig sein und nicht vorschnell jemanden als geistlicher einschätzen als er vielleicht ist. Aber kann man denn nicht auch ab und zu, sagen, wenn sich ein anderer Christ vorbildlich verhalten hat? Und darf man als Dritter einem solchen Zeugnis nicht Glauben schenken? Die Quelle sollte ja vertrauenswürdig sein, wenn es ein anderer Gläubiger ist, der ein solches Zeugnis ablegt. Johannes vertraute jedenfalls den Brüdern, die kamen und Zeugnis vom Verhalten Gajus’ ablegten. Ich will mich auch freuen, wenn ich Gutes über einen anderen Bruder oder eine andere Schwester höre, und nicht fragen, wodurch dieses Gute wohl getrübt werden könnte. Freuen wir uns über jeden, der des Weges ist!

Vers 4

Ich habe keine grössere Freude als dies, dass ich höre, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln.

3.Joh 1,4

In der heutigen Zeit haben solche Worte leider oft einen fahlen Beigeschmack. Wie viele äussern doch fromme Ansichten oder Wünsche, ohne es wirklich so zu meinen! Wir sagen, dass es die Hauptsache sei, dass der Wille des Herrn geschehe, hoffen aber im Innersten, dass sich dieser doch möglichst mit unserem decken sollte; wir wünschen unseren Nächsten Wachstum im Glauben, aber entweder aus einer falschen Haltung heraus (weil wir der Meinung sind, im Gegensatz zu uns hätten sie dies bitter nötig) oder dann mit dem Hintergedanken, unser Wachstum möge stärker voranschreiten, damit wir den Abstand wahren können.

Wie unchristlich solches ist, liegt auf der Hand. Der Herr Jesus hatte nie Hintergedanken dieser Art. Obwohl Er uns gegenüber zu gar nichts verpflichtet ist, lässt Er uns nicht nur einen Teil Seiner Weisheit zukommen oder bildet uns nur halbbatzig aus. Nein, Er hat uns Seine ganze Weisheit offenbart, alles, was wir benötigen, und Er bildet uns mit dem echten Wunsch aus, das Optimum zu erreichen. Er investiert so unendlich viel in uns, und das aus völlig freiem Antrieb!

Der Apostel Johannes, der so viel vom Herrn gelernt hatte, nahm gegenüber Gajus eine ähnliche Haltung ein. Wenn er ihm schrieb, dass er keine grössere Freude habe, als zu hören, dass seine Kinder in der Wahrheit wandeln, dann war das absolut ernst gemeint. Johannes hatte gelernt, dass es nicht um ihn ging, sondern um den Herrn Jesus. Die Ehre des Herrn war ihm das grösste Anliegen, damit aber auch das Wohlergehen aller, die zu Ihm gehören. Es ist nicht möglich, den Herrn aus vollem Herzen zu lieben, aber jene, die zu Ihm gehören, nicht zu lieben. Wer die anderen Gläubigen nicht liebt, der muss seine Beziehung zum Herrn ernsthaft überdenken.

Natürlich kann es Vorbehalte gegenüber anderen Gläubigen geben, etwa, wenn sie unordentlich wandeln und nicht hören wollen. Wenn wir uns von solchen fern halten, dann muss das nichts mit mangelnder Liebe zu tun haben, denn auch zwischen dem Herrn und diesen gibt es eine Trennung. Grundsätzlich sollten wir aber nicht solche verachten, die zum Herrn gehören. Sonst verachten wir auch einen Teil Seines Leibes, damit aber auch Ihn selbst. Bedenken wir: Wir wurden alle um denselben kostbaren Preis erkauft! Das Lösegeld war für jeden und jede genau dasselbe!

Es sollte uns daher ebenso echt wie den Apostel Johannes freuen, wenn unsere Geschwister im Herrn auf gutem Wege unterwegs sind. Wenn sie uns «überflügeln», sich als treuer oder fleissiger erweisen als wir uns selbst oder wenn ihnen grössere Aufgaben anvertraut werden – freuen wir uns für sie! Selbst wenn es sich um «unsere Kinder», also um solche, die wir zum Herrn führen durften, handelt. Eine solche Haltung ist dem Herrn wohlgefällig.

Vers 5

Geliebter, treulich tust du, was irgend du an den Brüdern, und zwar an Fremden, getan haben magst,

3.Joh 1,5

Auch Gajus war offenbar kein Mann grosser, leerer Worte, sondern ein Mann der Tat, des tatkräftigen Glaubens. Wir werden sehen, dass es hier um die Aufnahme und Beherbergung von Brüdern im Herrn geht, die umherzogen, um das Evangelium zu verkünden. Gajus hatte solchen Brüdern auf diese Art gedient, und das, obwohl sie ihm fremd waren.

Mir scheint, dass hier deutliche Worte angebracht sind. Der Herr Jesus sagte:

Ich aber sage euch: Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wer irgend dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei. Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.

Mt 5,39–42

Denn wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr eure Brüder allein grüsset, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Mt 5,46–48

Ja, was ist schon dabei, wenn wir denen Gutes erweisen, die uns Gutes erweisen? Oder wenn wir jemandem etwas borgen, von dem wir wissen, dass er es uns zurückgeben kann und wird? Das sind Dinge, die jeder tut, da ist gar nichts dabei. Die Edlen unter den Menschen – bedenken wir, dass wir nicht dazu gehören! – gehen noch viel weiter: Sie erweisen denen Gutes, die ihnen nichts zurückgeben können; einige führen ein Leben auf dem Existenzminimum, um so viel wie möglich spenden zu können. Solche Dinge gibt es unter den Nationen! Sollten wir Christen diese nicht weit überragen?

