Bibelkommentare

Erklärungen zur Bibel

Die Psalmen

Einleitung

Hier finden Sie einige Gedanken zu ausgewählten Versen aus dem schier unerschöpflichen Fundus der Gedanken und Gefühle Gottes und der Gläubigen in und zu  unterschiedlichsten Situationen des Lebens. Die Psalmen vermitteln Trost und Mut, leiten zum Lob und zur Anbetung an und führen uns in die tiefsten Gedanken Gottes ein. Sie sind nichts weniger als ein kostbarer Schatz für alle, deren Herz für Gott schlägt.

Kapitel 119

Vers 1

Glückselig, die im Weg untadelig sind, die da wandeln im Gesetz des Herrn!

Ps 119,1

Liebe Leser, in nicht weniger als 176 Versen (die im Hebräischen übrigens dichterisch kunstvoll geordnet sind) bringt der Psalmist im 119. Psalm zum Ausdruck, wie gut es ist, das Gesetz Gottes zu halten – wie gut das Gesetz Gottes ist (vgl. Röm 7,12). Für den Dichter hat sich das Gesetz als die einzig wahre und richtige Richtschnur für sein Leben erwiesen. Darüber lobt er Gott, den Herrn. Gleichzeitig klingen viele der Verse aber auch wie gut gemeinte Ratschläge eines älteren, weisen Mannes an jüngere Männer und Frauen, wie sie ihr Leben leben sollen. Man gewinnt stellenweise den Eindruck, ein älterer Freund setze sich mit uns hin und wolle uns das Gesetz Gottes schmackhaft machen und in vielfältigsten Zusammenhängen auf dessen Vorzüge hinweisen. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr, denn dies ist genau eine der Arten, wie Gott uns als Seine Kinder unterweisen und leiten will. Er nimmt sich gerne die Zeit, uns in Ruhe alles zu erklären, was Ihn und uns betrifft und was nützlich und entscheidend für unseren Lebensweg ist. Lesen Sie einmal das letzte Kapitel des Evangeliums nach Lukas durch: Dort sehen Sie genau dies veranschaulicht. Der Herr Jesus erschien zuerst zwei Jüngern, die nach Emmaus unterwegs waren. In aller Ruhe erklärte Er ihnen, weshalb geschehen musste, was geschehen war. Dann legte Er selbst ihnen das ganze Alte Testament im Blick auf sich selbst aus. Kurz danach, als diese zwei Jüngern den andern gerade davon erzählt hatten, erschien Er allen Jüngern und erklärte ihnen nochmals die Schriften und Ereignisse. Heute ist es nicht anders. Wer Ihn sucht, wird von Ihm unterwiesen werden. «Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen willig gibt und nichts vorwirft, und sie wird ihm gegeben werden» (Jak 1,5).

Nun ist allerdings das Gesetz (an Israel) für uns Christen keineswegs verbindlich. Ja, es ist nicht einmal eine geeignete Richtschnur für unser Leben! Der christliche Weg ist ein völlig anderer als der israelitische Weg. Selbst wenn wir das Gesetz beachten und einhalten könnten (wir können es nicht), würden wir das von Gott für unser Leben gesetzte Ziel verfehlen. Bei uns zielt Er nämlich nicht auf einen äusserlich einwandfreien, moralisch vorbildlichen Wandel ab, sondern vielmehr auf Herzen, die für Ihn brennen, auf Charakter, die Ihm ähnlich sind. Ein moralisch vorbildlicher Wandel ist eine Art Nebenprodukt eines mit Gottes Willen übereinstimmenden Lebenswandels, aber nicht dessen Inhalt. Der eigentliche Inhalt ist ein Herz, das ganz und gar dem Herrn gehört. Wenn wir im Alten Testament lesen und das Gesetz studieren, sollten wir dies immer im Hinterkopf behalten. Wir können viel vom Gesetz lernen, denn es ist ein Ausdruck des Wesens und Charakters Gottes. Wir können etwas über Ihn lernen. Dies sollte das Ziel sein, wenn wir das Gesetz studieren. Selbstverständlich richten sich Schriftstellen wie dieser 119. Psalm an Erlöste. Wer noch nicht dem Herrn gehört, wird aus diesem Psalm nicht viel Nutzen ziehen können, denn das Gesetz ist nicht der Weg, der zu Gott führt. Nur durch den Herrn Jesus können Menschen zu Gott gelangen, und auch nur dann, wenn sie zum Punkt gelangen, an dem sie aus tiefstem Herzen erkennen, dass sie selbst vor Gott völlig ruiniert sind und nur noch auf Seine Gnade hoffen können. Das Gesetz mag ein Fingerzeig dafür sein, denn es zeigt unser Versagen auf (wir können es nicht einhalten). Mehr vermag es aber nicht zu leisten.

Nach diesen grundsätzlichen Vorbemerkungen möchte ich nun zum Inhalt des oben zitierten Verses schwenken. «Glückselig, die im Weg untadelig sind, die da wandeln im Gesetz des Herrn!» (Ps 119,1). Wir können uns – auch als Gläubige! – für zwei verschiedene Wege in unserem Leben entscheiden: Entweder gehen wir den Weg Gottes oder wir gehen unseren eigenen Weg, dessen Ende Wege des Todes sind (Spr 14,12; Spr 16,25). Wer eingesehen hat, dass er selbst nicht fähig ist, ein Leben zum Wohlgefallen Gottes zu führen, wem bewusst ist, dass er im Zweifelsfalle dazu neigt, eine falsche Entscheidung zu treffen und sich und seinen Nächsten damit zu schaden, wer weiss, dass er niemals alle Eventualitäten überblicken und eine perfekte Entscheidung treffen kann – der wird sich nicht widerwillig dem Willen des Herrn unterwerfen, sondern vielmehr den Herrn anflehen, ihn auf Seinem Weg zu führen. Glückselig, wer an diesen Punkt gelangt ist! Er wird den Weg gehen, der Gott gefällt und ihm selbst den optimalen Nutzen bringt.

Vers 2

Glückselig, die seine Zeugnisse bewahren, die von ganzem Herzen ihn suchen,

Ps 119,2

Liebe Leser, die Gebote Gottes halten, ohne ein brennendes Herz für Ihn zu haben, ist nichts. «Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeile, und wenn ich meinen Leib hingebe, damit ich verbrannt werde, aber nicht Liebe habe, so nützt es mir nichts» (1.Kor 13,3). Der Herr sucht keine Gesetzesgelehrten, keine folgsamen Untertanen, keine Paragraphenreiter oder Automaten, die ausschliesslich nach bestimmten Regeln funktionieren. «Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter» (Joh 4,23). Ein Herz kann aber auch nicht für Gott brennen, ohne dass der Mensch sich für Seinen Willen interessiert. Wer Gott liebt, der will auch die Gebote halten. «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren» (Joh 14,21); «wer aber irgend sein Wort hält, in diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet. Hieran wissen wir, dass wir in ihm sind» (1.Joh 2,5). Wie könnte ich behaupten, jemanden zu lieben, während ich mich nicht darum schere, was dieser Person gefällt und was nicht? Wäre dies nicht eine seltsame Form von Liebe? Wie also das Halten der Gebote ohne die Liebe nichts ist, ist auch die Liebe ohne das Halten der Gebote nichts. Beides muss Hand in Hand gehen, denn glückselig sind gemäss Ps 119,2 (nur) die, die Seine Zeugnisse bewahren und Ihn von ganzem Herzen suchen.

Vers 3

die auch kein Unrecht tun, auf seinen Wegen wandeln!

Ps 119,3

Bereits in Vers 1 ist die Rede vom Weg des Herrn gewesen. Hier schliesst sich nun bereits gewissermassen eine erste Klammer, indem nochmals betont wird, dass die, die auf dem Weg des Herrn wandeln, glückselig seien. In diese Klammer eingeschlossen ist zunächst der wichtige Grundsatz, dass die Liebe zum Herrn und das Beachten Seiner Ordnungen Hand in Hand gehen müssen. Weiter wird eingeschlossen: «die auch kein Unrecht tun». Dies ist beachtenswert, denn fragen Sie einmal ihre Bekannten, was einen christlichen Wandel denn wohl ausmache. Die meisten werden antworten, man müsse dies und das tun, beispielsweise Gottesdienste besuchen, beten, in der Bibel lesen oder gute Werke an den Mitmenschen tun etc. Diese Auffassung könnte menschlicher nicht sein. Bereits Kain hat so gehandelt: Er hat dem Herrn etwas von seiner Arbeit dargebracht (anstatt seine Sünde zu bekennen). Die Israeliten haben ebenso gehandelt. Selbst als sie bereits weit vom Weg des Herrn abgewichen waren, haben sie noch die äussere Form des Gottesdienstes beibehalten und unter anderem geopfert. Hat dies den Herrn erfreut oder gar beeindruckt? Mitnichten! «Denn wenn ihr mir Brandopfer und eure Speisopfer opfert, habe ich kein Wohlgefallen daran; und das Friedensopfer von eurem Mastvieh mag ich nicht ansehen» (Amos 5,22); «Wer ein Rind schlachtet, erschlägt einen Menschen; wer ein Schaf opfert, bricht einem Hund das Genick; wer Speisopfer opfert, es ist Schweinsblut; wer Weihrauch als Gedächtnisopfer darbringt, preist einen Götzen. So wie diese ihre Wege erwählt haben und ihre Seele Gefallen hat an ihren Scheusalen» (Jes 66,3; vgl. auch Spr 15,8 und andere). Den Herrn ekeln «gute Taten» und Opfer, die von Menschen dargebracht werden, welche unrecht tun!

Wer zum Herrn kommen will, soll nicht versuchen, seinen Ungehorsam und seine Sünden durch gute Taten zu «überdecken». Nein, der an sich einfache und doch von vielen nicht verstandene Grundsatz ist: Wer zum Herrn kommen will, soll zuerst Ordnung in seinem Leben schaffen. Er soll seine Schuld vor dem Herrn bekennen, Ihn um Vergebung bitten und fortan von der Sünde lassen. Das ist alles. Weil all dies in Jes~1 sehr schön und anschaulich beschrieben wird, soll an dieser Stelle der Herr durch Sein Wort sprechen:

Hört das Wort des Herrn, Vorsteher von Sodom; horcht auf das Gesetz unseres Gottes, Volk von Gomorra! Wozu soll mir die Menge eurer Schlachtopfer?, spricht der Herr. Ich habe die Brandopfer von Widdern und das Fett der Mastkälber satt, und am Blut von Stieren und Lämmern und jungen Böcken habe ich kein Gefallen. Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen: Wer hat dies von eurer Hand gefordert, meine Vorhöfe zu zertreten? Bringt keine wertlose Opfergabe mehr! Räucherwerk ist mir ein Gräuel. Neumond und Sabbat, das Berufen von Versammlungen: Frevel und Festversammlung kann ich nicht ertragen. Eure Neumonde und eure Festzeiten hasst meine Seele; sie sind mir zur Last geworden, ich bin des Tragens müde. Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch; selbst wenn ihr das Gebet vermehrt, höre ich nicht: Eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch; schafft mir die Schlechtigkeit eurer Handlungen aus den Augen, hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun, trachtet nach Recht, leitet den Bedrückten; verschafft Recht der Waise, führt die Rechtssache der Witwe!

Jes 1,10–17

Vers 4

Du hast deine Vorschriften geboten, damit sie fleissig beachtet werden.

Ps 119,4

Was sind Ordnungen wert, die nicht beachtet werden? Wohl nicht allzu viel. Die meisten von uns haben das Privileg, in einem so genannten Rechtsstaat leben zu dürfen, das heisst in einem Land, das über eine gesetzliche Ordnung verfügt, welche die Gleichbehandlung aller Bürger garantieren und Machtkumulationen und Machtmissbrauch verhindern soll. Solche Ordnungen nützen aber nichts, wenn die sie vollziehenden Behörden sich nicht darum kümmern. Wenn Ihnen das Gesetz einen gewissen Anspruch einräumt, sich der zuständige Beamte aber weigert, sich gesetzeskonform zu verhalten, dann haben Sie ein Problem. In der Theorie mögen Sie zwar diesen Anspruch haben, aber in der Praxis werden Ihnen Steine in den Weg gelegt, die dazu führen können, dass Sie aufgeben, ohne Ihren Anspruch durchgesetzt zu haben. In einem solchen Fall ist die gesetzliche Ordnung herzlich wenig wert. So ist es auch mit den Vorschriften Gottes. Er hat keine Vorschriften gemacht bzw. Ordnungen aufgestellt, damit wir uns theoretisch-philosophisch damit beschäftigen, sondern vielmehr, damit wir uns praktisch danach richten. Seine Ordnungen sollen nicht nur beachtet, sondern fleissig beachtet werden. Sie sind gut und gerecht und wirken zu unserem Besten mit. Nennen wir als Beispiel die Warnung, nicht eine Frau, die nicht an den Herrn Jesus glaubt, wie die Schrift sagt, zu heiraten. Damit will uns Gott, der Herr, nicht etwas vorenthalten, das uns glücklich machen würde. Vielmehr will Er verhindern, dass wir uns mit einer unnötig schwierigen Ehe (weil auf einer schier unmöglichen Ausgangslage beruhend) selber unglücklich machen. Selbst wenn jemand bloss eigennützig handeln will, ist er gut damit beraten, die Ordnungen Gottes fleissig zu beachten; es wird ihm von grossem Nutzen sein. Selbstverständlich ist die Motivation eines Gläubigen aber eine andere als Eigennutz, nämlich die Liebe zum Herrn Jesus – die, wie bereits dargelegt, mit dem Halten der Gebote Hand in Hand geht.

Hier wird nicht das Gesetz gepredigt. Zwar bezieht sich Ps 119,4 auf das Gesetz (für Israel). Insofern ist er für Christen nicht von Bedeutung, denn wir sind nicht unter diesem Gesetz. Nochmals muss betont werden, dass das Gesetz für uns nicht von Bedeutung ist, nicht einmal als Lebensregel. Auch wenn wir aber unter Gnade sind, hat der Herr doch bestimmte Ordnungen für uns aufgestellt. Wir finden sie im Neuen Testament. Sie sind umfangreicher, als wohl manchem lieb ist, und sie sind absolut verbindlich. Wie für Israeliten gegolten hat: «Du hast dein Gesetz gegeben, damit es fleissig beachtet wird», gilt für Christen: «Du hast deine neutestamentlichen Vorschriften geboten, damit sie fleissig beachtet werden». Das Halten dieser Vorschriften hat aber nicht unsere Errettung zur Folge, sondern ist im Gegenteil die Folge unserer Errettung.


Vers 5

O dass meine Wege gerichtet wären, um deine Satzungen zu beachten!

Ps 119,5

Wie herrlich! Der Psalmist wünscht sich sehnlichst («O, dass … !»), dass seine Wege gerichtet wären, um Gottes Satzungen zu beachten. Liebe Leser, hier wird uns ein sehr eindrücklicher Einblick darüber gewährt, wie hoch Gottes Niveau in moralischer Hinsicht (in Ermangelung eines passenderen Wortes) ist. Wenn Sie den gesamten Psalm 119 gelesen haben, werden Sie beeindruckt davon sein, wie viel Energie dieser Knecht Gottes darauf verwendet hat, dem Herrn von ganzem Herzen nachzufolgen und jedes Wort Seiner Ordnungen völlig ernst zu nehmen. Sie werden seine Haltung mit Ihrer Haltung vergleichen und sich wohl (bei mir ist es jedenfalls so) denken müssen, dass Sie noch ein gutes Stück Weg vor sich haben, bis Sie an diesem Punkt angelangt sind. Aber was sagt er hier von sich selbst? Dass seine Wege noch nicht gerichtet seien! Beachten Sie, dass er im Konjunktiv irrealis spricht, also in dem Modus, der etwas beschreibt, das gerade nicht real ist. Würde er bloss in der indirekten Rede von seinen gerichteten Wegen erzählen wollen, hiesse es: «O, dass meine Wege gerichtet seien, … !» Dieser Mann, der ein Vorbild für wohl jeden von uns darin ist, die Ordnungen Gottes zu beachten, hat tief in seinem Herzen empfunden, dass er noch weit davon entfernt war, die Satzungen Gottes wirklich zu beachten. Sein Wunsch war es, dies noch zu lernen.

Liebe Leser, nie, wirklich nie darf in unserem Herzen der letztlich lähmende Gedanke aufkommen, wir seien so auf dem Weg Gottes unterwegs, dass Er völlig zufrieden mit uns sei. Natürlich gilt uns allezeit Seine Liebe und freut Er sich über jede kleine Regung nach Seinem Sinne, wie ein Vater sich freut, wenn sein Kind die ersten tapsigen Schritte geht, obwohl er weiss, dass es noch weit davon entfernt ist, nur schon richtig gehen zu können. Aber wie übel wäre es, wenn ein Kind noch im Jugendalter bloss wenige Schritte tapsen könnte und nicht gelernt hätte, richtig zu gehen! Daher glauben Sie mir bitte, wenn ich behaupte, dass wir Zeit unseres Lebens nie an den Punkt gelangen werden, wo wir alles gelernt und umgesetzt hätten. Der Herr freut sich über jeden kleinen Schritt, aber Er will, dass wir immer weiter und weiter gehen, dass wir Ihm immer ähnlicher werden und immer mehr mit Seinem Wesen übereinstimmen. Er will uns viel weiter führen als wir uns erträumen. Er kennt das Potential eines jeden von uns und setzt alles daran, es so weit als möglich zu verwirklichen. Wir würden uns alle schon viel früher zufrieden zurücklehnen und weit dahinter zurückbleiben. Das darf nicht geschehen. Ich glaube, es ist gut, wenn wir uns Aussprüche wie den obigen Vers regelmässig in Erinnerung rufen und davon ausgehend unseren eigenen Wandel im Lichte Gottes prüfen und richten.

Vers 6

Dann werde ich nicht beschämt werden, wenn ich Acht habe auf alle deine Gebote.

Ps 119,6

«Dann», also wenn der Psalmist die Gebote Gottes beachten, auf alle davon Acht haben würde, dann würde er nicht beschämt werden. Der Zusammenhang hier ist völlig klar: Wer die Gebote Gottes hält, wird nicht beschämt werden, wer sie nicht hält, wird beschämt werden. Liebe Leser, Sie werden nun vielleicht denken, wir hätten es hier mit dem alttestamentlichen Gesetz Israels zu tun, weshalb dieser Vers (Ps 119,6) für uns nicht massgebend sei. Das stimmt aber nicht, denn dann würde der Psalmist nicht von einer Beschämung, sondern von Leben und Tod sprechen. Das Gesetz lautete nämlich: «Wer diese Dinge getan hat, wird durch sie leben» (Gal 3,12). Wer das Gesetz nicht befolgte, wurde nicht beschämt, sondern getötet. Das ist etwas völlig anderes. Der Psalmist sehnte sich nicht danach, durch das Halten der Gebote Gottes errettet zu werden oder sein Leben zu behalten. Er wollte aus Liebe zu Gott das ganze Gesetz halten und zur Vollendung bringen und sich damit das Wohlgefallen Gottes verdienen. Das war eine Herzensangelegenheit. Der Psalmist wollte gewissermassen von seinem Vater hören, dass er seine Sache gut gemacht habe und dass Er stolz auf ihn sei. Unsere Kinder sollen uns gehorchen, damit das Zusammenleben als Familie funktioniert. Das ist eine Sache. Wenn sie aber (darüber hinaus gehend) uns kleine Dienste erweisen oder etwas für uns basteln oder malen oder was auch immer, dann geht es nicht um ein funktionierendes Zusammenleben, sondern darum, das Herz der Eltern zu berühren. Das ist eine völlig andere Sache. Wir würden dem Psalmisten unrecht tun, wenn wir ihm unterstellen würden, er habe nur sein Leben retten wollen. Was interessierte ihn hier sein Leben? Er wollte das Herz Gottes gewinnen!

Weshalb verwende ich so viele Worte hierauf? Bei uns Christen ist es genau dasselbe. Viele Christen kennen bloss zwei Zustände: Errettet oder nicht errettet. Sie übersehen dabei, dass es unter den Erretteten wiederum unterschiedliche Zustände gibt. Das zeigen nur schon die Gleichnisse von den Knechten in Mt 25 und Lk 19 und – völlig klar und für jeden verständlich – die ernste Warnung in 1.Kor 3. Dann heisst es beispielsweise auch: «Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er offenbart werden wird, Freimütigkeit haben und nicht vor ihm beschämt werden bei seiner Ankunft» (1.Joh 2,28). Wir Christen können bei der Ankunft des Herrn Jesus also beschämt oder nicht beschämt werden. Überrascht Sie das? Ist das nicht völlig logisch? Wie sehr würde es doch dem Wesen Gottes (und insbesondere Seiner Gerechtigkeit) zuwiderlaufen, wenn Er bei Seiner Ankunft einfach allen Christen die Schulter tätscheln würde, egal, wie sie gewandelt sein werden! So ist Er nicht. Nein, Er nimmt von allem Notiz und wird alles gerecht beurteilen. Das Haus Gottes ist nicht vom Gericht ausgenommen, sondern – im Gegenteil! – das Gericht Gottes beginnt sogar im Haus Gottes: «Denn die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes; wenn aber zuerst bei uns, was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen!» (1.Petr 4,17). In Bezug auf die Worte Gottes (im Alten Testament!) heisst es übrigens: «Wer irgend nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und die Menschen so lehrt, wird der Geringste heissen im Reich der Himmel; wer irgend aber sie tut und lehrt, dieser wird gross heissen im Reich der Himmel» (Mt 5,19).

Ich will Ihnen keine Angst machen oder mit Gericht drohen. Es wäre auch überaus traurig, wenn die blosse Angst vor dem Gericht unser Antrieb wäre, Gott gefallen zu wollen. Trotzdem können wir vor diesen klaren Aussagen nicht einfach die Augen verschliessen und so tun, als verhielte es sich nicht so. Keines der Worte Gottes wird je aufgelöst werden. Unser Antrieb sollte es aber sein, Gott gefallen zu wollen, weil wir Ihn lieben und Ihm dankbar für alles sind, was Er uns gegeben hat und weiter für uns tut. Die Liebe ist stärker als die Angst. «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit» (2.Tim 1,7).

Vers 7

Preisen werde ich dich in Aufrichtigkeit des Herzens, wenn ich gelernt habe die Rechte deiner Gerechtigkeit.

Ps 119,7

Es ist wirklich erstaunlich, wie nachdrücklich in diesem Psalm auf die Rechte Gottes, auf Seine Gerechtigkeit und auf das Lernen oder Erlernen Seiner Rechte und Gerechtigkeit hingewiesen wird. Sogar der Lobpreis in Aufrichtigkeit des Herzens setzt nach den Worten des Psalmisten (denen der Heilige Geist Seinen Stempel aufgedrückt hat, indem Er sie Teil der Bibel hat werden lassen) das Erlernen der Rechte von Gottes Gerechtigkeit voraus.

Jedes Kind kann Gott Danksagung darbringen, denn schon Kinder können Gutes, das ihnen zuteil wird, erfassen. Man muss nicht viel gelernt haben oder über Gott wissen, um Ihm für Sonnenschein, Regen, Gesundheit, finanzielles Wohlergehen oder ähnliches zu danken. Ihn zu preisen ist aber bereits etwas anderes, denn der Gegenstand des Lobpreises ist nicht, was Gott für uns getan oder uns zuteil werden lassen hat, sondern vielmehr, was Er selbst in sich ist. Wir danken für gute Gaben und wir preisen Seinen herrlichen Charakter, um es ganz kurz zusammenzufassen. Für den Lobpreis müssen wir also wissen, mit wem wir es zu tun haben. Die Gerechtigkeit Gottes ist einer von vielen Wesenszügen, die Ihn preisenswert macht. Je mehr wir davon erfasst haben, desto aufrichtiger und inniger können wir Ihn preisen. Dasselbe gilt natürlich auch hinsichtlich Seiner Gnade, Seiner Barmherzigkeit und Seiner Liebe zu den Menschen, aber das ist nicht der Gegenstand dieses Psalmes.

Ich will an dieser Stelle nur ein ganz kleines Beispiel dafür geben, wie das Erlernen Seiner Gerechtigkeit uns in aufrichtigen Lobpreis führen kann: Sehen Sie, liebe Leser, ein Israelit, der etwas Unreines anrührte, ohne es zu wissen, war genauso unrein und schuldig, wie einer, der wissentlich etwas Unreines anrührte (3.Mose 5,2). Gott sah über solche unwissentlich begangenen Sünden also nicht hinweg, sondern forderte auch für diese ein Opfer. Weil Er aber (später) selbst das Opfer für alle Sünden gestellt hat, bedeutet dies, dass Sein Opfer nicht nur die «gröberen» Sünden, sondern vielmehr alle Sünden gesühnt hat, also auch die unwissentlich oder unwillentlich begangenen Sünden und sogar die Unterlassungssünden. Ist das nicht herrlich? Weil Gott so durch und durch bis ins Kleinste gerecht ist, dürfen wir ganz sicher sein, dass Sein Sühnopfer alles gesühnt hat. Sein Opfer trägt sogar den allerkleinsten und verborgensten Sünden (sogar solchen, die auch das geschulteste Gewissen nie und nimmer erkennen könnte) Rechnung! O, wie ist Er hierfür zu preisen! Wie dankbar müssen wir Ihm für Seine absolute Gerechtigkeit – die zugleich unsere vollkommene Sicherheit ist – sein!

Vers 8

Deine Satzungen werde ich beachten; verlass mich nicht ganz und gar!

Ps 119,8

Das Thema bleibt dasselbe, aber der Blickwinkel ändert nun. Weiterhin geht es um das Beachten der Satzungen Gottes. Im Vordergrund steht aber nicht mehr der innige Herzenswunsch, Gott wohlzugefallen, sondern das Flehen, Er möge den Betenden nicht ganz und gar verlassen. Wie passt das mit den vorherigen Versen zusammen? Die Antwort ist einfach: In unserem Leben gibt es nun einmal – auch als Christen – nicht nur eitel Sonnenschein. Die Sorgen der Welt oder deren Versuchungen können uns in ernsthafte Bedrängnis, zum Straucheln (Jak 3,2) und sogar zum Fall bringen (Spr 24,16). Wir können uns so weit von Gott entfernen, dass unsere Herzen nicht mehr für Ihn brennen, sondern wir vielmehr irgendwann feststellen müssen, dass Er sich aus unserem Leben zurückgezogen hat. Wir sind dann nicht mehr von Seinem Geist erfüllt, sondern hängen gewissermassen bloss noch an einem seidenen Faden an Ihm. Dann lautet unsere Bitte nicht: Herr, ich will dich in Aufrichtigkeit des Herzens preisen, sondern vielmehr: Herr, verlass mich nicht ganz und gar!

Über zwei Dinge dürfen wir uns keine Illusionen machen: Erstens können wir den Herrn nur aufrichtig preisen, wenn wir Ihm nahe sind, wenn unsere Herzen also in Übereinstimmung mit Ihm und wir von Seinem Geist erfüllt sind. Aus dem Sumpf der Welt heraus können wir nicht direkt in Seinen Thronsaal treten. Bereits die Priester des israelitischen Gottesdienstes wurden zwar nur einmal gewaschen, aber mussten sich später jedes Mal die Hände und die Füsse waschen, um vor Gott treten zu dürfen (vgl. 2.Mose 29.30). Dies bedarf wohl keiner näheren Erklärung. Zweitens kann jeder von uns straucheln und fallen. Wenn wir meinen, dass wir davor gefeit seien, stehen wir wohl schon im Begriff zu fallen: «Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle» (1.Kor 10,12).

Vers 9

Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln? Indem er sich bewahrt nach deinem Wort.

Ps 119,9

Die Welt, aber auch die «christliche Landschaft», sind voll von guten und gutgemeinten Ratschlägen für einen erfolgreichen Lebenswandel. So wird Jugendlichen etwa eingetrichtert, ja die Schule (möglichst gut) abzuschliessen, weil sie sonst keine Lehrstelle finden würden. Später sollen sie dann eine begonnene Berufslehre um keinen Preis abbrechen, weil sie ohne Berufsabschluss auf dem Arbeitsmarkt keine guten Aussichten haben. Das ist natürlich alles ganz richtig. Manche Eltern raten ihren Kindern aber auch, sich im Jugendalter «auszutoben», damit sie nicht später (wenn sie eine Familie haben würden) einen «Nachholbedarf» hätten. Der Wert eines solchen Ratschlages ist schon etwas zweifelhaft. In christlichen Kreisen wird man Jugendlichen vielleicht raten, nicht mit Kollegen aus der Schule um die Häuser zu ziehen. Ach, es gibt Tausende von Ratschlägen für einen guten Lebenswandel!

Als Christen sollten wir uns jedoch vor allem an Gottes Wort halten. Lesen Sie einmal aufmerksam das Buch der Sprüche durch! Sie finden darin wertvolle Ratschläge für einen geschickten, klugen Wandel in dieser Welt – direkt aus dem Munde Gottes. Hier in Ps 119 steht aber nicht ein erfolgreiches Leben im Fokus. Hier lautet die Frage: «Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln?» Das ist eine andere Frage, denn Reinheit bedeutet nicht automatisch auch weltlich-irdischen Erfolg. Die erste Frage an die Eltern und älteren Geschwister im Herrn lautet also: Was wollen wir? Wollen wir, dass die Jungen Erfolg in der Welt haben? Oder wollen wir, dass sie ihren Pfad in Reinheit wandeln? Wenn letzteres unser Wunsch ist, dann gibt es nur einen Ratschlag: «Indem er sich bewahrt nach deinem Wort.» Es gibt nichts anderes. Wer nicht das Wort Gottes in seinem Herz und sich selbst in Gottes Wort bewahrt, der hat keinerlei Gewähr für einen reinen Wandel. Zöge der Herr nur kurz Seinen Geist zurück, würden wir nur kurz nicht mehr unseren Wandel am Worte Gottes ausrichten, wir wären schlimmer als die Menschen um uns herum! Brauchen Sie einen Beweis für diese Behauptung? Dann lesen Sie bitte die Geschichte Israels nach. Mein Ratschlag an alle «Jünglinge» lautet daher: Bewahrt euch nach Gottes Wort! Amen.

Vers 10

Mit meinem ganzen Herzen habe ich dich gesucht: Lass mich nicht abirren von deinen Geboten!

Ps 119,10

Und wieder finden wir die beiden Dinge, die Hand in Hand gehen müssen, in einem (schönen) Vers vereint: Das Suchen Gottes mit dem ganzen Herzen (nicht mit dem Kopf und nicht mit dem Bauch) und das Umsetzen Seiner Gebote. Wer Gott mit dem Kopf sucht oder wer Seine Gebote rein aus Verstandesgründen halten will, ist ebenso auf dem falschen Dampfer wie jemand, für den der Glaube eine reine Bauchsache ist, also jemand, der sich bloss von irgendwelchen Gefühlen und eigenen Meinungen leiten lässt, wie es gerade so passt. Wenn das Wort Gottes nur den Kopf erreicht, bringt es keinen Nutzen, denn Gott will nicht, dass wir Ihn bloss zu unserem eigenen Nutzen und weil es vernünftig ist, suchen, sondern Er will nichts weniger als unser Herz. Unser Herz muss von Seinem Wort berührt werden. Wir müssen Busse tun, vor Ihm «in die Brüche gehen» und Ihm unser ganzes Ich hinlegen, uns in Seine Hände begeben. Der Verstandesmensch tut dies nicht, sondern behält seinen bisherigen Lebenswandel bei und befolgt bloss die ihm vernünftig scheinenden Gebote, ohne ein brennendes Herz für den Herrn zu haben. Der Bauchmensch ist nicht besser, denn er «zerbricht» ebenfalls nicht an Gott, sondern bleibt ebenfalls, wie er ist. Wie seine Gefühle vor kurzem noch für Musik, Essen, einen Menschen oder etwas anderes entbrannt sind, entbrennen sie nun für Gott. Dies wird allerdings keinen Bestand haben. Zudem wird der Bauchmensch sagen, die Gebote Gottes interessierten ihn nur am Rande. Entscheidend sei doch vielmehr, dass man Gott von Herzen (damit meint er aber bloss Gefühle) liebe. Liebe Leser, wenn Sie einen Christen sehen, bei dem nicht wenigstens der Wunsch vorhanden ist, Gott Sein Herz zu geben und Seine Gebote zu beachten, dann haben Sie es vielleicht mit einem Kopf- oder einem Bauchmensch zu tun und gar nicht mit einem echten Christen. Ein echter Christ ist daran zu erkennen, dass er sich aufgibt, das heisst selbst abnimmt, während Gott in ihm zunimmt. Wie schon erwähnt: Das Halten der Gebote ohne Beteiligung des Herzens ist nichts und ein (vermeintlich) brennendes Herz für den Herrn ohne Halten der Gebote ist nichts. Beides muss Hand in Hand gehen.

Vers 11

In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige.

Ps 119,11

Wo gehört das Wort Gottes hin? Ins Herz! Dort sollen wir es verwahren, damit wir auf dem Pfad der Reinheit gehen können und nicht gegen den Herrn sündigen. Im Kopf allein kann das Wort Gottes seine Wirkung nicht recht entfalten. Wer das Wort nur verstandesmässig gebrauchen will, wird keine Kraft in sich haben, es selbst einzuhalten, und wird zugleich auch in grosser Gefahr stehen, ein Pharisäer zu werden, das heisst ein auf dem Buchstaben beharrender, andere beständig kritisierender, hochmütiger Mensch. «Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut» (1.Kor 8,1); «der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig» (2.Kor 3,6). Wir benötigen Erkenntnis und wir brauchen jeden Buchstaben des Wortes Gottes, aber alles muss am rechten Platz sein.

Vers 12

Gepriesen seist du, Herr! lehre mich deine Satzungen!

Ps 119,12

Wir haben allen Grund, den Herrn zu preisen. Wie Er das Universum und alles, was darin lebt, gemacht hat, ist preisenswert. Die Schöpfung ist nicht nur funktional, sondern auch schön und vielfältig. Man könnte Bücher über die Wunder der Schöpfung füllen! Auch wie Er mit den Menschen handelt, ist preisenswert. Wie Er das Versagen der Menschen völlig blossgestellt und doch nie von ihnen gelassen und zuletzt sogar Seinen geliebten Sohn für Seine Feinde in den Tod gegeben hat, wie der Sohn und der Vater im Wunsch, dieses grosse Opfer zu bringen, völlig übereingestimmt haben, das ist absolut anbetungswürdig. Aber auch die Satzungen Gottes sind preisenswert: «Und welche grosse Nation gibt es, die so gerechte Satzungen und Rechte hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?» (5.Mose 4,8). Die errettete Seele freut sich an den Satzungen Gottes und will sie lernen, denn sie weiss, dass die Satzungen nicht mehr gegen sie stehen (wie es von Natur aus gewesen ist), sondern für sie sind, wie Gott für sie ist. Die errettete Seele will nicht die Satzungen kennen, um am Tod vorbei gehen zu können, sondern sie will die Wunder des Gesetzes schauen, um den Herrn dafür preisen zu können.

Vers 13

Mit meinen Lippen habe ich erzählt alle Rechte deines Mundes. Ps 119,13

Der Mund eines Menschen muss irgendwann unweigerlich das bekennen, was das Herz dieses Menschen erfüllt. Es kann nicht anders sein; das ist eine Art Naturgesetz. Der Herr Jesus hat es selbst bekräftigt (Mt 12,34). In der Regel wird uns dies nicht selten zum Verhängnis, denn das Herz eines Menschen ist von Natur aus mit allerlei Schlechtem erfüllt. Deshalb hat der Herr Jesus auch gesagt, dass der Mensch nicht durch das, was in den Mund hinein kommt, verunreinigt wird, sondern vielmehr durch das, was aus seinem Mund hinaus geht, denn aus dem Mund kommt das, was aus dem Herzen kommt und das Herz ist unrein (Mt 15,18). Was im Herzen eines Menschen vorgeht, kommt also irgendwann durch das, wovon er spricht, zum Vorschein. Diesen engen Zusammenhang sehen wir sogar dort, wo es um das für uns Menschen am wichtigsten geht, nämlich um die Errettung. So heisst es nämlich in Röm 10,10, dass mit dem Herzen geglaubt werde zur Gerechtigkeit und mit dem Mund zum Heil bekannt werde. Wenn wir im Herzen glauben, kann unser Mund nicht darüber schweigen.

Das Herz eines Kindes Gottes sollte mit Ihm selbst erfüllt sein. Was dem Vater in den Himmeln am kostbarsten ist, nämlich der Sohn, der Ihn verherrlicht hat, sollte auch das kostbarste und wichtigste Gut im Herzen eines Christen sein. Der Herr Jesus sollte mit Abstand den grössten Platz in seinem Herzen einnehmen. Beim Psalmisten ist dies der Fall gewesen: Die Rechte (oder: Entscheidungen oder Urteile) Gottes haben sein Herz erfüllt, wie wir bereits aus den ersten Versen dieses 119. Psalmes unweigerlich erfahren haben. Nun bringt er es selbst zum Ausdruck, indem er schreibt, dass er mit seinen Lippen alle Rechte erzählt habe. Er hat also nicht mit der Wahrheit zurück gehalten, sondern seinen Mund mit dem überlaufen lassen, das ihn so bewegt hat. Ein schönes Vorbild! Tun wir es ihm gleich!

Unbewährte Christen stehen in der Gefahr, ihren Mund mit anderen Dingen übergehen zu lassen und damit die Herrlichkeit Christi zu schmälern. Beachten wir es wohl: Jeder Christ ist ein Botschafter Christi und steht damit jederzeit in der Verantwortung, mit dem was er denkt, fühlt, spricht und tut, den Herrn Jesus zu repräsentieren. Das ist eine sehr ernste Sache! Der Königsweg ist, wie wir gesehen haben, von Ihm zu erzählen. Der niedrigere Weg der Vorsicht ist es, sparsam mit Worten umzugehen. So heisst es in den Sprüchen, dass es dort, wo viele Worte sind, nicht ohne Sünde abgehe (Spr 10,19). Ein Wort der Vorsicht! Jakobus warnt uns noch viel eindrücklicher vor den ernsten Gefahren, die von unserer Zunge ausgehen (Jak 3,1–12). Seien wir also vorsichtig, aber streben wir auch an, viele gute Worte von uns zu geben!

Vers 14

An dem Weg deiner Zeugnisse habe ich mich erfreut wie über allen Reichtum. Ps 119,14

Der Psalmist hat die Worte Gottes nicht nur gehört oder gelesen, sondern studiert. Er hat nämlich darin den Weg Gottes, das heisst den roten Faden, der alle Worte durchzieht, entdeckt. Textauslegung ist eine aufwendige, zeitraubende Sache. Die Aussage eines Textes ist nicht zwingend die, die wir beim Lesen hinein interpretieren. Wenn der Herr Jesus beispielsweise das Reich Gottes mit wenig Sauerteig vergleicht, der unter drei Mass Mehl vermengt wird und nach einer gewissen Zeit alles durchsäuert, dann liegt es nahe, darin etwas Positives zu sehen, weil das unseren eigenen Wünschen entspricht. Wir wollen ja, dass das Reich Gottes stark und mächtig ist und alles durchdringt. Wenn wir aber beginnen zu forschen und nachzusinnen, stellen wir fest, dass der Sauerteig (obwohl an sich eine gute Sache) immer als Bild für die rasch um sich greifende Wirkung der Sünde gebraucht wird. Weshalb sollte es im Gleichnis Jesu also anders sein? Die Auslegung des Gleichnisses muss also in eine ganz andere Richtung führen: Das Reich Gottes wird bis zum Ende dieses Zeitalters völlig von Sünde durchdrungen und durchsäuert sein. Dieses Beispiel zeigt, dass Textauslegung mit Arbeit verbunden ist. Als Christen haben wir den unschlagbaren Vorteil, den Autor selbst jederzeit fragen zu können, was er mit einem bestimmten Wort gemeint hat. Alle Schrift ist nämlich durch den Geist Gottes inspiriert und dieser ist seit Pfingsten ausgegossen und in jedem Gläubigen wohnhaft.

Der Psalmist hat die Auslegungsarbeit nicht gescheut. Über den Weg Gottes, den er so entdeckt hat, hat er sich nicht bloss etwas gefreut. Er hat sich auch nicht so gefreut, wie über etwas oder über viel Reichtum, sondern wie über allen Reichtum. Für ihn hat es nichts Kostbareres gegeben als den Weg Gottes zu kennen. Leider scheut die Mehrheit der Christen heute bereits die Auslegungsarbeit. Sie forschen nicht nach, sie studieren das Wort Gottes nicht, sondern begnügen sich mit rudimentärstem Wissen oder glauben einfach, was man ihnen erzählt. Das ist ein trauriger, unhaltbarer Zustand! Die wenigen, die das Wort Gottes studieren, freuen sich wohl in der Regel über das, was ihnen der Herr aufzeigt, aber freuen sie sich so wie über allen Reichtum?

Vers 15

Über deine Vorschriften will ich sinnen und Acht haben auf deine Pfade.

Ps 119,15

Hier sehen wir bestätigt, was ich zum Vers 14 geschrieben habe: Der Psalmist will die Vorschriften nicht bloss lesen, sondern darüber sinnen. Tun wir es ihm gleich? Interessiert uns, was die Gedanken Gottes sind, wenn wir eine Schriftstelle lesen? Wie gehen wir mit Stellen um, die wir nicht verstehen oder deren tieferer Sinn uns verborgen ist? Gehen wir damit zum Herrn, fragen wir Ihn? Forschen wir mithilfe von Kommentaren oder bitten wir ältere, erfahrenere Geschwister im Herrn um Rat? Oder zucken wir mit den Schultern und denken uns, dass uns die Bedeutung des Gelesenen dann schon irgendwann wie von selbst in den Schoss fallen wird? Liebe Leser, es ist zwar wahr, dass nur der Geist Gottes Verständnis für das Wort Gottes schenken kann, aber das entbindet uns nicht davon, Zeit und Energie in das Studium des Wortes Gottes zu investieren – im Gegenteil! Wenn uns schon die grosse Gnade gegeben worden ist, uns mit unseren Fragen direkt an den Autor wenden zu können, dann sind wir umso mehr verpflichtet, zu wissen und zu verstehen, was geschrieben worden ist. Die Bibel könnte noch viel umfangreicher sein; sie enthält nur das Notwendigste, nur das, was wir benötigen, um das Leben in Gott zu haben (Joh 20,31). Es liegt daher auch in unserem ureigensten Interesse, uns im Wort Gottes gut auszukennen. Sinnen wir darüber nach, so oft wir die Gelegenheit haben!

Wir sollen nicht allein Hörer, sondern auch Täter des Wortes sein, ermahnt uns der Apostel Jakobus. Auch der, der ernsthaft über das Wort Gottes nachsinnt, ist erst ein Hörer – ein aufmerksamer, wissbegieriger Hörer, aber bloss ein Hörer. Bibelstudium ist kein Selbstzweck. Wenn wir uns im Wort Gottes gut auskennen, das Gelesene und Studierte aber keinerlei Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln hat, dann läuft etwas gründlich schief. Eines der Ziele des Wortes Gottes und damit auch des Bibelstudiums ist es, uns den richtigen Weg für unsere Lebensführung aufzuzeigen. Wir sollen verstehen, was der Herr gutheisst und was nicht, und weshalb er dieses gutheisst und jenes nicht. Dann verstehen wir, was gut für uns ist, wie der Mensch «funktioniert», wo Gefahren liegen, wo Gutes getan werden kann und so weiter. Diese Dinge sind ganz praktischer Art; sie sollen unser Leben im Alltag beeinflussen. Wir sollen nicht darüber philosophieren und ein Universitätsstudium darüber betreiben, sondern Praktiker, Anwender sein. Dies ist gemeint, wenn der Psalmist schreibt, dass er nicht nur über die Vorschriften sinnen, sondern eben auch auf die Pfade Gottes Acht haben will. Tun wir es ihm gleich!

Vers 16

An deinen Satzungen habe ich meine Wonne; dein Wort werde ich nicht vergessen.

Ps 119,16

Nochmals bringt der Psalmist seine überströmende Freude an den Worten Gottes zum Ausdruck. Dann ergänzt er, dass er das Wort nicht vergessen werde. Damit spricht er einen weiteren wichtigen Punkt an, der uns im Alltag eine grosse Hilfe sein kann. Für viele von uns ist der Gottesdienst am Sonntag eine besondere Zeit. Wir sind unter Geschwistern, auf den Herrn fokussiert und mit Ihm beschäftigt. Damit befinden wir uns geistlich oft auf dem wöchentlichen Höhepunkt. In dieser Situation fällt es uns nicht schwer, uns auf das Wort Gottes zu konzentrieren, Seine Wege zu beherzigen und uns daran auszurichten. Wie sieht es aber beispielsweise am Mittwochvormittag aus, wenn unser Kopf mit unserem Broterwerb beschäftigt ist und wir in der gemeinsamen Pause mit unseren Kollegen witzeln? Wie nahe ist uns das Wort Gottes in dieser Situation? Wie sehr sind wir in diesem Moment auf den Herrn ausgerichtet? Was ich sagen will, ist, dass es leider nur zu oft geschieht, dass wir das Wort Gottes während der Woche vergessen, weil wir uns mit anderen Dingen beschäftigen oder beschäftigen müssen. Im Alltag ist die Gefahr, die Ausrichtung auf den Herrn zu verlieren und sich von Ihm zu entfernen, sehr gross. Wenn wir uns am Sonntag mitten unter den Geschwistern auf den Herrn ausrichten können, dann ist dies keine besondere Leistung. Wenn wir aber mitten im irdischen Betrieb oder mitten in Freizeitaktivitäten mit solchen, die nicht glauben, die Ausrichtung auf den Herrn beibehalten können, dann haben wir bereits einen wichtigen Grundstein für einen erfolgreichen geistlichen Wandel gelegt. Wir dürfen das Wort Gottes nicht vergessen! Es darf auch dann nicht in den Hintergrund rücken, wenn wir mit völlig anderen Dingen konfrontiert sind! Deshalb sollten wir es uns beispielsweise zur Gewohnheit machen, ganz bewusst immer wieder eine kurze «Auszeit» vom Alltag zu nehmen und ein «Stossgebet» an den Herrn zu richten. Damit ist nicht ein dringendes: «Herr, hilf!» gemeint, sondern mehr eine kurze Versicherung, dass wir Ihm noch nahe und mit Ihm beschäftigt sind. Die Regelmässigkeit unserer Gebete ist ein entscheidender Faktor. Beachten wir bitte auch, dass das Gebet eines der herausragenden Kennzeichen eines Christen ist. Als der Herr Ananias damit beauftragte, den frisch bekehrten Paulus zu finden, sagte Er ihm als Versicherung, dass Paulus sich bekehrt hatte: «Denn siehe, er betet» (Apg 9,11). Gewiss hatte Paulus bereits davor unzählige Gebete gesprochen, denn er war ja ein übereifriger Pharisäer gewesen. Erst jetzt hatte er aber gelernt, richtig zu beten, den Herrn zu suchen – und das hatte ihn als Christen ausgezeichnet. Genauso soll man auch von uns als Menschen des Gebets sprechen können.

Vers 17

Tu wohl an deinem Knecht, so werde ich leben; und ich will dein Wort beachten. Ps 119,17

Hat der Psalmist hier etwa einen Kuhhandel mit Gott abschliessen wollen? Ist er der Ansicht gewesen, er könne Gott ein Angebot machen, indem er Sein Wort beachte, um im Gegenzug etwas von Gott erhalten zu können? Nicht wenige Christen meinen, solche Händel seien möglich. Sie erbeten oder fordern etwas von Gott und bieten dafür eine Gegenleistung an. «Gib mir bitte dies und das, dann werde ich drei Wochen lang dreimal täglich statt bloss zweimal täglich beten!» oder so ähnlich beten sie. Eine solche Haltung ist völlig vermessen, denn wer so betet, verkennt seinen Stand vor Gott total. Bedenken wir, dass Er es gewesen ist, der uns überhaupt geschaffen und zum Leben erweckt hat, dass es uns ohne Ihn also gar nicht gäbe und wir nur schon deshalb vollständig Sein Eigentum sind. Beachten wir weiter, dass wir in geistlicher Hinsicht tot und damit völlig unbrauchbar in unseren Sünden und Vergehungen gewesen sind (Eph 2,1), bevor Er uns mit rettender Hand neu zum Leben erweckt hat, weshalb wir Ihm gleich nochmals vollständig gehören. Er hat uns erkauft (1.Kor 6,20 und 1.Kor 7,23)! Wenn es überhaupt irgend etwas gibt, das wir Ihm für den Dienst zur Verfügung stellen können, dann sind es fünf Brote und zwei Fische (Mt 14,17), was unmöglich zur Speisung von fünftausend Männern plus Frauen und Kindern ausreichen (Mt 14,21), sondern bestenfalls als ein Tropfen auf den heissen Stein geachtet werden kann. Wenn wir etwas für den Herrn tun, dann tragen wir höchstens diesen sprichwörtlichen Tropfen bei. Er ist es aber, der daraus so viel macht, dass alle gespiesen werden und ein Rest übrig bleibt, der unseren Beitrag um ein Vielfaches übersteigt (Mt 14,20)! Wir haben also Gott nichts von Wert anzubieten. Das müssen wir einsehen. Wir tun Gott keinen Gefallen, wenn wir Ihm dienen. Vielmehr ist es uns zur Ehre, wenn wir dem Herrn dienen dürfen (vgl. Ps 15,1.2 und Ps 24,3.4).

Die Aussage in Ps 119,17 ist eine andere: Der Psalmist bittet Gott, an ihm wohl zu tun, ohne dafür etwas anzubieten. Seine Bitte ist eine unbedingte und der Ausdruck völligen Vertrauens. Der Psalmist hat gewusst, dass der Herr selbst an ihm wohl tun musste, damit er leben könne. In der Welt hat es nichts gegeben, das ihm das Leben hätte schenken können. Dies gilt nicht nur in Bezug auf das Leben an sich, sondern auch auf das Leben im übertragenen Sinne, das heisst das Wohlergehen, die Freude und das Glück im Sinne von «gut leben». Der Psalmist hat seine Hoffnung allein auf den Herrn gesetzt und Freude ausschliesslich bei Ihm gesucht. Er hat Ihn gebeten, Ihm gnädig zu sein, und zwar als Ausdruck des völligen Vertrauens. Wir sollten es ihm auch in dieser Hinsicht gleich tun und unsere Hoffnungen nicht auf Dinge in der Welt, sondern allein auf den Herrn setzen. Für alles.

Auf die Bitte ist nicht ein Angebot – «dafür werde ich dann …» – gefolgt, sondern eine Feststellung: «Was auch kommen mag, ich will dein Wort beachten». Die Verbindung ist ein «und», was keinen Zusammenhang von Ursache und Wirkung oder von Angebot und Gegenangebot nahelegt, wie es gleich davor der Fall ist, wo zwei Aussagen mit «so» verbunden werden. «Tu wohl an deinem Knecht, so werde ich leben» bedeutet, dass das Wohltun der Grund dafür sein wird, dass der Psalmist leben wird. Hätte er einen Kuhhandel betreiben wollen, hätte er gesagt: «Tu wohl an deinem Knecht, so werde ich dein Wort beachten». Das hat er aber gerade nicht getan. Unabhängig vom Eingreifen Gottes ist es ihm ein Anliegen gewesen, Sein Wort zu beachten und dies zu bekräftigen. Wir werden bei der weiteren Betrachtung dieses aussergewöhnlichen 119. Psalmes noch einige Male feststellen, dass die Themen zwar sehr vielfältig sind, aber alles immer in Bezug zum Wort Gottes gesetzt wird. In fast jedem der 176 Verse wird das Wort Gottes erwähnt. Hätte das Wort Gottes in unserem Leben nur einen Bruchteil der Bedeutung, die es im Leben des Psalmisten gehabt hat, würden wir grosse Dinge tun und im Sieg leben!

Vers 18

Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue in deinem Gesetz! Ps 119,18

Wie schön zeigt auch dieser Vers die Wertschätzung des Psalmisten für das Wort Gottes! Die Evangelien und auch aktuelle Ereignisse zeigen uns, dass Menschen im Allgemeinen schnell für Wundertaten zu begeistern sind. Geschieht etwas, das sich auf den ersten Blick nicht rational erklären lässt, ist das Interesse gross. Handelt es sich um ein eigentliches Wunder, folgt die Begeisterung. Auf die Begeisterung folgt dann aber in aller Regel auch rasch ein Desinteresse. Nach der Speisung der Fünftausend hat die Volksmenge den Herrn Jesus gesucht. Zahlreich haben sie sich um Ihn geschart. Er aber hat nur ernüchtert festgestellt, dass sie Ihn suchten, weil sie gespiesen worden waren (Joh 6,26). Nachdem Er dies als Ausgangspunkt für eine wichtige Belehrung genommen hatte, hiess es nicht nur von Seiten der Leute, sondern auch von Seiten Seiner Jünger: Diese Rede ist hart (Joh 6,60). Auf Seine Entgegnung hin, die eine weitere Belehrung enthielt, verliessen Ihn viele Seiner Jünger (Joh 6,66). Ach, wie schnell waren die Wunder und die wundersame Speisung vergessen!