Ach, es stimmt, und wir müssen es beschämt zugeben: «sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, auf dass er die Weisen zu Schanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, auf dass er das Starke zu Schanden mache; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, und das, was nicht ist, auf dass er das, was ist, zunichte mache,» (1.Kor 1,27.28). Im Vergleich zum Edlen aus der Welt sind wir Christen ein erbärmlicher Haufen! Wie viel Gnade und Erziehung von Seiten Gottes benötigen wir doch, bis wir wenigstens mit den Edlen der Welt mithalten können! Leider ist es so, dass sich viele Christen schon viel früher zufrieden geben. Sie schauen auf ihr altes Leben und auf einige Geschwister im Herrn, die sie kennen, und sind nur zu schnell mit dem zufrieden, was «sie erreicht haben». Würden sie sich nur mit den Edlen der Nationen vergleichen, müssten sie schon beschämt zu Boden blicken und schweigen. Der Vergleich mit dem Herrn selbst oder mit Seinen ausgezeichnetsten Dienern dürfte nicht einmal gewagt werden.

Vers 6

(die von deiner Liebe Zeugnis gegeben haben vor der Versammlung) und du wirst wohltun, wenn du sie auf eine gotteswürdige Weise geleitest.

3.Joh 1,6

Es muss nochmals betont werden: Im Reich Gottes geht es nicht um das eigene Ego, nicht um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, sondern um den Herrn und – untrennbar mit Ihm verbunden – um die Seinen. Da gibt es nichts hinzuzufügen und nichts umzudeuten.

Leider müssen diese beiden Punkte – das Trachten nach dem Reiche Gottes und die Befriedigung der eigenen Wünsche – gegeneinander ausgespielt werden, weil nicht wenige zu sehr nach letzterem trachten und ersteres bloss als frommes Deckmäntelchen dafür benutzen. In Wahrheit wird das Trachten nach dem Reiche Gottes automatisch auch mit einer Befriedigung der eigenen Wünsche einhergehen. Vielleicht wird unsere Seele nicht in diesem Leben volle Befriedigung erfahren, weil uns der Herr zu unserem eigenen Schutz und mit Blick auf unser Wachstum Einiges vorenthalten wird. Spätestens aber, wenn Sein Reich in Macht und Herrlichkeit kommt, werden die Treuen vollauf für ihre Treue und ihren Fleiss belohnt werden. Doch das Trachten nach Seiner Ehre, nach Seiner Verherrlichung wird immer auch mit Zufriedenheit im hiesigen Leben einhergehen, wenn das Trachten ernsthaft ist. Wie könnten wir auch nicht zufrieden sein, wenn wir Dem, der alles für uns gegeben hat, mit unserem Leben ein winzig kleines Stück zurück geben und dabei Seine volle Zustimmung und Unterstützung finden können? Sicher mögen uns schwierige Umstände trotzdem bedrücken und uns an den Rand der Verzweiflung führen, da will ich nichts schön reden. Aber generell darf und kann nicht gesagt werden, dass das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse hinter jene des Herrn Unzufriedenheit zur Folge haben wird. Auch Christen glauben an ein Leben vor dem Tod, um ein spöttisches Sprichwort der Nationen aufzugreifen. Sie haben einfach andere Vorstellungen davon und in aller Regel sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

Hier sehen wir dies nun anschaulich wiedergegeben: Von der Liebe des Gajus wurde Zeugnis gegeben vor der Versammlung. Der stille Diener – ich nenne ihn so, weil wir nur mit Sicherheit wissen, dass er fremde Brüder beherbergte – wird öffentlich geehrt und erhält einen herausragenden Platz im Wort Gottes. Ja, ihm wird eines der bloss 66 Bücher der Bibel gewidmet! Wenn das keine Ehre ist! Aber es kommt noch mehr hinzu:

Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, wird eines Propheten Lohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, wird eines Gerechten Lohn empfangen. Und wer irgend einen dieser Kleinen nur mit einem Becher kalten Wassers tränken wird in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, er wird seinen Lohn nicht verlieren.

Mt 10,40–42

Sind das nicht klare, eindrückliche Worte aus dem Munde des Herrn Jesus selbst? Wer einen Propheten aufnimmt, wird eines Propheten Lohn empfangen, wer einen Gerichten aufnimmt, eines Gerechten Lohn! Wer einen Christ aufnimmt, nimmt den Herrn Jesus und mit Ihm Den, der Ihn gesandt hat, auf! So sehr es notwendig ist zu betonen, dass das Trachten nach eigenem Lohn nicht dem Ideal entspricht – beim Herrn Jesus war ja auch das Gegenteil der Fall: Er hatte alles, entäusserte sich aber allem und nahm Knechtsgestalt an –, so wenig darf übersehen werden, dass Gott ein Belohner ist (Hebr 11,6; dieser letzte Satzteil wird oft überlesen oder dann einfach nicht erwähnt).

Liebe Geschwister im Herrn! Wenn wir glauben, dass unser Himmlischer Vater völlig gerecht ist, wie können wir dann daran zweifeln, dass Er jedem guten Werk, das wir in Seinem Namen gewirkt haben, gedenken wird? Vielleicht denken wir, dass es uns an Möglichkeiten fehlt, himmlische Schätze anzuhäufen, aber das ist völlig falsch! Die Beherbergung eines Propheten wird uns an dessen Lohn teilhaben lassen, und gewiss wird der Herr auch unserer Fürbitte – jeder von uns ist zum Priester berufen und kann den entsprechenden Dienst verrichten – und unserer finanziellen Unterstützung, um nur zwei Dinge zu nennen, gedenken! Niemandem fehlt es an Möglichkeiten, dem Herrn treu und fleissig zu sein und Lohn zu erwerben!