Der Psalmist hatte nicht diese allgemeine Einstellung. Er war auch begierig danach, Wunder zu sehen. Aber er wollte nicht vergängliche, sondern ewige Wunder sehen, die nur im Wort Gottes zu finden waren, das allein ewig Bestand hat. Er wollte sich nicht von aussergewöhnlichen Ereignissen begeistern lassen, sondern von Gott selbst, von Seiner Weisheit, Seiner Herrlichkeit, Seiner Macht, Seiner Gerechtigkeit, Seiner Barmherzigkeit, Seiner Güte, Seiner Liebe, Seinem Charakter, … Er wusste, dass diese Wunder keine vorübergehende, sondern eine bleibende Begeisterung bewirken würden. Er wusste, dass diese Wunder ihn im Gegensatz zu Wundertaten geistlich nähren und stärken würden, dass er bleibend davon profitieren würde. Über alles bringt seine Bitte aber zum Ausdruck, dass er völlig mit Gott beschäftigt war, dass seine Seele voll und ganz mit dem Herrn und Seinem Wort erfüllt war. Damit hat der Psalmist völlig verwirklicht, wozu wir im Kol 3,2 aufgefordert werden: «Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist» (Kol 3,2).

Zugleich ist dem Psalmisten auch völlig bewusst gewesen, dass nur Der, der das Wort verfasst hatte, ihn die darin enthaltenen Wunder erkennen lassen konnte: der Geist Gottes. Theologen und Sprachwissenschaftler können jahrzehntelang über dem Wort Gottes brüten und doch nichts von seinem Inhalt erfassen. Ein einfacher, ungebildeter Christ kann dagegen alles verstehen, was geschrieben steht. «Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird; der geistliche aber beurteilt alles, er selbst aber wird von niemand beurteilt» (1. Kor 2,14.15).

Vers 19

Ein Fremder bin ich im Land, verbirg deine Gebote nicht vor mir! Ps 119,19

Ein weiteres Merkmal eines wahren Gläubigen zeigt sich in diesem 19. Vers des 119. Psalms: Die Fremdlingsschaft. Unweigerlich denken wir an Hebr 11, wo es heisst:

9 Durch Glauben hielt er sich in dem Land der Verheissung auf wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheissung; 10 denn er erwartete die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. 13 Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheissungen nicht empfangen, sondern sahen sie von fern und begrüssten sie und bekannten, dass sie Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde seien. 14 Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen. 15 Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgegangen waren, so hätten sie Zeit gehabt, zurückzukehren. 16 Jetzt aber trachten sie nach einem besseren, das ist himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet. Hebr 11,9.10.13–16

Abraham, Isaak und auch Jakob hielten sich in einem Land auf, das ihnen respektive ihren Nachkommen von Gott selbst verheissen war. Sie hielten sich aber nicht in der Eigenschaft als Eigentümer dort auf, sondern als Fremdlinge, denen auch nicht ein Fussbreit vom Land gehörte. Sie waren Fremdlinge. Abraham war entwurzelt worden; er hatte sein Vaterland verlassen, ohne je wieder ein eigenes Vaterland auf der Erde zu finden. Die Tatsache, dass er nie wieder zurückgekehrt ist, zeigt, dass er völlig von der Welt «abgeschnitten» gewesen ist und sein Vaterland, seine Vaterstadt in den Himmeln gesehen hat. Wir mögen denken, dass dies keine grosse Sache ist, aber in den Augen Gottes hat diese Haltung der bewussten Fremdlingsschaft eine herausragende Bedeutung. So heisst es nämlich in Hebr 11,16: «Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden». Sehr eindrücklich!

Teilen wir diese Haltung? Sind wir auch «abgeschnitten», sind unsere Wurzeln in der Erde auch abgestorben, wie es beim reifen Weizen der Fall ist? Wir müssen uns völlig darüber im Klaren sein, dass wir nicht in der Welt verwurzelt bleiben und bereits ins Reich der Himmel versetzt sein können. Entweder sind wir Bürger eines irdischen Reiches oder Bürger des Himmelsreiches. Eine doppelte Staatsbürgerschaft gibt es bei Gott nicht. Wer sich nicht von der Welt lösen kann, wird nie in den völligen Besitz aller geistlichen Segnungen, die in den himmlischen Örtern sind, kommen. Es ist unmöglich. Wie hätte denn auch Israel gleichzeitig in Kanaan und in Ägypten sein können? Mit härteren Worten ausgedrückt: «Ihr Ehebrecherinnen, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes» (Jak 4,4).

Vers 20

Zermalmt ist meine Seele vor Verlangen nach deinen Rechten zu aller Zeit. Ps 119,20

Den Israeliten war das Gesetz gegeben, ein Katalog von Regeln, die sie zu beachten hatten. Wenn sie das Gesetz hielten, sollten sie leben, wenn nicht, sollten sie sterben. Die Israeliten hätten das Gesetz folglich als eine Belastung empfinden müssen, als eine Einschränkung in ihrer persönlichen Freiheit. Tatsächlich lastete das Gesetz sehr schwer auf ihnen, «denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun!» (Gal 3,10).

Als Christen sind wir nicht mehr unter dem Gesetz; wir leben durch den Glauben. Das heisst, dass wir nicht mehr dies tun und jenes lassen müssen, um das ewige Leben zu haben. Vielmehr haben wir bereits das ewige Leben geschenkt erhalten, ohne dass wir etwas dazu hätten tun können. Trotzdem gibt es nicht wenige Christen, die traurigerweise das Gesetz zur Lebensregel erheben und ihr Leben am Gesetz ausrichten. Das Gesetz ist zwar heilig, gerecht und gut, aber es taugt weder als Schlüssel zum Leben noch als Regel für ein Gott wohlgefälliges Leben. Der Vater in den Himmeln will sehr viel mehr von uns als die Beachtung von Geboten. Er will, dass unsere Herzen für Ihn schlagen! Er will nicht, dass wir fragen, was erlaubt sei und was nicht, sondern dass wir Ihn fragen, was Ihn erfreut und was nicht.

Bereits im Alten Testament haben Gläubige dieses Prinzip verwirklicht. Der König David wäre beispielsweise mehrfach des Todes gewesen, nur schon wegen dem Ehebruch und dem hinterhältigen Mord. Von ihm heisst es aber, dass er ein Mann nach dem Herzen Gottes gewesen sei. Weshalb? Weil sein Herz für den Herrn geschlagen hat, wie unzählige unvergleichlich bewegende Psalmen oder etwa sein Verhalten Saul gegenüber belegen. Die Geschichte des Königs Josia, der wie kein Zweiter für die Beachtung des Gesetzes geeifert hat, wird dagegen emotionslos wiedergegeben; eine besondere Beziehung zwischen Gott und Josia ist nicht ersichtlich.

Der Psalmist hat das Gesetz ebenfalls nicht als Gesetz wahrgenommen, sondern als Äusserungen Dessen, für den sein Herz mehr als für alles andere geschlagen hat. Die Worte Gottes waren ihm kostbar, weil Gott ihm kostbar war, so wie uns alles, was eine Person, die wir lieben, tut, kostbar ist. Eine Person, für die unser Herz schlägt, könnte uns das Telefonbuch vorlesen und wir würden gebannt an ihren Lippen hangen. Der Psalmist bringt es sehr viel eindrücklicher zum Ausdruck: Seine Seele wird richtiggehend vom Verlangen nach dem Wort Gottes zermalmt. Zermalmt! Ach, hegten wir doch nur einen Zehntel der Gefühle des Psalmisten für Gott und Sein Wort!

Vers 21

Gescholten hast du die Übermütigen, die Verfluchten, die abirren von deinen Geboten. Ps 119,21

Zu allen Zeiten hat es eine Vielzahl – leider die grosse Mehrheit – von Menschen gegeben, die nichts auf den Willen Gottes gegeben haben. Sie haben die Gebote Gottes missachtet und sind einen anderen Weg gegangen, haben ihr Leben an anderen Prinzipien und Ideen ausgerichtet. Wie beschreibt der treue Psalmist diese Menschen? Nun, zuerst einmal hält er fest, dass sie nicht einfach einen anderen Weg gehen, der ebenso legitim wäre wie der Weg der Gebote Gottes. Er beschreibt den andern Weg als Irrweg. Wer die Gebote Gottes missachtet, irrt. Wenn nämlich wahr ist, was Gott uns in der Bibel mitgeteilt hat, dann ist Er der Schöpfer des Universums, dann ist Er der Ursprung allen Lebens, dann weiss Er, wozu Er uns bestimmt hat, dann weiss Er, welches der beste Weg für uns ist und dann weiss Er auch, wo unsere Lebensreise einmal enden wird. Diesbezüglich ist die Bibel ganz klar: Wer glaubt und auf Gott vertraut, der wird durch das Opfer eines Gerechteren als er es ist, errettet werden. Wer nicht glaubt, wird den Lohn seines Handelns empfangen, was nichts anderes als eine ewige Trennung von Gott sein kann, der nicht die geringste Abweichung von Seiner Gerechtigkeit in Seiner Nähe dulden kann. «Du bist zu rein von Augen, um Böses zu sehen» (Hab 1,13). Folglich muss jeder andere Weg ein Irrweg sein, der in eine schreckliche Sackgasse führen wird, aus der es keine Befreiung mehr geben wird.

Die Entscheidung, sein Vertrauen voll und ganz auf Gott allein zu setzen, muss bewusst gefällt werden. Wer dies nicht tut, hat sich schon gegen Gott entschieden, auch wenn er diese Entscheidung nicht bewusst fällt. Es heisst: «Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm» (Joh 3,36). Wir alle sind von Natur aus bereits unter dem Zorn Gottes! Wer diesen Zustand nicht bewusst verlässt, wird nicht unter den Zorn Gottes kommen, sondern darunter bleiben! Wie könnte man jemand, der unter dem Zorn Dessen ist, der die Quelle allen Lebens und allen Gutens ist, anders bezeichnen, als als verflucht? Für den Teil dieser Menschen, der zwar anerkennt, dass das Leben hier ewige Konsequenzen haben kann, aber davon überzeugt ist, selbst dafür sorgen zu können, auf der «richtigen» Seite zu enden, heisst es ausdrücklich: «Denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluch» (Gal 3,10). Wer von den Geboten Gottes abweicht, irrt und ist verflucht.

Die Abweichenden sind aber nicht nur verflucht, sondern auch übermütig. Sie erkennen den Ernst ihrer Lage nicht und sagen sich trotz des drohenden Unheils, dass schon alles gut kommen werde. Sie pflegen eine unberechtigte Unbekümmertheit, sind sorglos, obwohl sie allen Grund zur Sorge hätten, und sind daher auch meilenweit davon entfernt, sich zu demütigen vor Gott. Übermut steht der Demut so sehr entgegen wie Hochmut. Ohne Demut, ohne die Anerkennung des eigenen – völligen – Versagens gibt es kein Zurück zu Gott.

In Seiner unaussprechlichen Gnade hat Gott diese armen Menschen – uns alle! – nicht «ins Messer laufen» lassen, sondern sie gescholten. Eindringlich hat Er versucht, sie zurecht zu weisen, ihnen die Folgen ihres unglückseligen Lebenswandels aufzuzeigen und sie damit zu warnen, auf dass sie umkehren mögen. «So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR, ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe! Kehrt um, kehrt um von euren bösen Wegen! Denn warum wollt ihr sterben?» (Hes 33,11). Wir benötigen alle diese Schelte Gottes, um wach gerüttelt zu werden! Wir müssen umkehren! Gott ist die einzige Rettung! Amen.

Vers 22

Wälze von mir Hohn und Verachtung! Denn deine Zeugnisse habe ich bewahrt. Ps 119,22

Bislang hat der Psalmist seine Wertschätzung für das Wort Gottes zum Ausdruck gebracht, dessen Wichtigkeit für den richtigen Lebenswandel und die Freude und die Glückseligkeit, die der Liebe zu Gott und Seinem Wort entspringt, betont. War nun alles Friede, Freude, Eierkuchen? Nein, hier im Vers 22 sehen wir zum ersten Mal, dass sich der Psalmist in widrigen Umständen befunden haben muss. Weitere Verse, die seine Leiden in dieser Welt antönen, werden folgen. Liebe Leser, wir Christen neigen oft dazu, unseren Mitmenschen das Evangelium möglichst gut «verkaufen» zu wollen. Wir erzählen ihnen, wie viel Gott getan hat und wie wenig wir tun müssen, wir machen ihnen die ewigen Segnungen schmackhaft und gehen nur zu oft dazu über, auch das Leben hier mit Gott als besser als jenes ohne Gott darzustellen. Ich bin überzeugt, dass jeder Christ bereits jetzt besser dran ist als jene, die nicht glauben. Ich möchte die Gemeinschaft mit dem Vater in den Himmeln nicht mehr missen, möchte nicht wissen, wie es wäre, wenn ich mich mit meinen Sorgen und Ängsten nicht an Ihn wenden und mich für all das Gute, das Er mir zuteil werden lässt, nicht bedanken könnte. Von aussen betrachtet führe ich aber kein leichteres oder besseres Leben als andere auch, obwohl ich durchaus privilegiert bin, hier in der Schweiz leben zu dürfen. Andere Christen machen Schweres, sehr Schweres durch; widrige Umstände bleiben ihnen nicht erspart. Leid und Verfolgung sind sogar eher das Teil eines Christen als das eines Nichtchristen. Es stimmt also nicht, wenn wir andern Menschen erzählen, sie würden ein angenehmeres Leben führen können, wenn sie nur zu Gott umkehrten. Das Gegenteil kann der Fall sein. Wenn wir aber diesbezüglich falsche Versprechungen machen und die Leute dann in ihren Erwartungen enttäuscht werden, werden sie dann nicht denken, wir hätten auch bezüglich dessen, was Gott wirklich verheissen hat, übertrieben? Wir müssen uns unbedingt an das Wort Gottes halten, sonst wird unsere Verkündigung nutzlos oder gar schädlich sein!

Vielleicht hat der Psalmist gerade deswegen Hohn und Verachtung erfahren, weil er sich treu an Gott gehalten hat. Das mögen durchaus zwei übliche Reaktionen auf einen treuen Lebenswandel und ein Zeugnis für Gott sein, denn die Menschen nehmen das reine Wort Gottes nicht gerne an. Damit müssen wir zu leben lernen. Lieber leben wir hier in Hohn und Verachtung und danach beim Vater in den Himmeln, als hier in Anerkennung und nachher in der finsteren Gottesferne! Der Herr kann Hohn und Verachtung von uns wälzen und wird es auch tun, wenn wir Ihn richtig repräsentieren, denn Er wird nicht zulassen, dass Sein herrliches Werk verlästert werde. Hier im Vers 22 haben wir daher einen zulässigen Kausalzusammenhang: Wenn wir Gottes Zeugnis bewahren, wird Er Hohn und Verachtung von uns wälzen.

Vers 23

Sitzen auch Fürsten und bereden sich gegen mich, dein Knecht sinnt über deine Satzungen. Ps 119,23

Grosse, anerkannte Persönlichkeiten bilden im Reich Gottes eher die Ausnahme. Mächtige Propheten wie Elia und Elisa hat es bereits im Alten Testament nur wenige gegeben. Auch nach Pfingsten haben nur wenige eine aussergewöhnliche, weit herum bekannte Stellung eingenommen. Der Herr selbst sagt, dass Er das Törichte und das Schwache erwählt habe (1.Kor 1,27). Die meisten Christen leben ein stilles Leben, suchen den Herrn oft in der Stille im Gebet, studieren Sein Wort, tun danach und verkünden die frohe Botschaft, so oft es geht. Das sind keine herausragenden Dienste und sie werden von der Welt kaum wahrgenommen. Was aber ein gottesfürchtiger Mensch in der geistlichen Welt bewegen kann, dürfte unsere Erwartungen oft übersteigen. «Das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel. Elia war ein Mensch von gleichen Empfindungen wie wir; und er betete ernstlich, dass es nicht regnen möge, und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate» (Jak 5,16.17). Gläubige suchen auch gar nicht die Anerkennung der Welt oder hohe und herausragende Stellungen, sondern sind glücklich damit, den Platz als Kinder Gottes einnehmen zu dürfen, und sie stören sich nicht am Gedanken, Knechte des Höchsten zu sein. Wenn sich der Psalmist als «dein Knecht» bezeichnet, dann ist das nur passend.

In welchem Gegensatz steht er damit zur Welt! In der Welt geben die Fürsten den Ton an. Wir mögen uns nun fragen, weshalb sich Fürsten mit einem niedrigen Knecht beschäftigen sollten. Die Gläubigen sind den Ungläubigen aber immer ein Dorn im Auge, denn «jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht blossgestellt werden; wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind» (Joh 3,20.21). Wenn Gottlose unter sich sind, setzen sie selbst den Massstab dessen, was recht sei und was nicht. Wenn aber gottesfürchtige Menschen unter ihnen sind, wird deutlich, dass der von den Gottlosen gesetzte Massstab nicht massgebend sein kann. Der Wandel gottesfürchtiger Menschen legt bereits die Gottlosigkeit der Gottlosen bloss. Deshalb müssen die Gottesfürchtigen den Gottlosen, auch den gottlosen Fürsten, ein Dorn im Auge sein. Daher verwundert es nicht, wenn sich die Fürsten gegen den treuen Psalmisten beraten haben, wie sich später die Pharisäer und die Schriftgelehrten gegen den Herrn Jesus beraten haben, Ihn umzubringen.

Haben diese Anschläge den Psalmisten beunruhigt? Vielleicht, aber er hat sich davon nicht von seinem Wege abbringen lassen, sondern über die Worte Gottes nachgesinnt. Darin hat er die Ruhe gefunden, die er benötigt hat und vielleicht wegen der geplanten Anschläge verloren hatte, denn das Wort Gottes steht in Ewigkeit fest und kann nicht aufgelöst werden, was auch immer die Menschen dagegen unternehmen, und es enthält sehr viel Trost für Geplagte. Im Sinnen über das Wort Gottes konnte der treue Knecht den Anschlägen der Fürsten getrost entgegen sehen. Er wusste, dass er am Ende auf der Siegerseite stehen würde.

Vers 24

Deine Zeugnisse sind auch meine Wonne, meine Ratgeber. Ps 119,24

In Vers 24, dem letzten Vers des dritten Abschnittes (der Psalm 119 ist entsprechend den Buchstaben des hebräischen Alphabets in 22 Abschnitte von je acht Versen gegliedert, wobei die Verse jeweils mit dem «aktuellen» Buchstaben beginnen, also die ersten acht mit aleph, die nächsten acht mit beth und so weiter), fasst der Psalmist zwei wesentliche Aussagen der vorangegangenen Verse zusammen: Die Worte Gottes sind seine Wonne, das heisst der Inbegriff höchster Freude, und seine Ratgeber. In den ersten drei Versen hatte er jene glückselig gepriesen, die sich am Wort Gottes orientierten. In den nächsten drei Versen hatte er betont, dass das Wort Gottes unbedingt beachtet werden müsse. Darauf waren zwei Verse gefolgt, in denen er seinen innigsten Wunsch, sich am Wort Gottes zu orientieren, zum Ausdruck gebracht hatte. Im Vers 9 hatte er einen einzigen Rat für Jünglinge erteilt: Sich am Wort Gottes zu orientieren. Dann hatte er in zwei Versen betont, dass er sich selbst am Wort Gottes orientiert hatte. Die Verse 12.13 zeigen die Folgen davon im alltäglichen Wandel. Die Verse 14–20 enthalten verschiedene Beschreibungen der Freude an Gottes Wort in unterschiedlichen Umständen. Die Umstände mochten sich völlig verändert haben, aber die Freude an Gottes Wort war stets erhalten geblieben. Die Verse 21–23 zeigen schliesslich den Ungehorsam der Gottlosen gegenüber dem Worte Gottes und die Nichtigkeit ihrer Anschläge gegen das Wort Gottes und die Treuen. So ist also die Beschreibung des Wortes Gottes als Wonne und als Ratgeber eine treffende Zusammenfassung der vorangehenden Aussagen.

Noch ein Wort zu den Ratgebern: Es ist wohl wahr, dass die Bibel nicht Antworten auf sämtliche Detailfragen des Lebens enthält. Sie kann auch nicht als «Zaubermittel» verwendet werden, indem wir zu einer aktuellen Frage beliebig einen Vers nachschlagen und dann eine Antwort auf unsere Frage in diesen Vers hinein interpretieren. So soll das Wort Gottes nicht missbraucht werden. Es ist kein Horoskop! Was aber die grundsätzlichen Fragen des Lebens betrifft, so finden wir in der Bibel alle benötigten Antworten, alles, was wir wissen müssen. Hinsichtlich unseres Lebenswandels ist das Wort Gottes der einzige Ratgeber, den wir benötigen. Glückselig, wer «nicht mit Fleisch und Blut zu Rate» geht (Gal 1,16)! In der Welt wird ein Christ nirgends einen auch nur annähernd so guten Ratgeber finden wie im Wort Gottes.

Vers 25

Am Staub klebt meine Seele; belebe mich nach deinem Wort! Ps 119,25

In der Welt wird uns regelmässig ein falsches Bild von starken Persönlichkeiten, von «Helden», präsentiert: Sie sind erfolgreich, allen anderen stets überlegen, glücklich, zufrieden und in einem ständigen Auftrieb. Nur zu rasch übernehmen wir diese falschen Vorstellungen und übertragen sie auf uns als Kinder Gottes. Wir sagen uns, dass wir als Kinder des Herrn der Herren, als solche, die mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet sind, ebenfalls ständig im Auftrieb sein sollten, dass wir stark und glücklich sein sollten. Viele persönliche Aussprüche von Gottesmännern, die in der Bibel festgehalten sind, lehren uns aber, dass die Realität eine andere ist. Der Psalmist, der eine so überaus grosse Wertschätzung für das Wort Gottes hatte, der so viel erkannt und verstanden hatte, der das alles so schön festhalten konnte – seine Seele klebte am Staub. Er war am Boden.

Wir müssen verstehen, dass unser natürlicher, von der Sünde verderbter Antrieb (das Fleisch) Gottes Wille so sehr entgegen gesetzt ist, dass eine Verbesserung von vorneherein nutzlos ist. Es kann nur ein Mittel geben, Gott ähnlich zu werden: Das Fleisch muss absterben, und zwar vollständig. Der damit verbundene Umwandlungsprozess ist langwierig und läuft uns natürlicherweise völlig gegen die Hand. Oft müssen wir durch einiges Leid unsere Lektionen lernen, weil wir anders nicht vorwärts kommen könnten. Das Christenleben ist kein Zuckerschlecken, sondern ein steiniger Weg. Aber der Herr will, dass die, die Er einmal in Ehrenämter einsetzen will, dafür geeignet sind. Wenn uns hier alles zufallen und gelingen würde, ohne dass wir uns anstrengen müssten, dann wären wir nicht bewährt und damit nicht für eine erhabene Stellung im Reich Gottes qualifiziert. Dann wäre es unpassend, wenn uns der Herr an Seinem Tische heraufrücken lassen würde. Nun ist es aber halt auch völlig normal, dass wir, wenn wir uns in einer schweren Lektion befinden, am Boden sind. Das ist für ein Kind Gottes keine Schande. Der Gerechte meistert nicht jede Aufgabe mit links, sondern strauchelt siebenmal. Aber er fällt nicht.

Vers 26

Meine Wege habe ich erzählt, und du hast mich erhört; lehre mich deine Satzungen! Ps 119,26

Gegenüber Gott können wir keine Geheimnisse haben. Er kennt uns besser als wir uns kennen. Bereits aus diesem Grunde wäre es töricht, wenn wir dunkle Geheimnisse vor Ihm verheimlichen würden. So können und sollen wir Ihm im Gebet alles offen legen. Wir sollen unsere Abgründe vor Ihm offen legen und Ihn um Hilfe bitten. Wir sollen Ihm unsere Wege erzählen, was uns beängstigt, sorgt, in Versuchung führt und so weiter. Der Psalmist, dessen Seele am Staub klebte, erzählte seine Wege dem Herrn. Dieser hat ihn erhört. Wenn wir alles vor Gott offen legen, dann wird Er unser Vertrauen nicht enttäuschen. Er wird uns erhören - sogar dann, wenn wir meinen, unser Gebet sei an der Zimmerdecke abgeprallt.

Der Psalmist ist dankbar gewesen und hat die Gebetserhörung in seinem Psalm erwähnt. Dabei ist er aber nicht stehen geblieben. Er wollte mehr! Er wollte mehr Einsicht in das Wort Gottes haben. Der Prediger hatte festgestellt: «Denn wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer» (Pred 1,18). Tatsächlich ist es nicht selten eine Belastung, an Einsicht über Zusammenhänge und Abläufe in der Welt zu gewinnen. Wir erkennen, was alles falsch läuft, wie sehr alles im Argen liegt - und können nichts daran ändern. Der Psalmist hat aber - anders als der Prediger - nicht irdisch gedacht (der Prediger beschäftigte sich mit dem, was unter der Sonne war), sondern geistlich, himmlisch. Er wollte mehr von Gott wissen, mehr Einsicht in Sein Wort haben. Auch die Erkenntnis des Wortes Gottes kann Kummer verursachen und uns das Leben schwer machen, aber dieser Kummer kann nur vorübergehend sein, denn langfristig wird sie uns viel mehr nützen als schaden.

Vers 27

Lass mich verstehen den Weg deiner Vorschriften, und sinnen will ich über deine Wundertaten. Ps 119,27

Die Bibel ist nicht die einzige Offenbarung Gottes, denn Er hat sich auch in der Schöpfung (Röm 1,19.20) und in Seinem herrlichen Sohn (Hebr 1,1.2) offenbart und Er offenbart sich in Seinen Wundertaten. Mit «Wundertaten» sind nicht nur gewaltige Erscheinungen wie die zehn Plagen in Ägypten, das Feuer vom Himmel beim Kampf Elias gegen die Baalspriester und die Engelschöre bei der Geburt des Herrn gemeint, sondern vielmehr sämtliche Eingriffe Gottes in das Weltgeschehen. Die gläubigen Leser und Leserinnen wissen selbst nur zu gut, dass ihre Umkehr zu Gott ein Wunder ist. Wenn wir uns in der Welt umsehen, wenn wir daran denken, mit wie vielen Menschen wir schon gesprochen haben, wie viele Menschen wir schon angefleht haben, doch endlich mit Gott ins Reine zu kommen, und wenn wir daran denken, wie fruchtlos unsere Bemühungen im Allgemeinen gewesen zu sein scheinen, müssen wir vor Gott ausrufen (weil wir waren ja genau gleich, unsere Herzen waren ja ebenso verhärtet): Es ist ein Wunder, dass ich glauben darf! Oder denken wir an die Geschwister im Herrn, die um ihres Glaubens willen bis aufs Blut verfolgt worden sind (etwa im Dritten Reich), aber ihren Peinigern vergeben konnten: Ein Wunder! Ein Mann, dessen Frau ihn mit einem anderen Mann betrogen hat, kann nicht mehr besänftigt werden. In den Sprüchen, die uns die Weisheit Gottes in Bezug auf das natürliche Leben vorstellen, heisst es, dass die Eifersucht die Zornglut eines Mannes wecke und dazu führe, dass er kein Mitleid am Tag der Rache kenne (Spr 6,34). «Grausam ist der Grimm und überflutend der Zorn. Wer aber kann bestehen vor der Eifersucht?» (Spr 27,4). Wenn ein Bruder im Herrn seiner Frau und dem, der ihn gehörnt hat, vergeben kann, ist das kein Wunder? Der Apostel Petrus war ein temperamentvoller Mann, einer, der sich zwar jeweils wagemutig in die erste Reihe gestellt hat, aber am Ende doch ein Angsthase. Dreimal hat er den Herrn verleugnet. Wenige Tage später stand er vor dem Hohen Rat der Juden und bekannte, dass er das, was er gesehen und gehört hatte, nicht verschweigen könne. Ist dieser Wandel von der Feigheit zur Kühnheit kein Wunder? Wir nehmen im Allgemeinen viel zu vieles als viel zu selbstverständlich hin, statt Gott dafür zu danken, wie Er für uns sorgt. Unser Alltag ist voll kleiner und grosser Wunder, aber wir sind oft blind dafür. Entsprechend danken wir dem Herrn viel zu selten, loben Ihn viel zu selten, preisen Ihn viel zu selten. Vier Lieder am Sonntag nennen wir einen schönen Lobpreis. Das ist gewiss ein Anfang und eine besonders erhebende Art, Gott zu loben, aber unser ganzes Leben, unsere Gebete und unsere Worte sollten ein Lobpreis sein, dem am Sonntag nur noch das i-Tüpfelchen aufgesetzt wird! Wenn wir beten – bitten wir nur oder loben wir auch?

Der «Weg Seiner Vorschriften», die in der Bibel zum Ausdruck gebrachten Gedanken, Ansichten, Weisheiten und Gefühle Gottes, ist für unser Glaubensleben von unschätzbarer Bedeutung. Das Wort Gottes ist die Nahrung des Geistes, unseres inneren Menschen. Wir brauchen es tagtäglich, mehrmals pro Tag, damit wir nicht geistlich verkümmern. Aber wir benötigen für unser geistliches Wachstum auch die Erfahrungen, die wir zusammen mit Gott machen, die «Wundertaten». Vieles von dem, was wir im Wort Gottes lesen, können wir zwar verstehen, aber nicht richtig mit dem Herzen erfassen, bis wir eine Erfahrung gemacht haben, die das Gelesene bekräftigt. Beispielsweise hat ein Bruder in einer Zeit, in der er über keine nennenswerten finanziellen Mittel verfügte, vom Herrn den Eindruck erhalten, er solle Ihm Seinen Anteil abgeben. Dieser Bruder hat sich zwar gedacht, dass ein Anteil von nichts wieder nichts sei, dass er aber dem Wort des Herrn gehorsam sein wolle. In derselben Woche hat sich seine finanzielle Situation spürbar verbessert. Dies hat einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, dass es für ihn nie mehr in Frage gekommen ist, Gott Seinen Anteil vorzuenthalten – auch dann nicht, als er beim besten Willen nicht gewusst hat, wie er über die Runden kommen soll. Was soll ich sagen? Der Herr hat ihm nun schon über viele Jahre immer so viel gegeben, dass es am Ende des Monats gereicht hat. Ohne diese Erfahrungen könnte dieser Bruder nicht mit der Überzeugung, die er jetzt hat, jeden Monat etwas für Gott beiseite legen. Der «Weg Seiner Vorschriften» ist von herausragender Bedeutung für das Glaubensleben, aber das Verständnis davon verbunden mit dem Sinnen über die «Wundertaten», also die Kombination zwischen der Erkenntnis aus dem Wort Gottes und den persönlichen Erfahrungen, reicht oft erst aus, um zu tiefgreifenden Herzensveränderungen zu führen. Wir lernen nun einmal langsam und sind träge. Deshalb braucht es oft beides zusammen. Glückselig sind wir, wenn wir wie der Psalmist unsere Ohren dem Wort Gottes und unsere Augen für die Wundertaten Gottes öffnen!

Vers 28

Vor Traurigkeit zerfliesst in Tränen meine Seele; richte mich auf nach deinem Wort! Ps 119,28

Das Leben als Christ ist nicht immer eitel Sonnenschein. Im Gegenteil sind den Christen Verfolgung und Bedrängnis verheissen (z.B. 2.Tim 3,12). Nach unserer Umkehr zu Gott bleiben wir zudem in dieser Welt, die geprägt ist von Leid und Schmerz. In unserer Wohlstandsblase nehmen wir dies vielleicht teilweise nur verschwommen wahr, aber diese Welt ist ein grausamer Ort, ein Ort, an dem sinnbildlich kleine Kinder im Nil ertränkt werden. Für den Gläubigen bietet diese Welt nichts; sie ist für ihn wie eine Wüste, heiss am Tag, bitterkalt in der Nacht trocken, ohne Leben, ohne Wasser, ohne Nahrung. Zwar stehen dem Gläubigen alle geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern zur Verfügung und er darf sich insofern bereits im verheissenen Lande Kanaan bewegen, aber das Leben hier bleibt doch geprägt von Sünde, Trostlosigkeit, Schmerz und Leid. Kommt hinzu, dass nur wenige Leute dem Evangelium der Gnade Gottes ihr Ohr leihen und es annehmen. So predigen und predigen wir – und doch gehen tagtäglich unzählige Menschen auf ewig verloren. Teilweise müssen wir mit ansehen, wie Geschwister sich vom guten Weg abwenden und sich selbst Schaden zufügen. Wessen Seele angesichts solch deprimierender Entwicklungen nicht vor Traurigkeit in Tränen zerfliesst, der ist ein herzloser Mensch.

Nun gibt es nicht wenige Christen, die so ziemlich genau das Gegenteil predigen. Sie rufen die Leute auf, sich zu bekehren und ein besseres Leben zu führen. Sie versprechen ihnen dieses und jenes und sind vielleicht sogar selbst davon überzeugt, dass ein Christ hier in diesem Leben nicht mehr krank werden oder verarmen könne, dass er ein Leben in Saus und Braus – «im Sieg» – führen könne, dass er sich jeden Tag bis zum Tod seines Lebens erfreuen könne. Ich will nicht leugnen, dass Christen besser als Nichtchristen dran sind, denn wir haben die Beziehung zum Vater in den Himmeln, die es uns erlaubt, Freude doppelt zu verspüren, Leid teilen zu können, uns in der Hoffnungslosigkeit an Jemanden wenden zu können. Wer geistlich lebt, wird deshalb unabhängig von den Umständen und sollte an sich in jeder Situation glücklicher sein als ein natürlicher Mensch. Dieses Glück kommt aber von innen und ist nicht das Resultat positiver äusserer Umstände. Wohlstands- und Heilungspredigten sind gefährlich, weil uns weder Wohlstand noch völlige Gesundheit verheissen sind. Kehrt nun ein Mensch zu Gott um, weil er sich erhofft, ein Leben in Wohlstand, Gesundheit und Glück führen zu können, wird sein Glaube erschüttert werden, sobald das Gegenteil eintrifft. Wer sich aber im Wissen bekehrt hat, dass er hier «nur» auf die jederzeitige, völlige Unterstützung des Vaters in den Himmeln vertrauen, aber erst später in perfekte äussere Umstände eingeführt werden wird, dessen Glaube wird nicht erschüttert, wenn er sich mit Problemen und Nöten konfrontiert sieht.

Bitte tun wir nicht so, als hätte wir nie schlechte Zeiten! Heuchlen wir unsere Nächsten doch nichts vor! Machen wir es so wie der Psalmist: Stehen wir dazu, wenn unsere Seele vor Traurigkeit in Tränen zerfliesst! Wenigstens vor dem Herrn müssen wir diese Offenheit haben, denn nur so können wir getröstet und wieder heil werden. Er ist der grosse Tröser, Er ist der, der uns aufzurichten vermag, Er ist der, der uns jede Art von Hilfe zukommen lassen kann. Er will und Er kann uns helfen! Wenden wir uns in der Not also an Ihn! Dabei dürfen wir kühn sein, denn Er selbst hat uns in Seinem Wort Hilfe und Trost verheissen. Wie der Psalmist können wir also sagen: Richte mich auf nach Deinem Wort! Amen.

Vers 29

Wende von mir ab den Weg der Lüge und gewähre mir dein Gesetz! Ps 119,29

Das Wort Gottes ist konzentrierte Wahrheit. Der Herr Jesus sagte einmal von sich, dass Er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei (Joh 14,6). Wir wissen, dass Er auch das Wort ist (Joh 1,1–14). Das Wort Gottes ist beständiger als alles andere, denn der Himmel und die Erde – also, alles was wir kennen und überhaupt erkennen können! – werden vergehen, aber Sein Wort wird nicht vergehen (Mt 5,18; Mt 24,35; Mk 13,31; Lk 16,17; Lk 21,33; 2.Petr 3,7). Was im Widerspruch zum Wort Gottes steht, ist Lüge. Wir sollten die Finger davon lassen, auch wenn es noch so richtig erscheint. Bedenken wir stets die doppelte Warnung in den Sprüchen: Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber zuletzt sind es Wege des Todes (Spr 14,12; Spr 16,25)! Nur das Wort Gottes ist der Weg zum Leben. Womit nähren wir unseren inneren Menschen, unseren inneren Geist? Mit dem lebensspendenden Elixier oder mit verderblichem Mist?

Ich kenne nicht wenige Christen, die sich intensiv mit anderen Religionen beschäftigen. Sie wollen Andersgläubige vom wahren Glauben überzeugen können und meinen, dies gelänge ihnen am besten, wenn sie deren Glaubensgrundlagen erschüttern könnten. Dies ist aber leider eine völlig unzulängliche und letztlich schädliche Vorgehensweise. Nur das Wort und der Geist Gottes besitzen die Kraft, einen Menschen zur Busse zu führen. Wir überzeugen Menschen nicht vom Glauben, indem wir uns auf Vernünfteleien mit ihnen einlassen, sondern nur dadurch, dass wir ihnen die Wahrheit bringen. Weshalb sollten wir unsere Gedanken mit Lügen beschmutzen? Diese Christen sollten lieber wie der Psalmist ausrufen: Wende von mir ab den Weg der Lüge und gewähre mir dein Gesetz! Damit werden sie auch ihren Nächsten besser helfen als mit Diskussionen über deren Ansichten.

Vers 30

Den Weg der Treue habe ich erwählt, habe vor mich gestellt deine Rechte. Ps 119,30

Zuvor hat der Psalmist darum gebeten, dass der Herr den Weg der Lüge von ihm wenden und ihm Sein Gesetz gewähren möge. Nun erklärt er uns gewissermassen, wie man auf die Erfüllung einer solchen Bitte durch Gott reagieren soll. Ein Zuwachs an Erkenntnis des Wortes Gottes geschieht nie einfach so, nie zu unserer blossen Erheiterung oder Unterhaltung, nie, um uns aufzublasen, sondern stets nur, um uns und unsere Geschwister voran zu bringen. Der wohl bekannteste der 176 Verse des 119. Psalms ist der Vers 105: Dein Wort ist Leuchte meinem Fuss und Licht für meinen Pfad. Das Wort soll uns also den Weg zeigen, soll die finstere Nacht um uns herum (Röm 13,12) etwas erleuchten, damit wir uns nicht stossen (Joh 11,10). Deshalb stellen wir das Wort Gottes vor uns, halten es wie eine kleine Laterne an einem Stab und lassen es den Weg so erleuchten, dass wir die nächsten Schritte gehen können. Dies ist das Erste, was der Psalmist uns hier zeigt: Gottes Wort spricht immer in unser Leben, soll uns immer voranbringen, dient nie einem Selbstzweck.

Das Zweite ist: Wir sollen den Weg der Treue erwählen. Wie das Wegstück, das uns das Wort beleuchtet, auch aussieht: Wir müssen es nach dem Willen Gottes beschreiten – ob es uns gefällt oder nicht. Sollte es nicht jedem einleuchten, dass wir nichts über die Fortsetzung des Weges erfahren können, solange wir das Stück, das genau vor uns liegt, nicht beschreiten? Wie will denn das Wort den nächsten Abschnitt beleuchten, wenn wir stillstehen oder uns auf einen anderen Weg wenden? Und doch handeln viele Christen so: Sie gehen den Weg nicht, bleiben stehen oder wenden sich auf einen anderen Weg (ach, möchten sie doch Spr 14,12 und 16,25 bedenken!). Dann fragen sie sich, weshalb sie keine weitere Erkenntnis erhalten. Man möchte ihnen zurufen: Seht ihr es denn nicht? Ist es nicht augenscheinlich? Wir müssen den Weg treu gehen, sonst gibt es in unserem Leben keinen Fortschritt, sondern nur einen Rückschritt.

Vers 31

Ich halte an deinen Zeugnissen fest; HERR, lass mich nicht beschämt werden! Ps 119,31

Wenn wir auf sicherem Grund stehen wollen, ist einer der wesentlichen Schlüssel dafür, von uns weg und auf den Herrn hin zu schauen. Wenn wir beten: «Herr, weisst Du noch, wie ich Dir damals diesen und jenen Dienst erwiesen habe? Dann lass mich nicht beschämt werden!» – können wir da auf eine sichere Gebetserhörung hoffen? Was ist, wenn wir zwischenzeitlich gesündigt haben? Könnte es dann nicht sein, dass der Herr uns antwortet: «Ja, das weiss ich noch genau. Ich weiss aber auch, was du dort getan hast. Das hat alles kaputt gemacht. Ich werde nicht hören; ich werde dich beschämt werden lassen!» Im Wort Gottes finden wir aber unzählige Zusagen und Verheissungen Gottes an uns. Wir wissen, dass Er treu und zuverlässig ist und dass Er zu Seinem Wort steht, sich an Sein Wort bindet. Kluge Christen beten deshalb: «Herr, ich vertraue auf Deine Zusage; lass mich nicht beschämt werden!» Wenn ich so sprechen darf, dann ist dies auch die Art und Weise, wie der Herr Jesus vor dem Vater für uns eintritt. Er beruft sich nicht auf sich oder auf uns, sondern auf die Zusagen des Vaters in den Himmeln. Dies zeigt uns die Fürbitte Moses für das Volk Israel vorbildlich. Achten Sie darauf, wie der Herr vom Volk sprach: «Gehe, steige hinab! denn dein Volk, das du aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hast, hat sich verderbt» (2.Mose 32,7). Er wollte damit nichts zu tun haben! Berief sich Mose nun auf Vorzüge der Israeliten oder auf sich? Nein:

Warum, HERR, sollte dein Zorn entbrennen wider dein Volk, das du aus dem Lande Ägypten herausgeführt hast mit grosser Kraft und mit starker Hand? Warum sollten die Ägypter also sprechen: Zum Unglück hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge zu töten und sie von der Fläche des Erdbodens zu vernichten? Kehre um von der Glut deines Zornes uns lass dich des Übels wider dein Volk gereuen. Gedenke Abrahams, Isaaks und Israels, deiner Knechte, denen du bei dir selbst geschworden hast, und hast zu ihnen gesagt: Mehren will ich euren Samen wie die Sterne des Himmels, und dieses ganze Land, von dem ich geredet habe, werde ich eurem Samen geben, dass sie es als Erbteil besitzen ewiglich. 2.Mose 32,11–13

Die Hervorhebungen habe ich hinzugefügt. Mose sprach gewissermassen: Halt, das ist nicht mein, sondern Dein Volk! Du hast es herausgeführt, nicht ich! Sollen sich die Ägypter über Dich lustig machen? Hast Du vergessen, was Du Deinen Knechten verheissen hast? Wie hätte der HERR nicht auf dieses Gebet hören können! Daher, wenn wir an Seinen Zeugnissen, an Seinem Wort festhalten, werden wir nicht beschämt werden – wobei festhalten natürlich auch bedeutet: Danach tun.

Vers 32

Den Weg deiner Gebote werde ich laufen, wenn du meinem Herzen Raum gemacht haben wirst. Ps 119,32

Der Gläubige kann vom Herrn locker oder eng geführt werden. Als Israel sich in der Wüste befand, gab es nur das Lager – oder den sicheren Tod im heissen Sand. Da war kein Handlungsspielraum; die Führung war eng und alle liefen mit. Im Land Kanaan war es anders, konnte sich das Volk freier entfalten, hatte es Raum. Die Israeliten, die sich trotz dieses Raums weiterhin eng an den Herrn hielten, die taten es aus freien Stücken. Sie hätten eine andere Wahl gehabt, aber sie wählten dennoch die Nähe zum Herrn. Es war gut, dass ein Israelit in der Wüste – gezwungenermassen – dem Herrn nachfolgte, aber es war besser, wenn ein Israelit im Land Kanaan dem Herrn nachfolgte; es war mehr «wert». Ob ein Christ dem Herrn aufrichtig nachfolgt, zeigt sich, wenn Gott in seinem Herzen Raum gemacht hat, wenn er Platz zur freien Entfaltung hat. Läuft er dann den Weg von Gottes Geboten, folgt er aufrichtig nach.

Vers 33

Lehre mich, HERR, den Weg deiner Satzungen, und ich will ihn bewahren bis ans Ende. Ps 119,33

Der Verfasser des 119. Psalmes kann kein überschwänglicher Jugendlicher oder junger Erwachsener und auch niemand gewesen sein, der erst kurz mit dem Herrn gewandelt ist. Zu vielfältig sind seine Erfahrungen auf dem Weg des Herr gewesen, über die er berichtet hat, zu ernst sind zahlreiche Themen gewesen, die er angesprochen hat. Junge Menschen – ob jung an Jahren oder jung im Glauben – verfügen oft über eine Unbeschwertheit, die den Älteren bereits verloren gegangen ist. Sie begegnen jedem neuen Tag mit Heiterkeit und in der Zuversicht, dessen Last tragen zu können. Nicht selten sind sie schnell bereit, Versprechungen abzugeben – denn was sollte sie daran hindern, diese zu erfüllen? Junge Christen würden Ihnen beteuern, dass sie jederzeit und ohne zu zögern für den Herrn sterben würden, dass sie Seine Wege nie verlassen wollten etc. Natürlich meinen sie das ernst und selbstverständlich sind sie aufrichtig, wenn sie solche Dinge sagen, aber sie wissen nicht, worüber sie sprechen.

Erst mit zunehmendem «geistlichem Alter» beginnt man richtig zu verstehen, wie trügerisch das eigene Herz ist und wie unbeständig die eigenen Wege über längere Zeit betrachtet sein können. Man erfährt von Christen, die ihren Lauf wesentlich besser als man selbst begonnen haben, aber irgendwann vom Weg abgekommen sind. Man liest von Salomo, dem weisesten Mensch auf der Erde, dem Geliebten des Herrn (Jedidjah; 2.Sam 12,25), der sich am Ende von seinen vielen fremden Frauen in Götzentempel hat führen lassen, man liest, wie der Apostel Paulus schreibt: «Alle haben mich verlassen» (vgl. 2.Tim 4,10) – kurz: man wird ernüchtert. Mit dieser Erkenntnis kann man nicht mehr wie zu Beginn des Wandels in einer überschwänglichen Weise sagen: Ich will den Weg deiner Satzungen bis ans Ende bewahren (nämlich in der Zuversicht, dies schaffen zu können). Nein, mit bebendem Herz wird man den Herrn anflehen, die eigenen Schritte zu stützen, damit man bis ans Ende durchhalten kann. Wie der Psalmist kann man dann nur sagen: Ich will den Weg bis zum Ende gehen, aber nicht: Ich werde den Weg bis zum Ende gehen. Mit dieser realistischeren Sichtweise stehen die Erfolgschancen allerdings besser. Denn noch immer gilt: «Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle» (1.Kor 10,12).

Vers 34

Gib mir Einsicht, und ich will dein Gesetz bewahren und es halten von ganzem Herzen. Ps 119,34

Und wieder kann der Psalmist nur sagen: Ich will – nicht: Ich werde. Zudem weiss er, dass dieser Wunsch eine Einsicht von Seiten Gottes voraussetzt. Er weiss, dass da keiner ist, der verständig ist, keiner, der Gott sucht (vgl. Ps 14,2.3). Er weiss aber auch, dass wenn er Einsicht von Gott erhalten hat, es ein Herzenswunsch von ihm sein wird, das Gesetz Gottes zu bewahren und zu halten. Und so verhält es sich tatsächlich: Alles, was Gott sagt und tut, dient zu unserem Besten (Röm 8,28), was bedeutet, dass es uns dann am besten geht, wenn wir genau das tun, was Gott gefällt. Unser Vater in den Himmeln will unser Leben entgegen der landläufigen Meinung nicht einschränken oder vermiesen, sondern vielmehr, dass wir das Beste daraus machen, unser Potential voll ausschöpfen, unsere Bestimmung finden und dadurch wahrhaftig glücklich und zufrieden werden. Das mag hie und da voraussetzen, dass wir auf etwas verzichten müssen, zu dem wir gerade Lust gehabt hätten, aber mittel- bis langfristig werden wir Gott stets danken müssen, wenn Er unsere Schritte auf dem geraden Pfad bewahrt hat. Wahrhaftig von Herzen können wir uns daher nur wünschen, Gottes Gebote zu halten, wenn wir dies verstanden haben, wenn wir dem Vater in den Himmeln zu 100 Prozent vertrauen.

Vers 35

Lass mich wandeln auf dem Pfad deiner Gebote, denn an ihm habe ich Gefallen! Ps 119,35

Ein religiöser Mensch würde sagen: Ich werde auf dem Pfad der Gebote Gottes wandeln, denn dann wird Er an mir Gefallen haben! Das Wesen jeder Religion ist, dass der Mensch sich anstrengen und aus eigener Kraft in einen Stand versetzen muss, der es ihm erlaubt, Gott gewissermassen auf Augenhöhe begegnen respektive Ihm Forderungen stellen zu können. Man erarbeitet sich seinen Platz im Himmel, sozusagen. Doch wir können Gott nichts Eigenes bringen, denn wir sind allesamt verdorben, von Sünde beschmutzt. Er kann aus unseren Händen nichts annehmen, denn Er ist Licht und es ist unmöglich, dass Sünde in Seine Nähe kommen könnte. Wir können weder etwas Reines darreichen noch uns selbst reinigen.

Der christliche Glaube ist keine Religion, sondern gewissermassen genau das Gegenteil davon. Am Anfang steht nämlich die Erkenntnis, dass man Gott nichts darreichen kann, dass man seinen eigenen Stand vor Gott nicht verbessern kann, dass man nie auch nur einen Atemzug von Ihm wird fordern können. Der Glaube beginnt also mit einer völligen Bankrotterklärung. Damit wird aber die Tür für Gottes Lösung geöffnet, denn dadurch wird man empfänglich dafür, dass Gott aus reiner Gnade (also unverdientermassen) Seinen eigenen Sohn gesandt und am Kreuz an unserer Statt hat leiden und unsere Schuld begleichen lassen. Nun sagt Er: Ergreife meine Hand, denn Ich werde dich retten! Nimm die Erlösung als Geschenk an!

Wenn wir diese völlig unbegründete, aber grenzenlose Liebe erfahren haben, dann haben wir Gefallen an allem, was mit Gott zu tun hat. Wir lieben dann, weil Er uns zuerst geliebt hat. Mit zunehmendem «geistlichem Alter» sollte dann auch unser Gefallen an Seinen Wegen wachsen. Wir sollten erkennen, wie gut die Wege sind, die Er für uns vorgesehen hat. Zugleich sollten wir aber auch in unserem tiefsten Herzen erkennen, dass wir selbst unfähig sind, auf diesen Wegen zu wandeln, dass wir es nur in der Kraft des Heiligen Geistes schaffen können, der seit unserer Umkehr zu Gott in uns wohnt, aber uns nicht zwingendermassen erfüllen muss, sondern nur so weit ausfüllen kann, wie wir Ihn lassen. Sind wir an diesem Punkt angelangt, können wir nicht mehr sagen: Ich werde auf Deinem Pfad wandeln! oder: Ich werde auf Deinem Pfad wandeln, weil ich Gefallen daran habe!, sondern nur noch: Lass mich bitte auf Deinem Pfad wandeln! Erneuern wir dieses Gebet immer wieder vor Gott, verfügen wir über einen wichtigen Schlüssel zu einem «erfolgreichen» Christenleben.

Vers 36

Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Gewinn! Ps 119,36

Der Apostel Paulus schrieb einmal: «Ja, wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüsst habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne» (Phil 3,8). Er hatte einen Schatz gefunden, den er für so wertvoll erachtete, dass er alles aufgegeben hätte, um ihn zu erhalten. Im Vergleich zu diesem einen Schatz war alles andere nichts wert – nur wie Dreck. Paulus war kein Irrsinniger, der einfach alles für Dreck erklärt hat, kein Frömmler, der seine Augen gewaltsam vor allem Wertvollen verschlossen hat, sondern Einer, der den Wert der verschiedenen Gewinne realistisch eingeschätzt hat. Das ist ihm aber nur möglich gewesen, weil er den vollen Wert Christi erkannt hatte. Jemand, für den der Herr Jesus Christus nicht diesen alles übersteigenden Wert hat, wird nicht alles andere für wertlos erachten, sondern vielleicht sogar etwas begehren, das er für wertvoller erachtet. Hier gilt es aber eine Warnung auszusprechen: «Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon» (Mt 6,24). Deshalb: «Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe einbrechen und stehlen» (Mt 6,19). Unsere Prioritäten müssen unbedingt richtig geordnet sein! Dafür muss der Herr Jesus Christus in unserem Herz den Wert haben, den Er objektiv betrachtet hat: Einen alles andere weit übersteigenden Wert. Unser Gebet muss deshalb heissen: Neige mein Herz zu Dir und nicht zum Gewinn!