Beachten wir auch, dass es bei Gajus nicht nur dabei blieb, fremden Brüdern eine Unterkunft anzubieten. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, diese Brüder auf eine gotteswürdige Weise zu geleiten. Was wir darunter zu verstehen haben, ist nicht ganz sicher. Es kann sein, dass er sie während ihres Aufenthaltes im Wort Gottes unterwies, oder dass er für ihren weiteren Dienst besorgt war, sie begleitete oder sie mit Information oder Material für ihren weiteren Dienst versorgte. Aber geleiten ist mehr als beherbergen. Jedenfalls erweiterte der Herr also den Wirkungskreis des Gajus: Erst bot sich die Möglichkeit, fremde Brüder zu beherbergen, dann – nachdem er darin treu gewesen war – die zusätzliche Möglichkeit, diese Brüder zu geleiten. Dass wir nicht auf der Stelle einen prestigeträchtigen Dienst verrichten können, muss nicht heissen, dass wir «eine kleine Nummer» im Reich Gottes bleiben werden; der Herr kann einen anfänglich geringen Dienst rasch erweitern und uns mit der Zeit «Senkrechtstarter» überflügeln lassen. Ich schreibe dies nicht, damit wir in böser Weise wiederum nach eigenem Ansehen trachten und uns in einen unguten Wettbewerb mit unseren Geschwistern im Herrn stürzen, sondern um jene zu ermutigen, die zu Unrecht meinen, sie könnten dem Herrn nicht recht dienen, weil es ihnen an Möglichkeiten fehle. Nur Mut! Der Herr sieht alles, und es ist unbedingt notwendig, dass wir im Geringen treu sind, bevor uns Grosses anvertraut werden kann.

Vers 7

Denn für den Namen sind sie ausgegangen und nehmen nichts von den Nationen.

3.Joh 1,7

Wie schlicht und schön ist doch auch das Zeugnis, das den erwähnten Brüdern ausgestellt wird: «Denn für den Namen sind sie ausgegangen». Was sie kennzeichnete, war, dass sie ausgegangen waren, und zwar für den Namen des Herrn, den Namen schlechthin. Zusätzlich zeichneten sie sich dadurch aus, dass sie von den Nationen nichts nahmen.

Obwohl es sich hier um Brüder handelt, die einen besonderen Dienst ausübten – sie waren nämlich vollzeitig als Wanderprediger tätig –, gibt es einen Punkt, in dem dieser Vers auch uns zur Selbstprüfung auffordert, selbst wenn wir nicht einen solchen Dienst ausüben. Über dem Leben dieser Brüder stand nämlich «der Name» (des Herrn). Ist das bei uns auch so?

Wir Menschen sind schon seltsame Geschöpfe. Geschaffen wurden wir als ein Gegenüber für Gott, in Seinem Bilde. Also sollte es unsere höchste Erfüllung und Befriedigung sein, ein Gegenüber für Gott zu sein, also eine möglichst innige Beziehung zu Ihm zu haben. Bedenken wir, welch eindrückliche Bilder für die Beziehung zwischen Gott und den Seinen verwendet werden: Die Ehe und der Leib in Beziehung zum Haupt. Was könnte inniger sein? Wenn ein Auto Befriedigung und Erfüllung verspüren könnte, dann wohl dann, wenn es gefahren und zum Transport von Menschen und Gütern verwendet wird. Geputzt werden, glänzend auf einem Parkplatz zu stehen – auch das wäre vielleicht schön. Aber gefahren zu werden, das wäre die Erfüllung. Bei uns ist es genau dasselbe: Erzogen zu werden, im Dienst tätig zu sein, aber auch, gewissen Vergnügungen oder natürlichen Befriedigungen nachzugehen – es gibt so vieles, was uns Freude bereiten kann. Aber Erfüllung müssten wir eigentlich in der Gemeinschaft mit dem Herrn finden. Die meisten von uns (ich spreche von Christen, nicht von solchen, die Gott fern sind!) haben da aber gewaltige Vorbehalte. «Den ganzen Tag mit dem Herrn verbringen? Nur Bibel lesen und beten? Still irgendwo sitzen? Keine andere Beschäftigung? Das soll mein Herz erfreuen?!» so fragt man sich insgeheim. Geben Sie es zu! Auch Ihnen mag solches irgendwie nicht recht behagen. Ich für meinen Teil gebe freimütig zu, dass mich der Gedanke manchmal befremdet und ich mich frage, ob das wirklich besser sein kann als anderes. So verdreht ist unser Denken.

Wenn Sie zu den (wenigen) glücklichen Menschen gehören, die schon einmal eine Zeit intensiv in der Gemeinschaft mit dem Herrn verbracht haben, ohne sich von etwas ablenken oder stören zu lassen, dann wissen Sie, das es wahr ist: Erfüllung finden wir in der Beziehung zum Herrn. Plötzlich verlieren die anderen Dinge dann erheblich an Wert – weil sie uns nie annähernd so befriedigen können. Und es braucht so wenig: Nehmen Sie sich einfach einmal viel Zeit und lassen Sie sich nicht ablenken und stören. Lesen Sie nicht «wie wild» in der Bibel, rattern Sie keine Gebetsliste ab, plappern Sie nicht drauf los, sondern kommen Sie in Ruhe vor den Herrn, öffnen Sie sich Ihm gegenüber und lassen Sie Ihn zu Ihnen sprechen.

Wir müssen uns unbedingt auf diese innige Beziehung einlassen und der Gemeinschaft mit dem Herrn mehr Wert einräumen als allem anderen. Nur dann wird es so sein, dass Sein Name wahrhaft über unserem Leben ausgerufen ist, dass all unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Taten von Ihm durchdrungen sind. Sonst sind wir letzten Endes lediglich Teilzeit-Christen – und ein halber Christ ist ein ganzer Mist, um ein weiteres gängiges Sprichwort aufzugreifen.

Wer das lernt, der ist auch dann für den Namen ausgegangen, wenn er einer irdischen Erwerbstätigkeit nachgeht und Familie hat. Er arbeitet dann mit und für den Herrn und nicht für Lohn; ist dann Vater im Herrn und nicht einfach Autoritätsperson in den eigenen vier Wänden. Das sind ganz verschiedene Dinge, die nur schwer in Worte gefasst, aber einfach erlebt werden können. Natürlich sind wir dann nicht für den Namen ausgegangen wie die Wanderprediger, die hier erwähnt werden, aber auf eine gewisse Weise sind auch wir dann im Namen des Herrn unterwegs.

Noch ein kurzes Wort zum zweiten Teil des Verses: Die Brüder handelten weise, indem sie von den Nationen nichts annahmen. Wozu auch? Sie waren für den Herrn ausgegangen, und Er versorgte sie mit allem Notwendigen. Die Nationen hatten nicht nach dem kostbaren Wort Gottes gefragt, also sollten sie nicht auch noch dafür «bezahlen» müssen, dass es ihnen trotzdem gebracht wurde, obwohl das Wort Gottes so viel mehr wert ist als alle Nahrung und alles Gold der Welt. Vorbehalte und Misstrauen wurden durch diese weise Haltung minimiert, der Grundsatz, dass die Diener des Herrn in keinster Weise auf die Hilfe der Welt angewiesen sind, eindrucksvoll untermauert. Bedenken wir nur: Wer zahlt, befiehlt. Das ist eine einfache Tatsache, und doch hat die Kirche Gottes in der Geschichte schon so oft so völlig falsch diesbezüglich gehandelt. Man trachtet nach Steuererleichterungen und unterwirft sich dafür den Bedingungen des Staates, um nur ein Beispiel zu nennen. Hat der Herr, dem alles Gold gehört, das wirklich nötig? Ich denke nicht. Deshalb sprach auch Er selbst: «Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet. Verschaffet euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel» (Mt 10,8.9).

Vers 8

Wir nun sind schuldig, solche aufzunehmen, auf dass wir Mitarbeiter der Wahrheit werden.

3.Joh 1,8

Haben Sie schon einmal einen fremden Bruder beherbergt oder in ähnlicher Weise einem Geschwister gedient? Da darf man fast ein bisschen stolz auf sich sein, würde man meinen. Weit gefehlt! Das ist gemäss dem Wort Gottes nichts mehr als unsere Schuldigkeit. Wer solches tut, kommt lediglich einer banalen Pflicht nach, mehr nicht. Und wenn man lediglich einer Pflicht nachgekommen ist, soll man nicht nach Lob heischen, sondern sprechen: «Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren» (Lk 17,10). Der Herr sagt dazu: «Dankt er etwa dem Knechte, dass er das Befohlene getan hat? Ich meine nicht» (Lk 17,9). Es geht hier nicht um falsche Demut, darum, den eigenen Wert «überfromm» zu mindern. Wir sind ja auch nicht bloss Knechte, sondern teuer Erkaufte, Adoptivsöhne, sozusagen. Aber wir neigen nebst falscher Demut eben auch dazu, viel zu gut von uns zu denken. Was uns scheinbar grosse Opfer kostet, schauen wir als wertvollen Dienst an, auch wenn wir nur unsere Schuldigkeit tun, für die ein Meister seinem Knecht nicht danken würde.

Wir haben bereits gesehen, dass das Niveau des Herrn sehr viel höher ist, als wir gemeinhin annehmen. Hier haben wir nur eine kleine Schuldigkeit; solche aus den Nationen würden viel weiter gehen und edler handeln, und wir sollen diese weit überflügeln. An diesen Punkt gelangen wir nicht, wenn wir bereits Kleinigkeiten als Grosses qualifizieren und uns vorschnell zufrieden geben. Sicher hat der Herr Freude, wenn wir unsere Schuldigkeit tun und treu und fleissig sind. Er wird uns auch nicht den Eindruck vermitteln, was wir bringen, sei nie gut genug – gepriesen sei Er für Seine Güte und Langmut! Trotzdem will Er uns immer weiter führen, immer vollkommener werden lassen. Und dafür braucht es Ehrgeiz, eine korrekte Einschätzung der Lage und Durchhaltewillen. Wenn ich nach einigen Versuchen und wenigen Wochen Training 100m rennend in 14 Sekunden zurücklege, darf ich mich darüber etwas freuen. Ich muss dann aber nicht meinen, ich könnte es mit dem Mann mit demselben Nachnamen aufnehmen, der die 100m in weniger als 9,6 Sekunden zurücklegt. Selbst, wenn meine Zeit irgendwann unter zehn Sekunden liegen würde, wäre es noch ein überaus weiter, in den allermeisten Fällen sogar unmöglich zu bewältigender Weg bis unter 9,6 Sekunden. Ausser Usain Bolt hat dies jedenfalls noch niemand geschafft.

Deshalb: Nehmen wir eine korrekte Einschätzung unserer Lage vor! Wir haben uns in unserem bisherigen Glaubensleben vielleicht dem moralischen Niveau der Edelsten unter den Nationen angenähert, wenige von uns haben vielleicht bereits ein höheres Niveau erreicht. Sehr gut! Dann laufen wir also die 100m in 14 Sekunden. Der Apostel Paulus benötigte aber weniger als zehn Sekunden. Braucht es nicht noch sehr viel Training, bis wir an diesen Punkt gelangen? Der Herr schenke uns Gnade dafür! Der Herr Jesus hält aber einen ganz anderen Rekord, der nicht erreicht werden kann. Unser Ziel muss es sein, so nah wie möglich an diesen Rekord heranzukommen, auch wenn wir ihn nicht erreichen werden. Am Ende werden wir um jede Hundertstelsekunde kämpfen müssen, mehr als wir jetzt für die ganzen Sekunden kämpfen müssen. Aber der Herr will, dass wir bis zum Ende, pathetisch gesprochen: bis zum letzten Atemzug, weiter an uns arbeiten bzw. arbeiten lassen. Er hat höhere Ziele für unser Leben als wir selbst! Viel höhere Ziele!