Vers 37

Wende meine Augen ab, dass sie Eitles nicht sehen! Belebe mich in deinen Wegen! Ps 119,37

Vor drei Dingen sollten wir uns ganz besonders in Acht nehmen: Vor der Lust des Fleisches, vor der Lust der Augen und vor dem Hochmut des Lebens (1.Joh 2,16). Das Fleisch – unsere alte Natur – befindet sich in einem beständigen Kampf mit dem in uns wohnenden Geist. Seine Lust, also das, was es begehrt, gefährdet uns und unsere geistliche Gesundheit; sie ist wie eine Motorenbremse, die von Zeit zu Zeit einsetzen kann, um unser geistliches Wachstum in einen geistlichen Rückschritt zu verwandeln. Wir müssen also auf der Hut sein, damit wir bemerken, wenn diese Motorenbremse einsetzt. Im Geiste können wir solchen Impulsen widerstehen. Die Lust der Augen bedarf keiner Erklärungen. Diesbezüglich können wir es nur wie der Psalmist halten und den Herrn anflehen, unsere Augen abzuwenden, dass sie Eitles (Nichtiges) nicht sehen. Was wir nicht sehen, kann uns nicht in Versuchung führen. Nehmen wir uns dabei Josef zum Vorbild, der vor der Frau seines ägyptischen Herrn Reissaus genommen hat! Man kann nicht ein bisschen schauen und sich dann langsam aus der Gefahrenzone begeben. Entweder man flieht – oder man ist verloren. Den Hochmut des Lebens kennen wir gerade in unserer heutigen Gesellschaft, in der alles möglich und machbar erscheint, nur zu gut. Wir leben im Überfluss und können vermeintlich alles schaffen, was wir uns vornehmen. Das kann uns hochmütig machen. Hochmütigen widersteht Gott aber, denn die Ihm gegenüber geziemende Haltung ist das Gegenteil: Demut.

Wie schon erwähnt worden ist, können wir nicht einfach unsere Augen verschliessen und in einem frommen Kraftakt die Lust des Fleisches, die Lust der Augen und den Hochmut des Lebens fernhalten. Wir müssen uns vielmehr woanders hinwenden – hin zu Gott. Unsere Beziehung zu Ihm muss lebendig und stark sein, denn nur so wird alles Falsche seinen Einfluss auf uns verlieren. Wenden wir uns nur ab und nicht zu Ihm hin, erzeugen wir eine Art Vakuum, das alles Schlechte ansaugen und uns stürzen lassen kann.

Vers 38

Bestätige deinem Knecht deine Zusage, die deiner Furcht entspricht! Ps 119,38

Dieser Vers enthält einen wichtigen Schlüssel für wirksames Gebet: Das Wort Dein. Wenn wir uns auf Gottes Zusagen, auf Seine Macht, auf Seine Beziehung zu uns behaften (entschuldigen Sie den Ausdruck) können, wird Er handeln. Wenn wir uns auf uns selbst berufen, stehen unsere Chancen ungleich schlechter. Denken wir daran, dass Er in Ägypten eingegriffen hat, weil das Geschrei der Kinder Israel zu Seinen Ohren gelangt war. Er hatte gehört, Er wollte handeln. Oder denken wir an die Geschichte mit dem Goldenen Kalb: In Seinem Zorn sprach der Herr zu Mose von Moses Volk, das Mose aus Ägypten geführt hatte etc. Doch Mose erwiderte sinngemäss: Nein, sondern es ist Dein Volk, es geht um Deinen Namen. Da hörte der Herr. Oder wie war es bei Abraham, als er für Sodom Fürbitte tat? Fragte er nicht nach Gottes Gerechtigkeit?

Wenn wir vor den Herrn kommen und sagen: Hast Du nicht gesehen, was ich alles getan habe? Nun vergelte es mir!, dann kann es gut sein, dass wir auf taube Ohren stossen. Wenn wir aber sagen: Bestätige Deinem Knecht Deine Zusage!, dann wird Er handeln.

Vers 39

Wende ab meine Verhöhnung, die ich fürchte, denn deine Rechte sind gut! Ps 119,39

Für einen gläubigen Mensch sollte Gottes alles und alles andere – sich selbst eingeschlossen – nichts sein. Wer den Herrn wahrhaftig vor Augen hat, der sieht auf nichts anderes, der kann seinen Blick nicht abwenden. Er mag Anfeindungen, Spott und Hohn erfahren – alles prallt wirkungslos an ihm ab. Als Stephanus gesteinigt wurde, hatte er nur Augen für den Herrn. Er schien kaum zu bemerken, was gerade mit ihm geschah (vgl. Apg 7,54). Der Apostel Paulus wurde gesteinigt, für tot erachtet und aus der Stadt geschleift. Dort kam er wieder zu sich. Jeder vernünftige Mensch wäre an seiner Stelle weit weg gegangen, um die Wunden in Sicherheit pflegen zu lassen. Paulus aber, nur den Herrn vor Augen habend, ging schnurstracks zurück in die Stadt, um seinen Auftrag zu Ende zu bringen (Apg 14,19.20). Ach, wie gerne würden auch wir unser Leben allezeit so leben!

In Tat und Wahrheit verfangen wir uns aber nur allzu oft in den Stricken des Hochmutes und der Menschenfurcht. Wenn uns die Menschen schmeicheln, wenden wir den Blick vom Herrn ab. Wenn uns die Menschen verfolgen, verspotten oder verhöhnen, wenden wir den Blick vom Herrn ab. Wie oft geht es uns genau so wie dem Psalmisten, der seine Unzulänglichkeit unumwunden vor den Herrn gebracht hat! Haben auch wir die innere Grösse, vor Gott zu unseren Verfehlungen zu stehen? Bekennen wir Ihm, dass wir unsere Verhöhnung fürchten? Oder spielen wir Ihm und unseren gläubigen Geschwistern etwas vor, indem wir uns frommer geben, als wir sind?

Die Diskussionen, die der Herr Jesus während Seiner Zeit als Mensch hier auf Erden geführt haben, zeigen, dass Er eins mehr als alles andere gehasst hat: Heuchelei. Nichts beleidigt Ihn mehr als ein frommes Schauspiel. Nichts verschliesst uns mehr vor Seinem gnädigen Eingreifen als Heuchelei. Ach, wir leben im Zeitalter von Laodizea, dem Inbegriff der Heuchelei! Wir Christen sagen, wir seien reich und reich geworden und bedürften nichts, dabei sind wir elend, bemitleidenswert, arm, blind und nackt (Offb 3,17). Voller Selbstzufriedenheit lehnen wir uns zurück, machen wir es uns bequem, spielen wir Gott, unseren Nächsten und uns selbst etwas vor, während unser Zustand so erbärmlich ist, dass wir Tag und Nacht auf den Knien und unter Tränen den Herrn um Vergebung bitten sollten! Wir werden fett in einer Zeit, in der unsere Knie wundgescheuert sein sollten!

Insgeheim sehen wir auf Geschwister herab, die bekennen, die Verhöhung zu fürchten. Natürlich sollte es nicht so sein; natürlich sollten wir frei von jeder Menschenfurcht sein. Aber öffnet der Psalmist mit seinem Bekenntnis nicht dem Herrn die Türe für ein Eingreifen? Wer dagegen auf den Psalmisten oder auf ähnlich offenherzige Geschwister herabsieht, obwohl er oder sie selbst an ähnlich gravierenden Problemen leidet, der verschliesst sich Gottes Handeln. Ein solcher wird nicht zurechtgebracht werden. Er wird elend, bemitleidenswert, arm, blind und nackt vor den Herrn treten müssen. Eine fürchterliche Vorstellung!

Der Psalmist dagegen erhält, noch bevor er den Satz vollendet hat, den Schlüssel zur himmlischen Schatzkammer. Er kann seinen Satz mit der absoluten, unbedingten Zustimmung zu Gottes Wegen, Geboten, Worten, Rechten beenden. So erhält er vom Heiligen Geist selbst die Salbe für seine Wunde, die Medizin gegen seine Krankheit: Das Wegblicken von sich und das Blicken auf den Herrn. Wenn wir bedrängt sind, wenn wir furchtsam sind, wenn wir von der Welt gebunden werden, wenn das Fleisch über den Geist triumphiert, dann gibt es nur eins: Bekennen wir unsere Unzulänglichkeit vor Gott und blicken wir von uns weg, hin zu Ihm! Wenn wir auf Ihn, auf Sein Wort blicken, dann betätigen wir eine Art Lichtschalter, der ein gleissendes Licht entzündet, das alle Schatten sofort verblassen lässt. Verhöhnen uns unsere Arbeitskollegen, weil sie wissen, dass wir Christen sind? Das mag uns tief ins Herz hinein schmerzen und uns lähmen. Doch blicken wir auf Gott, sehen wir, dass Er vollkommene Liebe und vollkommenes Licht ist. Dann wissen wir, dass unsere Arbeitskollegen sehr zu bedauern sind, weil sie in Gottes Licht nicht bestehen können, dass sie aber, solange die Gnadenzeit währt, die Gegenstände von Gottes unermüdlicher Liebe sind, wertvolle Seelen, die Er vor dem Abgrund retten will. Sehen wir im göttlichen Licht auf unsere Arbeitskollegen, dann mögen sie spotten, soviel sie wollen. Wir werden sie an den Schultern packen, schütteln und ihnen ins Gesicht schreien: «Lass Dich retten, bevor Du auf ewig verloren gehst!»

Blicken wir auf Gott, ist uns unsere Verhöhnung gleichgültig. Blicken wir auf Ihn, suchen wir nur Seine Ehre und Seine Verherrlichung. Dem sollen wir nicht frömmlerisch-heuchlerisch zustimmen, sondern von tiefstem Herzen. Solange unser Herz dem nicht zustimmen kann, müssen wir es mit dem Psalmist halten und unsere Unzulänglichkeit vor Gott bekennen, damit Er an unseren Herzen arbeiten kann.

Vers 40

Siehe, ich verlange nach deinen Vorschriften; belebe mich in deiner Gerechtigkeit! Ps 119,40

Wie schwierig es manchmal ist, den wahren Sinn eines Textes zu verstehen, mag Ps 119,40 veranschaulichen. Beim Bibelstudium müssen wir uns nämlich fragen, wie wir an eine Bibelstelle herangehen: Haben wir bereits eine eigene Vorstellung davon, was uns wohl erwarten könnte? Oder anders gefragt: Wollen wir eine Bestätigung für eine feste, eigene Sichtweise finden? Wenn dies der Fall ist, können wir uns sicher sein, dass wir Gottes Wort nicht verstehen werden. Die Bibel ist alles andere als eine Ansammlung von Sätzen, aus denen wir uns jene heraussuchen können, die genau das auszusagen scheinen, was wir hören wollen. Der Herr offenbart sich nicht solchen, die Ihn oder Sein Wort für ihre eigenen Zwecke missbrauchen wollen. Gott ist kein Hampelmann, sondern heilig, gerecht, unerbittlich gegenüber jeder Sünde, ein verzehrendes Feuer, schrecklich und furchtbar. Er lässt sich nicht vor einen Wagen spannen, sondern Er wird das Pferd mitsamt dem Reiter zerschmettern und den Wagen und seinen Lenker zerhämmern (Jer 51,21). Doch wenn wir uns – um beim Bild zu bleiben – vor den Wagen Gottes spannen lassen, dann wird Er uns den Weg weisen: «Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort» (Jes 66,2). Wer weiss, wie ernst Gott zu nehmen ist, wird nicht nur mit Ehrfurcht vor Ihn treten, sondern auch Sein Wort mit der entsprechenden Ehrfurcht behandeln. Wahrhaft demütige Menschen zittern vor Gottes Wort. Solchen wird Er sich offenbaren.

Ein religiöser Mensch sucht beim Bibelstudium nach Bestätigungen seiner selbst. Er will eine Anerkennung für seine frommen Bemühungen finden, will für sich etwas in Anspruch nehmen können, will sich von anderen, weniger disziplinierten oder weniger frommen Menschen abgrenzen können. In Ps 119,40 scheint ein solcher Mensch die gesuchte Bestätigung zu finden, denn er wird diesen Vers – aus seiner eigenen Voreingenommenheit heraus – wie folgt verstehen: «Ich habe nach Deinen Vorschriften verlangt und deshalb ist es gerecht, wenn Du mich nun belebst – Du bist doch gerecht, Herr, nicht?» Ja, der religiöse Mensch ist immer voll mit sich selbst erfüllt: «Ich tue»; «ich lasse»; «gib mir»; «vergelte mir» – «ich, mich, mir, mein!», ist die Sprache des religiösen Menschen, der nur sich selbst vor Augen hat. Doch was findet der unvoreingenommene Mensch, wenn er in der Bibel liest? Christum – und das auf jeder einzelnen Seite dieses göttlichen Buches! Die Bibel beginnt mit der Schöpfung; Spr 8,22ff. belehrt uns darüber, dass der Vater in den Himmeln dabei immer Christum vor Augen hatte; Kol 1,16f. lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass alles in Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin geschaffen wurde. Im detaillierteren Schöpfungsbericht sehen wir den Baum des Lebens, der nichts anderes als Christus selbst sein kann; wir sehen die Frau, die aus der Seite des Mannes gemacht wird, und unsere Gedanken werden unweigerlich auf das Verhältnis zwischen Christo und der Kirche Gottes gelenkt, worüber wir in Eph 5 belehrt werden. Der Same der Frau, die Kleider aus Fellen – immer und immer wieder finden sich in der Bibel Hinweise auf den Sohn Gottes, der der Augapfel des Vaters in den Himmeln ist, an dem Er unendliches, unermessliches Wohlgefallen hat. Zuletzt endet der göttliche Bericht mit den Worten: «Der diese Dinge bezeugt [Christus!], spricht: Ja, ich komme bald. – Amen; komm, Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit allen Heiligen!» (Offb 22,20.21). Das grosse Thema, das den Vater in den Himmeln beständig beschäftigt, ist die Verherrlichung Seines Sohnes. Der – ideale – Endzustand aller Dinge wird gemäss dem Zeugnis der Bibel sein: «Denn alles hat er seinen Füssen unterworfen. Wenn er aber sagt, dass alles unterworfen sei, so ist es offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei» (1.Kor 15,27.28). Gott wird alles in allem sein. Wo bleibt da noch Platz für das menschliche Ego? Muss die Sprache eines Herzens, das mit dem Willen Gottes in völligem Einklang steht, nicht also lauten: «Du, Dich, Dir, Dein!»?

Selbstverständlich muss Ps 119,40 im Einklang mit dem gesamten Zeugnis der Schrift stehen, denn ansonsten fänden wir hier einen Widerspruch vor. Gottlose Menschen forschen nach solchen Widersprüchen, aber der gläubige Mensch hat die feste Überzeugung, dass es keine Widersprüche im vollkommenen Worte Gottes geben kann. Diese Überzeugung ist seine Richtschnur bei der Interpretation der Bibel. Lässt er sie los, wird er die Orientierung hoffnungslos verlieren. Ausgehend von dieser Überzeugung fällt uns beim Studium von Ps 119,40 auf, dass der Psalmist zwar zweimal Bezug auf sich selbst nimmt («ich verlange … belebe mich»), aber dass er zugleich auch (mindestens) zweimal Bezug auf den Herrn nimmt («Deine Vorschriften … Deine Gerechtigkeit»). Wenn wir die direkte Anrede «Siehe … !» dazuzählen, haben wir drei Bezüge zum Herrn. Nun, Gottes Vorschriften stehen fest; sie haben schon festgestanden, als der Psalmist diesen Psalm verfasst haben, auch wenn die Niederschrift dann noch mehrere hundert Jahre in Anspruch genommen hat. Auch Gottes Gerechtigkeit ist unabänderlich, ewig. Nicht die Bemühungen des Psalmisten bilden also den Ausgangspunkt der Betrachtung, sondern der unerschütterliche Fels, Gott, insbesondere Seine Vorschriften und Seine Gerechtigkeit. Der Psalmist ist nur ein Mensch, der an diesen Fels herantritt und dort Schutz sucht. Er will belebt werden, aber dieses Leben findet keine Grundlage in seinen eigenen Taten, findet keine Wurzel, keinen Halt in ihm selbst, sondern muss der Gerechtigkeit Gottes entspringen. Nur ein Leben, das seinen Grund in Gott hat und das in völligem Einklang mit seiner Gerechtigkeit steht, wird Bestand haben. Der Herr Jesus hat das selbst so formuliert: «Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. Verwundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden» (Joh 3,5–7). Das gilt für das ewige Leben in grundsätzlicher Hinsicht, aber es gilt auch in Bezug auf eine kurzfristige Belebung im Sinne einer Erquickung, worauf sich Ps 119,40 wohl eher bezieht. Nur bei Gott finden wir die Quelle, die uns wirklich erfrischt und belebt. Wenn wir also Leben haben oder belebt werden wollen, dann müssen wir nicht in uns selbst nach einer Quelle suchen, sondern uns an Gott wenden: Belebe mich in Deiner Gerechtigkeit! Nicht unsere Taten oder unsere Vorzüge beleben uns, sondern Gott.

Der Psalmist scheint noch einen zweiten Wunsch zu haben: Ich verlange nach Deinen Vorschriften. Dieser Wunsch ist aber im Grunde derselbe wie der Wunsch nach Belebung durch Gottes Kraft, denn mit den Vorschriften ist hier nichts anderes als Gottes Wort gemeint, von dem wir wissen, dass es Leben in sich hat: «Es steht geschrieben: Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht» (Mt 4,4). Der gläubige Mensch kann sich nicht mit Nahrung für seinen Leib begnügen. Er benötigt mehr! Er braucht geistliche Nahrung, braucht das Wort Gottes. Einige Christen begnügen sich leider damit, das Wort Gottes gewissermassen im Gehen rasch herunterzuschlingen, ohne jede Wertschätzung und nur aus dem Wissen heraus, dass sie diese Nahrung nun einmal benötigen. Dabei sollten wir aber alle wie ein Mensch sein, der zwei Wochen nichts gegessen hat und nun endlich zu Tisch gebeten wird! «Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott!» (Ps 42,2), sollte unsere Sprache sein. Wir sollten uns nach Gottes Wort verzehren, sollten danach verlangen, sollten es mit der höchsten nur denkbaren Wertschätzung zu uns nehmen. Das wäre die richtige Haltung.

Wie wichtig ist eigentlich das Wort Gottes in Gottes Augen? Welche Wertschätzung hegt Er für Sein Wort? Lassen Sie es mich mit einem Satz zum Ausdruck bringen: Er identifiziert es mit Seinem Liebsten – Christo: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott» (Joh 1,1). An unserer Wertschätzung für Gottes Wort lässt sich folglich direkt unsere Wertschätzung für den Herrn Jesus Christus messen. Das allein sollte Sie bereits vor Gottes Wort zittern lassen, liebe Leser!

Vers 41

Und lass über mich kommen deine Gütigkeiten, HERR, deine Rettung nach deiner Zusage! Ps 119,41

Wer den Kommentar zum Vers 40 gelesen hat, mag vielleicht nicht allzu sehr von der Beweisführung überzeugt gewesen sein, denn ich habe das Wegblicken des Psalmisten von sich selbst und das Hinblicken auf Gott mit dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift und mit dem Umstand begründet, dass der Psalmist (mindestens) ebenso oft auf Gott Bezug genommen hat wie auf sich selbst. Der nun vor uns liegende Vers 41 bestätigt aber die Schlussfolgerungen, die wir zum Vers 40 gezogen haben, denn die beiden Verse gehören zusammen, wie die Konjunktion «und» zeigt, mit der der Vers 41 beginnt. Nochmals erwähnt der Psalmist zwar sich selbst («über mich»), aber abgesehen davon haben wir hier nur Gott allein vor Augen: «Lass … !»; «Deine Gütigkeiten»; «Deine Rettung»; «Deine Zusage». Hier ist nun definitiv kein Raum mehr für den Menschen! Wenn der Psalmist belebt und gerettet wird und wenn die Gütigkeiten Gottes über ihn kommen, dann nicht, weil er sich das verdient hätte oder weil an ihm etwas besonders Liebenswertes gefunden worden wäre. Der Vers 41 macht völlig klar, dass jede Mitwirkung des Psalmisten ausgeschlossen ist. Dieser hat nichts vorzuweisen, das eine Segnung von Gott rechtfertigen könnte. «Wo ist nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen worden» (Röm 3,27).

Liebe Leser, wir können diese grosse Wahrheit nicht klar genug vor Augen haben, nicht oft genug betonen, denn sie ist von fundamentaler Bedeutung. Wer mit einem Fuss auf dem Felsen – «der Fels aber war der Christus» (1.Kor 10,4) – und mit einem Fuss auf seinen eigenen Vorzügen oder Werken stehen will, der steht mit einem Fuss auf Sand – auf Treibsand. Er wird unweigerlich einsinken und jeglichen Halt verlieren. Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, wollen wir jederzeit fest mit beiden Beinen auf dem Felsen stehen, der da ist: «Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16,16–18). Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, zögern wir nicht zu wiederholen, was die Grundlage der Rettung eines Menschen ist: Die Zusage Gottes. Er hat gesagt, dass jeder Mensch, der Sein Wort hört und dem glaubt, der Ihn gesandt hat, ewiges Leben hat und nicht ins Gericht kommt, sondern aus dem Tod in das Leben übergegangen ist (Joh 5,24). Unsere Errettung gründet auf dieser – beispielhaft für unzählige weitere stehenden – Zusage aus dem Mund des Herrn Jesus Christus. Er würde sich selbst zum Lügner machen, wenn Er sich nicht an diese Zusage halten würde. Das ist aber ausgeschlossen. «Gott aber sei wahrhaftig, jeder Mensch aber Lügner» (Röm 3,4). Für sich allein ist diese Zusage allerdings nicht ausreichend gewesen, wenn man so etwas überhaupt bezüglich einer Zusage Gottes sagen darf. Mit dieser Zusage allein sind nämlich Seine gerechten Ansprüche noch nicht befriedigt gewesen, denn die Sünde ist zu jedem Menschen durchgedrungen (Röm 5,12) und die Sünde fordert immer den Tod (Röm 6,23), weshalb es ohne Blutvergiessen keine Vergebung geben kann (Hebr 9,22), da ja die Seele respektive das Leben im Blut ist (3.Mose 17,11). Diesen gerechten Anspruch hat Christus befriedigt, als Er sich – als der wahre Hohepriester – selbst – als das vollkommene Opfer – auf der Schädelstätte dargebracht und sich dem Zorn Gottes ausgeliefert, sich vom Zorn Gottes vollständig hat verzehren lassen. «Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi» (Hebr 10,10). Dieses vollkommene Opfer, das wertvolle und kostbare Blut Christi vor Augen habend hat Gott uns Seine Zusage geben können, wie wir es beim Passah so schön vorgeschattet sehen: «Und sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen; und es wird keine Plage zum Verderben unter euch sein» (2.Mose 12,13).

Weshalb wurden denn eigentlich die Erstgeborenen der Israeliten verschont, als Gott das Land Ägypten schlug? Waren sie besser als die Erstgeborenen der Ägypter? Konnten sie Taten vorweisen? Hatten sie einen besonders starken Glauben? Nichts von alldem! Nein, die Israeliten hatten nur zwei Dinge, die die Ägypter nicht hatten: Gottes Zusage und das Blut an den Türpfosten. Das war alles. Ihr Glaube mochte stark oder schwach gewesen sein, aber wenn er nur stark genug gewesen war, um die Türpfosten mit dem Blut zu bestreichen, waren sie in absoluter Sicherheit, denn alles andere hätte Gott zum Lügner gemacht. So ist es auch bei uns Christen: Wir sind nicht die besseren Menschen und oft können wir keine grossen Taten vorweisen. Gottes Wort zeigt vielmehr unerbittlich auf, dass wir die «Letzten» unter den Menschen sind: «Das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt» (1.Kor 1,27.28). Doch wir haben das Blut Jesu Christi, das für uns vergossen worden ist, und wir haben die Zusage Gottes, dass Er jeden, der Seinem Wort Glauben schenkt, errettet. Das ist alles. Um auf den hier kommentierten Vers zurückzukommen: Ein Christ spricht wie der Psalmist: «Rette mich nach Deiner Zusage!», während jeder andere Mensch entweder meint, er müsse überhaupt nicht gerettet werden, oder aber spricht: «Rette mich nach meinen Taten oder Vorzügen!» Das ist keine geringe Differenz, sondern nichts weniger als der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Vers 42

So werde ich Antwort geben dem, der mich verhöhnt; denn ich vertraue auf dein Wort. Ps 119,42

Wir haben in Vers 39 gesehen, dass sich der Psalmist vor seiner Verhöhnung gefürchtet hat. Mit seiner Furcht hat er sich an den Herrn gewandt. In den Versen 40.41 hat er – gewissermassen die Gelegenheit, vor Gott zu stehen, nutzend – nach mehr verlangt, nämlich nach Seinen Vorschriften, nach Belebung, nach Seinen Gütigkeiten und nach Rettung. Weil er sich auf Gottes Gerechtigkeit und auf Gottes Zusage berufen hat, dürfen wir sicher sein, dass seine Bitte erhört worden ist. Nun begegnet er quasi als neuer Mensch dem, der ihn verhöhnt, und antwortet ihm. Nimmt man also die Verse 39–42 zusammen, kann man sich den folgenden Ablauf vorstellen: Der Psalmist wird verhöhnt; er wendet sich an Gott; er wird gestärkt; er geht zurück und antwortet dem, der ihn verhöhnt hat.