Vers 9

Ich schrieb etwas an die Versammlung, aber Diotrephes, der gern unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an.

3.Joh 1,9

Ein bemerkenswerter Vers! Der Apostel Johannes hatte einen Brief offiziellen Charakters an eine örtliche Versammlung geschrieben, aber einer der Brüder dort, Diotrephes, hatte offenbar der Versammlung den Brief vorenthalten. Dieser Schluss liegt zumindest nahe; es könnte allerdings auch sein, dass Diotrephes die anderen Brüder überzeugen wollte, nichts auf die Worte des Johannes zu geben. Wie dem auch sei, da scheint ein offizieller Brief von einer der Säulen der Kirche Gottes «verloren» gegangen zu sein. Allem Anschein handelte es sich um keinen der drei in der Bibel enthaltenen Briefe des Johannes. Nun mögen sofort Zweifler aufstehen und laut rufen: «Ha! Ein Teil der Bibel wurde erwiesenermassen nicht überliefert! Das Wort Gottes ist unvollständig!» Das wären dann dieselben Leute, die behaupten, die Wahl des biblischen Kanons sei willkürlich verlaufen. In der Tat fehlt also mindestens der vierte Brief des Johannes und in der Tat existieren mehr Schriften als der biblische Kanon enthält. Ebenso liegt auf der Hand, dass im einen Fall ein gewisser Diotrephes aus unlauteren Motiven – bedenken wir dies wohl: Er handelte in diesem Punkt böse! – und im andern Fall ein aus Menschen bestehendes Konzil entscheidenden Einfluss hatten. Das bringt nun wirklich nicht hinterfragtes, vermeintliches Wissen ins Wanken. Was, wenn Diotrephes den Brief der Versammlung nicht vorenthalten hätte? Was, wenn das Konzil eine weitere Schrift in den Kanon aufgenommen hätte? Wie «gegeben» sind die Schriften der Bibel? Gehen wir noch einen Schritt weiter: Die einzelnen Schriften tragen klar erkennbar die Handschrift ihrer Verfasser. Petrus schreibt einmal, die Briefe des Paulus seien schwer verständlich (2.Petr 3,16). Wieviel Menschliches enthalten denn die Schriften unter diesem Gesichtspunkt?

Liebe Geschwister, man könnte diese Gedanken endlos weiter spinnen und – wenn man nicht aufpasst – zusehends verzweifeln. Es ist nun einmal nicht so, dass die Bibel «fixfertig» vom Himmel gefallen ist. Das gilt sowohl für die unzähligen Übersetzungen als auch für die hebräischen und griechischen Grundtexte. Nichts, was in der Bibel festgehalten ist, war einfach so «da». Menschen schrieben, Menschen wählten aus, Menschen übersetzten. Eine klare Trennung, was genau nun Gott gewirkt hat und welches der Anteil der Menschen war, kann nicht so einfach gezogen werden. Doch das soll uns nicht an der Zuverlässigkeit der Schriften zweifeln lassen. Denn es gibt eine einfache Tatsache, die unbedingt zu berücksichtigen ist, von denen, die nicht glauben, aber schlichtweg nicht in ihre Überlegungen einbezogen werden kann: Über allem steht der Herr. Er wacht über Sein Wort.

Was Er ist, was Er uns von sich offenbaren will, das ist uns – im ganzen Ausmass – viel zu hoch. Wir können nicht selbst quasi in den Himmel steigen und festhalten, was wir dort sehen. Das funktioniert so nicht. Nein, der Herr muss den Vorhang lüften und in einer für uns Menschen verständlichen Sprache etwas von sich preis geben. Es hat Ihm gefallen, zu Menschen zu sprechen, Menschen bestimmte Dinge niederschreiben zu lassen, und zwar, ohne dass Er den Griffel wie «automatisch» führte, und andere Menschen eine Auswahl treffen und die Schriften in verschiedene Sprachen übersetzen zu lassen. Dabei hat Er stets über Sein Wort gewacht. Die Bibel ist ein von Menschen geschriebenes Buch, aber zugleich eben auch Gottes autoritatives, absolut verbindliches und ebenso reines Wort.

Die sehr schöne Veranschaulichung dieser Zusammenhänge finden wir hier im Wort «etwas». Was auch Johannes geschrieben haben mochte, es war nicht dazu bestimmt, Teil des Wortes Gottes zu werden. Deshalb musste hier weder der Inhalt nochmals wiedergegeben noch ein Hinweis auf den Inhalt abgegeben werden. Johannes hatte «etwas» geschrieben – was, das ist für alle Leser und Studenten des Wortes Gottes völlig belanglos, in den Augen des Herrn so belanglos, dass hier die Rede nur von «etwas» ist. Wie souverän ist doch der Herr! Diotrephes fiel nur ein – in Bezug auf das Wort Gottes – unbedeutender Brief, «etwas», in die Hände, keiner der drei Briefe, die Eingang ins Wort Gottes finden sollten. Mochte er damit tun, was er wollte, der Herr musste keine Ersatz- oder gar Notlösung für diesen ungünstigen Fall finden. Sogar wenn Menschen mit bösen Absichten ihre Hände im Spiel haben – das Wort Gottes ist unantastbar und unterliegt strikter Kontrolle des Herrn.

Genug dieser Ausführungen zum Wort Gottes. Dass Er darüber wacht, genügt jedem Gläubigen. Diotrephes hatte also verhindert, dass ein Brief des Johannes die nötige Beachtung fand. Weshalb? Weil er selber gern der Erste sein wollte. Wir haben schon gesehen, dass eine solche Haltung allem widerspricht, was den Herrn kennzeichnet und jene kennzeichnen sollte, die Ihm angehören. Wer der Erste sein will, hat das Einmaleins des christlichen Glaubens nicht verstanden. Logischerweise kann so jemand es nicht ertragen, wenn auf Christum hingewiesen wird, denn wo das Licht leuchtet, wird die Finsternis offenbar. Alles, was auf Christum ausgerichtet ist, wird von solchen Leuten deshalb verachtet und zu verhindern versucht. Wie traurig, wenn ein Gläubiger sich so verhält! Er fügt sich selber viel Schaden zu.

Vers 10

Deshalb, wenn ich komme, will ich seiner Werke gedenken, die er tut, indem er mit bösen Worten wider uns schwatzt; und sich hiermit nicht begnügend, nimmt er selbst die Brüder nicht an und wehrt auch denen, die es wollen, und stösst sie aus der Versammlung.

3.Joh 1,10

Wehe uns, wenn wir eine böse Wurzel aufkommen lassen! Wird sie nicht ausgerissen, wird sie bald austreiben, wachsen und Blüten tragen. Diotrephes wollte der Erste sein. Das war die Wurzel. Weil Johannes Apostel war, er aber nicht, hätte er eigentlich die Autorität Johannes’ anerkennen müssen, was sich aber mit seinem Wunsch, der Erste zu sein und die Versammlung zu beherrschen, nur schlecht vertragen hätte. Also verhinderte er die Aufnahme dessen, was Johannes der Versammlung schrieb. Dann begann er, böse über Johannes und die Brüder bei ihm zu schwatzen, denn wenn er die Person in Verruf bringen konnte, war es ein Leichtes, auch die Aussagen dieser Person zu diskreditieren – ein altbekannter, billiger Trick. Damit aber nicht genug: Die fremden Brüder wollte er nicht annehmen, weil sie ihm ebenso ungelegen kamen. Er wollte sich schliesslich von niemandem etwas vorschreiben lassen. Also sonderte er sich und «seine» Versammlung ab. Wenn nun Geschwister aus «seiner» Versammlung Weitherzigkeit gegenüber anderen Geschwistern an den Tag legten, stiess er jene gleich aus der Versammlung, um die Abnabelung und damit seinen Herrscherplatz nicht zu gefährden. Das ist das Prinzip der Sekte.

Letztens las ich von einer weiteren neuen Denomination (Benennung; eine christliche Bewegung, die sich einen eigenen Namen gibt) mit ausgefallenem Motto, wie es nun schon so viele gibt. Der Gründer war mit seinen ungewöhnlichen Ideen bei den etablierten Institutionen abgeblitzt und sah sich deshalb «gezwungen», eine eigene Bewegung zu gründen und dieser einen eigenen Namen zu geben. Die Motivation war vielleicht nicht dieselbe wie bei Diotrephes, und wohl werden Angehörige dieser Bewegung nicht gleich hinausgestossen, wenn sie Kontakte zu anderen Christen unterhalten, aber so viel anders ist das Ergebnis am Ende nicht: Ein weiterer Teil der zur ein und derselben Kirche gehörenden Christen ist abgesplittert. Weil praktisch nur noch Splitter und Trümmer der Kirche erkennbar sind, stört uns das nicht so sehr. Viele rechtfertigen gar die Existenz verschiedener Denominationen. Aus Sicht des Wortes Gottes betrachtet ist diese Zersplitterung aber nichts anderes als barer Ungehorsam, in aller Regel verbunden mit mangelnder Demut derjenigen, die solche neue Bewegungen gründen. Meist stehen sie ihrer eigenen Bewegung dann nämlich auch gleich vor, und auch wenn es nicht erklärtes oder primäres Ziel war, der Erste zu sein, so verschaffen sie sich doch diesen Platz.

Vers 11

Geliebter, ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute. Wer Gutes tut, ist aus Gott; wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen.

3.Joh 1,11

Wir sollen nicht das Böse nachahmen, sondern das Gute. Logisch! An dieser Aufforderung gibt es nichts, das nicht nachvollziehbar oder verständlich wäre. Sie leuchtet so sehr ein, dass sich an und für sich jede Diskussion schon im Ansatz erübrigt. Aber doch tun gläubige Christen Böses statt Gutes, und nicht selten finden sie hundert Gründe, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Seien wir ehrlich zu uns selbst! Haben wir nicht auch schon nach Bösem begehrt und versucht, unser Verlangen irgendwie zu rechtfertigen? Gewiss! Ich wüsste aus meinem eigenen Leben gleich einige Beispiele. Es gibt aber auch regelrecht etablierte böse Gewohnheiten in der Christenheit, wie etwa die neumodische Sitte, dass die Frauen ihr Haupt nicht mehr bedecken, wenn sie beten. An und für sich sind die Belehrungen in 1.Kor 11 diesbezüglich völlig klar. Es werden verschiedene Gründe aufgeführt, weshalb die Bedeckung gefordert ist. Findige Geschwister haben aber diverse Gründe gefunden, die einfachen Belehrungen der Bibel zu verwässern und ihren Ungehorsam zu rechtfertigen. Beliebte Argumente sind, dass der Brief kulturellen Begebenheiten Rechnung trage (obwohl er an alle Christen gerichtet ist; 1.Kor 1,2), dass Frauen gleich viel wert seien wie Männer (was damit allerdings nichts zu tun hat), ja, einige behaupten, dass die Engel, um deretwillen die Bedeckung gefordert wird, jüdische Boten seien, was der generellen Bedeutung der Bedeckung eine Rechtfertigung entzieht. Man wird immer Gründe finden, um sich nicht danach richten zu müssen, was in der Bibel steht. Danach, ob ein solches Verhalten einem Gläubigen geziemt, muss nicht ernsthaft gefragt werden.

Ein Gläubiger soll das Gute nachahmen, und es gibt ein vortreffliches – ja, perfektes – Vorbild dafür: Den Herrn Jesus selbst. Wir sollen Ihm nachfolgen und in Seinen Fussstapfen wandeln, dann ahmen wir das Gute nach (vgl. Joh 13,15; 1.Petr 2,21).