Liebe Leser, genau so sollten wir uns denen gegenüber verhalten, die uns verhöhnen! Von Natur aus neigen wir dazu, scharfe Worte mit noch schärferen Worten zu erwidern. Wenn uns jemand in irgendeiner Form antastet, würden wir am liebsten sofort und unerbittlich vergelten. Wie oft werden wir von unheiligem, sündigem Zorn übermannt! Wir fordern in solchen Situationen «Auge um Auge, Zahn um Zahn» (vgl. 2.Mose 21,24) und meinen damit regelmässig: «Mindestens ein Auge für mein Auge, mindestens einen Zahn für meinen Zahn!», wo doch aus dem Kontext der entsprechenden Bibelstelle hervorgeht, dass es sich bei dieser Formel um eine Einschränkung des Vergeltungsdrangs handelt. Wer sich die Mühe macht und 2.Mose 21,18–32 an einem Stück liest, wird feststellen, dass der Herr damit in Seiner unendlichen Weisheit dem menschlichen Zorn und Vergeltungsdrang einen Riegel geschoben hat, denn «Auge um Auge, Zahn um Zahn» bedeutet im Grunde: «Höchstens ein Auge für Dein Auge, höchstens einen Zahn für Deinen Zahn!» Unser natürliches Verlangen nach Vergeltung bewirkt nicht Gottes Gerechtigkeit. «Eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit» (Jak 1,20). Wir sollten also stets auf eine direkte Erwiderung oder Reaktion verzichten und das (vermeintliche?) Unrecht, das wir erlitten haben, vor Gott bringen. Wir sollten es Ihm hinlegen und Ihn fragen, was wir damit tun sollen. Erst danach sollten wir dem entgegen treten, der uns verhöhnt hat. Unsere Antwort wird dann nicht unserem Herzen, unserem Vergeltungsdrang oder unserer Rachsucht entspringen, sondern Gottes Weisheit.

Man kann den Vers 42 aber auch allgemeiner verstehen: Wie begegnet ein gläubiger Mensch einem ungläubigen Menschen? Indem er auf Gottes Wort vertraut und Gottes Wort weitergibt. Wir gewinnen keine Herzen für Christum, wenn wir an den Verstand, an die Logik oder an Gefühle appellieren. Menschen können nur zur Umkehr geleitet werden, wenn der Heilige Geist Sein göttliches Werk in ihren Gewissen und Herzen vollbringt. Und womit arbeitet der Heilige Geist? Mit dem Wort Gottes! Gottes Wort ist nicht wie ein menschliches Wort, denn es hat eine belebende Kraft, eine Wirksamkeit, die wir überall sonst vergeblich suchen. Verwundert uns das? Oder erinnern wir uns an die Ausführungen zum Vers 40, in denen wir festgestellt haben, dass der Herr Jesus Christus das Wort Gottes ist?

Deshalb wollen wir es wie Paulus halten: «Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam nicht, um euch das Zeugnis Gottes nach Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit zu verkündigen. Denn ich hielt nicht dafür, etwas unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt» (1.Kor 2,1.2). Das ist die einfache, aber lebensspendende Botschaft, die wir zu verkündigen haben. Vertrauen wir doch auf Gottes Wort, wie es der Psalmist getan hat!

Vers 43

Und entziehe meinem Mund nicht ganz und gar das Wort der Wahrheit, denn ich harre auf deine Rechte. Ps 119,43

Immer wieder überrascht die starke Ausdrucksweise des Psalmisten: Er hat nicht nur nach Gott gesucht, sondern mit ganzem Herzen nach Ihm gesucht (V.10); er hat Sein Wort nicht nur zu Herzen genommen, sondern es darin verwahrt (V.11); er hat sich nicht nur an Gottes Wort erfreut, sondern sich so erfreut wie über allen Reichtum (V.14); er will die Vorschriften nicht nur lesen, sondern darüber sinnen (V.15); an Gottes Satzungen hat er Wonne (V.16); seine Seele ist zermalmt vor Verlangen nach Gottes Wort (V.20); er will nicht nur Gottes Vorschriften hören, sondern er verlangt danach (V.40); er will Gottes Rechte nicht einfach durchgesetzt sehen, sondern er harrt darauf. Die Beschäftigung mit Gottes Wort ist keine Angelegenheit des Verstandes, sondern eine Sache des Herzens. Wenn unsere Herzen beim Bibelstudium kalt bleiben, dann stimmt etwas nicht. Gott appelliert nicht an unseren Verstand, sondern an unser Herz. Er will nicht unsere verstandesmässige Zustimmung zu Seinem Wort, sondern Er will unser Herz. Wenn unsere Herzen beim Bibelstudium kalt bleiben, sind wir nicht offen für Sein Sprechen. Wenn der Herr Jesus wirklich zu uns spricht, dann geht es uns wie den beiden Jüngern, die nach Emmaus unterwegs waren: «Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg zu uns redete und als er uns die Schriften öffnete?» (Lk 24,32). Wer das erlebt hat, der kann sich nicht mit kaltem, bloss verstandesmässigem Lesen der Bibel begnügen. Vielmehr trachtet ein solcher danach, immer wieder dem Herrn Jesus zu begegnen, immer wieder sein Herz entbrennen zu lassen. Dann ist das wahre Verlangen nach Gottes Wort geweckt. Dieses muss unbedingt bewahrt werden.

Nach dieser Betrachtung zum zweiten Teil des Verses könnten wir versucht sein, im ersten Teil des Verses «Ohr» statt «Mund» zu lesen, denn wir würden doch erwarten, dass der Psalmist das Wort der Wahrheit hören will, weil es das ist, wonach ihn verlangt. Doch das wäre zu wenig. Natürlich will der Psalmist Gottes Wort hören. Er will es aber auch in seinem Herzen verwahren. Die Folge davon ist, dass er danach tun will. Denn wie könnte er das Wort Gottes in seinem Herzen verwahren und trotzdem nicht danach handeln? Entweder hat das Wort Gottes einen wichtigen Platz in unserem Herzen und wir handeln auch danach oder wir handeln nicht danach, weil es eben doch keinen wichtigen Platz in unserem Herzen hat. Doch das gilt nicht nur für unsere Taten allein, sondern auch für das, was wir reden. «Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund» (Mt 12,34). Ein gläubiger Mensch will das Wort Gottes nicht nur hören, sondern es auch tun und darüber sprechen. Deshalb heisst es: «„Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen» (Röm 10,8) – «damit du es tust» (5.Mose 30,14). Welchen Stellenwert hat Gottes Wort in unserem Leben?

Vers 44

Und halten will ich dein Gesetz beständig, immer und ewig. Ps 119,44

Wieder haben wir einen Vers vor uns, den wir – zu unserem eigenen Schaden – komplett falsch verstehen könnten. Der Psalmist macht hier kein religiöses Gelübde. Er will also nicht dem Herrn geloben, Sein Gesetz zu halten, um später eine Gegenleistung zu erhalten. Das wäre Religion. Wie schon mehrfach erwähnt, steht bei jeder Religion das Ich im Zentrum: Ich tue, ich lasse, ich will. Der religiöse Mensch ist dem Wahn verfallen, sein Heil aus eigener Kraft bewirken zu können. Er meint, er könne sich seinen Platz im Himmel mit eigenen Bemühungen sichern. Doch das funktioniert nicht, denn «jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter» (Jak 1,17). Wir können nicht aus eigenen Werken errettet werden, sondern nur mittels des Glaubens. «Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch» (Eph 2,8).

Der Herr Jesus ist der einzige Mensch gewesen, der sich Seinen Platz bei Gott nicht erarbeiten musste, denn Er war vollkommen sündlos und damit von Beginn weg in der Lage, eine ungetrübte, innige Gemeinschaft mit dem Vater in den Himmeln zu geniessen. Ausserdem wäre Er unsterblich gewesen, weil Er sündlos war; Er gab Sein Leben freiwillig (Joh 10,18). Doch gerade weil die Beziehung zwischen Ihm und dem Vater ungetrübt war, war es – obwohl gewissermassen «unnötig» – Sein grösstes Verlangen, ja sogar Sein Lebensmotto, den Willen des Vaters zu tun: «„Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun» (Hebr 10,9). Nicht weil Er etwas hätte erarbeiten müssen, sondern weil Er den Vater über alles liebte, wollte Er in allem, was Er tat, sagte, dachte und fühlte, zu hundert Prozent dem Willen Gottes entsprechen. Ja, das war sogar Seine Speise: «Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe» (Joh 4,34). Sein ganzer Lebensinhalt war es, dem zu entsprechen, was Er nach dem Willen des Vaters in den Himmeln sein sollte.

Liebe Geschwister im Herrn! «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1.Joh 4,19). Wenn wir erfasst – mit dem Herzen erfasst – haben, wie gross die Liebe Gottes zu uns ist, wie sehr Er uns schon geliebt hat, als wir noch Seine Feinde waren, wie viel Er für uns gegeben hat, wie könnten unsere Herzen Ihm gegenüber kalt oder lauwarm bleiben! Der Vater kann alles in beliebiger Weise kreieren oder vermehren, ohne dass es Ihn etwas kosten würde. Hätte unsere Errettung Milliarden von Franken gekostet, hätte er das Lösegeld ohne ein Wimpernzucken aufbringen können. Aber den Sohn, Seinen über alles geliebten Sohn, den hatte Er nur einmal. Er war einzigartig, vollkommen und über alles liebenswert. Doch Ihn hat der Vater dahingeben müssen. Ihn hat Er verspotten, anspucken, geisseln, quälen, am Kreuz leiden lassen und in den Tod geben müssen. Er hat uns Sein Kostbarstes gegeben. Und der Herr Jesus, der in allem genau das getan hatte, was der Vater wollte, hatte nur eine einzige Bitte: «Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber» (Mt 26,39). Denken Sie nicht, dass der Vater alles, wirklich alles getan hätte, um diese Bitte zu erfüllen? Denken Sie nicht, dass es Sein Herz brechen musste, diese Bitte abzuschlagen? Wie tief, wie unendlich tief muss es Ihn geschmerzt haben, Ihn, der gesagt hatte: «nie sah ich den Gerechten verlassen» (Ps 37,25), den Einzigen, der je hatte gerecht genannt werden können, zu verlassen! Das alles hat Er aus Liebe getan. Für uns! «Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heissen sollen! Und wir sind es» (1.Joh 3,1). Wie könnte es da nicht unser Wunsch sein, diese göttliche Liebe zu erwidern, so gut wir nur irgend können? Wie sollten wir die Früchte dieser Liebe für uns in Anspruch nehmen und Den, der uns so geliebt hat, verwerfen? Oh, nein! Wer errettet ist, darf – weil er errettet ist – nur einen Wunsch haben: «Und halten will ich dein Gesetz beständig, immer und ewig» (Ps 119,44).

Vers 45

Und ich werde wandeln in weitem Raum; denn nach deinen Vorschriften habe ich getrachtet. Ps 119,45

Was mögen wohl die Lebensumtände des Psalmisten gewesen sein? Ging es ihm im Allgemeinen eher gut oder eher schlecht? War er wohlhabend, gar reich oder etwa arm? Wurde er von seinen Nächsten gemieden oder gar verfolgt? War er gesund oder krank? Wir wissen es nicht. Gott wird Seine Gründe dafür gehabt haben, dass Er keinen Namen und keine Details erwähnt hat. Doch eines wissen wir: Der Psalmist reihte sich nahtlos in die Linie der wahren Gläubigen ein: «Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheissungen nicht empfangen, sondern sahen sie von fern und begrüssten sie und bekannten, dass sie Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde seien. Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen» (Hebr 11,13.14). Die Glaubenszeugen, die im elften Kapitel des Briefs an die Hebräer aufgeführt werden, hatten alle eines gemeinsam: Sie lebten ihr Leben nicht so auf dieser Erde, wie wenn es nur dieses Leben gäbe, sondern sie lebten als Fremde ohne Bürgerrecht hier – in der lebendigen Hoffnung, dass sie einst in die Stadt eintreten würden, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Das ist das, was die Allgemeinheit als «den Himmel» bezeichnet. Die Glaubenszeugen sahen dieses Leben nur als eine blosse Vorbereitung auf das wahre Leben – bei Gott. Abraham war beispielsweise überaus reich, aber wir dürfen sicher sein, dass er seinen Reichtum für nichts erachtete im Vergleich zu den Reichtümern, die ihn in der Ewigkeit erwarteten. Und so lebte er sein Leben hier auf der Erde. Die Geschenke des Königs von Sodom konnte er ohne Weiteres ausschlagen, weil er den König und Priester des Friedens gesehen hatte – Melchisedek, einen Schatten auf Christum. Auch der Psalmist lebte in dieser Hoffnung. Beachten wir, dass er nicht schrieb: «Ich will …», sondern: «Ich werde …». Seine Hoffnung war gewiss und sicher. Er wusste, dass er einst in weitem Raum wandeln werde – so sicher, wie Hiob wusste, dass sein Erlöser lebt: «Und ich, ich weiss, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er auf der Erde stehen» (Hiob 19,25). Mit dieser Sicherheit kann nur der Glaube von zukünftigen Dingen sprechen, und zwar nur der Glaube, der sich auf das Wort Gottes stützt.

Vers 46

Und vor Königen will ich reden von deinen Zeugnissen und mich nicht schämen. Ps 119,46

Wie ein Apfelbaum immer wieder Äpfel hervorbringt, bekennt ein gläubiger Mensch vor anderen Menschen den Herrn, der ihn geliebt und errettet hat. Das Bekenntnis ist die natürliche Frucht der geistlichen Wiedergeburt Glaube und Bekenntnis gehen Hand in Hand, wie beispielsweise eine Stelle im Brief an die Römer zeigt: «… dass, wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst» (Röm 10,9). Leider schämen wir uns dann und wann, den Herrn zu bekennen. Oft ist Menschenfurcht der Grund für unsere Scham: Wir wollen es uns nicht mit Kollegen verscherzen oder wir wollen nichts riskieren. Wer im Glauben lebt, kennt keine solche Scham. Er kümmert sich nicht um die Konsequenzen; er schämt sich nicht. Sogar Verfolgung kann einen solchen Gläubigen nicht aufhalten, selbst wenn er sich vor der Staatsgewalt verantworten muss, vor Königen oder vor dem Synedrium. Petrus, der den Herrn Jesus in der Nacht Seiner Überlieferung noch dreimal verleugnet hatte, und Johannes hatten die Freimütigkeit des Glaubens, als sie sich vor dem Synedrium verantworten mussten (vgl. Apg 4):

Petrus aber und Johannes antworteten und sprachen zu ihnen: Ob es vor Gott recht ist, auf euch mehr zu hören als auf Gott, urteilt ihr; denn uns ist es unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden. Apg 4,19.20

Wie der Psalmist hatten die Apostel keine Furcht, sich vor Obersten zu verantworten. Petrus durfte die Gelegenheit sogar für ein ernstes Zeugnis nutzen – ganz so, wie es der Herr Jesus vorhergesagt hatte: «Wenn sie euch aber vor die Synagogen und die Obrigkeiten und die Gewalten führen, so seid nicht besorgt, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollt» (Lk 12,11.12).

Egal, wohin uns der Weg des Glaubens führt, wir dürfen zuversichtlich sein, dass uns der Geist der Wahrheit, der Heilige Geist, stets leiten wird. Er wird uns in brenzligen Situationen die richtigen Worte – Worte zur Verherrlichung des Herrn Jesus – in den Mund legen, auf dass wir Seinen Namen ehren und Seinen Willen tun dürfen. Das mag oberfromm tönen, aber der Gläubige sucht nicht seine eigene Ehre, sondern die des Herrn Jesus, denn er will Ihn lieben, weil Er ihn zuerst geliebt und sich für ihn hingegeben hat.

Vers 47

Und ich werde meine Wonne haben an deinen Geboten, die ich liebe, Ps 119,47

Heute gilt in der Welt, dass jeder das tun soll, was er will. Manchmal wird einschränkend angefügt, dass die Grenze der eigenen Freiheit dort liege, wo jemand anders in seiner Freiheit beeinträchtigt werden könnte. Aber im Grunde gilt, dass jeder Mensch sein eigener Herr sein will. Wir sind allergisch gegen Vorschriften und wollen uns von niemandem sagen lassen, was wir tun oder lassen sollen.

Der gläubige Mensch sieht und bewundert dagegen die Ordnung, die Gott geschaffen hat. Er freut sich daran, dass bei Gott alles wohlgeordnet und perfekt arrangiert ist. Er gleicht der Königin von Scheba, die ausser sich geriet, als sie die Speisen auf dem Tisch des Königs Salomo, das Sitzen seiner Knechte, das Aufwarten seiner Diener, deren Kleidung sowie die Kleidung der Mundschenken sah (2.Chr 9,4), denn der gläubige Mensch erkennt schon im «Sitzen» der Knechte des Herrn und im «Aufwarten» Seiner Diener die perfekte göttliche Ordnung, die er nur bewundern und bestaunen kann. Für den gläubigen Menschen steht es völlig ausser Frage, dass er einen ihm fest zugewiesenen Platz in der Verwaltung Gottes hat und dass er dort die Aufträge ausführen soll, die der Herr ihm gibt. Er erachtet es als eine Selbstverständlichkeit, dass er sich an bestimmte Ordnungen zu halten und die Gebote seines Herrn zu befolgen hat. Das ist für ihn keine lästige Pflicht, sondern seine Wonne, denn er liebt die Gebote Gottes, weil er weiss, dass diese Gottes Ordnung verwirklichen und dass sie auch dem Gläubigen selbst zum Besten dienen.

Hie und da wird leider auch von Christen der Wert der Gebote Gottes geschmälert. Teilweise werden die Gebote gegen eine sich nicht an den Geboten orientierende «Liebe» zu Gott ausgespielt. Da heisst es beispielsweise, dass es doch besser sei, wenn einige «Kleinigkeiten» nicht beachtet würden, man aber ein Herz für Gott habe, als wenn man sich strikt an alle Vorschriften hielte, aber nur eine lauwarme Liebe zu Gott empfände. Doch das geht nicht, denn die wahre Liebe zu Gott und das Halten Seiner Gebote gehen Hand in Hand. Wer Seine Gebote missachtet, hat keine Liebe, denn die Liebe trachtet danach, alles zu tun, was Dem gefällt, den man liebt. Der Herr Jesus hat zu diesem Thema kurz und knapp gesagt: «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt» (Joh 14,21).

Vers 48

und werde meine Hände aufheben zu deinen Geboten, die ich liebe; und über deine Satzungen will ich sinnen. Ps 119,48

Das Aufheben der Hände ist eine ganz typische Gebetshaltung: Man streckt Gott die leeren Hände entgegen, um von Ihm gesegnet zu werden. Die Hände sind leer, weil wir Ihm nichts geben können und weil wir wollen, dass Er sie uns mit Seinen guten Gaben füllt. Mose breitete die Hände aus, um eine Plage abzuwenden (2.Mose 9,29.33) und um Israel den Sieg über Amalek zu schenken (2.Mose 17). Salomo weihte den Tempel mit einem Gebet ein, indem er auf die Knie ging und die Hände aufhob (2.Chron 6,12.13). Er bat Gott, jeden zu hören, der seine Hände aufheben würde (2.Chron 6,29). Esra hob die Hände zu Gott auf (Esra 9,5); Nehemia leitete das Volk an, die Hände aufzuheben (Neh 8,6). Schon Hiob war das Aufheben der Hände bekannt gewesen (Hiob 11,13). In den Psalmen ist die Rede vom Händeaufheben (Ps 28,2; Ps 44,21; Ps 63,5; Ps 68,32; Ps 88,10; Ps 134,2; Ps 141,2; Ps 143,6). Jesaja musste dem Volk sagen, dass es die Hände vergebens aufhebe (Jes 1,15); Jeremia erwähnte das Händeaufheben in seinen Klageliedern (Klg 1,17; Klg 2,19; Klg 3,41). Im Neuen Testament wird das Aufheben der Hände nur einmal erwähnt: Paulus schrieb Titus, dass an allen Orten Männer heilige Hände zu Gott aufheben sollten (1.Tit 2,8). Entgegen einer heute offenbar verbreiteten Ansicht hat diese Geste keine eigenständige Bedeutung. Wir können die Hände so oft wir wollen aufheben, aber wenn es kein Ausdruck einer richtigen inneren Haltung ist, nützt es genauso wenig wie das nicht ernst gemeinte Niederknien vor Gott. Wer sich dagegen aufrichtig vor Gott demütigen und Ihn ernstlich um Seinen Segen um Seines Wortes und Seiner Barmherzigkeit willen bitten will, der darf durchaus niederknien und die Hände zum Himmel ausbreiten. Das verleiht seinem Gebet nicht mehr Wirkung, aber es kann der passende Ausdruck für eine Gott wohlgefällige innere Haltung sein. Der Psalmist hegte eine überaus grosse Wertschätzung für Gott und Sein Wort. Dieser Wertschätzung wollte er mit dem Aufheben seiner Hände Ausdruck verleihen, was absolut passend war.

Wir sollten uns nicht fragen, ob oder wann wir die Hände aufheben sollen, sondern wir sollten uns befleissigen, uns jene innere Haltung anzueignen, deren einzig passender Ausdruck das Niederknien und das Erheben der Hände sein kann. Darauf liegt auch eindeutig der Fokus in der erwähnten Stelle im Brief an Titus (1.Tit 2,8). Man kann nicht oft genug wiederholen, dass der christliche Glaube rein gar nichts mit Äusserlichkeiten zu tun hat. Der Glaube ist eine Herzensangelegenheit. Alle Äusserlichkeiten zusammen können niemals ein Herz aufwiegen, das nicht in Liebe zum Herrn entbrannt ist.

Vers 49

Gedenke des Wortes an deinen Knecht, auf das du mich hast harren lassen! Ps 119,49

Wieder sehen wir die perfekte Übereinstimmung des Psalmisten mit den Gedanken Gottes: Gedenke Du Deines Wortes an Deinen Knecht, auf das Du mich hast harren lassen! Viermal wird Bezug auf Gott genommen; viermal wird Er als der Handelnde gesehen. Der Mensch wird dagegen nur einmal erwähnt, und das bloss passiv, das heisst als der Gegenstand, auf den sich das göttliche Handeln bezieht. Ach, wir armen Menschen! Wieder und wieder tappen wir – bewusst oder unbewusst – in die Gedankenfalle, etwas aus uns machen zu wollen. Wir erwarten Gottes Eingreifen nicht, weil wir glauben, dass Er für uns ist und dass Er beständig wirkt, dass Er gar nicht anders kann, als gnädig und barmherzig für Seine Kinder tätig zu sein, sondern wir bilden uns ein, es gebe in uns irgendetwas zu finden, das Gott zum Handeln bewegen könnte. Doch da ist nichts. Wir können suchen, solange wir nur wollen. Alles, was wir finden werden, sind bestenfalls fünf Fische und zwei Brote zur Speise einer Menge von fünftausend Männern und unzähligen Frauen und Kindern. Aber bei Gott finden wir alles, was wir brauchen – und noch viel mehr! Jeder, der an Ihn glaubt (Seine Knechte), ist im Besitz eines göttlichen Barschecks (Sein Wort), der bei der himmlischen Bank eingelöst werden kann. Doch das funktioniert nicht so, wie wir das wollen, nicht nach unseren Bedingungen und nicht zur Erfüllung unserer egoistischen Wünsche, sondern nur nach Seinen Bedingungen und in Übereinstimmung mit Seinem Willen: «ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr übel bittet, damit ihr es in euren Begierden vergeudet» (Jak 4,3).

Vers 50

Dies ist mein Trost in meinem Elend, dass deine Zusage mich belebt hat. Ps 119,50

Auch wenn wir mit allen geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern gesegnet sind, auch wenn wir alles von Gott erhalten, was wir benötigen, auch wenn unser neuer Mensch gemessen an geistlichen Massstäben also unermesslich reich ist, haben wir doch in der Welt Bedrängnis, werden wir vielleicht sogar verfolgt, leidet unser natürlicher Mensch gemessen an irdischen Massstäben teilweise Mangel. Für Nahrung und Bekleidung ist zwar zuverlässig gesorgt, aber wir haben vielleicht ansonsten nichts oder nicht viel. Möglicherweise haben sich Freunde und Bekannte von uns distanziert, wir werden geschmäht und verleugnet, uns wird Schaden zugefügt, wir müssen mancherlei Elend erdulden. Der Glaubensweg ist alles andere als ein Flug erster Klasse in ein Urlaubsdomizil. Wir können nicht damit rechnen, dass wir gesund, reich, beliebt und mit allem versorgt sind, was unser Ego begehrt. Das Gegenteil ist der Fall. An irdischen Massstäben gemessen ist der Weg steinig, manchmal einsam und hie und da so schwer, dass wir meinen, wir müssten aufgeben und umkehren.

Auch der Psalmist kannte Elend. Er machte keinen Hehl daraus, sondern brachte sein Elend offen vor Gott. Doch es gab einen Trost, etwas, das sein Elend aufwiegen konnte: Gottes Wort, Seine Zusage. Er hatte eine sichere, lebendige, ja sogar belebende Hoffnung. Er wusste, dass er einst Gott von Angesicht zu Angesicht schauen würde, dass Er ihm jede Träne abwischen würde. In der Erwartung dieser goldenen Zukunft erschien ihm sein Elend fast schon wie vernachlässigbar. So konnte er gewissermassen sagen: «Denn das schnell vorübergehende Leichte unserer Trübsal bewirkt uns ein über jedes Mass hinausgehendes, ewiges Gewicht von Herrlichkeit, indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das, was man sieht, ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht, ewig» (2.Kor 4,17.18). Liebe Leser, verlieren Sie bitte diese Hoffnung nie aus den Augen! Halten Sie durch bis zum Ende!

Vers 51

Die Übermütigen haben mich über die Massen verspottet; von deinem Gesetz bin ich nicht abgewichen. Ps 119,51

Gottes Wort kennt unterschiedliche Bezeichnungen für gottlose Menschen. Hier bezeichnet es sie als «Übermütige», das heisst als Menschen, die völlig sorglos und unbekümmert sind, die «sich selbst der Ausschweifung hingegeben haben, um alle Unreinheit mit Gier auszuüben» (Eph 4,19). Die gottlosen Menschen wissen nichts vom Ernst ihrer Lage und sie wollen auch nichts davon wissen. Ihr Lebensmotto lautet: «Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir!» (1.Kor 15,32). Sie haben keine Zeit, um sich mit sich selbst, mit ihren Sünden oder mit Gott, ihrem Schöpfer, auseinanderzusetzen, denn jetzt ist für sie die Zeit der Fröhlichkeit, der Ausgelassenheit, der Unbekümmertheit. Auch Übermut ist also – wie Hochmut – ein Gegensatz von Demut, denn der Übermut lässt es gar nicht erst zu, dass sich ein Mensch unter das Wort Gottes beugen muss, weil er keine Zeit und keine Gelegenheit kennt, um sich mit dem Wort des HERRN zu beschäftigen.