Der zweite Teil des Verses – sinngemäss: An den Früchten erkennt man, ob die Wurzel gut oder schlecht ist – ist leider in der heutigen Zeit nur schwer mit den Erfahrungen des Alltags in Einklang zu bringen. So oft handeln Christen unedel; nicht selten handeln solche, die nicht an den Herrn glauben, edler. Damit wird die Aussage dieses Verses aber nicht ungültig. Wenn der Herr auch das Unedle der Welt berufen hat, so ist es doch Sein erklärtes Ziel, diese so weit zu bringen, dass Er durch sie die Edlen der Welt beschämen kann, wie wir bereits gesehen haben. Im Leben eines Jeden wird es Prüfsteine geben, die zeigen, ob er aus Gott ist oder nicht; tausend gute Taten machen eine böse Tat nicht ungeschehen. So wird am Ende der Tage offenbar werden, wer Gott gesehen hat, und wer nicht. Heute, jetzt, heisst es für uns Christen: Gutes tun, Böses lassen! Was allgemein in Bezug auf Personen gilt, gilt speziell auch für einzelne Taten. Nehmen wir uns daher die klare Botschaft dieses Verses zu Herzen und handeln wir entsprechend!

Vers 12

Dem Demetrius wird Zeugnis gegeben von allen und von der Wahrheit selbst; aber auch wir geben Zeugnis, und du weisst, dass unser Zeugnis wahr ist.

3.Joh 1,12

Auch der heutige Vers zeigt, dass der Zustand der Christenheit heute weit vom biblischen Ideal entfernt ist. Wenn heute Christen über andere Christen sprechen, dann oft argwöhnisch oder lästernd. Man distanziert sich, man beurteilt, man verurteilt, man richtet, man lästert. Natürlich liegt vieles im Argen, natürlich sollen Probleme angesprochen werden, natürlich hat das Ermahnen ebenso seinen wichtigen Platz wie das Beurteilen. Nur sollten wir erstens daran denken, dass wir auch vor unserer eigenen Haustüre nicht wenig zu kehren haben. Wenn wir schon kritisch Verhaltensweisen beurteilen und entsprechend ermahnen wollen, dann zuerst uns selbst! Wir sind doch völlig unglaubwürdig und bewegen uns moralisch auf tiefstem Niveau, wenn wir ein Verhalten anderer anprangern, das wir selbst im Verborgenen an den Tag legen. Wir erkennen es vielfach nur nicht, weil wir uns selbst und andere mit verschiedenen Brillen beurteilen: Wir sind stolz auf unsere «Sparsamkeit», ermahnen aber andere Geschwister, sie seien geizig, obwohl sie vielleicht sogar in entscheidenden Punkten weniger «sparsam» sind als wir selbst. Die Pharisäer waren auch blind in Bezug auf sich selbst: Sie verzehnteten die Küchenkräuter (was der Herr Jesus übrigens nicht verurteilte), sahen aber nicht, dass sie in den ganz grundlegenden Dingen völlig fehlten. Deshalb: Selbstbeurteilung vor Fremdbeurteilung! Zweitens spielt es eine Rolle, wie wir Probleme angehen. Wir können hinter dem Rücken der Betroffenen über sie lästern, sie wortlos meiden oder sie öffentlich ohne Vorwarnung anprangern. Wir können aber auch für sie beten und das persönliche Gespräch mit ihnen suchen – in Liebe und mit lieblichen Worten, die vor dem Herrn allezeit rein sind (Spr 15,26). Das sind ganz verschiedene Vorgehensweisen.

In der Bibel finden wir nichts von dem, was heute so gang und gäbe ist. Im Gegenteil: In verschiedenen Versen, auch im heutigen, finden wir etwas, das heute nur sehr selten zu hören ist: Öffentliches Lob eines Geschwisters im Herrn. Fragen Sie sich selbst, liebe Leser: Wann haben Sie das letzte Mal lobend ein Geschwister erwähnt oder ein Geschwister lobende Worte über einen Dritten sprechen hören? Der Apostel Johannes lobte in seinem dritten Brief den Gajus und einen Demetrius. Damit aber nicht genug: Dem Demetrius war von allen (gutes) Zeugnis gegeben worden, von Johannes sogar mit Nachdruck («und du weisst, dass unser Zeugnis wahr ist»). Heute ist man «vorsichtig». Man will nicht «vorschnell» Geschwister loben, vielleicht aus Angst, diese könnten sich später nicht bewähren, und das würde dann auf einen selbst abfärben. Johannes und auch andere Schreiber der Bibel brachten bei verschiedenen Gelegenheiten verschiedenen Geschwistern Vertrauen entgegen und benannten Gutes ausdrücklich. Wieso sollten wir das nicht auch können? Wenn ein Bruder beispielsweise anhand von Taten beweist, dass er ein fleissiger und treuer Evangelist ist, dann können wir das doch lobend erwähnen. Wir müssen doch nicht damit rechnen, sein Wandel könnte sich zum Schlechten ändern! Und selbst wenn dies später eintreten sollte, ändert das doch nichts daran, dass es sich im Zeitpunkt, da wir ihn lobten, anders verhielt.

Nehmen wir uns also das Vorbild des Apostels Johannes zu Herzen! Sprechen wir doch freundlich und lobend von unseren Geschwistern im Herrn, die uns ebenso teuer sein sollten wie wir uns selbst, hüten wir uns vor Lästerei, gehen wir Probleme richtig an, seien wir doch lieblich und herzlich!