Für gläubige Menschen, die der Freude entsagen und sich im Gehorsam gegenüber dem HERRN aufreiben lassen, die umher gehen und ihre Nächsten vor dem kommenden Zorn warnen und sie aufrufen, sich zu retten lassen, bevor es zu spät ist, haben Übermütige nur Spott und Hohn übrig. Sie rufen ihnen beispielsweise spöttisch zu: «Ich glaube an ein Leben vor dem Tod!» Damit wollen sie zum Ausdruck bringen, dass sie im Hier und Jetzt leben und geniessen wollen. Sie haben kein Verständnis für Gläubige, die ihre Bedürfnisse jetzt zurückstellen und ihre Hoffnung auf das Jenseits setzen. Es erstaunt deshalb nicht, dass auch der Psalmist, der ernste und demütige Gläubige, verspottet, ja: über die Massen verspottet wurde. Doch er wich deshalb nicht vom Gesetz ab. Er hielt sich weiter an seinen Gott. Wir sollen es ihm gleich tun!

Vers 52

Ich gedachte, HERR, deiner Rechte von alters her, und ich tröstete mich. Ps 119,52

Die Übermütigen benötigen keinen Trost, denn für sie ist ja alles eitel Sonnenschein. Teilweise herrscht die irrige Ansicht vor, auch die Gläubigen benötigten keinen Trost, weil sie ja jetzt zum Glauben gefunden und deshalb einen Anspruch auf alles Gute hätten: Gesundheit, Wohlstand, Ruhe, Sorglosigkeit. Dieses sogenannte Wohlstandsevangelium findet aber keine Grundlage in der Bibel, sondern ist nur eine Erfindung von Menschen. Der Apostel Paulus belehrte die Christen aus Antiochien, «dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen» (Apg 14,22), und forderte Timotheus auf: «Nimm teil an den Trübsalen als ein guter Streiter Christi Jesu» (2.Tim 2,3). Viele weitere Verse belehren uns darüber, dass der Weg des Christen steinig und beschwerlich ist. Wer einmal einen Blick hinter die Kulissen dieser Welt geworfen und gesehen hat, wie der Teufel erbittert um jede Seele kämpft, die er mit sich in den Abgrund reissen will, bevor seine Tage gezählt sind, der wird sich darüber nicht verwundern. Vielmehr wird er davor zurückschrecken, sich dem Genuss hinzugeben und zu faulenzen, während seine Nächsten unwiderruflich verloren gehen.

Das Leben kann nun jemand, der nicht (mehr) übermütig ist, in die Verzweiflung treiben. Wo sollen solche Leute Trost finden? Wahren Trost? Im Wort Gottes! Von Seinen Worten wird nicht eines aufgelöst werden. Seine Worte haben Bestand in Ewigkeit und sie werden das Ende dieser Welt und des Himmels überdauern. Es gibt nichts, das auch nur annähernd so fest und sicher wie das Wort Gottes wäre! Wenn alles ins Wanken gerät, wenn Dir alles über Deinem Kopf zusammenbricht, dann rette Dich zum Wort Gottes! Klammere Dich an den Felsen, der niemals nachgibt! Menschen können Dich enttäuschen, Gott enttäuscht niemals. Vielen, vielen Christen sind beispielsweise die Psalmen durch die Jahrhunderte hindurch eine unerschöpfliche Quelle des Trostes gewesen und ich kann nur jedem raten, der Trost benötigt, zuerst einmal dort nach Worten des Trostes zu suchen. Immer wieder wird man überrascht, wenn man einen Psalm findet, in dem genau jene Gefühle und Empfindungen zum Ausdruck gebracht werden, die einen selbst gerade plagen. Und stets wird man dort nicht nur die Diagnose, sondern auch die göttliche Medizin des Trostes finden.

Vers 53

Zornglut hat mich ergriffen wegen der Gottlosen, die dein Gesetz verlassen. Ps 119,53

In mehreren Briefen des Neuen Testamentes werden wir ausdrücklich aufgefordert, uns von Zorn zu distanzieren (Gal 5,20; Eph 4,31; Kol 3,8). In 1.Tim 2,8 sehen wir sogar, dass eine Haltung ohne Zorn (und ohne zweifelnde Überlegung) die Voraussetzung für das Gebet oder für die Anbetung ist. «Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit» (Jak 1,20). Zorn passt nicht zur demütigen, dankbaren Haltung, die jeden Christen kennzeichnen und von seinen Mitmenschen deutlich unterscheiden sollte. Zorn geht oft einher mit Eifer, der zwar an sich «neutraler» als Zorn, aber auch oft fehlgeleitet ist und nicht Gottes Gerechtigkeit wirkt: Der König Jehu eiferte zwar, aber es ging ihm offenbar mehr um sich als um die Ehre des HERRN, denn er fiel genauso in Götzendienst wie seine Vorgänger (vgl. 2.Kön 10). Saulus war ein Eiferer für das Gesetz, aber sein Eifer trieb ihn dazu an, die Kirche Gottes zu verfolgen; auch den Juden wird in Röm 10,2 Eifer attestiert, «aber nicht nach Erkenntnis». Eifer und Zorn sind zwei Zustände, in denen der Mensch ganz deutlich in Aktion tritt. Und genau da liegt die grosse Gefahr, denn der Aktionismus vernebelt unsere Sinne zusätzlich und wir tun uns ja schon im nüchternen Zustand schwer, die Wege Gottes und Seinen Willen in allen Dingen zu erkennen.

Doch in Eph 4,26 heisst es: «Zürnet und sündigt dabei nicht!» Ein Widerspruch zu den oben erwähnten Versen? Gott sei Dank: Nein! Jedes Wort Gottes ist wahrhaftig und zuverlässig, gut zur geistlichen Speise und ein kostbarer Schatz für sich allein – und noch wertvoller im Zusammenspiel mit dem gesamten Ratschluss Gottes! Gepriesen sei der HERR! Es gibt keine Widersprüche in Seinem perfekten Wort! Ein Christ kann gottgemäss eifern und zürnen. Vom Herrn Jesus heisst es, dass Ihn der Eifer für das Haus Seines Vaters verzehrt habe, und das hat sich sowohl in Seinem Leben als auch in Seinem Sterben am Kreuz deutlich gezeigt. Ein fehlender Eifer in diesen Dingen wäre nicht gottgemäss und für unseren geliebten Herrn völlig unpassend gewesen. In Seinem Eifer konnte Er auch zürnen (z.B. Mk 3,5). Zorn empfand Er nicht, weil Seine Ehre angetastet wurde, sondern weil die Ehre des Vaters in den Himmeln, den Er über alles liebte, angetastet wurde – und dieser Zorn war passend. Der Psalmist (der hier und an anderen Stellen in Ps 119 eindeutig [auch] messianisch spricht, also Empfindungen zum Ausdruck bringen, die der Herr Jesus später gehabt hat, wie das bspw. in Ps 22 ganz ausgeprägt der Fall ist) ist von Zornglut ergriffen worden, aber nicht, weil ihn jemand geärgert hätte, sondern weil es für ihn unerträglich anzusehen war, wie die Gottlosen das Gesetz Gottes verlassen. Ja, wäre es denn passend, wenn wir angesichts der ausgeprägten Gottlosigkeit um uns her völlig kalt bleiben würden? Wäre es passend, wenn wir Tag für Tag mitansehen müssten, wie das Gesetz Gottes mit Füssen getreten wird (sogar von solchen, die Seinen herrlichen Namen tragen!), ohne betrübt, traurig oder eben auch zornig zu sein? Wären wir dann nicht ein Stück weit gleichgültig gegenüber den göttlichen Dingen, gegenüber der göttlichen Ehre? Deshalb kann es – unter der Leitung des Heiligen Geistes – auch gottgemässen Zorn geben und deshalb heisst es in Eph 4,26: «Zürnet … !» Wie alles bei Gott muss aber auch dieser Zorn sein Mass haben, das er nicht überschreiten darf. Ein gottgemässer Zorn darf nicht «künstlich» angefacht oder am Leben erhalten werden, denn das wäre «dabei sündigen» (vgl. Eph 4,26). Spätestens wenn die Sonne untergeht, muss der Zorn verraucht sein. Sonst lassen wir seiner Schwester, der Bitterkeit, respektive dem Teufel Raum (vgl. Eph 4,27), um uns unserer Freude an unserem himmlischen Vater zu berauben und vom schmalen Weg abzukommen. Nichts auf der Welt kann so gravierend sein, dass es so einen schrecklichen Zustand rechtfertigen könnte. So weit darf unser Zorn also nie gehen.

 

Vers 54

Lieder waren mir deine Ordnungen im Haus meiner Fremdlingschaft. Ps 119,54

Wenn wir an die Ordnungen Gottes denken, dann kreisen unsere Gedanken in aller Regel um die Frage, ob und in welcher Hinsicht sie für uns verbindlich sind. Das Christentum hat sich das Motto: «Wir leben nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade!» auf die Fahne geschrieben – man fragt nur danach, was Gott für einen tun könne, statt danach, was man selbst tun könne, um Gott zu erfreuen. Gläubige, die ihr Leben komplett an den Ordnungen Gottes ausrichten wollen, sind die seltene Ausnahme. Aber was der Psalmist hier schreibt, geht noch weit über ein ehrfürchtiges Befolgen der Ordnungen Gottes hinaus: Die Worte Gottes sind seine Speise, seine Freude, sein Leben! Abgesehen von einigen prophetischen ernsten Liedern (insb. 5.Mose 31) sind Lieder in der Bibel stets ein Mittel, um eine besondere Freude, einen fröhlichen Herzenszustand zum Ausdruck zu bringen. Wenn der Psalmist also schreibt, dass ihm die Ordnungen Gottes Lieder gewesen sind, dann meint er damit, dass diese ihn erfreut haben. Er hat seine Wonne an den Ordnungen Gottes gehabt.

Nun wird aber noch betont, dass dies besonders der Fall gewesen sei, als sich der Psalmist an einem fremden Ort aufgehalten habe, im Haus seiner Fremdlingschaft. Man könnte hier sicherlich einigen geistlichen Gewinn erzielen, wenn man die gesamte Aussage heilsgeschichtlich interpretieren würde, sei es bezogen auf Israel oder bezogen auf die Empfindungen des verheissenen Messias, das ist unser gelieber Herr Jesus Christus. Aber hier in diesem Kommentar wollen wir uns damit begnügen, demütig zu fragen: «Was willst Du mir persönlich damit sagen, o Herr?» Das «Haus der Fremdlingschaft» muss uns besonders ansprechen, denn als gläubige Christen sind wir nicht mehr länger von dieser Welt – sie ist uns fremd geworden. Wir gehören zu denen, die ein Vaterland suchen (Hebr 11,14), die nach der besseren, himmlischen Stadt trachten (Hebr 11,16), deren Bürgerrecht in den Himmeln ist (Phil 3,20). Kann uns die Welt noch bleibende Freude bieten? Gewiss, da sind viele Verlockungen und Erquickungen in der Welt zu finden, aber für den Christen haftet allem ein bitterer Beigeschmack an, denn er weiss, dass das alles «für das Feuer aufgehoben zum Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen» ist (2.Petr 3,7). Er kann seine Freude nur noch bei Gott selbst finden. Die gottlose Welt bietet für ihn viel mehr Anlass zum Kummer als zur Freude; sie ist ein «Haus der Fremdlungschaft» im negativsten Sinne. In dieser Situation erfreuen ihn die Ordnungen Gottes nicht nur, sondern sie spenden ihm vor allem Trost. Wenn ihn Kummer, Sorge und Angst überkommen, flüchtet er zum Wort Gottes und erfreut sich an jedem Wort, das aus Seinem Mund ausgegangen ist.

Vers 55

In der Nacht habe ich deines Namens gedacht, HERR, und ich habe dein Gesetz gehalten. Ps 119,55

Liebe Geschwister! Welche Bedeutung hat das Wort «Nacht» für uns, die wir heute im übersättigten, ruhigen Westeuropa wohnen? Bezeichnet es für uns nur noch jene Zeit, in der die Sonne vorübergehend nicht scheint? Wenn es so ist, dann haben wir uns von den Freuden der Welt gründlich täuschen lassen, dann haben wir den Blick für den wahren Zustand der Dinge verloren, ja dann tappen wir selbst wie ein Blinder mitten in der Dunkelheit umher! «Wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stösst er an, weil das Licht nicht in ihm ist» (Joh 11,10). Was zeichnet die Nacht aus? Mehrere Dinge – und alle haben eine tiefe geistliche Bedeutung!

Nacht ist es, wenn die Sonne abwesend ist. Die Sonne ist wegen ihrer Leuchtkraft und der lebenswichtigen Wärme (Energie), die sie abgibt, ein Symbol für den HERRN selbst. In der Offenbarung wird uns der Herr Jesus beschrieben als Einer, dessen Angesicht wie die Sonne leuchtet (Offb 1,16). Vom neuen Jerusalem heisst es, dass es da keine Sonne oder Lampe mehr braucht, weil der HERR selbst respektive Seine Herrlichkeit die Stadt erleuchtet und weil – kostbarer Gedanke! – «ihre Lampe ist das Lamm» (Offb 21,23; vgl. Offb 22,5). Nun ist der Herr Jesus von der Welt verworfen und gekreuzigt worden. Nach Seiner Auferstehung ist Er in den Himmel aufgenommen worden und nun ist Er weg. Seither ist es Nacht in der Welt. Da ist nur noch der Mond, der das Licht der Sonne widerspiegelt, aber kein eigenes Licht ausstrahlt – die Gläubigen, die den HERRN repräsentieren, wenn sich nicht gerade die Erde zwischen Sonne und Mond geschoben hat, das heisst wenn sie nicht irdisch gesinnt sind.

In der Nacht ist es dunkel. Die Orientierung fällt schwerer als am Tag, man stösst öfter an. Sind nicht gerade die heutigen Zeiten, in denen wir leben, von einer totalen Orientierungslosigkeit der Menschen gekennzeichnet? Ist es nicht so, dass das, was Pontius Pilatus einst zu seiner eigenen Schande gestehen musste, nämlich dass er nicht wusste, was (wer!) die Wahrheit ist (Joh 18,38), heute keine Schande, sondern im Gegenteil en vogue ist? Posaunen die Toren nicht allerorts im Brustton der Überzeugung heraus, dass sie nicht wissen, was die Wahrheit ist, dass es gar keine Wahrheit gebe? Sie sind wie Betrunkene, die umher torkeln und nicht wissen, wo oben und unten ist; «und die da betrunken sind, sind bei Nacht betrunken» (1.Thess 5,7). Was aber tun jene, die nicht wie Betrunkene umhergehen und ihre Torheit der ganzen Welt verkünden? Sie schlafen! «Denn die da schlafen, schlafen bei Nacht» (1.Thess 5,7). Diese suchen nichts, satt und zufrieden kuscheln sie sich in ihr warmes Bett, schliessen die Augen und entschwinden den Ereignissen dieser Welt, um von etwas anderem zu träumen. Leider trifft das heute in besonderem Masse auch auf die Mehrheit der Christen zu, die untätig durch diese Welt treiben und sich mit den Nichtigkeiten dieser Welt beschäftigen, die doch verpuffen werden wie die Luftschlösser unserer Träume. Was nützt ein schlafender Christ? Nichts! Wenn er so da liegt und schlummert, dann unterscheidet ihn nichts von einem Nichtchristen, der genauso da liegt und schlummert. Unmöglich zu sagen, wer nun der Christ ist und wer nicht! «Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten!, und der Christus wird dir aufleuchten!» (Eph 5,14).

Nachts ist es auch kälter als tagsüber; man muss die Wärme suchen, worauf schon Pred 4,11 hinweist. Und wie kalt ist die Welt heute! Wie kalt- und hartherzig sind die Menschen! Selbst unter den Christen sind jene Eigenschaften verbreitet zu finden, die eigentlich die Nichtchristen beschreiben müssen; die Prophezeiung in 2.Tim 3,1–8 hat sich bereits weitgehend erfüllt. Damit im Zusammenhang steht auch der Umstand, dass die Nacht eine Art Schutz für alle Arten von Sünden bietet. «Wie ein Dieb in der Nacht» (1.Thess 5,2) ist ein feststehender Ausdruck, der nicht von ungefähr kommt. Auch der Herr Jesus selbst hat erklärt: «Die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht blossgestellt werden» (Joh 3,19.20).

Wie tief müssen uns nach all dem die Worte aus Joh 13,30 treffen, wo es unmittelbar nach dem Aufbruch des Verräters zum Verrat heisst: «Es war aber Nacht»! Ja, jene Nacht des Verrats des Heilandes der Welt hat nicht mehr geendet und dauert bis heute an! «Die Nacht ist weit vorgerückt» (Röm 13,12). Wir befinden uns in einer kalten, dunklen Zeit und es wird nur noch einen Zeitabschnitt geben, der kälter und dunkler sein wird und der in der Bibel die grosse Drangsal oder die grosse Trübsal genannt wird. Denn wir wissen, dass es unmittelbar vor Tagesanbruch am kältesten und am dunkelsten ist. O, welche Herzensübungen sind doch für den geistlich gesinnten Christen mit dem Ausdruck «Nacht» verbunden! Ganz oft spüren wir am eigenen Leib, wie schlimm es ist, sich in dieser Nacht zu befinden: Wir werden gemieden, verspottet, verfolgt, leiden an Gebrechen oder an Schwachheit, ertragen die Bosheit um uns her nicht mehr, sind traurig, bedrückt, niedergeschlagen. Wer könnte es uns verübeln? Doch der HERR will zwar, dass wir uns so klar wie nur irgend möglich des Umstandes bewusst sind, dass die Nacht weit vorgerückt ist, aber Er will auch, dass wir uns trotzdem freuen – an IHM erfreuen. Am hellichten, warmen, sonnigen Tag fällt es einem Menschen leicht, Gott zu loben und dankbar zu sein. Aber den Christen fordert Gott auf, IHN auch in der Nacht zu loben: «Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht?» (Hiob 35,10). Der Psalmist macht es uns vor: In der Nacht hat er des Namens des HERRN gedacht. In der Stille, in der Kälte, in der Dunkelheit hat er das göttliche Licht, die Gegenwart des HERRN gesucht, hat er IHN selbst mit reinem Gewissen («ich habe dein Gesetz gehalten») gesucht. Glückseliger Glaubensbruder! «Wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind» (Joh 3,21).

Vers 56

Dies ist mir zuteilgeworden: Dass ich deine Vorschriften bewahre. Ps 119,56

Immer wieder überrascht uns der Psalmist mit ungewöhnlichen Formulierungen. Man kann den Vers zwar offenbar auch so übersetzen: «Dies ist mir zuteilgeworden, weil ich deine Vorschriften bewahre», aber dann stünde die unbeantwortbare Frage im Raum, was denn dieses «dies» sei. Wenn man den Vers so liest, wie er in der revidierten Elberfelder Übersetzung wiedergegeben wird, dann enthält er den unerwarteten Gedanken, dass der Psalmist nicht etwas erhalten hat, weil er die Vorschriften bewahrt hat, sondern dass die Fähigkeit, die Vorschriften zu bewahren, ein Geschenk Gottes gewesen ist.

Als Christen wissen wir, dass wir alles Gute aus Gnade empfangen haben und dass wir nur in der Lage sind, mit diesem Gut zu handeln oder eine Herzensantwort auf die Gnadenakte Gottes zu geben. Die «Wirkungskette» ist also genau anders herum als in jeder Art von Religion, wo vom Menschen zuerst etwas gefordert wird, auf dass er dann von oben etwas empfange. Und doch fallen wir im Alltag immer wieder zurück in dieses falsche Denken, dass wir Gott etwas darbringen können, das uns dann einen Anspruch bei Ihm verschafft. Damit nehmen wir uns selbst zu wichtig und machen unser gekreuzigtes Fleisch gross. Wir wandeln nicht in der Demut, wenn wir so denken oder sprechen.

Wenn wir abends auf den Knien vor Gott auf einen guten, siegreichen Tag im Glauben zurückblicken können, dann soll Ps 119,56 auf unseren Lippen sein: Dann sollen wir dem HERRN von Herzen dafür danken, dass Er uns durch Seinen Geist sicher und gut durch den Tag geleitet hat, dass Er uns die Gnade geschenkt hat, Seine Gebote (die neutestamentlichen Gebote Christi) zu bewahren. Denn nicht unsere Kraft oder unsere Weisheit führt uns auf der rechten Bahn, sondern allein Gottes Geist.

Vers 57

Mein Teil ist der HERR! Ich habe versprochen, deine Worte zu bewahren. Ps 119,57

Liebe Geschwister, was denkt Ihr: Gebührt dem Herrn Jesus der erste Platz in unserem Leben? Die Bibel sagt dazu: Ja und Nein! Das Sendschreiben an Ephesus, das sich zwar an eine Gemeinde richtet, aber auch zu jedem einzelnen von uns spricht, sagt eindeutig, dass der Herr Jesus den ersten Platz in unserem Leben haben will, denn die Gemeinde wird scharf getadelt, weil sie die «erste Liebe», also jene Liebe, die dem HERRN den ersten Platz einräumt, verloren hat:

Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, wovon du gefallen bist, und tue Busse und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, so komme ich zu dir und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Busse tust. Offb 2,4.5

Doch an anderen Stellen geht das Wort Gottes noch viel weiter, denn es zeigt uns, dass der Herr Jesus nicht «nur» den ersten Platz haben, sondern unser Alles sein soll. Der Psalmist schreibt hier, dass sein Teil der HERR (selbst) sei – nur der Herr allein. Das ist alles, was der Psalmist braucht und will. In Ps 16, der so schön auf den Herrn Jesus zeigt, finden wir denselben Gedanken: «Der HERR ist das Teil meines Erbes und mein Becher» (Ps 16,5). Viele andere Stellen enthalten dieselbe Aussage, aber am deutlichsten hat es wohl der Apostel Paulus ausgedrückt: «Denn das Leben ist für mich Christus und das Sterben Gewinn» (Phil 1,21). Christus zu haben ist das Leben! Mit Ihm haben wir alles, was wir benötigen, was wir uns wünschen, wonach wir uns sehnen.

Wenn sich ein Christ nach bestimmten Dingen sehnt oder wenn ein Christ unzufrieden ist, weil er meint, dass ihm noch etwas fehlt, dann befindet er sich nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes. Wenn für einen Christen die Dinge, die Gott gibt, eine grössere Bedeutung haben als das, was Gott ist, dann befindet er sich nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes. Wenn der Herr Jesus Christus nicht der mit Abstand wichtigste Gegenstand im Leben eines Christen ist, dann befindet sich dieser nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes. Befinde ich mich, befindest Du Dich in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes?

Vers 58

Von ganzem Herzen habe ich dich angefleht; sei mir gnädig nach deiner Zusage! Ps 119,58

Einmal mehr zeigt der Psalmist mit wenigen Worten einen wesentlichen Aspekt jener Haltung, die jeden wahren Gläubigen kennzeichnet: Er sucht bei Gott nicht Lohn, sondern Gnade, schaut nicht auf sich, sondern auf Ihn. So oft denken wir Menschen viel zu gut von uns selbst, nehmen wir uns und was wir getan haben oder tun, viel zu wichtig. Wir meinen, wir hätten dem Schöpfer von Himmel und Erde etwas zu bieten, das Er uns abkaufen, bezahlen, belohnen müsse. Wir stellen uns vor Ihn und sagen: «Schau, wie ich bin, was ich habe, was ich tue – gib mir meinen Lohn!» Vielleicht wissen wir, dass dies die Sprache Kains und all seiner «Nachkommen» – den religiösen Menschen – ist, aber doch flammt da immer wieder dieser Gedanke auf, wir hätten etwas von Gott zugute. Doch was ist «der Mensch, die Made, und das Menschenkind, der Wurm» (Hiob 25,6)? Haben wir wirklich etwas zu bieten, das Gott für gut befinden könnte? Gibt es da etwas, das Er belohnen müsste? Nein! Schon von den Menschen zur Zeit Noahs heisst es: «Und der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde gross war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag» (1.Mose 6,5). Erfreute der Mensch das Herz Gottes? Nein! «Es reute den HERRN, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein» (1.Mose 6,6). Daran hat sich nichts geändert (vgl. etwa Ps 14, Ps 53, Röm 3,10ff.). Da gibt es nur einen Lohn, der dem Menschen zusteht: «Der Lohn der Sünde ist der Tod» (Röm 6,23).

Was zeichnet nun einen Gläubigen aus? Ganz einfach: Er weiss um seine hoffnungslose Lage und sucht um Hilfe. Er weiss, dass er Gott nichts zu bieten hat, das ihn aus seiner verzweifelten Situation befreien könnte, dass es ihm völlig unmöglich ist, sich irgendwie selbst vor dem kommenden Verderben zu retten, dass er Hilfe von aussen braucht. Verzweifelt sieht er sich nach Hilfe um: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen?» (Ps 121,1). Er ruft um Hilfe – und sie wird ihm zuteil werden! Gepriesen sei der HERR, der keinen Hilfeschrei unbeantwortet lässt, sondern jedem, der zu Ihm ruft, Hilfe zuteil werden lässt, einfach, weil Er ist, wie Er ist! Zu Mose sprach Er einst, dass Er Israel retten wolle. Weshalb? Weil die Israeliten so fromm und religiös waren? Weil Er sie lieber hatte als die Ägypter? Nein und nochmals nein! Er griff ein, weil sie um Hilfe gerufen hatten: «siehe, das Geschrei der Söhne Israel ist vor mich gekommen; und ich habe auch die Bedrängnis gesehen, mit der die Ägypter sie quälen» (2.Mose 3,9). Das allein genügte für Ihn bereits, um diesem Volk zur Hilfe zu kommen! Doch da gab es noch etwas anderes: Er hatte Abraham bereits 400 Jahre davor versprochen, seine Nachkommen aus der Bedrängnis in Ägypten zu retten: «Ganz gewiss sollst du wissen, dass deine Nachkommenschaft Fremdling sein wird in einem Land, das ihnen nicht gehört; und sie werden ihnen dienen, und man wird sie unterdrücken vierhundert Jahre lang. Aber ich werde die Nation auch richten, der sie dienen; und danach werden sie ausziehen mit grosser Habe» (1.Mose 15,13.14). Diese Zusage war etwas, auf das sich die Israeliten berufen konnten, etwas, das ihrem Flehen Gewicht gab. Die Israeliten konnten vor den HERRN treten und sagen: Errette uns, wie Du es versprochen hast! Und weil Gott Gott ist, konnte Er gar nicht anders (wenn wir uns erdreisten dürfen, so von Ihm zu sprechen), als Seine Zusage wahr zu machen. Israel hatte nichts zu bieten, aber Gott war und ist «Herr über alle, und er ist reich für alle, die ihn anrufen» (Röm 10,12).