Vers 13

Ich hätte dir vieles zu schreiben, aber ich will dir nicht mit Tinte und Feder schreiben,

3.Joh 1,13

Im Gegensatz zu heute kannte man zur Zeit, als der Apostel Johannes seinen Brief an Gajus verfasste, nur wenige Kommunikationsmittel. Heute müssen wir uns nicht entscheiden, ob wir persönlich mit jemandem sprechen oder ihm einen Brief schreiben wollen. Wir können rasch eine E-Mail oder eine Kurznachricht via Chat-Programm oder Handy senden oder anrufen – sogar Videotelefonate liegen im Bereich des Machbaren. Anerkanntermassen geht die Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten aber mit einem Verlust an sozialen Kontakten einher. Die Menschen können einfacher als je zuvor mit beliebig vielen Menschen in Kontakt treten, vereinsamen aber.

In diesem Kommentar ist kein Platz für gutgemeinte Überlegungen dazu, wie man besser oder kompetenter mit den Kommunikationsmitteln umgehen könnte. Vielmehr geht es hier darum, die Gedanken Gottes hinter dem heutigen Vers zu erforschen. Weshalb liess Er obigen Satz im biblischen Kanon erscheinen? Doch gewiss, um uns Seine Gedanken über ein bestimmtes Thema mitzuteilen! Die Hauptaussage ist klar: Es gibt anscheinend Dinge, die man lieber im persönlichen Gespräch bespricht. Man könnte – was hier sicher nicht der Fall ist – etwa an Mt 18,15ff. denken, wo es um die Ermahnung eines Bruders geht, der gesündigt hat. In Mt 18,15 heisst es ganz klar: «So gehe hin». Solches bespricht man weder per E-Mail noch per Telefon. Man steht auf, geht aus dem Haus, nimmt den Weg zum Bruder auf sich, schaut ihm in die Augen und bespricht die Sache mit ihm. Wenn uns Kommunikationsmittel auch beinahe in die Lage versetzen, vom heimischen Sofa aus so etwas wie ein persönliches Gespräch zu führen, so ist es doch nicht dasselbe. Und wenn es nur darum geht, sich vom Sofa zu erheben und einen Weg auf sich zu nehmen! Dazu kommt, dass es scheint, die soziale Interaktion sei eine andere, wenn sie im persönlichen Gespräch geschieht. Was die Faktoren sein könnten, mögen andere erforschen; hier genügt jedenfalls, dass ein persönliches Gespräch nicht ersetzt werden kann. Wer nur elektronisch kommuniziert, dafür fleissig, vereinsamt jedenfalls offenbar eher als jemand, der nur hie und da ein persönliches Gespräch mit seinen Nachbarn und Verwandten führt.

Der Apostel Johannes hegte ein ehrliches Interesse an Gajus. Er wollte ihn besuchen und persönlich mit ihm sprechen. Das hiess damals, einen weiten und beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen. Das war Gajus dem Johannes wert. Wie sieht es in Bezug auf unsere Wertschätzung gegenüber unseren Nächsten, insbesondere unseren Geschwistern im Herrn, aus? Besuchen wir sie ab und zu oder genügen uns einige SMS pro Monat und die «offiziellen» Zusammenkünfte?

Vers 14

sondern ich hoffe, dich bald zu sehen, und wir wollen mündlich miteinander reden. Friede dir! Es grüssen dich die Freunde. Grüsse die Freunde mit Namen!

3.Joh 1,14

Wie bereits im gestrigen Kommentar erwähnt, lag Gajus dem Johannes offenbar am Herzen. Johannes hoffte, Gajus bald zu sehen. Der Besuch, der mit einem weiten und beschwerlichen Weg verbunden sein würde, war keine mühsame Pflicht, sondern ein herbei gehofftes Erlebnis. Die Freude, Gajus persönlich zu sehen, würde die Strapazen der Reise bei weitem überwiegen. Wie schön ist es doch, von einem derart innigen, herzlichen Verhältnis zwischen den Geschwistern im Herrn zu lesen! Auch die Grüsse weisen darauf hin: Nicht nur Johannes grüsste Gajus, sondern auch andere Christen, die hier schlicht «Freunde» (ein schöner Ausdruck in diesem Zusammenhang!) genannt werden. Sie wollten alle Gajus wissen lassen, dass sie an ihn dachten. Zuletzt folgte die Aufforderung: «Grüsse die Freunde mit Namen!» Nicht, dass Gajus nötig gehabt hätte, ermahnend darauf hingewiesen zu werden – er hatte ja eine echte Wertschätzung sogar für fremde Brüder bewiesen. Die Aufforderung scheint mehr eine Erinnerung (und an uns gerichtet) zu sein, etwas Wichtiges, das quasi nicht oft genug betont werden kann. Heute fehlt es, wie in dieser Betrachtung zum dritten Brief des Johannes schon einige Male erwähnt, an der Herzlichkeit und Innigkeit zwischen den Christen. Das allein ist Beweis genug dafür, dass die Aufforderung, die Freunde mit Namen zu grüssen, nicht vergebens ist. Wir müssten noch mehr daran erinnert werden!

Ich möchte diese Betrachtung daher mit folgenden Fragen abschliessen: Wie stehen wir zu unseren Nächsten, zu den Geschwistern im Herrn in unserer Nähe, zu weiter entfernten Geschwistern, fremden Geschwistern? Würden wir letztere aufnehmen, wenn sie uns darum bitten würden? Würden wir erstere Freunde nennen und so behandeln? Man kann hier nicht einfach so «Ja!» sagen, denn «Freund» ist ein grosses Wort, eine Verpflichtung und Verantwortung. Arbeiten wir an uns, damit wir dem Herrn Jesus auch in diesen Punkten ähnlicher werden können! Bitten wir den Herrn, unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen zu führen, lassen wir uns aber auch entsprechend führen! Weniger lästern, weniger misstrauen, weniger argwöhnen, mehr geben, herzlicher und inniger und offener sein – in diese Richtung sollte sich unser Glaubenswachstum (unter anderem) bewegen. Der Herr wird volle Unterstützung leisten; es liegt an uns, entsprechende Schritte zu gehen.