Verstehen wir nun, wie treffend die Worte des Psalmisten sind? Er sucht nicht Lohn, sondern Gnade (vgl. Röm 11,6), er beruft sich nicht auf Werke, sondern auf die Zusage Gottes, schaut nicht auf sich, sondern auf Ihn, versucht nicht, sich selbst zu helfen, sondern fleht von Herzen um Hilfe von Gott. Diese Haltung kennzeichnet jemanden, der sich gerade zu Gott bekehrt, aber sie entspricht auch der Haltung eines Menschen, der schon länger im Glauben ist, der seine Tage dem Herrn anbefiehlt und auf Ihn hofft (Ps 37,5). Wer nicht gläubig ist, hilft sich selbst von Tag zu Tag, strampelt sich selbst durchs Leben, dreht sich ohnehin nur um sich selbst. Wer aber glaubt, erhofft und erbittet sich alles von oben, weil er weiss: «Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter» (Jak 1,17).

Vers 59

Ich habe meine Wege überdacht und meine Füsse gekehrt zu deinen Zeugnissen. Ps 119,59

Auch in diesem 59. Vers finden wir einen kostbaren neuen Gedanken: Der Psalmist bringt zum Ausdruck, wie er in einem beständigen, unerbittlichen Selbstgericht gelebt hat. Im Wissen, dass da ein Weg ist, «der einem Menschen gerade erscheint, aber zuletzt sind es Wege des Todes» (Spr 14,12; 16,25), hat er nicht irgendwie so dahin gelebt, hat er sich abends nicht selbstzufrieden zurückgelehnt, sondern vielmehr seine Wege überdacht, das heisst immer wieder kritisch geprüft, ob sein Handeln, seine Worte, seine Gedanken und seine Gefühle recht gewesen seien. Was ist dabei der Massstab gewesen, an dem er diese Prüfung durchgeführt hat? Die Zeugnisse Gottes! Der Psalmist hat weder Vernunft noch Philosophie Raum gegeben, sondern seine Wege ausschliesslich anhand des Wortes Gottes geprüft. Möchten wir es ihm Tag für Tag gleich tun! Doch damit nicht genug: Wo es eine Abweichung gab, hat er seine Füsse gekehrt zu den Zeugnissen Gottes. Wie lieblich ist doch ein solches Verhalten, das nicht an alten Gewohnheiten festhält, sondern beständig darauf ausgerichtet ist, jenen Weg zu gehen, der den Vater in den Himmeln und den Herrn Jesus ehrt!

Vers 60

Ich bin geeilt und habe nicht gezögert, deine Gebote zu halten. Ps 119,60

Liebe Geschwister, seien wir einmal ehrlich zu uns selbst: Wer von uns hat diese Haltung, die der Psalmist gehabt hat? Bedenken wir es wohl: Er war gläubig und durfte nicht Weniges (wie zum Beispiel diesen Vers oben) auch als prophetischen Einblick in die Gedanken und Empfindungen des Herrn Jesus schreiben, aber der Psalmist selbst wusste noch nichts von jenem herrlichen Werk, das viele hundert Jahre später am Kreuz zu Golgatha vollbracht werden sollte. Der Glaube des Psalmisten war «nur» eine lebendige Hoffnung auf ein Erlösungswerk, das viel später noch vollbracht werden sollte. Aber wir können zurück blicken! Wir wissen, wann, wo und wie die Grundlage zu unserer Erlösung gelegt worden ist. Um es etwas salopp zu formulieren: Wir wissen, was wir glauben! Der Apostel Paulus konnte sich sogar erkühnen zu schreiben, dass unser Glaube sinnlos wäre, wenn der Herr Jesus nicht auferstanden wäre (1.Kor 15,17). Also müssten wir doch sagen können, dass unser Glaube angesichts des «stärkeren» Fundamentes grössere Früchte als jener des Psalmisten hervorbringen müsste.

Doch wer von uns ist überhaupt schon bereit, die Gebote des Herrn umfassend zu halten? Sie haben sich nicht verlesen, liebe Leserinnen und Leser: Ich frage, wer die Gebote halten will. Ja, sind wir jetzt plötzlich wieder unter Gesetz? Werden hier auf bibelkommentare.ch nun Irrlehren verbreitet? Nein! Ich spreche nicht vom Gesetz Moses, sondern vom Gesetz des Christus, der selbst gesagt hat, was der Massstab ist, an dem wir unsere Liebe zu Ihm prüfen können: «Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren» (Joh 14,21). Lieben Sie den HERRN?

Ach, die Liebe ist in Vielen erkaltet. Man will die Gebote des Herrn Jesus nicht halten; man erfindet Ausreden, mit denen man seinen Ungehorsam rechtfertigen will; und ich persönlich kenne kaum eine Hand voll Christen, die eilen und nicht zögern, den Willen des HERRN zu tun. Möchten Sie, möchte ich doch zu jener kleinen Schar gehören, die ihren Herrn liebt und Ihm bereitwillig nachfolgt!

Vers 61

Stricke der Gottlosen haben mich umgeben. Dein Gesetz habe ich nicht vergessen. Ps 119,61

Der Richter Simson ist in seinem Leben mehrmals mit Stricken gebunden worden. Dabei hat man versucht, dem Wirken des Heiligen Geistes durch Simson Einhalt zu gebieten, es gänzlich zu unterdrücken oder doch wenigstens zu bändigen und in bestimmte Bahnen zu lenken. Wie traurig sticht dabei die Tatsache in den Vordergrund, dass Simson zum ersten Mal in seinem Leben nicht etwa von den Philistern, sondern von den Israeliten gebunden worden ist (Ri 15,11–13)!

Ob die Gottlosen uns mit Sehnen, mit neuen Stricken oder sogar mit dem binden wollen, was das Zeichen unseres gottgemässen Wandels ist (die langen Haare Simsons; vgl. Ri 16,4ff.), ist zweitrangig. Für uns genügt es zu wissen, dass die Welt uns binden will, um uns zu bezwingen (vgl. Ri 16,6). Manchmal sind es Fesseln, mit denen man unsere Füsse (die bereit sein sollen, das Evangelium zu verkündigen) im Block im innersten Gefängnis festmachen will (Apg 16), oder zwei Ketten, mit denen man uns zwischen zwei Soldaten bindet (Apg 12), also Stricke der Verfolgung, mit denen man unser Zeugnis unterdrücken will. In vielen Ländern ist das heute noch oder wieder der Fall: Christen werden gewaltsam verfolgt; man will ihr Zeugnis mit Gewalt unterdrücken. Doch bei uns hier wendet der Teufel andere Stricke an. Er tritt nicht wie ein brüllender Löwe, sondern als die alte Schlange, als ein Engel des Lichts auf. Hier sind die «Stricke der Gottlosen» sanfte Banden aus feinsten Materialien: Vergnügungen, vermeintliche Freiheit, falsch verstandene Toleranz usw. Man lullt uns ein, singt uns ein Schlaflied und hofft, dass wir eindösen und endlich ruhig werden.

Auch unser Glaubensvater Abraham ist mit «Stricken der Gottlosen» gebunden worden: Obwohl der HERR ihm geboten hatte, das Haus seines Vaters zu verlassen, hat er seinen Vater mit auf die Reise genommen. Dieser ist ein Götzendiener gewesen und sein Name bedeutet «Verzögerung». Statt direkt durch die Wüste zum von Gott vorgegebenen Ziel zu wandern, ist die Gesellschaft den Flussläufen gefolgt, was dazu geführt hat, dass sie einen gewaltigen Umweg gemacht hat. Etwa in der Hälfte der Strecke ist der Fortschritt dann endgültig zum Erliegen gekommen: Abraham wohnte in Haran, einem Ort, der nicht jenem entsprach, den Gott ihm gesagt hatte. Der HERR musste ihn gewaltsam durch den Tod von seinem Vater trennen, um ihn an seinen Bestimmungsort umsiedeln zu können.

Dass wir von «Stricken der Gottlosen» umgeben sind, ist eine Tatsache, an der wir nichts ändern können. Beeinflussen können wir nur, ob wir uns davon binden lassen oder ob wir es wie der Psalmist tun: «Dein Gesetz habe ich nicht vergessen». Sind wir treu, auch wenn unsere Umgebung alles versucht, um uns vom geraden Pfad abzubringen? 

Vers 62

Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen der Bestimmungen deiner Gerechtigkeit. Ps 119,62

Der Psalmdichter hat nicht nur in der Nacht des Namens des HERRN gedacht, wie wir bereits gesehen haben, sondern er ist auch des Nachts – sprichwörtlich mitten in der Nacht! – aufgestanden, um den HERRN zu preisen. Wenn wir in der Nacht erwachen, ärgern wir uns vielleicht, weil unser Schlaf unterbrochen wird. Der Schlaf ist uns kostbarer als die Gemeinschaft mit dem HERRN und das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass wir auch in geistlicher Hinsicht schlafen: Wir sind bequem, faul und selbstzufrieden. Wir sind fett geworden gegen den HERRN. Weil uns nichts fehlt, suchen wir IHN nicht mehr von ganzem Herzen. Dabei hätten wir allen Grund, den HERRN rund um die Uhr zu loben!

Bedenken wir: Der Psalmist wusste nicht genau, wie der HERR dereinst eine definitive Lösung für das Sündenproblem schaffen würde. Er konnte nur hoffen, dass der HERR Sein Wort erfüllen würde. Aber wir können auf eine ein für allemal vollbrachte Erlösung zurückblicken! Wir wissen, was geschehen ist! Für uns liegen die Worte: «Es ist vollbracht!» nicht in einer unbestimmten Zukunft, sondern in der Vergangenheit! Müssten wir den herrlichen Namen des HERRN nicht jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend und dann noch um Mitternacht preisen?

Religionen fordern von den Menschen etwas; zwingen Menschen zu etwas. Im Islam muss man beispielsweise fünfmal pro Tag beten. Der christliche Glaube dagegen macht die Menschen frei – frei sich dem HERRN und ihren Nächsten völlig hinzugeben. Wir dürfen jederzeit ins Allerheiligste treten und Gemeinschaft mit dem HERRN haben! Aber jener, der zweimal pro Tag betet und in der Bibel liest, gilt schon als Vorzeigechrist. Liebe Geschwister, wir dürfen uns nicht mit anderen Christen vergleichen, wenn wir wissen wollen, wie es um unsere Beziehung zum HERRN steht. Wir müssen uns mit dem Vorbild vergleichen, das der Herr Jesus uns hinterlassen hat.

Vers 63

Ich bin der Gefährte aller, die dich fürchten, derer, die deine Vorschriften einhalten. Ps 119,63

Der Glaube ist nicht nur eine Sache zwischen einem einzelnen Menschen und Gott, denn der Herr Jesus ist nicht nur in diese Welt gekommen, um viele einzelne Menschen zu retten, sondern auch, um sich eine Braut darzustellen: Die ekklesia, die Versammlung, Gemeinde, Kirche nach dem Ratschluss Gottes, also die Gesamtheit aller Gläubigen aus der Zeit zwischen Pfingsten und der Entrückung. Die Einheit der Gläubigen wird in der Bibel nachdrücklich betont. Sie ist nicht nur im hohenpriesterlichen Gebet des Herrn Jesus in Joh 17 zu finden. Auch die neutestamentlichen Briefe lehren: Da ist eine Braut, ein Leib, ein Tempel. Wir Christen sind alle voneinander abhängig; wir sind alle miteinander und mit unserem hochgelobten Haupt, dem Herrn Jesus, verbunden. Deshalb gibt es in unseren Leben auch nichts, das eine reine Privatsache wäre. Was ich im Verborgenen tue, hat – positive oder negative – Auswirkungen auf meine Geschwister im HERRN! Eine in der stillen Kammer begangene Sünde kann eine ganze Versammlung lähmen! In Seiner Weisheit hat der HERR deshalb nicht nur eine Hausordnung für alle aufgestellt, die «drinnen» sind, sondern auch vorgegeben, wie zu verfahren ist, wenn sich jemand, der sich Bruder oder Schwester nennt, nicht an diese Ordnung hält. Eine fehlende Entschiedenheit, für die Sache des HERRN einzustehen, hat dazu geführt, dass die sog. Gemeindezucht nicht konsequent angewendet worden ist. Heute haben wir den Schlamassel: Wir sind umgeben von «Gefährten», die sich unsere Gefährten nennen, aber nur verhältnismässig wenige davon gehören zu jenen, die den HERRN fürchten, die Seine Vorschriften einhalten. Damit müssen und dürfen wir uns aber nicht abfinden! Daher haben wir zuallererst uns selbst die Frage zu stellen: Bin ich ein solcher Gefährte, der den HERRN fürchtet und Seine Vorschriften einhält?

Vers 64

Von deiner Gnade, HERR, ist die Erde erfüllt. Lehre mich deine Ordnungen! Ps 119,64

Mit der Sünde kam der Tod in die Welt (Röm 5,12). Der Mensch gab seine Vorrangstellung in der Schöpfung auf; seit dem Sündenfall ist der Teufel der Fürst und der Gott dieser Welt (Joh 12,31; 2.Kor 4,4). Die früheren Zeiten waren nicht besser als die heutige Zeit (Pred 7,10). Auch zu Zeiten des Psalmisten herrschten die Sünde und die Gottlosigkeit vor, gab es allenorts Leid, Gewalttat und Tod. Wie konnte er dann sagen: Von Deiner Gnade, HERR, ist die Erde erfüllt? Weil er den Blick nicht auf sich und auf die Verhältnisse um ihn herum, sondern nach oben richtete (vgl. Kol 3,1)! Im Geiste war er fähig, das gnädige Wirken Gottes zu erkennen. Er stellte fest, dass Gottes Erbarmen jeden Morgen neu war (Klgl 3,22.23), dass Gott der HERR jeden Tag aufs Neue den Menschen Seine Hand zur Rettung entgegen streckte, dass Er ihnen immer wieder neu die Chance gab, zu Ihm umzukehren und gerettet zu werden. Selbst in der Schöpfung ist die Gnade Gottes auch heute noch zu sehen: Pflanzen sterben regelmässig ab, aber neue Pflanzen keimen ebenso regelmässig wieder auf; im Herbst scheinen die Bäume und die Sträucher abzusterben, aber im Frühjahr treiben sie mit voller Kraft wieder aus. Vieles mehr noch weist darauf hin, dass Gott dort Leben schenken kann, wo zuvor nur der Tod herrschte. Genauso will Er uns aus dem Kreislauf von Sünde und Tod zum Leben kommen lassen, zum Leben in Fülle! Aber das funktioniert nicht nach unseren Vorstellungen, sondern nach Seinen Ordnungen. Wer gerettet werden will, muss deshalb nach Ihm, nach Seinen Ordnungen fragen.

Vers 65

Du hast Gutes getan an deinem Knecht, HERR, nach deinem Wort! Ps 119,65

Ein wesentliches Merkmal, das den Gläubigen vom Gottlosen unterscheidet, ist die Dankbarkeit gegenüber Gott, die Anerkennung Seines gütigen Wirkens. Wenn Gottlose sich auf das Handeln Gottes beziehen, dann in aller Regel mit Vorwürfen: Wieso lässt Er dieses und jenes zu? Weshalb enthält Er mir etwas vor? Warum geht es anderen besser als mir? Aber der Gläubige weiss, dass nicht er die Wege Gottes zu beurteilen hat, sondern umgekehrt – Gott beurteilt seine Wege! Der Gläubige weiss auch, dass ein Mensch nichts empfangen kann, «auch nicht eins, es sei ihm denn aus dem Himmel gegeben» (Joh 3,27). «Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter» (Jak 1,17). Die Gottlosen sind selten wirklich zufrieden mit dem, was sie haben; die Gläubigen sind dankbar für die Güte und für die Gnade, die Gott ihnen jeden Tag aufs Neue erweist. Sie vertrauen voll und ganz auf Seine Zuverlässigkeit, auf die Zuverlässigkeit Seines Wortes. Darin liegt ein wesentlicher Kern ihrer Zufriedenheit, ihres Friedens und ihres Glücks. «Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind» (Röm 8,28).

Vers 66

Gute Einsicht und Erkenntnis lehre mich! Denn ich habe deinen Geboten geglaubt. Ps 119,66

O, wie weit ist uns dieser Psalmist voraus! Er, der nur eine Vorstellung von der Herrlichkeit Christi haben konnte, der nicht den Heiligen Geist als ständig in ihm wohnend hatte, wollte nicht nur den Geboten Gottes glauben, sondern in der guten Einsicht und in der Erkenntnis von Gott selbst unterwiesen werden! Und wir Christen? In uns wohnt die Herrlichkeit Gottes; wir wissen, dass wir aus reiner, unverdienter Gnade errettet worden sind, dass der HERR Sein kostbares Leben gegeben hat, damit wir – die wir so unwürdig sind! – leben können. Und was tun wir? Wir leben unser altes Leben weiter, propagieren, dass wir ja nun unter Gnade und nicht unter Gesetz seien, womit wir entschuldigen wollen, dass wir ein Leben führen, wie wenn wir noch Sünder wären. Wer fragt in allen Dingen nach dem Willen des HERRN? Wer will wachsen in der Erkenntnis und das Erkannte auch umsetzen? Wer ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen? Denn gute Einsicht und Erkenntnis kosten etwas: «Denn wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss, und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer» (Pred 1,18) – sagt der Mensch, der auf das schaut, was unter der Sonne geschieht. Und doch ist nur das der gute, gerade Weg. Nehmen wir uns ein Beispiel am treuen Psalmisten!

Vers 67

Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich. Jetzt aber halte ich dein Wort. (Ps 119,67)

Liebe Geschwister, das ist ein Vers zum Auswendiglernen! Wir neigen alle dazu, uns selbst zu unserem Massstab zu machen, mit dem wir unsere Handlungen, unsere Worte, unsere Gedanken und unsere Gefühle bewerten. In vielen Dingen gehen wir unseren eigenen Weg und nicht jenen, den unser Vater in den Himmeln für uns vorgesehen hat (weil wir vor Entscheidungen gar nicht nach Seinem Willen fragen). Ja, nicht nur die Lust der Augen und die Lust des Fleisches, sondern auch der Hochmut des Lebens machen uns zu schaffen (1.Joh 2,16). Wenn wir uns aber nicht selbst demütigen, dann wird der himmlische Vater eingreifen und uns züchtigen müssen (Hebr 12,4–11). Diese Züchtigung ist unbedingt notwendig, denn bevor wir gedemütigt worden sind, irren wir, gehen wir in die Irre. Eine der wertvollen Früchte der Züchtigung ist, dass wir uns an das Wort Gottes halten, denn nur das wird es uns ermöglichen, den geraden, guten Weg zu gehen. Was wollt Ihr, liebe Geschwister? Weiter hochmütig in die Irre gehen oder gedemütigt werden und Gottes Wort halten?

Vers 68

Du bist gut und tust Gutes. Lehre mich deine Ordnungen! Ps 119,68

In aller Regel tun wir uns schwer mit den Wegen Gottes beziehungsweise mit Seiner Züchtigung, weil wir nicht von Herzen glauben, dass Er es gut mit uns meint. Wir zweifeln nicht an Seiner Macht, sondern an Seiner Liebe zu uns. Doch der Schlüssel zu einem freudigen, glücklichen Leben ist es, von den Umständen, vom eigenen Ich wegzuschauen und den Blick auf Gott zu richten, Sein Wort zu studieren und daraus zu lernen, dass Er es durch und durch gut mit uns meint. Dabei wollen wir nicht nur auf das achten, was Er tut. Zwar ist es wahr, dass Er Gutes tut (und dass wir jeden Tag sehr viel haben, für das wir danken können), aber da gibt es noch mehr zu entdecken, nämlich dass Gott in Sich selbst, in Seinem innersten Wesen gut ist – egal, was Er tut. Wir wollen den HERRN nicht nur anbeten für das, was Er tut, sondern auch für das, was Er ist. Das wird unser Vertrauen zu Ihm ungemein stärken und uns zur Ruhe kommen und Seinen Frieden geniessen lassen.

Vers 69

Lügen haben die Übermütigen gegen mich erdichtet. Ich bewahre deine Vorschriften von ganzem Herzen. Ps 119,69

Seit den Tagen Abels werden die Gläubigen von ihren Mitmenschen verfolgt. Josef, David und all die Propheten bis auf Secharja, der zwischen dem Altar und dem Haus umkam (Lk 11,51), Stephanus, die Apostel und Antipas, der treue Zeuge (Offb 2,13), die ersten Christen in Rom, die Waldenser und viele, viele andere sind verfolgt und getötet worden. Natürlich hat man sie auch verleugnet, böse Lügen über sie erzählt, sie schlecht gemacht. Wenn wir dem HERRN von ganzem Herzen nachfolgen wollen, wenn wir uns völlig von Seinem guten Geist leiten lassen wollen, dann müssen wir wissen, dass man auch gegen uns Lügen erdichten wird. Die wahren, treuen Gläubigen sind vielen ihrer Nächsten suspekt, weil der geistliche Mensch für den natürlichen Mensch unberechenbar ist (vgl. Joh 3,8) und weil wir als Gläubige das göttliche Licht des Herrn Jesus widerspiegeln dürfen, das die Bosheit und Gottlosigkeit unserer Nächsten aufdeckt; «denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht blossgestellt werden» (Joh 3,20).

Wie hat der Psalmist auf die Lügen der Übermütigen reagiert? Gar nicht! Er hat die Übermütigen übermütig sein lassen, hat die Lügner Lügen erdichten lassen und hat sich an seinen Gott und an Sein Wort gehalten. Weil er tief in seinem Herzen wusste, dass der HERR einmal über alles Gericht halten wird, konnte er angesichts der gegen ihn erdichteten Lügen ruhig bleiben. Er wusste ja, dass es nur Lügen waren und dass er im jüngsten Gericht gerechtfertigt würde, während jene die Strafe für ihre Lügen würden bezahlen müssen. Auch wir sollen uns nicht selbst zum Recht verhelfen, sondern alles in Gottes gütige Hände legen. Er wird schon dafür sorgen, dass alles gerade gerückt werden wird. So dürfen wir bei Ihm zur Ruhe kommen.

Vers 70

Ihr Herz ist unempfindlich geworden wie Fett. Ich habe meine Lust an deinem Gesetz. Ps 119,70

Wie schlimm ist ein unempfindliches, verhärtetes, verfettetes, versteinertes Herz! Wir müssen wissen, dass alle unsere Gedanken, Empfindungen und Ansichten von Natur aus verkehrt und verdreht sind, weil alles unter dem Einfluss der Sünde steht. Wir sind nicht fähig, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht, weil die Sünde unseren Blick trübt. Und doch hat uns Gott ein Gewissen gegeben, einen Kompass, der in die richtige Richtung zeigt. Das lehrt Röm 2,14.15 ganz eindeutig. An und für sich wäre dieser Kompass sehr fein justiert und dementsprechend auch sehr genau, aber die Nadel wird ständig durch die in uns wirkende Sünde bewegt, sodass wir die richtige Richtung nur ungefähr sehen können. Immerhin weiss jeder Mensch tief in seinem Innern, dass es einen Schöpfer-Gott gibt (vgl. Röm 1,20) und dass wir Menschen diesem Schöpfer-Gott Rechenschaft für unsere Taten schulden (Röm 1,32 und Röm 2,14.15). Doch man kann sein Herz unempfindlich machen wie Fett. Man kann sich dem Wirken des Gewissens, dem Wort Gottes, der Liebe Gottes komplett verschliessen, kann ganz bewusst und in aller Entschiedenheit «Nein!» zu Gott sagen – und auf ewig verloren gehen. Schrecklicher Gedanke! Es steht fest, dass jeder, der verloren geht, die Chance gehabt hätte, «Ja!» zu sagen und die zur Rettung ausgestreckte Hand Gottes zu ergreifen, es aber vorgezogen hat, «Nein!» zu sagen. Einem uneretteten Menschen muss man sagen, was schon Salomo geraten hat: «Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens» (Spr 4,23).

Der Psalmist stellt nun interessanterweise nicht einen Gegensatz zwischen sich und den Gottlosen her, indem er sagt, sein Herz sei weich und empfindlich geblieben. Das hat uns viel zu sagen! Selbst das empfindlichste, weichste und reinste Herz kann kein zuverlässiger Führer für den schmalen Pfad sein, den wir zu gehen haben, denn wir werden den Einfluss der Sünde auf unsere Gedanken, Empfindungen und Ansichten nie komplett ausschalten können. Wenn wir wissen wollen, wie man ein Gott wohlgefälliges Leben führt, dann müssen wir uns an einen zuverlässigeren, unbestechlichen Führer wenden. Und was könnte das anderes sein als das vollkommene, perfekte Wort Gottes? Deshalb ist es so schön zu lesen, dass der Psalmist schreibt: «Ich habe meine Lust an deinem Gesetz.» Haben Sie auch Ihre Lust am Wort Gottes?

Vers 71

Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte. Ps 119,71

Wer kann von Herzen «Amen» zu diesem Vers sagen? Ist es nicht so, dass wir alle uns instinktiv gegen Demütigung wehren? Doch diese ist zur Heilung unserer grundlegendsten Krankheit notwendig, denn ohne Demütigung neigen wir immer dazu, von Gott unabhängig und Ihm gegenüber ungehorsam zu sein. Wir machen uns selbst zum Zentrum unseres Lebens, machen unsere Gedanken und Empfindungen zum Massstab, an dem wir alles messen, und wir denken viel zu gut von uns selbst. Der Humanismus, auf den wir hier in unserer Gesellschaft so stolz sind, ist im Grunde nichts anderes als eine lehrmässige Rechtfertigung unseres «verdrehten und verkehrten Geschlechts» (Phil 2,15), Gott aus den Überlegungen auszublenden und den Menschen zum Massstab aller Dinge zu erklären. In einer solchen Haltung werden wir nie zu Gott zurückfinden; eine solche Haltung lässt sich auch kaum mit einem (neuen) Leben in Christo vereinbaren. Für einen Christen darf nichts anderes im Mittelpunkt seines Lebens stehen als der Herr Jesus Christus. Nur so können wir alle Dinge im rechten Licht sehen, nur so können wir Seine Ordnungen lernen. Und am Ende eines entsprechenden Lebens werden wir von Herzen sagen können: «Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde».